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Jordi-Airflow

Weil Jordi Kirsch an der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose leidet, muss er morgens und abends Medikamente inhalieren. Dazu hatte der Fünfjährige keine Lust. Bis seine Eltern eine Methode entwickelten, die aus der Pflicht ein Spiel macht.




• Wenn sein Sohn morgens um halb acht, bevor er in den Kindergarten geht, Medikamente einnehmen muss, fährt Dieter Kirsch den Computer hoch. Der Vater verbindet den PC und den Inhalator mit einem USB-ähnlichen Stick. Dann startet er das Programm "Jordis Reisen", und auf dem Bildschirm erscheint ein kleiner Fallschirmspringer. Der Junge bläst kräftig in das Mundstück: Der Fallschirmspringer erhebt sich in die Luft, springt über Bäume, Zäune und Häuser. Jordi pustet noch einmal, atmet ein und inhaliert, ohne es zu merken, Kochsalzlösung und Antibiotika.

Ein Computerspiel mit medizinischem Nutzen, das allein durch die Atmung des Kindes gesteuert wird. "Die Erfindung ist fantastisch", sagt Jochen Mainz, Leiter des Mukoviszidosezentrums am Universitätsklinikum Jena. Horst Mehl, Vorsitzender des Mukoviszidose-Vereins in Bonn, spricht von "einer großen Erleichterung" für Patienten und Angehörige.

Früher, erinnert sich Dieter Kirsch, sei das Inhalieren "ein Graus" für seinen Sohn gewesen. "Ein täglicher Kampf", ergänzt seine Frau Anja. Weil Jordi den Nutzen nicht erkennen konnte und die Eltern ihn dennoch davon überzeugen mussten. Kann man Medikamente nicht vielleicht spielend einnehmen?, fragte sich das Ehepaar und fing an zu tüfteln. Es war die Geburtsstunde von Jordi-Airflow. Heute mache dem Sohn, so der Vater, das Inhalieren Spaß, "weil wir ihn austricksen".

Mit seinem hellblonden Haar und dem lausbübischen Lächeln erinnert Jordi an Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga – und spielt wie der seiner Familie gern mal Streiche. Anderthalb Jahre war er alt, als die Diagnose Mukoviszidose gestellt wurde. Die Stoffwechselerkrankung führt in der Regel dazu, dass sich zäher Schleim in den Lungen absetzt. Es ist eine der häufigsten Erbkrankheiten in Deutschland. Sie ist nicht heil-, aber gut behandelbar. 8000 Patienten leben in der Bundesrepublik damit, 200 werden Jahr für Jahr mit dem Leiden geboren. Oberstes Gebot für die Patienten ist es, die Lungen vom Schleim frei zu halten. Daher müssen die meisten täglich inhalieren.

In der Küche der Familie Kirsch in Bad Langensalza in Thüringen stehen zahlreiche Medikamente und Inhalationszubehör. Dieter Kirsch führt die neueste Anwendung der von ihm erdachten Technik vor: ein Programm, das den Inhalationsprozess überwacht, während die kleinen Patienten am Computer spielen, Filme schauen oder im Internet surfen. Wenn sie vergessen zu inhalieren, verdunkelt sich der Bildschirm und ein Alarmsignal ertönt. Mit dieser Software lässt sich die Einatmungsintensität und -dauer steuern. "Eltern müssen nicht mehr neben den Kindern sitzen und sie kontrollieren", sagt der Erfinder. Es reiche, nach 15 Minuten den Zähler abzulesen.

Der Geistesblitz kam dem Erfinder beim Fallschirmspringen

Der 53-jährige Kirsch ist diplomierter Sportlehrer, war Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft im Fallschirmspringen und hat später eine Springerschule gegründet. Durch den Sport kam er auf die Idee für die Medizintechnik. Jeder Schirm ist mit einem Luftdruckmessgerät versehen, das Fallgeschwindigkeit und Höhe misst. Nach diesem Prinzip funktioniert auch seine Erfindung: Sie reagiert auf den Luftdruck, den die Kinder mit ihrer Atmung erzeugen.

Für Jordi-Airflow wurden die Kirschs im vergangenen Jahr mehrfach ausgezeichnet, bei der Erfindermesse in Genf sowie beim Innovationspreis Thüringen.

Nun brennt Dieter Kirsch darauf, das Produkt zu verkaufen. Er wittert einen großen Markt. Denn die spielerische Methode kann für alle Menschen nützlich sein, die Medikamente inhalieren müssen. Wenn die für Medizintechnik vorgeschriebenen Prüfungen abgeschlossen sind, wird der bayrische Inhalationsgerätehersteller MPV Medical Jordi-Airflow produzieren. Es soll in einigen Wochen für rund 150 Euro in Apotheken angeboten werden.

Kirsch hat sich tief ins Thema eingearbeitet und schüttelt Zahlen und Fakten über den Markt nur so aus dem Ärmel. "Die Inhalationskultur kommt aus Italien", sagt er. Dort habe jeder Haushalt ein Gerät. 600000 würden jährlich verkauft. Er träumt schon davon, mit seiner Erfindung international erfolgreich zu werden – "es gibt weltweit nichts Vergleichbares". 

Kontakt: Jordi-Airflow GbR
Im Westerfelde 5, 99947 Bad Langensalza