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Wie lange kann der PC noch überleben?

Der Software-Riese Microsoft steht in der Kritik. Während die Nachfrage nach klassischen Computern sinkt, verschreckt die neuartige Windows-Version 8 alte Fans.




• Wer dieser Tage durch die Computerabteilungen der Warenhäuser streift, blickt überall auf bunte Kacheln. Sie machen sich breit auf Bildschirmen von Smartphones, Notebooks und Tablet-PCs. Es sieht aus, als hätte der Handel die normalen Windows-PCs ausgelistet, diese in Büros und Haushalten noch allgegenwärtigen Geräte, bei denen Programm-Icons, Ordner und Dateien auf opulenten Landschaftsfotos drapiert sind.

Tatsächlich handelt es sich bei dem bunten Design durchaus um Windows. Doch der altvertraute Desktop ist bei der neuen Generation buchstäblich weg vom Fenster.

Die Oberfläche namens Modern UI sieht sehr aufgeräumt aus, doch was Microsoft – ein Unternehmen, das seine Software jahrzehntelang evolutionär weiterentwickelte – mit dieser visuellen Revolution bezwecken will, ist vielen Stammkunden auch ein knappes Dreivierteljahr nach der Markteinführung ein Rätsel.

Der Schreibtisch eines PC mutet nun an wie das Display eines Smartphone in groß, Geräte aller Größenklassen kommen im einheitlichen Look daher. Die bunten Kacheln der Windows-Version 8 wie beim Smartphone auf dem Bildschirm zu berühren ist bei preiswerteren Geräten jedoch witzlos. Mit Touchscreens sind nur wenige teure Modelle ausgestattet. Bei billigerer Hardware hinterlassen neugierige Kunden mit ihren Wischgesten lediglich hässliche Fettspuren auf dem Glas.

Im Internet hat Microsofts neueste Entwicklung längst das, was man im Papierzeitalter eine „schlechte Presse“ nannte. Das Betriebssystem gilt als Sargnagel des traditionellen Personal Computers. Es gibt zwei Lager von Kritikern. Auf der einen Seite IT-Profis, die in Blogs und Foren monieren, Microsoft überfordere die Nutzer. Sie wünschten sich sehnlich das Vorgängersystem Windows 7 zurück.

Auf der anderen Seite Technik-Freaks, die eine Zukunft kaum erwarten können, in der die Menschheit ganz ohne den vor mehr als 30 Jahren erfundenen PC permanent online ist. Als Marktforscher im April bekannt gaben, der Absatzrückgang bei diesen Geräten habe sich im ersten Quartal beschleunigt und werde sich fortsetzen, gab es kein Halten mehr. Am weitesten ging Marc Hachman vom Fachblog Readwrite: „Der PC ist tot.“

Die kernige Diagnose sorgte weltweit für Aufsehen. Doch sie ist schlichtweg falsch, der Patient lebt. Laut Schätzung der Marktforscher von Gartner geht der Absatz bis 2017 um etwa ein Fünftel auf knapp 272 Millionen Geräte zurück, also auf das Niveau von vor sechs Jahren. Die Experten erwarten, dass die Kundschaft die kleinen mobilen Internet-Geräte zusätzlich kauft, nicht als Ersatz für den PC.

Kein seriöser Marktforscher behauptet etwas grundsätzlich anderes: Für die schnelle Online-Information zwischendurch braucht niemand mehr einen großen Rechner, aber fürs ernsthafte Arbeiten und technisch anspruchsvolle Spiele ist er unersetzlich. Da er tendenziell weniger intensiv genutzt wird, muss er allerdings seltener durch ein neues Modell ersetzt werden.

Die eigentliche Frage ist, ob der PC der Zukunft so aussehen wird, wie der langjährige Quasi-Monopolist Microsoft ihn sich vorstellt, oder ob sich die Systeme etwa von Apple oder Google durchsetzen.

„Windows 8 ist auf Kurs“, sagt der Microsoft-Manager Oliver Gürtler. 100 Millionen Lizenzen seien im ersten halben Jahr verkauft worden. „Diese eindrucksvolle Zahl belegt, dass unser Produkt vom Markt sehr gut angenommen wird.“ Gemessen an einem Weltmarkt von rund 350 Millionen Notebooks, Desktop-PCs und leichten Ultra-Mobiles ist dieser Wert jedoch weit entfernt vom traditionellen Marktanteil des Konzerns. Der liegt immer noch bei 90 Prozent. Wären seit dem Verkaufsstart Ende Oktober alle Neugeräte mit Windows 8 ausgeliefert worden, wären mehr als 130 Millionen Lizenzen zu erwarten gewesen, zumal Microsoft den Bestandskunden das Upgrade auf das neueste Windows wochenlang gegen eine Gebühr von nur 30 Euro angeboten hatte. Der reguläre Preis liegt bei 120 Euro, die Professional-Version für Administratoren kostet sogar 280 Euro.

Neu – und unhandlich

Microsoft hat inzwischen auf die große Kritik an der Kachel-Strategie reagiert. Die Beta-Version von Windows 8.1 alias „Blue“ geht in diesen Tagen online; auch das endgültige Update, das in ein paar Monaten folgt, soll kostenlos sein. Damit lässt sich unter anderem der Startbildschirm mit den bunten Quadraten deaktivieren. Dann sieht das neue Windows aus wie das alte – deutlich unordentlicher, dafür aber vertraut.

Ursprünglich hatte der Hersteller gehofft, dass Windows 8 auf dem PC die Nachfrage nach Smartphones mit dem Pendant Windows Phone 8 stimulieren würde. In beide muss sich der Kunde aber erst hineindenken. An sich clevere Neuerungen sind erklärungsbedürftig, etwa die Art, wie sich Programme, Ordner und Apps nach Wichtigkeit sortieren lassen.

Zugleich gehen Routine-Handgriffe ins Leere. So vermissen Stammkunden den „Start“-Knopf, der bei seiner Einführung vor 18 Jahren seinerseits für Spott gesorgt hatte, weil man ihn auch zum Ausschalten brauchte. Er wurde ersetzt durch eine neue Schaltfläche, die man bei Bedarf einblenden kann, indem man den Mauszeiger in die rechte obere Ecke bewegt. In Windows 8.1 kehrt der Start-Button zurück.

Der Manager Gürtler muss jetzt zweigleisig fahren. Während er bei Privatanwendern voll auf die Acht setzt, hat bei den Geschäftskunden erst einmal die Ablösung des Uralt-Betriebssystems XP Vorrang. Es läuft immer noch auf etwa 38 Prozent aller PCs, doch die Microsoft-Zentrale in Redmond garantiert die Wartung – also vor allem Sicherheits-Updates – nur noch bis April 2014.

Die IT-Chefs vieler Unternehmen sind derzeit noch damit beschäftigt, auf Windows 7 umzustellen. Mitten im Projekt noch auf 8 zu schwenken wäre zu riskant. Deshalb hat Microsoft gar keine andere Wahl, als die alte Version vorerst parallel im Sortiment zu behalten. Da im Zuge der Umstellungsprozesse meist auch neue Hardware angeschafft werden muss, bleibt in vielen Büros technisch alles beim Alten, bis diese Investitionen abgeschrieben sind.

Wenn in einigen Jahren dann auch diese PCs abgelöst werden, dürfte diese Geräteklasse allerdings tatsächlich bedeutungslos geworden sein. Microsoft hat gerade ein Gerät in den Handel gebracht, das – wie er sagt – zu einer „Kannibalisierung“ traditioneller Hardware beitragen könnte. Das „Surface Pro“ ist eigentlich ein Tablet. Es hat aber – bis auf die Größe des Speichers – das gleiche Innenleben wie ein Notebook. Dank Windows 8 und andockbarer Tastatur läuft darauf sämtliche Windows-Software. Im Büro lässt sich sogar ein großer Bildschirm anstöpseln. Damit genügt tatsächlich ein Gerät für alle Zwecke.

Allerdings macht Microsoft damit seinen besten Kunden Konkurrenz: Hardware-Herstellern wie Dell, HP oder Acer. Zudem wagt man sich in die Apple-Preislage vor: Das Gerät kostet in Vollausstattung mehr als 1000 Euro. Deshalb bleibt nach unten viel Luft für preiswerte Cloud-Geräte wie Googles Chromebook. Ob die eine Chance gegen vollwertige Windows-Geräte oder Macbooks haben werden, hängt aber weder von den Herstellern noch von den Kunden ab, sondern vom Ausbau der Breitbandnetze. Wenn das Datenvolumen so gedeckelt wird, wie die Telekom es geplant hatte, sind sie kein Ersatz für einen echten PC. ---