Wassoul'Or Goldmine in Mali

Afrika ist ein reicher Kontinent. Aber lange kam der Reichtum aus Bodenschätzen vor allem ausländischen Konzernen zugute. Boubacar Diallo, Minenbesitzer aus Mali, zeigt, wie es auch anders geht.




• Jahrhundertelang kamen Ausländer nach Afrika, um die Bodenschätze des schwarzen Kontinents zu heben. Erst waren es die Kolonialherren, später die Unternehmer. Immer gingen sie mit vollem Säckel. Und hinterließen meist nur Elend.

Aliou Boubacar Diallo kennt diese Geschichten nur allzu gut. "Wir Afrikaner", sagt der 54-jährige malische Minenbetreiber, "haben den Reichtum in unseren Böden lange verschenkt. Zu lange." Diallo, Sohn eines Angestellten der malischen Eisenbahngesellschaft, hat in Paris bei dem renommierten Wirtschaftswissenschaftler Michel Aglietta studiert. Danach strebte er eine Laufbahn als Universitätsprofessor an. Bis die Vision eines Onkels dazwischenkam: Sein Neffe, weissagte der respektierte Islam-Gelehrte, würde auf alle fünf Kontinente reisen – mit Händen voller Gold. Afrikanischer Aberglaube, könnte man sagen. Was mag ein Marabout schon von den Realitäten des Bergbaugeschäftes verstehen? In Mali allerdings – einem Land, wo selbst Geschäftsmänner spirituelle Rückendeckung suchen – wird so eine Geschichte nicht belächelt.

Anders als in ausländischen Minen arbeiten in der einzigen malischen Mine vorzugsweise Einheimische

Diallo jedenfalls überlegte nicht lange. Sonst hätte ihn womöglich der Mut verlassen. Zwar hatten schon seine Vorfahren mit bloßen Händen nach Gold geschürft, Unternehmer aber gab es in seiner Familie keine. Und er lebte in einem Land, in dem es noch immer etwas Besonderes ist, wenn ein Einheimischer ein Bergwerk gründet.

Bislang hatten ein gutes Dutzend international tätiger Minenunternehmen, darunter Anglogold Ashanti Südafrika, Randgold aus Jersey sowie die kanadische Iamgold, die Bodenschätze Malis unter sich aufgeteilt – nach denselben Spielregeln, nach denen sie in den meisten Ländern Afrikas operieren: Ein ausländischer Großkonzern erwirbt von der Regierung die Förderrechte, gewährt ihr entweder vier bis fünf Prozent auf jede verkaufte Unze oder aber, wie in Mali vorgeschrieben, ein Fünftel der Firmenprofite. Es gibt zwar überall Bergbaugesetze. Aber solange die Abgaben fließen, darf ein Konzern ziemlich unbehelligt wirtschaften, ohne sich um die Belange der Einheimischen zu kümmern. Es gehört zur Logik der Global Player, eigene Manager mitzubringen und die Gewinne außer Landes zu schaffen. Dort bleiben bestenfalls die Schmiergelder – und eine mit sozialen Verwerfungen und verseuchten Böden zurückgelassene Anwohnerschaft.

Nicht nur Südafrika erschütterten deshalb im vergangenen Jahr Bergarbeiterstreiks. Auch im Südwesten Malis kam es in der Nachbarschaft der Goldmine Syama zu gewalttätigen Blockaden durch die Dorfbevölkerung, nachdem das Unternehmen weder die versprochenen Arbeitsplätze geschaffen noch die Umweltauflagen eingehalten hatte. "Die Bodenschätze können Fluch oder Segen Afrikas sein", sagt der malische Minenbesitzer Diallo. "Ob wir unseren natürlichen Reichtum nutzen, ist vor allem eine Frage des Managements."

Er zerbröselt etwas roten Lehm in der Hand. "Früher haben die Menschen hier die Erde der Termitenhügel als Indikatoren für den Goldgehalt genommen. Heute habe ich mein Geologenteam." In Gummistiefeln und mit Schutzhelm stapft er durch das kniehohe Gras. Trotz Trockenzeit brennt die Sonne unbarmherzig auf die Savanne. Jeder Schritt ermattet. Doch Diallos Enthusiasmus kann das nichts anhaben. Zwischen Sträuchern und pilzförmigen Termitenhügeln zeigt er immer wieder auf dunkle Löcher, ein bis drei Meter tief und oft mit Wasser gefüllt: "Achten Sie bloß auf Ihre Schritte! Sonst stolpern Sie noch in eine Goldgrube." Mehr als 10000 perforieren den Kodieran-Hügel im Südwesten Malis, nahe der Grenze zu Guinea. "Hier hat schon König Mansa Musa graben lassen. Mehr als zehn Tonnen Gold aus Kodieran brachte er nach Mekka." Unverhohlener Stolz erfüllt den Unternehmer, wenn er diese 800 Jahre alte Geschichte erzählt. Tatsächlich sieht sich Diallo wie einst Musa als Mann mit einer Mission. Der malische König hatte im 13. Jahrhundert 5000 mit Gold beladene Kamele auf seine Pilgerreise nach Mekka mitgenommen. Das Geschenk hatte weitreichende Folgen: Der König brachte mehr als 1000 Gelehrte aus Arabien mit und begründete so den Ruf von Timbuktu als Universitätsstadt und die Blütezeit islamisch-nordafrikanischer Kultur. Ruhm, von dem das bettelarme Mali bis heute zehrt.

Gold – die Hoffnung eines geschundenen Landes

Wenige hundert Meter weiter wirbeln Industriekipper rote Staubwolken auf. Das Rattern von Förderbändern und Rüttelsieben übertönt das Zikadengezirpe. Seit Februar 2012 ist auf dem Gelände 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Bamako die erste Mine unter malischer Regie in Betrieb gegangen: Wassoul'Or. Eine Kombination aus "Wassoulou", der Name der Region im Südwesten Malis, und "or" dem französischen Wort für Gold. Gerade jetzt, da Malis Wirtschaft wegen des Krieges gegen die Islamisten im Norden am Boden liegt, ruhen die Hoffnungen mehr denn je auf der Goldindustrie. Mali ist nach Südafrika und Ghana der größte Produzent Afrikas, 75 Prozent seiner Devisen erwirtschaftet das Land durch den Export des Edelmetalls.

Goldhaltiges Gestein wird mit Wasser abgewaschen

Die Krise hat die Goldförderung bisher kaum tangiert. Die Islamisten hatten Anfang 2012 den Norden besetzt, die Goldminen befinden sich im Süden. Dass Mali zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, zeigt bereits die Fahrt von Bamako nach Kodieran, es gibt mehr Eselsgespanne und mit Brennholz beladene Fahrräder als Lkw, links und rechts der Straße liegen schäbige Strohhüttendörfer. Die letzten 80 Kilometer dieser nationalen Wirtschaftsader rumpelt man über eine zerfurchte Lehmpiste, die in der Regenzeit bestenfalls Allradfahrzeuge passieren können. Neun von zehn Maliern leben in Armut. 70 Prozent der Bevölkerung haben weniger als einen Euro pro Tag zur Verfügung, ebenso viele sind Analphabeten, und knapp die Hälfte lebt ohne sicheren Zugang zu Trinkwasser und Krankenversorgung.

Wer mit Fachleuten spricht, lernt allerdings nicht nur den ärmlichen Ist-Zustand des westafrikanische Landes zu sehen, sondern auch sein Potenzial. "Momentan produziert Mali 50 Tonnen Gold im Jahr", sagt Dominik Glier, ein Frankfurter Goldmarktanalyst. "Da die Vorkommen erst seit kurzer Zeit industriell ausgebeutet werden, liegen noch große Vorräte nahe der Erdoberfläche, die einen kostengünstigen Tageabbau erlauben. Das macht die Förderung bei steigenden Goldpreisen hochrentabel." Gerade werde in der Nähe von Bamako eine eigene Gold-Raffinerie aufgebaut. Die Möglichkeit, das Gold vor Ort zu verarbeiten, mache den Standort noch attraktiver, weil Transportkosten wegfallen – und Mali brauche dringend Investoren, die technisches Know-how ins Land brächten.

Gold zu finden ist in Mali das kleinste Problem. Das größte ist die Beschaffung von Kapital für die Erschließung und technisches Gerät. Deshalb sind die Schürfrechte großflächig an verschiedene Großkonzerne verkauft worden. Wie sollte auch ein Afrikaner die finanziellen Mittel dafür aufbringen? Schon die gut 600.000 Euro Konzessionsgebühr überfordern Einheimische und dann erst die millionenschweren Folgekosten! So dachte man. Bis ein malischer Wirtschaftswissenschaftler antrat, das Gegenteil zu beweisen. 20 Jahre brauchte Diallo von der Erstlizenz im Jahre 1993 bis zur Inbetriebnahme der Mine. Ein internationaler Konzern hätte das wohl in der halben Zeit geschafft. Aber für den Wissenschaftler war es eine Pioniertat.

Diallo selbst bezeichnet sich als spirituellen Menschen. Zuerst sei ihm der Berg Kodieran als Fingerzeig Gottes erschienen. Dann machte der Minenbesitzer in spe seine Hausaufgaben, las geologische Doktorarbeiten zu dem Landstrich und studierte monatelang im Bergbauministerium in Bamako die zur Einsicht ausliegenden bodengeologischen Untersuchungen aus der Gegend. Russische Firmen hatten sie in den Achtzigerjahren durchgeführt. Damals lag der Goldpreis noch bei rund 300 US-Dollar pro Feinunze (heute erreicht er bis zu 1670 US-Dollar) – und das Oberflächenmaterial schien für einen lohnenden Abbau nicht reichhaltig genug. Diallo kam angesichts steigender Goldpreise zu einem gegenteiligen Schluss. Er suchte sich die Hilfe malischer und französischer Geologen, ließ von einem kanadischen Unternehmen Testbohrungen durchführen und engagierte das Schweizer TÜV-Pendant SGS für den Aufbau des ersten lokalen Labors für Goldanalysen.

Aus eigener Kraft – aber mit fremder Hilfe

Minenarbeiter auf dem Gelände von Wassoul'Or
Die Goldproduktion läuft nonstop in drei Schichten

Diallos größter Coup aber sollte noch kommen: Er gewann den Frankfurter Rechtsanwalt Lutz Hartmann als Investor. Hartmann war anfangs skeptisch gewesen, las man nicht oft genug von Betrügereien und Korruption im afrikanischen Bergbaugeschäft? Doch Diallo überzeugte den Deutschen. Hartmanns eigens gegründete Pearl Gold AG hält seitdem ein Viertel der Anteile von Wassoul'Or. Diallo sitzt dafür im Aufsichtsrat der deutschen Teilhaberfirma. "Das war der heikelste Teil meiner Mission", bekennt der Wassoul'Or-Gründer, "das Risikokapital aufzutreiben." Schließlich galt sein Unternehmen anfangs als "unbankable", nicht bankfähig. Man könnte das auch als "zu malisch" übersetzen.

Diallo lehnte alle Angebote der internationalen Goldförderkonzerne ab, ihn bei der Suche zu unterstützen. Das Management und eine 54-prozentige Mehrheit von Wassoul'Or sollten in seiner Hand bleiben. Investoren mussten den malischen Staatsanleihen vertrauen, die er als Sicherheit bot. Und seiner Glaubwürdigkeit. "Ich wollte beweisen, dass mein Land seine Rohstoffvorkommen aus eigener Kraft für sich nutzen kann. Dass das Gros der Profite und Steuern in Mali bleiben kann. Und wir dennoch eine attraktive Anlage bieten."

Schichtwechsel in Kodieran. Reihen von Arbeitern in grünblauer Werkmontur reihen sich vor dem Ausgangstor der Mine, lassen sich einzeln mit einem Metall-Scanner abtasten. Der klimatisierte Jeep des Chefs wird in der Gegenrichtung freundlich durchgewunken. Eine feine Staubwolke weht hinter dem Wagen auf, als er den Kodieran-Hügel emporprescht. Von dem höchsten Punkt der Mine bietet sich ein imposantes Panorama. Die Baggerschaufeln haben eine riesige rote Wunde in die mattgrüne Landschaft gerissen. Die hinter der Minengrube gelegene Goldfabrik erscheint von Weitem wie ein buntes Lego-Bauwerk.

Das Gelände der Mine ist insgesamt 100 Quadratkilometer groß

Diallo steigt aus und deutet begeistert auf die weißlichen Querstreifen in der Lehmwand: "Schauen Sie sich das an! Quarzadern, in denen wir bis zu 200 Gramm Gold pro Tonne Gestein finden – wo schon fünf Gramm viel sind." Die malische Regierung hat Wassoul'Or eine 30-jährige Konzession für ein 100 Quadratkilometer großes Gebiet überlassen. Im Gegenzug hält der Staat Mali, wie es das Bergbaugesetz vorschreibt, 20 Prozent der Unternehmensanteile und kassiert zusätzlich 3,6 Prozent Exportsteuer. Insgesamt fünf hochkarätige Minen liegen auf dem Konzessionsgebiet. Daneben gebe es jede Menge sekundäre Vorkommen: Gold, das durch Auswaschung in Millionen von Jahren aus den Quarzadern in andere Gesteinsschichten gelangt sei. Insgesamt hätten Experten Goldfunde von mehr als 58 Tonnen allein für Kodieran errechnet. "Wir beschränken uns auf den Tageabbau, aber wenn der Goldpreis weiter steigen sollte, können wir der Goldader auch noch bis in 2000 Meter Tiefe folgen."

Seit 2005 hat sich der Preis des Edelmetalls mehr als verdreifacht. Gerade die jüngsten Verwerfungen der Weltwirtschaft treiben den Gold-Kurs – und verstärken Diallos Optimismus: "Unser einziges Risiko besteht darin, dass wir es nicht schaffen, das Gold aus der Erde zu holen." Im Moment aber rattern die Förderbänder in Kodieran nonstop. Dass die Fabrik derzeit nur die Hälfte ihrer Kapazität von 11000 Tonnen Gestein pro Tag verarbeitet, liegt nicht an technischen Mängeln. Sondern allein an politischen Entscheidungen am anderen Ende des Globus.

Ein kanadisches Spezialistenteam zur Maschinensteuerung etwa musste das Land verlassen, nachdem ihre Regierung eine Reisewarnung für Mali ausgegeben hatte. Bis der Ersatz eingearbeitet ist, dauert es noch. "Wir nehmen im Moment die letzte Phase der Goldaufbereitung in Betrieb", sagt der Fabrikleiter Corneille Dena. "Unser Nahziel ist eine Tagesproduktion von 15 Kilo Gold. In drei Jahren sollen es 30 bis 40 Kilo sein." Schon jetzt gehört Kodieran zu den größeren Minen Malis, es liefert knapp fünf Prozent der nationalen Goldproduktion, und Wassoul'Or bereitet die Inbetriebnahme weiterer Minen auf dem Konzessionsgebiet vor.

Vom Turm der Zentrifugieranlage aus erklärt der Fabrikleiter die einzelnen Stationen. Zuerst zerkleinern Mühlen das grobe Gestein. Dann werden die Brocken mit Wasser gewaschen. Anders als bei der Konkurrenz komme das umweltschädliche Zyanid erst zum Schluss und in geringstmöglichen Dosen zum Einsatz (im Verhältnis 1:800 verglichen mit der konventionellen Goldgewinnung) – stattdessen trenne man mithilfe von fünf Zentrifugen das schwerere Gold vom restlichen Sediment.

Corneille Dena hat in Bamako Metallurgie studiert und vor seiner Einstellung in Kodieran bei verschiedenen ausländischen Minenbetreibern gearbeitet. Doch egal ob Kanadier oder Südafrikaner: Sie seien nicht wie Kollegen, sondern wie Kolonialherren aufgetreten. "Uns Malier haben sie herablassend behandelt, wie Kinder. Das fing beim Umgangston an. Und ging bis zum Gehalt, das sehr viel niedriger ausfiel als bei den ausländischen Mitarbeitern." Hier sei die Arbeitsatmosphäre angenehmer. In Wassoul'Or stellt man bevorzugt Malier ein – auch in Führungspositionen. 1000 Arbeitsplätze habe die Mine bisher geschaffen, und es gibt noch viele Menschen, die auf einen Job hoffen.

Glücklich, wer in der Werkssiedlung unterkommt. Reihen weiß getünchter Häuschen mit Blechdach blinken wie Satelliten einer entfernten Zivilisation aus dem afrikanischen Busch heraus. Die Angestellten leben für 30 Euro Monatsmiete vergleichsweise luxuriös: Klimaanlage, fließend Wasser und Strom sind in Mali keine Selbstverständlichkeit. In der Kantine essen Manager, Arbeiter und auch der gerade gastierende Sprecher des Bergbauministeriums an denselben Tischen. Köche mit weißen Mützen bieten ein für lokale Verhältnisse opulentes Angebot. Curry-Huhn, Lamm-Ragout und Fischfilets. Neben der Kantine befinden sich die Krankenstation und die Grundschule. Für westliche Standards wirken beide ziemlich primitiv. Andererseits: Zuvor gab es hier nichts dergleichen. Nun stehen Schule wie medizinischer Service auch den Nachbarn der umliegenden Dörfer kostenfrei zur Verfügung.

Die Mine beschäftigt inzwischen 1000 Mitarbeiter

Das Engagement von Wassoul'Or hat weniger mit Nächstenliebe zu tun, denn mit ökonomischer Vernunft. Der Betrieb einer Goldmine im Tageabbau verursacht viel Staub, der Grundwasserspiegel sinkt, nahe Gewässer werden durch Schmutz und Chemikalien belastet, und auch das soziale Gefüge kann durch den Zuzug fremder Arbeiter in die Camps leiden. Gute Nachbarschaft ist da wichtig. Sonst könnte das Unternehmen durch die lokale Gemeinschaft unter Druck gesetzt werden.

Der Versuch, es besser zu machen

Diallo hat sich deshalb gemeinsam mit seinem deutschen Partner zur Einhaltung gewisser Spielregeln verpflichtet. Vorbild war die "Natural Resource Charter", ein von Experten entworfenes Regelwerk, das Regierungen dabei helfen soll, die Bodenschätze ihres Landes zum Wohle der Gesellschaft zu nutzen. Unter anderem verpflichtet sich Wassoul'Or zum Ausbau der lokalen Infrastruktur, dem Betrieb einer öffentlichen Krankenstation und Schule, dem Ausgleich jeglicher Umweltbelastungen sowie zu Mindestlöhnen und Sicherheitsstandards. Auch Kinderarbeit ist ausgeschlossen. In Mali arbeiten neben 200.000 Erwachsenen bis zu 20.000 Minderjährige im Minenbetrieb. Die Regierung hat mittlerweile erkannt, dass das ein Problem ist.

Firmen wie Wassoul'Or spielen eine Vorreiterrolle. Es geht nicht nur um ein besseres Image der Bergbauindustrie, sondern auch ums Geschäft. "Wir demonstrieren dem Kapitalmarkt", sagt Diallo, "dass man guten Gewissens in afrikanisch betriebene Gesellschaften investieren kann."

Der Wassoul'Or-Chef trifft sich regelmäßig mit den umliegenden Dorfoberhäuptern und bespricht die bevorzugte Einstellung ungelernter Arbeiter aus der Nachbarschaft. Darüber hinaus geht es um Zuschüsse für Straßen und um die Errichtung von Staustufen, um der Verschlammung eines Flusses durch den Minenabraum entgegenzuwirken. Diallo weiß, wie sehr die Profite der Mine von stabilen politischen Verhältnissen abhängen. Einerseits.

Die Zufahrtsstraße ist nicht mehr als ein staubiger Pfad

Andererseits denkt er weit über die Bilanzen seiner Firma hinaus. Gut geführte Minenunternehmen, sagt der Gründer, könnten einige der größten Probleme Afrikas eindämmen – Analphabetismus, mangelnde Gesundheitsversorgung und Landflucht. Da scheint es nur folgerichtig, dass er den Anwohnern erlaubt, auf einem Teil des Unternehmensgeländes der traditionellen Goldförderung per Handarbeit nachzugehen. "Sie kommen mit ihren Methoden nur bis zu fünf Metern tief: Das nimmt uns nicht viel weg – und wir haben keine soziale Misere vor den Fabriktoren."

Sein nächstes Ziel ist die Gründung einer Kreditbank. Überall in Afrika bevorzuge das Minenrecht ausländische Unternehmen. Seine Bank aber werde es einheimischen Unternehmern erleichtern, das nötige Risikokapital aufzubringen. Er wünscht sich, dass das Schule macht. Mali, sagt Diallo, brauche eine Mittelklasse, die wie bei Wassoul'Or ihr Geld in die Entwicklung und Refinanzierung von lokalen Projekten steckt. "Stabilität entsteht nur über breiten Wohlstand." Der Unternehmer wiederholt diesen Satz wie ein Mantra, das Resümee seiner in Europa und Afrika gesammelten Erfahrungen. Er selbst sehe sich dabei als eine Art Übersetzer: "Viele Menschen hier kennen diese rationale, transparente und rigide Art des Wirtschaftens nicht. Wir müssen sie davon überzeugen, dass wir die westlichen Gepflogenheiten nur zu ihrem Besten einführen. Gleichzeitig befinden wir uns auf afrikanischem Boden. Das heißt, wir müssen die hiesigen Gesetze der Gastfreundschaft und des Zusammenlebens in der Gemeinschaft respektieren." Was in Mali auch immer bedeutet: Der Erfolgreiche muss sich um seine eigene und die erweiterte Familie kümmern.

Im Tresorraum der Mine Kodieran müssen drei Manager mit drei verschiedenen Schlüsseln die Panzertür aufsperren, bevor der Fabrikchef Dena feierlich die Ausbeute der vergangenen Tage auf einem Tisch ausbreiten kann. Drei Fünf-Kilo-Barren. Und mehrere Plastikbeutel mit Nuggets. Einmal pro Woche wird das Gold mit einem Kleinflugzeug zum Flughafen Bamako gebracht, um von dort aus zu einer Schweizer Raffinerie ausgeflogen zu werden.

Wenn es nach Diallo geht, dann soll dieses Gold nicht nur zu Schmuck verarbeitet werden. Sondern auch bei der Wiedervereinigung seines zerrissenen Landes helfen. Im Mai 2012 lancierte er daher eine viel beachtete und sicher nicht ganz uneigennützige Friedensinitiative: Über die nationalen Medien und soziale Netzwerke appellierte Diallo an alle Konflikt-Beteiligten, die Krise Malis doch auf malische Weise zu lösen. "Wir haben hier eine lange Tradition der Kompromiss-Findung. Dabei könnten unsere Bodenschätze den Schlüssel zum Frieden darstellen." Sein Vorschlag: eine gleichmäßige Verteilung der Mineneinkünfte an alle Regionen des Landes.

Die Idee hat auch nach der Rückeroberung Nordmalis mithilfe der Franzosen nichts an Relevanz verloren. "Mali könnte zu einem der reichsten Länder Afrikas aufsteigen", ruft er über das Gebrüll der Fabrikgeneratoren hinweg. "Wenn wir die Macht unseres Goldes nutzen."
König Mansa Musa hätte das bestimmt gefallen. ---
Die Krise in Mali
Bis zum Putsch im März 2012 ist Mali ein für afrikanische Verhältnisse politisch stabiles, demokratisches Land. Seit 1992 gibt es freie Wahlen, die Medien dürfen frei berichten. Doch Korruption und schamlose Bereicherung der herrschenden Politiker erzeugen Wut und Frustration in der Bevölkerung. Im März 2012 putschen Militärs gegen den Präsidenten Amadou Toumani Touré, genannt ATT. Als Grund nennen die Putschisten, der Präsident gehe nicht entschieden genug gegen die im Norden Malis operierenden Drogen- und Terrorbanden vor, die vorgeben, für die Unabhängigkeit des dort lebenden Volksstamms der Tuareg zu kämpfen. Bewaffnete Tuareg-Gruppen nutzen das Machtvakuum, um mithilfe verbündeter Al-Qaida-Milizen den Norden Malis unter ihre Kontrolle zu bringen, und rufen einen eigenen Staat aus. Später verdrängen islamistische Gruppen die eher weltlich ausgerichteten Tuareg. Die Islamisten führen in Städten wie Timbuktu, Gao und Kidale eine strikte Auslegung der Scharia ein, verbieten weltliche Musik, lassen unverheiratete Paare auspeitschen und Dieben die Hand abhacken. In Mali einem Land, in dem 90 Prozent der Bevölkerung Muslime sind, haben die Islamisten aber kaum Rückhalt: Der liberale Sufi-Islam hat das Land über Jahrhunderte geprägt, Toleranz und Verhandlungsbereitschaft gelten als typisch malische Tugenden. Hunderttausende Malier fliehen in den südlichen Landesteil oder in die Nachbarstaaten. Die in Bamako zunächst gefeierten Putschisten hatten den von Geldgebern und Kämpfern aus Algerien, Libyen, Katar und Afghanistan unterstützten Gotteskriegern kaum etwas entgegenzusetzen. Erst die französischen Soldaten verhindern im Januar den drohenden Fall Bamakos in einer Militär-Intervention und vertreiben gemeinsam mit der malischen Armee die Islamisten aus den großen Städten. Der Goldmarkt
Das westafrikanische Land liegt mit einer jährlichen Produktion von 45,9 Tonnen an 16. Stelle der Gold produzierenden Länder (1,63 Prozent der weltweiten Produktion). Zum Vergleich die führenden Goldnationen 2011: China (371 Tonnen), Australien (258 Tonnen), USA (237 Tonnen), Russland (198 Tonnen) und Südafrika (190 Tonnen). Obwohl die Goldvorräte relativ begrenzt und die leicht erreichbaren Oberflächenvorkommen zum Großteil abgebaut sind, hat die Produktion in den vergangenen Jahren wegen der Finanzkrise noch einmal zugelegt: Der Vertrauensverlust von Investoren in Regierungen, Banken und Devisen führte zu einem drastischen Anstieg der Nachfrage. Seit mehr als zehn Jahren ist der Goldpreis deshalb kontinuierlich gestiegen – von durchschnittlich rund 280 US-Dollar pro Feinunze im Jahr 2001 auf 1670 US-Dollar im Jahr 2012. Die Rekordpreise für das Edelmetall machen nun auch den Abbau nur sehr kostenintensiv zu fördernder Goldvorkommen rentabel.