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Das Räumkommando

Im Kampf um Marge und Umsatzanteile rationalisiert der Einzelhandel immer stärker. Nicht zuletzt auf Kosten seiner Beschäftigten. Und schafft sich damit neue Probleme.




"Sie singt und will nach oben, bis es so weit ist, verkauft sie bei H Hosen ..."
("Chartbreaker/Einmal Star und zurück", Massive Töne) Tim Eisch*, 20, Verkäufer Herrenkonfektion, Karstadt: "Meine älteren Kollegen fragen mich oft, warum ich ausgerechnet in den Einzelhandel gegangen bin. Ehrlich gesagt, kann ich kaum jemandem dazu raten. Unsere Arbeitszeiten machst du auf Dauer nicht mit, das ständige Stehen geht auf den Rücken. Und das Einkommen? Ich verdiene 1200 Euro netto, davon kann ich mir gerade mal eine Wohnung und ein altes Auto leisten. Vor gut einem Jahr habe ich meine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann abgeschlossen, seitdem arbeite ich als Verkäufer in der Herrenkonfektion. Das Verkaufen an sich ist super, aber die Arbeit wird immer eintöniger. Für mich ist der Job deshalb nur als Zwischenstation akzeptabel. Ich mache extern eine Weiterbildung zum Handelsfachwirt. Ich will Führungskraft werden, will etwas bewegen. Hier aber werden meine Spielräume immer enger. Das fängt bei der Warenpräsentation an. Bei der Markenware müssen wir uns an die Vorgaben der Hersteller halten, und ansonsten machen wir Visual Merchandising, da sind selbst die Farbverläufe und das Zusammenspiel mit den Dekorationen vorgeschrieben. Eigenständig neue Ware ordern darf ich nicht, und Rabatte darf ich nur einräumen, weil ich einen guten Chef habe. Immerhin haben wir hier keine Verkaufsvorgaben und müssen uns bei Kundengesprächen nicht an vorgegebene Dialogvarianten halten, aber das sind schon die einzigen Freiheiten, die ich besitze. All das macht die Arbeit nicht interessanter, aber es deckt sich mit den Inhalten meiner Ausbildung. Dabei müsste ich mich als Kaufmann auch im Zentraleinkauf auskennen und die Mitarbeiterabrechnung beherrschen, aber das kam in meiner Lehre gar nicht vor. Das hat mich gewundert, doch als Azubi machst du besser den Mund nicht auf. Die Arbeit teilt sich immer mehr auf. Entscheidungen fallen nur noch in der Zentrale, und auch auf der Fläche wird getrennt. Früher etwa haben die Verkäufer auch Ware in Empfang genommen und ausgepackt, heute macht das ein Warenserviceteam - zwei ehemalige Verkäuferinnen, allerdings zu einem geringeren Lohn im Lagertarif. Uns fehlt dadurch die Abwechslung, wenn keine Kunden auf der Etage sind, stehen wir herum wie die Leuchttürme. Und wenn es richtig brummt, fehlen uns zwei Mitarbeiter für den Verkauf. Das klingt alles ziemlich negativ, aber eigentlich haben wir es gut. Wir werden nach Tarif bezahlt, bei den Discountern bekommen die Leute oft nur acht Euro die Stunde. Wir haben dagegen nur Leute in Voll- oder Teilzeit, keine Minijobber. Ich selbst kann mich glücklich schätzen, denn ich habe eine unbefristete Vollzeitstelle. So etwas ist im Einzelhandel heute kaum noch zu finden." Erosion

Der Einzelhandel - Jobmotor oder Arbeitsplatzvernichter? Das kommt auf die Perspektive an. Die Branche verweist gern auf steigende Mitarbeiterzahlen - im Jahr 2004 zählte sie gut 2,6 Millionen Beschäftigte, 2012 mehr als drei Millionen. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit, denn die Arbeitsverhältnisse haben sich entscheidend geändert: Noch im Jahr 2000 waren mehr als 52 Prozent aller Arbeitnehmer der Branche in Vollzeit beschäftigt, zuletzt nur noch rund 40 Prozent. Gewachsen ist dagegen der Anteil der Teilzeitstellen, die zuletzt über ein Viertel aller Verträge ausmachten. Vor allem aber stieg die Zahl der Minijobs, deren Anteil sich auf rund ein Drittel erhöhte.

Für den Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) ist die Abkehr vom Vollzeitmodell die Folge der längeren Öffnungszeiten. Zudem würden immerhin 66 Prozent der Arbeitsstunden von Vollzeitkräften erbracht. Für die Gewerkschaften hingegen bedeutet diese Entwicklung Prekarisierung.

Fakt ist: Der Einzelhandel steht unter gewaltigem Druck - so stark, dass Hubert Thiermeyer, Leiter des Bereichs Handel bei Verdi in Bayern, von einem "Vernichtungswettbewerb" spricht. Discount schlägt Fachhandel, der Internethandel gewinnt an Macht. Trotzdem wuchs in den vergangenen zehn Jahren die Einzelhandelsfläche um rund zehn Millionen auf mehr als 122 Millionen Quadratmeter. Sie muss bewirtschaftet werden, bei weitgehend stagnierenden Umsätzen. "Das bedeutet", sagt Thiermeyer, "dass sich Einzelhandelskonzerne ihren Gewinn nicht mehr vom Kunden, sondern von Wettbewerbern und Lieferanten holen müssen. Und nicht zuletzt von ihren Mitarbeitern, etwa durch die Auflösung von Vollzeitarbeitsplätzen zugunsten von Minijobs."

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Dessen Wissenschaftler konstatierten jüngst, dass die Verdrängung regulärer Beschäftigung im Einzelhandel "über alle Betriebsgrößen hinweg stärker noch als im Gastgewerbe" sei. Laut dem IAB-Forscher Jens Stegmaier erlebe der Einzelhandel einen grundlegenden Rationalisierungsprozess: "Minijobs und andere atypische Beschäftigungsformen werden dabei auch als Kostensenkungsinstrument eingesetzt."

Für Arbeitnehmer bedeutet das herbe Einkommensverluste. Minijobber verdienen durchschnittlich 7,50 Euro brutto, in Nordrhein-Westfalen entspricht das rund der Hälfte dessen, was eine erfahrene Vollzeitkraft bekommt. Zudem bedeuten die Arbeitsverhältnisse vielfach eine Sackgasse. Nur 17 Prozent wechseln in einen Vollzeitjob, obwohl rund die Hälfte der geringfügig Beschäftigten gern mehr arbeiten würde.

Ruth Heidenreich*, 44, Verkäuferin Haushaltswaren, Real SB-Warenhaus: "Ich bin eigentlich Fotolaborantin, arbeite aber seit 1990 hier in der Haushaltswarenabteilung. Ich suchte damals etwas für den Übergang, und dann bin ich geblieben. Zuerst in Teilzeit, seit 2003 arbeite ich voll. Ich kenne meinen Laden. Die Arbeit hat sich beträchtlich geändert. Früher gab es den Abteilungsleiter, seinen Stellvertreter und viele Ameisen, jetzt aber übernehmen die Ameisen immer mehr Aufgaben. Das ist auch kein Wunder. Im Jahr 2006 waren wir in diesem Markt noch 220 Mitarbeiter, heute sind es auf derselben Fläche 139. Wir werden nach Tarif bezahlt, bei mir in der höchsten Stufe sind das 2248 Euro brutto, bekommen Urlaubs- und Weihnachtsgeld - das holt sich der Arbeitgeber aber anderswo wieder rein. Die Abläufe sind sehr viel straffer geworden. Die Warenannahme für Lebensmittel und Non-Food-Artikel etwa wurde zusammengelegt, dort arbeiten jetzt viel weniger Leute. Die Technik macht's möglich, elektronische Lieferscheine musst du nur noch scannen, und im Büro musst du auch nichts mehr eintippen. Für die Arbeit auf der Fläche nützt das natürlich wenig, da musst du jetzt mit weniger Leuten dieselbe Arbeit schaffen. Das ist allerdings kaum zu leisten, viel Beratung ist da nicht mehr drin. Denn wir haben genug zu tun. Wir räumen alles durch, sortieren die Ware, schaffen Ordnung im Lager, und ich bestelle auch eigenständig etwas nach, wenn der Teamleiter nicht da ist. Ich entscheide über Reklamationen oder erteile Reparaturaufträge, obwohl das eigentlich nicht zu meinen Kernaufgaben gehört. Wir müssen viel mehr mitdenken, das hat sich eindeutig verändert. Trotzdem, wir müssen eine Menge schaffen, und daran scheitern wir immer wieder. So müssten wir ständig die Waren neu einräumen, die Kunden irgendwo herausgerissen haben. Aber gerade im Lebensmittelbereich sind das mitunter fünf Einkaufswagen voll Ware, da geht alles kaputt, das hält kein Joghurtbecher aus. Da stapelt sich ein Haufen Zeug in den Ecken, das sieht der Kunde natürlich ... und wenn die Verkäufer das eilig wegräumen, sieht es so aus, als liefen sie vor den Leuten davon. Dabei sind wir vom Personal her noch gut aufgestellt. Rund 60 Prozent der Mitarbeiter hier haben eine Vollzeitstelle, hinzu kommen mehr als 30 Prozent Teilzeitler. Geringfügig Beschäftigte arbeiten bei uns vor allem an der Kasse, spätabends oder am Samstag. Meist sind das Schüler oder Studenten, und die werden sogar nach Tarif bezahlt. Aber Vollzeitstellen bekommt man bei uns auch nur noch befristet. Vollzeit, das ist eben nicht mehr normal im Einzelhandel. Auch bei uns werden Leiharbeiter beschäftigt, seit 2007 ersetzen sie fest angestellte Kassiererinnen, wenn die aus dem Unternehmen ausscheiden. Toll ist das nicht, denn diese Leute identifizieren sich nicht mit dem Unternehmen, schalten mental ab, das merkt man schon. Wobei das immer noch besser ist als die Konstruktion mit den 10 bis 20 Werknehmern, die abends in der Lebensmittelabteilung Ware einräumen. Früher machten das die Verkäuferinnen. Die Werknehmer kennen sich nicht aus, wir dürfen ihnen aber keine Anweisungen geben, und so landen die Sachen oft im falschen Regal. Deshalb sollen die nun auch durch Leiharbeiter ersetzt werden, denen kann man wenigstens erklären, was sie tun sollen. Fakt ist: Ohne diese Leute würden wir die Arbeit nicht schaffen. Wir rotieren ohnehin. Zwar versucht die Geschäftsführung immer wieder, unsere Arbeit in kleine Einheiten aufzuspalten, etwa indem sie einzelnen Leuten die Verantwortung für bestimmte Regale zuordnet, aber in der Praxis funktioniert das nicht. Denn wir müssen Werbung aufbauen, Etiketten schießen, da bleibt einfach nicht genug Zeit für die eigenen Regale." Taylorisierung

Minijobs, Leiharbeiter, Werknehmer - das sind Beschäftigungsverhältnisse, die auch in anderen Branchen mittlerweile zum Standard gehören. Für den Einzelhandel jedoch bedeuten sie eine Revolution, die ein ganzes Berufsbild radikal verändert. Warenwirtschaft, Beratung, Verkauf, Abrechnung - was vormals ein geschlossenes Ganzes bildete, teilt sich auf in immer mehr Einzelaufgaben. Damit kommt es zu immer mehr Spezialisierung, die der Einzelhandel in dieser Form lange nicht kannte und die erst möglich wurde durch den Boom von Discount und Selbstbedienung, durch hochtechnisierte Zahlungssysteme und IT-gestützte Logistik.

Der Verkäufer als Berater - selbst für Wilfried Malcher, Geschäftsführer beim HDE und zuständig für Bildung, geht "der Kern der Verkaufe zunehmend verloren". Gerade im filialisierten Lebensmittelhandel, der rund ein Viertel aller Mitarbeiter im Einzelhandel beschäftigt, geht es zunehmend da rum, Prozesse zu organisieren und Waren zu präsentieren. Eine Entwertung des Berufs sieht Malcher zwar nicht: "Schließlich bleibt der Umgang mit der Ware, und in einer Fabrik immer nur Autoscheiben einzubauen ist auch nicht gerade prickelnd." Allerdings gehe die Spezialisierung mittlerweile so weit, dass Fachhändler kaum einen ehemaligen Discountverkäufer einstellen könnten, weil ihm die Beratungskompetenz abhanden gekommen sei.

Verkäufer sprechen mit den Kunden, Minijobber machen die Kasse, Leiharbeiter arbeiten im Lager, Werknehmer räumen offiziell eigenständig die Regale ein - die traditionell gemischte Arbeit von Verkäufern und Einzelhandelskaufleuten wird zerlegt in immer kleinere Häppchen, erledigt von der dafür jeweils am billigsten verfügbaren Arbeitskraft.

Hubert Thiermeyer von Verdi nennt das eine "Dequalifizierung" der Verkaufsberufe, die Düsseldorfer Volkswirtin und Einzelhandels-Expertin Dorothea Voss nennt es "Neo-Taylorismus oder den Einzug industrieller Prinzipien in den Einzelhandel". Getrieben von der Aussicht auf Skaleneffekte, von Standardisierung und Technisierung werde Verkaufsarbeit immer weiter aufgespalten, um Tempo zu machen und Entgeltunterschiede der Tarifgruppen auszunutzen. Ein Trend, der sich auch innerhalb des eigentlichen Verkaufspersonals fortsetze. "Nur Kasse, nur Fleischtheke, nur Regal, vielleicht sogar nur Nudelregal - das hat zugenommen, auch durch den Einsatz externer Servicefirmen."

Wie etwa den 15 Werkvertrags-Dienstleistern mit rund 50000 Mitarbeitern, die sich im Arbeitgeberverband Instore und Logistik Services (ILS) zusammengeschlossen haben und ihren Beschäftigten ein Mindestentgelt zwischen 6,63 Euro (West) und 6,12 Euro (Ost) zahlen. Was noch deutlich unter dem Mindestlohn für Leiharbeiter liegt, der mit 8,19 Euro (West) und 7,50 Euro (Ost) auch nicht gerade üppig ausfällt.

Eine kleine Kernbelegschaft aus längerfristig gebundenen, qualifzierten Mitarbeitern und viele Leiharbeiter oder Minijobber, das scheint im Einzelhandel Standard zu werden. Was allerdings nicht heißt, dass weniger anspruchsvolle Arbeiten nur von Hilfsarbeitern erledigt werden. Vier von fünf Beschäftigten besitzen eine abgeschlossene Berufsausbildung - weit mehr als in anderen Branchen. "Und viele Minijobber haben sogar eine Einzelhandelsausbildung gemacht und im Beruf gearbeitet", sagt Dorothea Voss. Nur fänden sie eben keine andere Stelle. Im Januar diesen Jahres etwa waren 260000 Verkäufer arbeitslos gemeldet, bei 17900 angebotenen Jobs.

Für die Arbeitgeber ist das eine komfortable Situation. Sie können für Niedriglöhne erfahrene Arbeitnehmer einstellen, die zur Urlaubszeit mitunter sogar den Filialleiter vertreten. Mehr als ein Drittel aller Beschäftigten im Einzelhandel verdient weniger als 8,50 Euro in der Stunde, weniger als die Hälfte arbeitet in Betrieben mit Tarifbindung. Zudem steigen viele Quereinsteiger ein, was den Pool möglicher Arbeitskräfte noch einmal vergrößert - rund 40 Prozent aller Einzelhandelsbeschäftigten stammen aus anderen Berufen, 12 Prozent sind ungelernt.

Für qualifizierte Arbeitnehmer hingegen ist all das auf lange Sicht ganz offensichtlich wenig attraktiv - rund die Hälfte der gelernten Verkäufer und Einzelhandelskaufleute kehrt der Branche nach kurzer Zeit den Rücken.

Nadine Pick, 36, Geschäftsinhaberin, Spielbrett: "Ich könnte mich leicht als Redakteurin bei einem Spieleverlag anstellen lassen, und als Vollzeit-Kassiererin in einem Supermarkt würde ich mehr verdienen als jetzt mit meinem Laden. Aber hier in meinem Spielegeschäft mache ich, was ich wirklich liebe, das ist das Wichtigste. Und ich glaube an den inhabergeführten Einzelhandel - die Leute werden zurückkehren, davon bin ich fest überzeugt. Dieses Geschäft gibt es seit gut 30 Jahren, ich habe es 2005 nach meinem Archäologiestudium übernommen, nachdem ich hier viele Jahre als Studentin gejobt hatte. Seitdem mache ich alles selbst - bestellen, beraten, kassieren, staubsaugen, den Müll auf der Straße zusammenkehren. All das gehört dazu, und das soll auch so sein. Der Punkt ist einfach: Ich kann selbst entscheiden, was hier geschieht. Was verkauft wird, wie verkauft wird ..., und ich probiere alle Spiele selbst aus. Und wenn man dann einen Kunden glücklich macht - das ist doch das Schönste, was einer Einzelhändlerin passieren kann. Zumal, wenn man sich in einer so schwierigen Branche befindet wie ich. Spiele sind nicht preisgebunden, das Internet ist der Killer für Leute wie mich. Kein Wunder, dass es kaum noch stationäre Spielehändler gibt - rund 40 Prozent des Geschäftes läuft bereits übers Internet, und der Online-Anteil steigt weiter. Anfangs hatte ich die Illusion, das Geschäft ankurbeln zu können, aber das hat nicht geklappt. Warum ich weitermache? Ich glaube, es ist einfach Leidenschaft. Zudem habe ich mittlerweile wirklich Fachwissen, das gibt mir ein gutes Gefühl. Außerdem habe ich viele Stammkunden und spüre, wie sehr sich die Leute freuen, wenn man sich auch für fünf Euro Umsatz Mühe gibt. Davon zu leben ist natürlich schwierig, zumal ich als kleine Einzelhändlerin nur Nachteile habe. Muster von neuen Spielen muss ich kaufen, große Händler bekommen sie gratis. Ich kann kaum etwas abschreiben, meine Steuern erst ein Jahr später zahlen wie ein Großbetrieb darf ich nicht. Und Erleichterungen wie etwa Industriestrom gelten für mich nicht. Wie ich über die Runden komme? Durch viel Eigenleistung und mithilfe von Minijobbern. Ich habe schon immer eine 400-Euro-Kraft, zudem eine Studentin und einen Vater in Elternzeit. Beide arbeiten jeweils einige Stunden die Woche bei mir, nur so ist es möglich, dass immer jemand im Laden steht. Natürlich kenne ich die Kritik an den Minijobs im Einzelhandel, aber eines ist völlig klar: Selbst wenn ich wollte, könnte ich keine Vollzeitstellen anbieten, das kann ich mir schlicht nicht leisten. Gäbe es keine Minijobs, müsste ich allein arbeiten, wie sollte das gehen? Oder ich müsste Leute schwarzarbeiten lassen. Ob man das nun verurteilt oder nicht, es ist einfach so. Und so wie mir geht es all den kleinen Geschäften in meiner Straße, den Modeboutiquen und den anderen, sie überleben alle nur aufgrund der Minijobs. Natürlich könnte man sagen, dann haben solche Geschäfte keine Daseinsberechtigung. Aber mein Laden ernährt mich, und meine Minijobber nehmen niemandem Arbeit weg, denn hier gab es noch nie Vollzeitstellen. Und bei mir arbeiten Leute, die auf das Geld nicht existenziell angewiesen sind. Es sind fachfremde, aber begeisterte Leute, die gern kommen, weil ich sie nicht mit stupider Arbeit abspeise. Wir machen alles gemeinsam, meine 400-Euro-Frau hat sogar eine Kontovollmacht." Frust

Dass die Rationalisierung im Einzelhandel zulasten der Beschäftigten geht, hat angesichts der geringen Verbleibquote von rund 50 Prozent mittlerweile auch die Branche erkannt. "Wir verlieren zu viele Leute", sagt Wilfried Malcher vom HDE, "das wird durchaus diskutiert." Es müsse sich dringend etwas tun bei Arbeitszeiten, Kinderbetreuung, Weiterbildung und Arbeitsorganisation. "Aber Personalstrategien zu ändern ist organisatorisch schwierig", ergänzt er, "und es erfordert ein Umdenken. Das ist nicht gerade eine leichte Aufgabe."

Der Einzelhandel als attraktiver Arbeitgeber? An langen Arbeitszeiten und eher niedrigen Tarifgehältern wird die Branche nicht maßgeblich etwas ändern können. Vielleicht sollte sie bei der Führungskultur ansetzen. Nötig wär's. Laut der Studie Arbeitgeber Handel - Fit for Future?! des Kölner Instituts für Handelsforschung aus dem vergangenen Jahr, schätzen Handelsmitarbeiter die Kompetenzen ihrer Vorgesetzten deutlich geringer ein als Mitarbeiter anderer Branchen. Sie beklagen fehlende Handlungsspielräume, zu viel Kontrolle, zu wenig Vertrauen und Verantwortung; sowohl in den Läden als auch in den Unternehmenszentralen. Es sind gemeinhin diese Kriterien, die Nachteile wie etwa ein geringes Gehalt ausgleichen können. Warum schwächelt die Branche gerade hier?

Für Christian Scholz, Professor für Personalmanagement an der Universität des Saarlandes, ist die verstörende Führungskultur eine Folge der erodierten Beschäftigungsverhältnisse im Einzelhandel. "Vollzeitler, Teilzeitler, Minijobber, Werknehmer, all das findet sich dort an einem Fleck und führt zu einer für Führungskräfte kaum zu bewältigenden Heterogenität. Es gibt keine klaren Weisungsbefugnisse, verschiedene Vergütungen für mitunter dieselbe Arbeit, all das führt zu einer gefühlten Ungerechtigkeit bei den Beschäftigten. Wie soll ich in derart chaotischen Belegschaften Partnerschaft und Identifikation schaffen?"

Aus diesem Dilemma folgt für Scholz ein autoritärer Führungsstil. Vertrauen, Verantwortung - "angesichts des Durcheinanders beim Personal wollen viele Führungskräfte das gar nicht mehr schaffen und konzentrieren sich auf Sachaufgaben. Sind die Regale voll oder nicht? Solche Fragen werden zum Steuerungsinstrument. Das Unternehmen wird zum Uhrwerk, Mitarbeiter werden zum Teil des Workflows - Kasse und Kassiererin, das wird alles gleich betrachtet. Und so werden die Leute auch behandelt. Im mechanistischen Weltbild gilt der Mensch als faul und kontrollbedürftig, unterliegt Anweisungen und Strafen. Kein Wunder, dass die Leute frustriert sind." Und eine Umkehr werde immer schwieriger, sagt Scholz. "Die Erosionsprozesse sind schon so weit fortgeschritten. Viele machen einfach so weiter, was die Probleme natürlich verstärkt. Da man aber nicht weiß, wohin, rennt man weiter in dieselbe Richtung."

So schaffen sich von Margendruck und Verdrängungskampf gebeutelte Unternehmen zusätzliche Probleme, auch beim Nachwuchs. Die Unsitte, Auszubildende als billige Arbeitskräfte zu missbrauchen, ist in Teilen des Einzelhandels stark verbreitet - personalintensive Möbeleinzelhändler etwa erreichen Ausbildungsquoten von bis zu 25 Prozent. Ausbildung über Bedarf und eine entsprechend unverbindliche Übernahmepraxis gehören in der Branche zum Spiel. Im Jahr 2011 wurden im Schnitt nur 63 Prozent der ausgelernten Azubis von ihren Betrieben weiterbeschäftigt, oft lediglich befristet und in Teilzeit.

Das hat Folgen, auch wenn der Handel bei Umfragen zum Image von Berufen unter Schülern im oberen Mittelfeld landet und bei Einzelhandelskaufleuten und Verkäufern seit Jahren der meiste Nachwuchs ausgebildet wird. Denn: Rund ein Viertel aller Auszubildenden in diesen Berufen bricht die Lehre vorzeitig ab. So kommt es, dass die Branche nun unter Nachwuchsmangel leidet. Im Jahr 2011 konnten erstmals nicht alle Ausbildungsstellen besetzt werden. Aktuell sind rund 15000 Plätze frei.

Ursula Fuck, 59, Verkäuferin, Rasierer-Service Janßen: "Manchmal habe ich das Gefühl, ich arbeite hier wie auf einer Insel, ich bin glücklich. Ich kenne mich aus mit dem, was ich tue, habe Freiheiten. Im Fachhandel läuft die Sache doch noch anders als bei den großen Ketten. Ich wollte immer Kontakt zu den Leuten, ein großes Warenhaus wäre nichts für mich. Wir verkaufen Elektrorasierer und Stahlwaren, zum Beispiel Scheren und Messer. Mit fünf Angestellten ist das eine übersichtliche Sache, und mir ist das ganz recht, denn ich habe enormen Spielraum. Dekoration, Rabatte, Umtäusche, Bestellungen: All das ist meine Sache, und wenn ich jemandem ein kleines Präsent mitgeben möchte, bestimme ich selbst darüber. Ich darf alles machen, was dem Geschäft nicht schadet, und was das ist, entscheide ich. Ich bin schließlich schon seit 20 Jahren hier und weiß, worauf es ankommt. Vorgaben für Verkauf oder Gesprächsführung, so etwas brauchen wir hier nicht. Verkauf mit der Brechstange ist nicht mein Ding, und das wird auch nicht verlangt. Es kommt doch ohnehin viel mehr darauf an, dass man einem Kunden fachgerecht und schnell mal ein Scherblatt auswechselt oder einen neuen Akku einbaut. Was die Arbeit ja auch für mich interessanter macht. Dass man dem Verkaufspersonal etwas zutraut, ist nichts anderes als Wertschätzung. Und die ist enorm wichtig, denn reich wird man in diesem Beruf nicht, und wenn mal wieder Kunden kommen und mit Internet-Preisen Druck machen wollen, frustriert mich das schon. Wir beraten, bieten kostenlose Inspektionen an, schade, dass das nicht immer geachtet wird. Natürlich spüren wir den Druck der großen Märkte und Internethändler. Umso wichtiger ist es, dass hier Fachleute am Werk sind. Vollzeitstellen seien nicht mehr drin, hört man ja überall. Das glaube ich nicht. Mein Chef hat erst vor Kurzem zwei erfahrene Vollzeit-Verkäufer eingestellt, und ganz offensichtlich rechnet sich das. Unsere zwei Minijobber sind Studenten, die die Post wegbringen oder uns am Samstag zur Hand gehen, wobei die Verkäufer über ihren Einsatz entscheiden - auch deshalb sind sie für uns eine Unterstützung und keine Bedrohung." Zukunft

Normierung, Führungsschwächen, Nachwuchsmangel, "die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Branche in puncto Arbeitsplatzkultur lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht eindeutig beantworten". Das Fazit der Arbeitgeber-Studie des Instituts für Handelsforschung (IFH) fällt für die Branche nicht gerade berauschend aus. Dass es Optimierungsbedarf gibt, steht für IFH-Forschungschefin Bettina Seul außer Frage. "Der demografische und gesellschaftliche Wandel verschärft den Kampf um die besten Mitarbeiter weiter. Mitarbeiter sind Kapital. Wer das nicht sieht, wird scheitern. Und einfach eine Liste mit Werten an die Wand zu pinnen, das reicht nicht."

In der Realität tut sich die Branche jedoch offensichtlich schwer mit der notwendigen Veränderung. Obwohl gerade in kleinen Unternehmen die Mitarbeiter entscheidend dazu beitragen können, sich von der Konkurrenz abzuheben, sind es eher die großen Unternehmen, die sich bewegen - und sich dabei mitunter in Widersprüchen verheddern. Wie etwa Edeka. Einerseits rekrutiert das Unternehmen bewusst auch Auszubildende mit schlechten Schulzeugnissen und hilft ihnen durch die Lehre. Andererseits gliedert es aber zugleich eigene Regiebetriebe an selbstständige Kaufleute aus, weshalb nach einem Jahr die Tarifbindung wegfallen kann. Oder Rewe. Einerseits bescheinigen selbst Gewerkschafter dem Unternehmen eine gute Ausbildung, andererseits unterlaufen Rewe-Märkte mit dem Einsatz von Werknehmern sogar die niedrigen Löhne von Leiharbeitern.

Für die Düsseldorfer Einzelhandels-Expertin Dorothea Voss stehen die Chancen jedoch nicht schlecht, dass sich die Verhältnisse verbessern. "Schlichtweg aufgrund des Marktdrucks - der Handel sucht Leute, die Unternehmen werden umdenken." Auch weil in naher Zukunft viele Führungspositionen neu besetzt werden müssen, wenn die alte Riege in Ruhestand geht. Der Handel rekrutiert sich dabei traditionell aus den eigenen Reihen. Rund 80 Prozent aller Führungskräfte im Einzelhandel hat die Karriere in der Branche als Lehrling begonnen. Es sind vor allem Haupt- und Realschüler, deren Zahl aufgrund der allgemeinen Akademisierung in Zukunft besonders stark sinken wird.

Mitarbeiter sind Kapital? Bislang schlägt der Einzelhandel daraus wenig Zins. Christian Scholz von der Universität des Saarlandes hat für die in der Branche, die das nicht wahrhaben wollen, ein abschreckendes Beispiel aus ihren eigenen Reihen parat: "Schlecker hat so auch nicht überlebt." -

*Namen von der Redaktion geändert