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Suchen und nicht finden

Das Internet bringt das Wissen der Welt zu uns auf den Bildschirm. So das Versprechen. Derweil ertrinken wir in Informationen. Eine Suche an den Grenzen der Aufnahmefähigkeit.




I. Informationsreichtum

Eines muss Tobias Arns den Gegnern wirklich lassen: "Die verstehen es hervorragend, mit Metaphern und negativ besetzten Begriffen den öffentlichen Diskurs über digitale Medien in ihre Richtung zu lenken." Arns meint bildliche Bezeichnungen wie "Datenflut" oder "Informations-Tsunami". Zu den Gegnern zählt er zum Beispiel Manfred Spitzer, den Hirnforscher mit Hang zur zugespitzten Interpretation von Forschungsergebnissen. Ein besonders perfides sprachliches Bild sei der von Spitzer geprägte Kampfbegriff der "digitalen Demenz", die unseren Kindern akut drohe, weil sie permanent von "Datenströmen mitgerissen werden".

Tobias Arns, ein Mittdreißiger mit dunkler Brille und Kreativwirtschaftsbart, kann mit Daten und mit Worten umgehen. Nach seinem Abschluss als Fachinformatiker hat er Kommunikationswissenschaft und Germanistik studiert. In seinem Profil beim beruflichen Netz Xing steht unter "Ich biete": All Things Digital.

"Information Overload", also jenen semantischen Volltreffer des US-amerikanischen Futurologen Alvin Toffler, übersetzt Arns nicht wie Wikipedia mit "Informationsüberflutung", sondern mit "Informationsreichtum". Diesen Reichtum empfinde er "ohne Einschränkung und im Wortsinn als Bereicherung". Er fordert: "Wir müssen die Frage endlich umdrehen: Was verpassen wir, wenn wir die neue Vielfalt an Informationen nicht mit Begeisterung nutzen?" Nun gehört es allerdings zum Job von Arns, das Hohelied der digitalen Revolution zu singen: Er ist Bereichsleiter Social Media und Mobile der Lobby-Truppe der deutschen IT-Wirtschaft, dem Branchenverband IT und Kommunikation Bitkom.

Die zweite Strophe des digitalen Hohelieds lautet in etwa so: Wir müssen nur lernen, unsere Informationsfilter richtig einzustellen. Wir müssen lernen, der digitalen Riesenmaschine die richtigen Fragen zu stellen. Dann werden wir Teil eines Informationssystems mit unbegrenzten Möglichkeiten. Der Internet-Theoretiker Clay Shirky hat dies in der Formel zusammengefasst: "It's not information overload. It's filter failure." Auf gut Deutsch: Wer sich von Informationen überwältigt fühlt, ist nur zu doof, die technischen Werkzeuge einzusetzen, mit denen die Kundigen die Schätze aus den Datenmassen heben.

II. Datenparalyse

Carl Frech hat eine etwas andere Sicht auf die digitale Welt, obwohl er seine Filter vermutlich gut eingestellt hat. Seit mehr als 20 Jahren befasst sich der Kommunikationsdesigner mit der Frage: Wie spielen wir den Nutzern Informationen verständlich zu? Frech war lange Jahre bei der Agentur Meta-Design als Vorstand unter anderem für Software-Entwicklung, Interface-Design, Online-Strategie und mobile Technologien verantwortlich. Heute ist er als Berater tätig und lehrt zudem an verschiedenen Hochschulen. Frech hat eine sehr klare Meinung zu Shirkys Aussage: "Überforderung durch das explodierende Informationsangebot als mangelnde Kompetenz vorwiegend älterer Menschen im Umgang mit neuen Medien abzutun ist dumm und arrogant."

Bei seinen Studenten, die als erste Generation mit dem Internet aufgewachsen sind, beobachtet der Professor für Informationsdesign einen interessanten Widerspruch. "Auf der einen Seite inszenieren sie sich als Virtuosen sozialer Medien. Auf der anderen Seite trauen sie sich kaum noch zu, einen eigenen Gedanken zu fassen. Denn sie klicken sich durchs Netz von Quelle zu Quelle und denken: Es ist doch schon alles gedacht und aufgeschrieben worden. Was soll ich da noch beitragen?" Dann, so Frech, verwendeten sie "Kopieren" und "Einfügen".

Das Problem ist also auch für die Generation der in die digitale Welt Hineingeborenen deutlich größer, als man denken könnte. Frech diagnostiziert bei seinen Studenten "eine vorgelagerte Depression in der digitalen Perma-Aktivität". Soll heißen: Zu viel Facebook macht nicht nur unglücklich, weil die Mitteilungen der "Freunde" einem die eigene Unvollständigkeit vor Augen führen, wie Soziologen der Universität Utah kürzlich in einer umfassenden Studie belegt haben. Auch die unendlichen Recherchemöglichkeiten machen dem Suchenden zu schaffen: Die Verweissysteme zu immer mehr Informationen, die mit der Informationsmenge mitwachsende Schwierigkeit, Wichtiges von Unwichtigem, Relevantes von Irrelevantem zu unterscheiden, lähmen. Aus Datenanalyse wird Datenparalyse. Die Folge nennt Frech "Verwerter-Mentalität". Im Informationsüberangebot kratzen wir, ob jung oder alt, scheinbar Relevantes schnell zusammen. "Dabei bleibt der Sinn für Qualität oft auf der Strecke."

Unter dem Strich heißt das: Die Datenüberflutung trifft den modernen Menschen doppelt.
• Erstens prasseln Informationen in immer größerer Menge und in immer kürzeren Zeitabständen auf uns ein durch E-Mails, Feeds in sozialen Medien, Mitteilungen im Chat, Eilmeldungen auf Nachrichtenseiten oder Statusmeldungen in beruflichen Netzen. Diese Welle nennen Fachleute "Push-Kommunikation".
• Zweitens brauchen wir immer mehr Zeit und Kompetenz, die für uns relevanten Informationen zu finden. Wenn wir sie denn im "Pull-Modus" aktiv suchen.

Das Gemeine an diesen beiden Informationswellen ist: Sie brechen gleichzeitig über uns herein. Um nicht in ihnen unterzugehen, brauchen wir zwei unterschiedliche Rettungsinseln. Für die Push-Kommunikation sind dies Filter und die Fähigkeit, sich im richtigen Moment aus der Kommunikation auszuklinken, ohne dabei wirklich Wesentliches zu verpassen. Für den Pull-Modus ist es Suchkompetenz, verbunden mit intelligenteren Suchsystemen.

III. Aufmerksamkeitsmanagement

"Ein Drittel der Leute sagt: Data-Overload gibt es gar nicht. Zwei Drittel sagen: Die Informationswelt bricht gerade über mir zusammen. Beides hilft nicht weiter", analysiert Craig Roth, Experte für Kommunikation und digitale Kollaboration bei der US-amerikanischen IT-Beratung Gartner. "Wir müssen die Kontrolle über unsere Kommunikation zurückgewinnen. Das geht nur über besseres Attention Management", so sein Rat.

Aufmerksamkeit ist ein endliches Gut. Digitale Kommunikationssysteme, vom E-Mail-Programm bis zum sozialen Netz, sind aber so programmiert, dass sie so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich ziehen. Der menschliche Absender verhält sich im digitalen Raum genauso. Er nutzt die Möglichkeit zum bequemen, schnellen und (nahezu) kostenlosen Versand seiner Botschaften ohne Rücksicht auf Verluste beim Empfänger. Die Voreinstellung von Mensch und Maschine im digitalen Raum steht auf Senden, und zwar so viel wie möglich.

Nun könnte der Empfänger die Botschaften ignorieren. Im Privatleben, so Roth, machen wir von dieser Möglichkeit auch zunehmend Gebrauch. Wir erleiden ja auch keinen materiellen Schaden, wenn wir ein paar Tage nicht bei Facebook reinschauen. Bei der Arbeit ist es hingegen nicht so leicht möglich, sich vom Informationsfluss abzukoppeln – schon gar nicht in hierarchischen Strukturen. Dort beginnt nach Roths Einschätzung das eigentliche Problem: "Die Zahl der E-Mails steigt. Die Erwartung, dass der Empfänger sie auch liest, bleibt gleich hoch. Die Grenzen der Aufnahmefähigkeit sind aber längst erreicht."

Gutes Management müsse zunächst erkennen, "dass wir es mit einem Problem sowohl kultureller als auch technischer Natur zu tun haben". Dass es sich bei Datenüberflutung also nicht um eine Naturkatastrophe handelt, gegen die es keinen Schutz gibt. Sondern dass es in Unternehmen zu den Aufgaben von Vorstandsvorsitzenden und IT-Verantwortlichen gehört, Kommunikation und Technik so zu verändern, dass Mitarbeiter nicht in Informationen ertrinken.

Dazu gehören verbindliche Regeln zu ausreichend langen Reaktionszeiten, sparsamer Umgang mit cc-Mails oder einheitliche Markierung und Ablage der wirklich wichtigen Inhalte. Auf der technischen Ebene sieht Craig Roth allerdings die größeren Hebel. Dazu zählen wiederum der Einsatz von zeitgemäßer Software, zum Beispiel zum gemeinsamen Arbeiten an Texten oder bei der Terminabstimmung und intelligente Löschverfahren. Letztere entfernen überholte Daten automatisch und sorgen damit dafür, dass "der digitale Heuhaufen nicht ins Unermessliche wächst".

Auch sogenannte Social Software, die die Logik sozialer Netze wie Facebook auf Unternehmen überträgt, kann Kommunikation effizienter machen. Das überrascht zunächst, denn unternehmensinterne soziale Netze wie Jive oder Yammer schaffen zunächst ja einen neuen Kanal mit einem neuen Informationsstrom, den Mitarbeiter dann zusätzlich im Auge behalten müssen. Der Effizienzgewinn liegt nach Einschätzung von Roth darin, dass die Absender gar nicht mehr erwarten, dass alle Empfänger alles lesen. "Das System ist darauf angelegt, dass die wirklich wichtigen Dinge von anderen aufgenommen, diskutiert, weitergepostet werden." Im Klartext: Wenn der Datenstrom unüberschaubar ist, schaffen wir wenigstens eine Umgebung, in der sich die unwichtigen Botschaften versenden und die wichtigen sich die Aufmerksamkeit nach dem Prinzip der Wiedervorlage erkämpfen.

Das Problem einer zielgenaueren Suche in den exponentiell wachsenden Informationsmengen löst man damit nicht. Gute Filter, menschliche oder maschinelle oder die Kombination aus beiden, können unnütze Informationen von uns fernhalten. Sie helfen uns allerdings nicht dabei, das Wesentliche zu finden.

IV. Wissens-Machtdemonstration

Wir fliegen auf die Skyline von San Francisco zu. Das Hochhaus kommt immer näher. Stefan Keuchel, der Pressesprecher von Google-Deutschland, tippt den Steuerknopf nach links, und wir fliegen durch eine Häuserschlucht Richtung Golden-Gate-Brücke. So sieht es zumindest aus, auf den mannshohen Panoramabildschirmen, die uns im Foyer der Deutschland-Zentrale von Google umgeben. Er sagt: "Die Hochhäuser sind halb real, halb animiert. Das ist unsere Weiterentwicklung von Google Earth."

In der Kantine dann möchte Keuchel über das, was er die "Zukunft der Suche" nennt, sprechen und gibt so der Frage nach der Datenüberflutung einen anderen Rahmen. Das Gespräch beginnt er mit einem Satz, den ein Pressesprecher von Daimler oder Siemens oder Beiersdorf wohl nie sagen würde: "Wir finden nicht, dass unser Produkt heute gut ist." Bescheiden klingt das trotzdem nicht. Er fährt fort: "Die perfekte Suchmaschine weiß genau, was du meinst, wenn du eine Frage stellst. Und sie liefert eine umfassend befriedigende, für dich relevante Antwort."

Seinen Durchbruch verdankt das Unternehmen einer so einfachen wie brillanten Idee, die einer der beiden Gründer, Larry Page, als Student hatte. Google zählte bei Suchanfragen nicht nur die Zahl relevanter Worte – im Fachjargon syntaktische Suche genannt. Der patentierte Algorithmus "Page Rank" zählt und gewichtet die Links, die auf eine Website verweisen – und führt somit zu relevanteren Suchergebnissen. So weit, so bekannt, und zwar aus den ellenlangen Suchtrefferlisten mit blau markierten Verweisen, die uns Google bei jeder Suche anzeigt und denen wir dann brav folgen, bevor wir finden, was wir suchen, oder auf Dinge stoßen, von denen wir nicht ahnten, dass sie existieren, die aber dennoch relevant sind. Oder eben nichts finden und frustriert aufgeben, weil der Angebotsfülle keine relevante Antwort entnehmbar zu sein scheint und uns das Gefühl beschleicht: Wir sind zu dumm zum Suchen.

Stefan Keuchel nimmt sein Handy in die Hand und demonstriert, was die Technik heute schon kann. "Wie hoch ist der Kölner Dom?", fragt er. Das Handy antwortet: "157 Meter." Keuchel sagt zur Taschenmaschine: "Zeige mir Bilder des Berliner Fernsehturms bei Sonnenuntergang." Auf dem Display erscheinen Dutzende Fotos, die das Herz der Berliner Stadtwerber höher schlagen ließen. Keuchel klappt einen Laptop auf und googelt nach einem ungelösten Sudoku-Rätsel. Er findet eines auf der Seite von "Zeit Online". Er fotografiert das Rätsel mit dem Handy, tippt mit dem rechten Zeigefinger auf "Lösen", und in den vormals leeren Sudoku-Feldern erscheinen umgehend die – vermutlich korrekten – Lösungsziffern. Der Google-Sprecher lächelt zurückhaltend. Die Wissens-Machtdemonstration geht weiter.

Auf dem Laptop ruft er die Website von brand eins auf. Er klickt irgendwo, und die gesamte Seite inklusive aller Unterseiten ist auf Arabisch übersetzt. Die Übersetzung sei sicher noch nicht perfekt, aber jeder arabische Leser werde den Sinn im Großen und Ganzen erfassen können. Keuchel lächelt weiter, diesmal ein bisschen selbstironisch, und sagt: "Jetzt kommt mal eine Dicke-Hose-Ansage: Google hat das Problem der Vielsprachigkeit der Welt gelöst." Er spricht wieder mit seinem Handy: "Wo ist der nächste Bahnhof?" Das Handy sagt mit britischer Frauenstimme: "Where is the next train station?" Keuchel sagt: "Over there, around the corner." Diesmal antwortet das Gerät mit deutscher Frauenstimme: "Dort drüben, um die Ecke." Auf Chinesisch funktioniere das auch. Das könnten wir beide allerdings leider nicht überprüfen.

All dies soll künftig ein digitaler Alltags-Allround-Assistent können. Expertentum in der Beantwortung alltäglicher Fragen, wenn man so will. Das scheint zumindest die aktuelle Vision von Google zu sein. Ein weiteres Gegenwartsprodukt dazu ist eine App mit Namen Google Now. Sie gibt dem in der Nähe des Hamburger Hafens lebenden, vielreisenden HSV-Fan und Liebhaber der Band The Prodigy Stefan Keuchel Antworten auf Fragen, die er gar nicht gestellt hat. Zum Beispiel, dass es Zeit sei, online für den Flug nach Brüssel einzuchecken beziehungsweise sich früher auf den Weg zu machen, weil gerade Stau Richtung Flughafen sei. Die App ist mit Keuchels Online-Kalender verbunden. Informationen zum Flug holt sie aus dem verbundenen Buchungssystem, die Stauinformationen von Verkehrsinfo-Seiten. Die App zeigt die voraussichtliche Mannschaftsaufstellung des HSV beim kommenden Heimspiel an und informiert darüber, wann The Prodigy das nächste Mal in der Nähe spielen und wie viel die Karten kosten.

Den Höhepunkt der Suche nach der Zukunft der Suche kann der Google-Sprecher leider nur per Video demonstrieren. Es gibt in der Deutschland-Zentrale noch keine "Google Glasses". Das sind interaktive Datenbrillen, mit denen Nutzer durch die reale Welt spazieren. Sie können der Brille mündlich Fragen stellen. Im Sichtfeld erscheint dann die Antwort, mit Suchalgorithmen errechnet in einer datenerfassten Welt. Im Werbefilm sieht das so aus: Der Suchende steht morgens auf, schaut aus dem Fenster. Die Brille zeigt ihm die aktuelle Temperatur und die Vorhersage für den Tag an. Sie sagt ihm am Eingang der U-Bahn, dass der Zug heute nicht fährt, und am Eingang des Buchladens, wo er Bücher über Musikgeschichte findet. Stefan Keuchel fasst zusammen: "Gute Suche erkennt den Kontext, in dem der Nutzer Informationen braucht. Und es ist unsere Aufgabe, die Informationen so auszuspielen, dass sich der Suchende nicht überfordert fühlt."

In einem Interview im Jahr 2004 versuchten die beiden Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin die Zukunft der Suche einmal zu Ende zu denken. Damals kamen sie zu dem Ergebnis, dass Rechnerintelligenz irgendwann direkt in den Kopf des Menschen wandern wird, vermutlich mithilfe eines eingepflanzten Chips. Der Mensch müsse eine Frage nur denken, die Maschine speise dann die Antwort direkt ins Gehirn. Die ethischen Fragen dachten die jungen Gründer in diesem Interview nicht zu Ende. Sie schwelgten lieber in Allmachtsfantasien. Auf denen ließ sich ein Weltkonzern bis dato ungekannter Art aufbauen. Die Google-Brille, sollte sie demnächst so gut wie im Werbevideo funktionieren, wäre die Alltagsversion der allwissenden Mensch-Maschine.

V. Daten, Worte, Sinn

Der Suchende der Gegenwart trägt keine Datenbrille. Er möchte schneller zu relevanteren Antworten kommen, wenn er im Netz nach Informationen sucht. Als technische Lösung für dieses Problem geistert seit rund zehn Jahren die Vision vom "semantischen Netz" durch die Informatikwelt. Der Erfinder des World Wide Web, der Brite Tim Berners-Lee, hat es zu seiner zweiten Lebensmission gemacht.

Semantisches Netz bedeutet, dass dank intelligenter Notizen auf einer zweiten Ebene (sogenannter Metadaten) die Inhalte von Websites für Maschinen interpretierbar werden. Eine semantische Suchmaschine könnte entsprechend auf eine halbwegs komplexe Frage eine konkrete Antwort liefern. Sie könnte also nicht nur sagen, wie hoch der Kölner Dom ist oder wann Angela Merkel geheiratet hat. Sie würde auf die Frage "Was ist das semantische Netz?" automatisiert eine schlüssige, prägnante und allgemein verständliche Antwort liefern. Und dabei idealerweise das Vorwissen des Suchenden berücksichtigen. Diese Maschine ist bis dato nicht in Sicht.

Wie weit die semantische Suche in deutscher Sprache ist, lässt sich in einem Gebäude mit dem Grundriss eines Hockeyschlägers besichtigen. Es gehört zum Hasso-Plattner-Institut für Software-Systemtechnik in Potsdam, HPI. Im futuristischen Treppenhaus im Foyer weisen Sinnsprüche historischer Großdenker dem Nachwuchs den Weg zur Erkenntnis. In der obersten Etage ist zu lesen: "Irrend lernt man. J. W. von Goethe". Zwei Stockwerke darunter zeigen die wissenschaftlichen Mitarbeiter des mit Bundesmitteln geförderten Projekts Mediaglobe, was ihre Maschine kann.

Auf einem Server irgendwo in der Datenwolke haben die HPI-Mitarbeiter 10.000 Stunden DDR-Dokumentarfilme aus dem Defa-Archiv abgelegt. Eine intelligente Software hat per Spracherkennung die Tonspur analysiert und wichtige Schlagworte notiert – mit der dazugehörenden Zeitangabe im Film. Auch die im Bild zu sehenden Schriftzeichen, zum Beispiel Namensangaben unter Interviewpartnern, wurden automatisch erfasst. Alle neuen Daten wurden mit den bereits vorhandenen aus Schlagwortkatalogen verbunden. Im Ergebnis bedeutet das: Wer bei Mediaglobe die Suchworte "Erich Honecker" und "Bruderstaaten" eingibt, muss nicht mehr einen Videokassettenstapel im Schnelldurchgang sichten, um den richtigen Film über den ehemaligen Staatschef der DDR zu finden. Er erhält stattdessen eine Liste mit exakten Minutenangaben. Im Bildschirmfenster nebenan findet er eine Niederschrift der Tonspur. Sollte die Sequenz relevant sein, kann er sie natürlich direkt per Klick starten.

Christoph Meinel, der Leiter des HPI, ist ein weltweit gefragter Experte für semantische Suche. Ein Gespräch mit ihm ruft in Erinnerung: Datenüberflutung muss kein digitales Phänomen sein. Fachbegriffe gehen in komplexen Satzgebilden auf. Das Sprechtempo steigert sich parallel zur Begeisterung für einen bestimmten Unteraspekt. Das Wesentliche im Wortwust zu entdecken und dabei das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren ist die Aufgabe des Zuhörers. Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen fällt nicht leicht, da alles irgendwie wesentlich erscheint.

Ein grob gefiltertes Exzerpt aus zwei Stunden Gespräch mit dem Mathematiker und Informatiker Meinel zu Datenüberflutung sieht in etwa so aus:

1. Das Grundproblem ist nicht neu. Auch ein ptolemäischer Gelehrter fühlte sich 250 v.Chr. von der Informationsfülle der Bibliothek von Alexandria erschlagen.

2. Dennoch hat sich die Welt durch die Explosion der Informationsmenge verändert. Die Beschleunigung von Information und Kommunikation durch die Digitalisierung hat keinen historischen Vorläufer. Wir haben also auch keine historische Blaupause, wie wir mit einem der vielen Aspekte dieses Phänomens, der Datenüberflutung, umgehen können.

3. Aus heutiger Sicht wird es keine technische Wunderwaffe, keinen Superalgorithmus, keine Supersuchmaschine geben, die uns alle Antworten auf alle Fragen in Häppchen in gewünschter Größe reicht.

4. Die Summe der Werkzeuge bringt die Näherungslösung. Das kann eine semantische Filmsequenzsuche sein, wie bei Mediaglobe. Oder bei Vortragsvideos eine zusätzliche Leiste, auf der die Folien des Redners ein geblendet (und natürlich auch semantisch ausgewertet) werden. Es kann eine Applikation sein, mit der Ärzte am Krankenbett nachschauen können, welche Therapie bei diesem Krankheitsbild mit welcher Wahrscheinlichkeit hilft – und die dafür in Windeseile medizinische Datenbanken durchsucht. Oder eine Soziale-Netz-Komponente in einer digitalen Lernumgebung für Schüler.

5. Im Bündel und situativ intelligent eingesetzt, organisieren diese Werkzeuge das Wissen der Welt neu.

Am Ende des Gesprächs kommt Meinel zurück auf die historisch einzigartige Beschleunigung von Informationen und Kommunikation. Er sagt: "Wir brauchen doch nicht zu glauben, dass wir diesen Wandel in einer Generation in den Griff bekommen. Die Unsicherheit im Umgang mit Daten wird uns noch eine Weile begleiten."

Wenn wir Menschen der Datenüberflutung selbst nicht gewachsen sind, werden wir dann immer intelligentere Maschinen bauen, deren Aufmerksamkeit dank Speicherkapazität und Rechengeschwindigkeit keine Grenzen kennt? Die müssen ja nicht gleich mit Chip im Hirn verbunden sein, wie die Google-Gründer Page und Brin es voraussagten. Der Quizcomputer "Watson" von IBM öffnet einen Türspalt in die digitale Suche-und-finde-Welt von morgen. Er versteht den Sinn der komplexen Fragen des Quizmasters der US-Show "Jeopardy" zu Alltag und dem Lauf der Dinge. Und er beantwortet sie auf der Datenbasis von ein paar eingefütterten Zeitungsjahrgängen und Wikipedia schneller und genauer als jedes menschliche Superhirn.

Ist die Frage der Datenüberflutung, wie der superschlaue Watson zeigt, nicht eine, die im Kern auf das Verhältnis von Mensch und Maschine zielt?
Christoph Meinel muss einen Moment nachdenken. Er sagt: "Die semantische Decodierungsleistung von Watson ist beeindruckend. Aber es bleibt eine Hilfsanwendung für einen Kontext mit sehr präzisen Regeln. Nämlich den Quizregeln von ,Jeopardy'."

Wissen, also die Verknüpfung und Interpretation von Information, entstehe erst im Kopf des Menschen. "Das Denken wird uns auf absehbare Zeit keine Maschine abnehmen können."

Das bedeutet im Umkehrschluss: Die Grenzen der Aufnahmefähigkeit bleiben die des menschlichen Gehirns, dem komplexesten Produkt der Evolution. Und nicht die Grenzen der digitalen Maschine, dem komplexesten Produkt der technischen Innovation.

Das zurzeit wohl ambitionierteste Projekt für den Aufbau einer Suchmaschine mit semantischer Technik heißt Wolfram Alpha. Wer dort den Suchbegriff "semantic web" eingibt, bekommt leider gar keine Antwort. Stattdessen wird er aufgefordert, seine E-Mail-Adresse zu hinterlassen. Die Maschine vergisst dabei, "bitte" zu sagen. Aber immerhin liefert sie eine Begründung, warum wir unsere Kontaktdaten hinterlassen sollen: "Um Interesse zu bekunden." Was auch immer das heißen mag.

Immer mehr Programme übertragen die Idee von Facebook, Twitter oder Wikipedia auf die Bedürfnisse von Unternehmen. Sie sollen einen ständigen Informationsaustausch von Mitarbeitern insbesondere über Abteilungsgrenzen hinweg fördern. Einige dieser Netzwerke orientieren sich in ihrer Mechanik und im Interface- Design stark an den gängigen sozialen Netzwerken. Andere stellen Kollaborations-Tools und kollektive Projektmanagement-Funktionen in den Mittelpunkt. Zu den bekannten sozialen Software-Lösungen gehören – neben Jive und Yammer – Atlassian Confluence, Blue Kiwi, Microsoft Sharepoint, IBM Lotus Connections und Socialtext. Google stellt einige Kollaborationswerkzeuge wie "Docs", "Doodle" oder "Calendar" Unternehmen wie Privatleuten unentgeltlich zur Verfügung. Der Nutzer bezahlt hier mit seinen Daten.