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Eingesperrt im Paradies

Bewohner eines Naturschutzgebietes in Peru kämpfen um Anschluss an die Zivilisation. Eine Geschichte in Bildern.




Wenn es beim Ziehen der Grenze vernünftig zugegangen wäre, gehörte die Provinz Purús im Amazonasgebiet heute zu Brasilien. Doch das Gebiet wurde vor hundert Jahren Peru zugesprochen, obwohl der Fluss Purús – die einzige Verkehrsverbindung – in Richtung Brasilien fließt. Um nach Pucallpa, der Hauptstadt des Departments zu kommen, muss man per Boot wochenlang zunächst ins brasilianische Manaus schippern, von dort wieder amazonasaufwärts ins peruanische Iquitos und schließlich ans Ziel. Für einige Bewohner ist die abgeschiedene Lage der Provinz beschwerlich, für die Natur ein Segen. Es tummeln sich dort Flussdelfine, Brüllaffen, zahlreiche Papageien-Arten und sogar Jaguare. Acht indigene Völker leben in einem der letzten unerschlossenen Gebiete der Welt. Nicht mehr lange, wenn es nach Miguel Piovesan geht. Der streitbare Pfarrer aus dem Dorf Puerto Esperanza schlägt nämlich mit Gleichgesinnten eine Straße durch das Naturschutzgebiet.

Der Wald ernährt den, der sich in ihm auskennt: Ein 14-jähriger Jugendlicher kehrt von der Jagd zurück. Für manche Siedler, die zum Beispiel als Lehrer vom Staat in diese abgelegenste Ecke Perus abkommandiert wurden oder aus anderen Gründen dort hängen blieben, ist der Urwald ein Verkehrshindernis. Sie wollen nicht länger von den Segnungen der Zivilisation ausgeschlossen sein. Samstags rückt ein gutes Dutzend Männer der grünen Hölle mit einer einzigen Motorsäge und Macheten zu Leibe. Eine eher symbolische Aktion, denn mit diesen Mitteln lässt sich die geplante, rund 110 Kilometer lange Schneise sicher nicht schlagen. Allerdings hat der Trupp rund um den streitbaren Pfarrer Piovesan bereits für allerhand Wirbel gesorgt und landesweit Umweltschützer gegen sich aufgebracht, die die Urwald-Idylle verteidigen.

Die peruanische Provinz Purús mit dem Dorf Puerto Esperanza gleicht einer kleinen Nase, die frech in das brasilianische Staatsgebiet hineinragt. Wer dort hinwill, muss versuchen, von Pucallpa aus einen Platz in einem Flugzeug zu ergattern – was schwierig und teuer ist, weil die Buschpiloten lieber Fracht befördern. Oder er muss den langwierigen Wasserweg benutzen. Ein gutes Dutzend der rund 2000 Einwohner des Nestes hat die Nase voll von der Isolation und arbeitet sich in Richtung Inapari vor. Dort soll die Piste, von der die Aktivisten träumen, in eine Schnellstraße münden, die Brasilien mit der Pazifikküste verbindet. Umweltschützer wie der Förster Rafael Pino  halten nichts von dem Plan, er fürchtet um das Ökosystem. Mit der Straße kämen zuerst Holzfäller, dann Goldsucher und schließlich Siedler – sie wäre, so Pino, der Anfang vom Ende des Paradieses.

Pfarrer Miguel Piovesan, 63
Umweltschützer sowie Förster Rafael Pino, 35

Der Pfarrer Miguel Piovesan, 63, will seinen Anhängern den Weg ins Gelobte Land weisen. Sein Gegenspieler Rafael Pino (Foto darunter), 35, ist überzeugt, bereits dort zu sein. Der Förster stammt aus der Hauptstadt Lima und hat sich in den Dschungel verliebt. Er arbeitete zunächst für die Umweltorganisation WWF und ist heute Chef des staatlichen Reservats für die indigene Bevölkerung. Die beiden Kontrahenten nutzen dieselbe Internet-Kabine des Dorfes – reden aber seit Jahren kein Wort miteinander.

Die Kinder genießen den Tag. Die Männer träumen davon, schnell von hier wegzukommen und bahnen sich ihren Weg durchs Unterholz. Sehr katholisch scheinen die Bewohner von Puerto Esperanza nicht zu sein. Beim Abendgebet in der Kapelle sind ein Diakon und ein Ministrant die einzigen Zuhörer des Pfarrers Miguel Piovesan. Der gebürtige Italiener lebt seit mehr als 40 Jahren in Südamerika. Zunächst wirkte er als Missionar im Süden Argentiniens. In den Neunzigerjahren arbeitete er in den Anden Perus, als dort die Maoisten vom Leuchtenden Pfad für Angst und Schrecken sorgten. Vor 14 Jahren schickte sein Bischof ihn ins tropisch-schwüle Puerto Esperanza. Dort fand er eine aus Karton ausgeschnittene Fürbitte in der Kapelle vor: "Herr, erbarme dich und gibt uns eine Straße." Da hatte er seine Mission gefunden. Doch bislang wurde seine Bitte nicht erhört: Statt der Straße kam 2004 ein Naturschutzgebiet, das etwa die Hälfte der Provinz einnimmt.

Die Ureinwohner sind mehrheitlich gegen die Straße. Viele haben schlechte Erfahrungen mit Kautschukbaronen, Holzfällern und dem peruanischen Staat gemacht. Mehrere Weiler stehen mit je rund 15000 Euro beim Fiskus in der Kreide – viel Geld für ein Dorf mit 500 Einwohnern, die nur selten Geld in die Hände bekommen. Zu den Steuerschulden kam es so: Die Indio-Gemeinschaften sind Eigentümer von Hunderten Hektar Urwalds mit wertvollen Mahagoni- und Zedernbäumen – die in einem gewissem Rahmen genutzt werden dürfen. Doch weil die Indios nicht über die notwendige Technik verfügen, um das Holz zu schlagen, geben sie Händlern eine Vollmacht. Die wiederum missbrauchen die Erlaubnis, um illegal geschlagenes Holz zu legitimieren. Wenn die Forstbehörden dahinterkommen, verhängen sie saftige Strafen – nicht gegen die Holzhändler, sondern gegen die Gemeinden. Daher stehen die Bewohner der Außenwelt skeptisch gegenüber. Lucio Moisés Gómez, Vorsteher des Dorfes Balta vom Stamm der Huni Kuin, sagt: "Ob die Straße gut oder schlecht ist – wir werden nur das Schlechte abbekommen."

José Mantuwo Fermin und seine Familie
Früh übt sich, wer ein guter Jäger sein will

Die Gegner und Befürworter der Schneise kämpfen mit harten Bandagen. So haben die Verantwortlichen des Naturschutzparks Miguel Piovesan und seine Mitstreiter wegen des eigenmächtigen Straßenbaus verklagt. Bis die Sache vor Gericht kommt, können allerdings Jahre vergehen. Die Natur arbeitet schneller – und überwuchert die frei geschlagene Piste mit sattem Grün.