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Junge Dramatiker in Deutschland

Junge Dramatiker werden gepäppelt wie nie. Das sorgt für eine enorme Überproduktion und jede Menge Illusionen.




- William Shakespeare schrieb seine Stücke auf eigene Rechnung. Er brauchte weder Stipendien noch Förderpreise, sondern den Erfolg beim Publikum und: Genie.

Shakespeare war Unternehmer. Als Miteigentümer des Londoner Globe Theatre wollte er das Gleiche, was heute ein Hollywood-Produzent will: möglichst viele Zuschauer. Seine Stücke waren Blockbuster der damaligen Unterhaltungsindustrie. Dass dabei zufällig auch noch Weltliteratur entstanden ist, war ein schöner Nebeneffekt für die Nachwelt. Den Theaterunternehmer Shakespeare dürfte das deutlich weniger interessiert haben als die Tageseinnahmen an der Theaterkasse.

Mit dieser Einstellung wäre er als deutscher Gegenwartsdramatiker nicht weit gekommen. Der lebt in den seltensten Fällen vom Erfolg beim Publikum, seine Haupteinnahmequellen sind in der Regel Stipendien, Preise, Stückaufträge.

Dramatiker, die vom Publikumserfolg leben, also von Tantiemen aus dem Kartenverkauf, sind heute im deutschen Theaterbetrieb die Ausnahme. Je nach Theatertyp und -größe liegen die Tantiemen zwischen zehn und 17 Prozent der Kasseneinnahmen. Mehr Zuschauer, das bedeutet: mehr Geld für den Autor. Dramatiker, deren Werke vor allem Langeweile und Desinteresse auslösen, haben ein Einnahmeproblem - und das haben viele.

Der Dramaturg Jens Groß schätzt, dass nur etwa ein halbes Dutzend deutsche Theaterautoren auf Dauer von ihren Aufführungen leben können. Marion Victor, langjährige Geschäftsführerin und Lektorin des Verlags der Autoren, der viele wichtige Gegenwartsdramatiker vertritt, ist etwas optimistischer und glaubt, dass es ein gutes Dutzend ist. Aber das auch nur, weil diese Autoren neben den Tantiemen, je nach Marktwert, zusätzliche Uraufführungshonorare erhalten. Wer als Dramatiker Glück und Talent hat, kann wie Moritz Rinke zusätzlich mit einem Roman-Bestseller Geld verdienen, arbeitet wie Marius von Mayenburg parallel als Dramaturg oder Übersetzer oder inszeniert wie Armin Petras oder René Pollesch die eigenen Stücke selbst. Der große Rest zappelt im Netz der Dramatikerförderung.

Überdüngung

Wenn es der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik an irgendetwas nicht fehlt, sind es Subventionen. Eine Studie der Universität Witten/Herdecke zählte schon im Jahr 2009 nicht weniger als 75 Dramatikerförderprogramme im deutschsprachigen Raum, Tendenz steigend. Das Theater St. Gallen mit seinem mit rund 8000 Euro dotierten Autorenwettbewerb widmet sich ebenso liebevoll der Dramatikerpflege wie die Stadt Frankfurt an der Oder, die zwar schon vor Jahren ihr Stadttheater abgewickelt hat, sich aber trotzdem den "Kleist-Förderpreis für junge Dramatik" (7500 Euro) leistet. Vom Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts (10000 Euro) bis zu den diversen Preisen der Mühlheimer Theatertage, vom Preis des Berliner Stückemarkts (7000 Euro) bis zu dem in diesem Jahr erstmals verliehenen Hermann-Sudermann-Preis (5000 Euro), dem Osnabrücker Dramatikerpreis (6000 Euro) oder dem vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft verliehenen Dramatikerpreis (10000 Euro) regnen munter Fördergelder auf die Schreibkräfte.

Schließlich schmückt so ein Preis auch den Stifter und schmeichelt dem Geltungsbedürfnis der Lokalhonoratioren. Stipendien, etwa von der Heinz und Hilde Dürr Stiftung oder vom Stücklabor Basel, und Stückaufträge, mit denen sich die Theater die publicityträchtige Uraufführung sichern wollen, runden die Versorgung ab. Deutschland und die Schweiz dürften weltweit die Länder mit der höchsten Förderdichte für Dramatiker sein.

Auf den ersten 20 Plätzen sowohl der meistinszenierten wie auch der meistbesuchten Schauspiele sucht man allerdings in der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins vergeblich nach Aufführungen der Gegenwartsdramatik. In der Spielzeit 2010/2011 - der aktuellen verfügbaren Statistik - dominieren auf deutschen Bühnen Klassiker wie Goethes "Faust" (127121 Besucher), Brechts "Dreigroschenoper" (144397 Besucher), Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" (148474 Besucher) oder Shakespeares "Hamlet" (113876 Besucher) sowie Unterhaltungsware für Open-Air-Spektakel wie Karl Mays "Der Ölprinz" (315338 Besucher).

Das war nicht immer so. Die Größten der Nachkriegsjahrzehnte - Max Frisch, Bertolt Brecht, Rolf Hochhuth oder Friedrich Dürrenmatt - wurden allein durch ihre Aufführungstantiemen zu Millionären. Auch der nächsten Generation der Siebziger- und Achtzigerjahre - Thomas Bernhard, Peter Handke, Franz Xaver Kroetz oder Botho Strauß - bescherten die Tantiemen ein finanziell gut gepolstertes Künstlerdasein. Ihre Stücke wurden viel gespielt, und das nicht nur wie heute auf den kleinen Studiobühnen, sondern bei ausverkauften Vorstellungen in den großen Häusern.

Seit etwa zwei, drei Jahrzehnten hat das Interesse der Bühnen und Zuschauer unübersehbar nachgelassen - unter anderem, weil viele Regisseure dazu übergegangen sind, lieber Filme oder Romane für die Bühne zu adaptieren. Parallel zu dieser Entwicklung, in der die Dramatiker auf den Bühnen immer mehr an Gewicht verloren haben, ist ein Fördersystem aufgeblüht, das die am Markt nicht mehr gefragten Autoren päppelt. Es entstand der Gremien-Dramatiker, das Stückemarkt-Talent.

Das Überangebot an Stipendien und Preisen hat einen fatalen Anreiz geschaffen: Der Möchtegern-Dramatiker wurde zum Trendberuf. Marion Victor vom Verlag der Autoren bekommt jedes Jahr bis zu 700 neue Stücke zugeschickt. Beim Berliner Stückemarkt gab es Jahre, in denen die Auswahljury mit nicht weniger als 800 neuen Werken eingedeckt wurde. Ein Großteil davon ist laut Yvonne Büdenhölzer, der langjährigen Leiterin des Stückemarkts, auch bei großzügiger Auslegung von Qualitätskriterien ohne jede Chance, es jemals auf die Theaterbühnen zu schaffen. Aber weil das Fördersystem dauernd neue Talente braucht, die es Jahr für Jahr durchschleusen kann, wächst mit der Zahl der Fördereinrichtungen auch die der vermeintlichen Talente.

Das wäre nicht weiter schlimm, wenn das Fördersystem keine Kollateralschäden anrichtete. Die ihm zugrunde liegende Annahme, Masse werde schon irgendwann zu Klasse, unter den vielen geförderten Nachwuchsdramatikern werde also mit etwas Glück das neue Großtalent heranwachsen, befördert vor allem eine Überproduktion von Mittelmaß. Das sorgt nicht nur dafür, dass sich das Publikumsinteresse in Grenzen hält, sondern auch dafür, dass es den wenigen wirklichen Talenten auf dem verstopften Markt schwerer fällt, durchzudringen. Max Frisch oder Thomas Bernhard konnten auch deshalb bestens von ihren Tantiemen leben, weil ihre Stücke auf vielen Bühnen nachgespielt wurden. Heute blockieren die Uraufführungen unzähliger Halbtalente diese Möglichkeit.

Thomas Oberender, selbst einst ein durchaus erfolgreicher Nachwuchsdramatiker, benennt diese Jungtalent-Rundumversorgung mit unverstellter Härte: "Ich bin ein zu Tode gepflegter Jungautor gewesen. Ich war fünf Jahre auf Stückemärkten. Man wird derart gehypt, verheizt, gepampert und umsorgt, dass es inzwischen ungesund ist. Wenn den größten Deppen irgendwo nichts mehr eingefallen ist, was sie mit ihren Theatern machen könnten, dann fingen sie an, sich um Autoren zu kümmern, weil das irgendwie als Großmutters Rezept für zeitgenössisches Theater gilt. Das ist mitnichten so. Wahre Zeitgenossenschaft entsteht kaum noch am Schreibtisch. Es gibt in jeder Generation ein, zwei fruchtbare, wirklich interessante Theaterschriftsteller." Und die setzen sich im Zweifel auch selbstständig durch.

Oberender hat für sich die Konsequenz gezogen und die Seiten gewechselt. Heute leitet er als Intendant die Berliner Festspiele. Viele in ihren Anfangsjahren gefeierte Nachwuchstalente fallen wesentlich härter. Denn das Fördersystem ist auf Jungtalente ausgerichtet, oft liegt die Altersgrenze für Bewerbungen bei 35 Jahren. Das bedeutet nicht nur, dass der Markt mit Nachwuchsschreibern überschwemmt wird, deren Erfahrungshintergrund sich oft genug auf ihr Privatleben beschränkt. Dies führt dann zu sogenannten "WG-Stücken" oder dazu, dass Modethemen, von Hartz IV bis Neonazis, mal mehr, mal weniger klischeehaft und ahnungslos durchgenudelt werden.

Autoren wie die 28-jährige Marianna Salzmann, der mit "Muttersprache Mameloschn" eines der spannendsten Stücke des Jahres gelungen ist, sind seltene Ausnahmen. Wer aber den Durchbruch bis Anfang 30 nicht geschafft hat, und das sind die meisten, für den kann es in der zweiten Lebenshälfte sehr eng werden. Kein Problem für die Theater und Fördergremien - es kommen ja jede Saison genug willige Nachwuchsschreiber auf den Markt. "Ich kenne bedeutende Autoren, die aus Altersgründen aus dem System rausgefallen sind und zum Teil unter erbärmlichen Umständen leben", sagt Marion Victor. Die Namen, die sie nennt, zählten in deren guten Zeiten zu den interessanten, mit Erfolg gespielten Dramatikern. Solche Sozialfälle und verunglückte Biografien sind kein Unfall, sondern Folge des dysfunktionalen Fördersystems.

Der Dramaturg

Jens Groß hat viele Uraufführungen betreut und über Jahrzehnte an großen Bühnen in Frankfurt, Dresden und Berlin gearbeitet. Ab kommender Spielzeit ist er Chefdramaturg und stellvertretender Intendant am Schauspiel Köln. Nebenbei hat er an den beiden wichtigsten Ausbildungsstätten für Nachwuchsdramatiker unterrichtet, dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig und dem Studiengang "Szenisches Schreiben" der Berliner Universität der Künste. Eigentlich müsste er ein Fan des Fördersystems sein. Doch dafür kennt er die Fehler des Systems zu gut.

"Die Inflation von Preisen und Stipendien ist nicht unbedingt qualitätsfördernd", sagt Groß. "Es sind viel zu viele Preise, sodass etliches auf den Markt kommt, was vielleicht überarbeitungswürdig ist. Die Fördermaßnahmen greifen nicht ineinander, sondern befinden sich in Konkurrenz." Was nicht nur zur Folge hat, dass selbst schwache Talente Preise umgehängt bekommen. Sondern auch, dass die so Geehrten den Theatern jede Menge schwache Stücke bescheren, da viele Preise mit Zuschüssen zur Uraufführung verbunden sind. "Das Fördersystem ist ein Markt, der völlig eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegt und vom Zuschauermarkt abgekoppelt ist. Der Markt ist für viele Autoren nicht mehr das Publikum, sondern es sind die Fördergremien."

Das produziert Dramatiker, die sich am mutmaßlichen Geschmack der Gremien orientieren. Schließlich verteilen die das Geld und entscheiden im Zweifel über den Marktzugang. "Es geht im Extremfall nicht mehr um die Frage, welche Themen den Autor interessieren, sondern darum, was bei den Fördergremien gut ankommen könnte, und darum, wie man sich absetzen kann von den Preisträgern des letzten Jahres", sagt Groß. Was er beschreibt, ist ein System, in dem vor allem der Opportunismus gegenüber den Geldgebern belohnt wird. Wer bei diesem Spiel gewinnen will, fängt früh damit an. Groß beobachtet in der Ausbildung, "dass die Studenten viel zu fixiert sind auf die Möglichkeit, irgendwo prämiert zu werden - und die Chancen, irgendwo ein Stipendium zu bekommen, sind bei 30, 40 Studenten ja gar nicht so klein." So werden Stipendien-Dramatiker gezüchtet.

Der Fördergremien-Opportunismus aufstrebender Dramatiker trifft auf Auswahl-Jurys, deren Mitglieder Theaterfunktionäre und nicht immer frei von Eigeninteressen sind. Dazu kommt, dass Jurys ungern allzu große Risiken eingehen. "Ich war oft genug in solchen Jurys", gibt Brancheninsider Groß zu Protokoll. "Es ist meistens so, dass die stärksten Texte, die radikalsten und überraschendsten Schreiber rausdiskutiert werden. Man einigt sich auf das Mittelmaß, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Der ist zwar nicht unbedingt interessant, tut aber auch niemandem weh. Das finde ich katastrophal. Innovative Texte, die das Theater herausfordern würden, haben es oft schwerer."

Heinrich von Kleists "Hermannsschlacht" (gewaltverherrlichend, ausländerfeindlich, politisch nicht korrekt) hätte heute vermutlich genauso wenig Chancen wie Georg Büchners "Dantons Tod" (der Autor war ein steckbrieflich gesuchter Staatsfeind), Schillers "Wallenstein" (militaristisch, außerdem viel zu lang) oder Goethes "Faust" (zu anstrengend, zu rätselhaft - und natürlich wegen Gretchen: sexistisch).

Der Dramaturg Groß ist nicht gegen Autorenförderung. Aber gegen die Überproduktion. Damit ist er nicht allein. Was er beschreibt, sehen viele seiner Kollegen ähnlich, auch wenn nur wenige so klar wie er mit ihrer Kritik aus der Deckung kommen. "Ich bin Dramaturg geworden, weil ich Autoren fördern wollte", sagt Groß. "Heute merke ich beim Lesen neuer Stücke, dass mich das meiste davon schlicht nicht interessiert. Ich finde eher in Romanen, in guten Reportagen oder Kinofilmen relevante Stoffe als in neuen Gegenwartsstücken."

Inflation

Die diversen Autorentheatertage, Stückemärkte und unzähligen Uraufführungen dienen den Bühnen zuverlässig zur Selbstprofilierung. Das neue Stück, der neue Autor, die "Lange Nacht der Autoren" werden zum Instrument des Selbstmarketings der Bühnen. "Viele mittelgroße Theater erhoffen sich nach wie vor von der Uraufführung die überregionale mediale Aufmerksamkeit", sagt Groß. "Ich habe es oft genug erlebt, dass man für die zweite Inszenierung, mag sie noch so gut sein, natürlich nicht die Aufmerksamkeit wie für eine Uraufführung bekommt; das ist der Kern des Problems." Also hat sich deren Zahl kontinuierlich erhöht. Kamen in der Spielzeit 1995/1996 in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch 275 neue Stücke erstmalsauf die Bühne, waren es 2009/2010 schon 676 - statistisch fast zwei am Tag. So wird die zum Selbstzweck gewordene Uraufführung zur Eintagsfliege. Viele der schnell geschriebenen, lustlos inszenierten und noch schneller vergessenen Stücke haben nichts Besseres verdient. "Das Problem ist, dass in den Theatern und Verlagen die Filter nicht mehr funktionieren", sagt Jens Groß. "Es gibt genug Bühnenverlage, die keine Lektorenarbeit mehr betreiben. Große Theaterverlage nehmen einfach flächendeckend nach dem Zufallsprinzip Studenten unter Vertrag, in der Hoffnung, dass es einer von den Dutzenden Autoren schon schaffen wird. Und die unsicheren Jurys, die sich auf nichts einigen können, behelfen sich dann damit zu sagen, na ja, der Jungautor ist ja beim xy-Verlag, das wird schon nicht so schlecht sein. So täuscht das System Bedeutung und Talent vor, oft ohne wirkliche Substanz. Die meisten der in den Wettbewerben prämierten Autoren sind nach drei, vier Jahren weg."

Nicht nur Preise und Stipendien tragen zum steten Strom neuer, überschätzter und schnell ausgelaugter Talente bei. Jedes Jahr spucken diverse Schreibstudiengänge 30 bis 40 hoffnungsfrohe Autoren auf den Markt. Wenn jeder nur ein Stück im Jahr schreibt, was wenig ist, sind das in nur fünf Jahren 150 bis 200 Nachwuchsdramatiker und ebenso viele neue Werke von in der Regel sehr begrenzter Haltbarkeit.

Der Dramatiker

Lutz Hübner, 49, passt nicht in das Fördersystem. Der Geschmack der Gremien und die Moden des Feuilletons können dem Dramatiker egal sein. Er hat sich nie um ein Stipendium beworben. Er schenkt sich die imagefördernden Künstlerallüren, schon weil er findet, dass das, was er macht, "zu 80 bis 90 Prozent Handwerk ist". Deshalb interessiert ihn vor allem, wie das Publikum auf seine Stücke reagiert. "Ich setze mich immer in die letzte Reihe, um das Publikum vor mir zu sehen. Wo funktioniert das Stück, wo fängt das Husten und Rascheln an, wo hat das Stück vielleicht einen Konstruktionsfehler? Man muss sehen, ob der Wagen, den man gebaut hat, die Kurve kriegt. Das ist das Feedback, um das es geht."

Hübner ist, was Inszenierungs- und Aufführungszahl angeht, regelmäßig auf den vorderen Plätzen der Aufführungsstatistik. In der Spielzeit 2010/2011 war er wieder mal der meistgespielte Gegenwartsautor und hinter den Kollegen Shakespeare, Brecht, Goethe, Tschechow, Brecht und Ibsen mit 34 Inszenierungen und 502 Aufführungen auf Platz zwölf der meistgespielten Autoren der Saison. Auf solche Zahlen kommen viele der Fördersystemdramatiker in ihrer gesamten Karriere nicht. Hübner ist die Ausnahme unter den deutschen Gegenwartsdramatikern: Er schreibt fürs Publikum und lebt gut davon. In den vergangenen zehn Jahren erlebten seine Stücke Spielzeit für Spielzeit etwa 25 Neuinszenierungen. Seine Komödie "Frau Müller muss weg", ein oft nachgespieltes Erfolgsstück, kam allein am Staatsschauspiel Dresden seit der Uraufführung vor drei Jahren auf mehr als 100 Vorstellungen.

Hübner war Schauspieler und Regisseur, er kommt vom Fach, nicht aus den Schreibschulen. 1994 hat er sein erstes Stück geschrieben, seit gut zehn Jahren lebt er vom Schreiben. Sein Impuls, Stücke zu schreiben, ist ziemlich altmodisch: Er will Geschichten erzählen. Das ist nicht so schick wie all die Jelinek- oder Heiner-Müller-Epigonen und wird vom Feuilleton eher ignoriert als gefeiert. "Unterm Radar des Feuilletons durchzufliegen ist für mich eigentlich ganz gut", sagt Hübner. "Ich bin beim Schreiben Schauspieler, nicht Feuilletonist. Für den Theateralltag ist es völlig irrelevant, wo gerade der Zeitgeist weht."

Die Uraufführungsmanie sieht Hübner ähnlich skeptisch wie sein Kollege Groß: "Ein junger Autor hat durch die große Fülle an Uraufführungen seltener eine zweite Chance", sagt er. Und dann holt er tief Luft und wird etwas prinzipieller: "Ein Problem ist, dass man die Förderprogramme mit Anerkennung verwechselt. Man glaubt, weil man an der Universität der Künste oder beim Stückemarkt ist, hätte man es geschafft, aber das heißt noch gar nichts. Der Theateralltag ist etwas völlig anderes als die Autorenfestivals, zu denen die Freunde und Verwandten kommen. Ein Stück muss sich auch in der zwölften Vorstellung an einem verregneten Montag im kleinen Haus Tübingen behaupten."

Solange das mit Hübners Stücken bestens gelingt, muss er sich keine Sorgen machen und kann die Geschmacksvorlieben der auf Hochgeschwindigkeit leerlaufenden Förder-Jurys getrost ignorieren. -