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Volles Programm

Technischer Fortschritt, mehr Automation?
Das klingt nach Formeln von gestern, die heute überholt sind. Aber nur dann, wenn man nicht danach fragt, wovon und wie wir morgen leben sollen.




Wir waren kompliziert genug, die Maschine zu bauen, und wir sind zu primitiv, uns von ihr bedienen zu lassen.

Karl Kraus, 1909, Apokalypse

1. RAGE AGAINST THE MACHINE

Ned Ludd war jung, furchtlos und gewaltbereit. Im Jahr 1811 soll der Lehrling in der englischen Grafschaft Nottinghamshire mit einem großen Hammer in die Textilfabrik gelaufen sein, in der er arbeitete. Dann demolierte er die Webstühle und Maschinen. Tausende Kollegen sollen ihm dabei gefolgt sein. Macht kaputt, was euch kaputt macht.

Und war es nicht so? Hatten nicht die Kapitalisten die Arbeiter mit der Automation um ihr Brot gebracht? Musste man dem schnaubenden Monster der Industrie nicht mit dem Vorschlaghammer eins über den Schädel ziehen?

Viele denken so, bis heute, kein Wunder, denn die Schlacht zwischen Mensch und Maschine dauert immer noch an. Damals erobert der Industriekapitalismus die Welt. Als ihm Ned Ludd, der Maschinenstürmer, zeigt, wo der Hammer hängt, sind kaum vier Jahrzehnte vergangen, seit Adam Smith in einer Stecknadelfabrik dem neuen Kapitalismus bei der Arbeit zusah. Dank Automation und Arbeitsteilung schafft ein Arbeiter nun das 240-Fache seiner bisherigen Tagesleistung, 4800 statt 20 Nadeln. Und kaum 20 Jahre bevor Ludds Hammer auf den Fortschritt trifft, hat Edmond Cartwright seine Power Loom erfunden, die erste automatische Webmaschine der Welt. Jahre vorher hatte das schon ein Mann namens John Kay versucht, aber wütende Heimarbeiter zerstörten seine Prototypen, Kay rettete durch Flucht nach Frankreich sein Leben.

Die Maschinen, die Ludd im Visier hat, sind keine Prototypen mehr. James Watts steuerbare Dampfmaschinen liefern ihnen zuverlässig Kraft. Nahezu perfekt werden sie durch eine Erfindung aus Frankreich, die sich in den Tagen des Maschinensturms in ganz England verbreitet: Der aus Lyon stammende Erfinder Joseph-Marie Jacquard hatte die Hochleistungswebstühle seiner Zeit mit einer Lochkartensteuerung versehen und damit die erste frei programmierbare Maschine der Geschichte geschaffen.

Dieser Automat war in der Lage, eine menschliche Idee dauerhaft zu speichern, auch wenn sie nur aus einem Webmuster bestand, und er konnte diese Idee billig und beliebig oft ohne Qualitätsverlust reproduzieren. Das Prinzip, das heute, in der digitalen Ökonomie, jede Produktion treibt, steckte also bereits in der ersten industriellen Revolution. Man musste sich nur eine Anwendung überlegen, die sich durch Automaten umsetzen ließ, Maschinen also, die etwas von selbst, automatisch eben, erledigten. Das Ziel war, was bis heute in der Norm DIN V 19233 den Begriff der Automatisierung definiert: „Das Ausrüsten einer Einrichtung, sodass sie ganz oder teilweise ohne Mitwirkung des Menschen bestimmungsgemäß arbeitet.“

Ohne Mitwirkung des Menschen. Das ist der Satz, der die Hämmer kreisen lässt. Die Ludditen und bald auch ihre Nachfolger auf dem Kontinent hatten es nicht nur auf Maschinen abgesehen, sondern auch auf die Menschen, die sie zu bauen imstande waren. Erfinder, Ingenieure, Innovatoren wurden aufgeknüpft, erschlagen, mit ihren Maschinen verbrannt. Und romantische Edelmänner wie der Dichterfürst Lord Byron besangen die Ludditen als Freiheitshelden. Sogar David Ricardo, Mastermind des Industriekapitalismus, meinte, dass die Einführung der Maschinen für die arbeitende Klasse „sehr schädlich“ sein müsse.

Der Mythos des Maschinensturms hat sich in unserem kollektiven Gedächtnis erhalten. Der Mensch hat Angst, von Automaten und Robotern um seine Existenz gebracht zu werden. Lord Byrons Herzensfreundin Mary Shelley schrieb damals ihren Welthit „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, der 1818 erschien, ein Jahr nach der Niederschlagung der Ludditen-Aufstände.

Frankenstein ist bis heute der Schutzheilige aller Fortschrittsängstlichen. Im Windschatten des Monsters kommt eine alte Geschichte aus dem Prager Mittelalter zu neuen Ehren, der Golem. Den schafft sich der Rabbi Löw, um einen Knecht für den Sabbat zu haben, an dem fromme Juden keine Arbeit verrichten dürfen. Der Golem darf immer arbeiten, kein Gott nimmt ihm das übel. Und er wird mit einer Geheimformel aus der Kabbala hochgefahren. Sie erweckt den „technischen Fortschritt“ – nach der Definition von Wikipedia der Prozess der „mithilfe von Maschinen realisierten Übertragung von Arbeit vom Menschen auf Automaten“.

Fortschritt ist also, wenn die Golems die Arbeit machen, die wir nicht machen wollen oder sollen. Das fasziniert die einen bis heute, die anderen gruselt es. In Prag riefen die Kinder: Dreh dich nicht um, der Golem geht um. Doch das ist ein schlechter Rat. Drehen wir uns um, schauen wir hin.

2. DER BESTE FREUND DES MENSCHEN

Wie sieht die Welt aus, die sich zu Zeiten des Ned Ludd durch die Automation verändert? Die Maschine bemächtigt sich der Landwirtschaft, in der die Mehrheit der Menschen arbeitet, nein, schuftet. Welcher Fortschrittsleugner kennt diese Welt schon? Wer weiß, wie es auf den Gutshöfen zuging, in den schmutzigen und engen Bauernhäusern, auf dem Land, wo bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein ein Viertel aller Arbeitskräfte allein mit dem Dreschen des Getreides beschäftigt war – eine mühsame Beschäftigung, die als eine der ersten in der Landwirtschaft automatisiert wird? Die Automation wird allein im 20. Jahrhundert dafür sorgen, dass ein Landwirt sich selbst und mehr als hundert Menschen ernähren kann – 1910 liegt das Verhältnis bei eins zu zehn.

Tatsächlich haben uns Maschinen und Automation in den vergangenen 200 Jahren von Existenzproblemen und viel Mühsal befreit. Dass noch genug übrig geblieben ist, liegt daran, dass es ziemlich viel aufzuräumen gibt in dieser Welt. Aber das ist nicht die Schuld der Maschinen.

3. MENSCH GEGEN MASCHINE 2.0

Der technische Fortschritt schafft den Mehrwert, der den Sozialstaat und ein Bildungssystem erst möglich gemacht hat. Darin sind sich alle maßgeblichen politischen und ökonomischen Strömungen einig. Doch irgendetwas stimmt mit dem Geist in der Maschine nicht mehr. Aus dem überholten Rage Against The Machine, der Raserei des Maschinenstürmerzeitalters, sei ein Race Against The Machine geworden, ein Wettlauf gegen die Maschine. Das behaupten amerikanische Ökonomen vom Massachussetts Institute of Technology (MIT).

2011 veröffentlichten sie im Magazin „The Atlantic“ eine Artikelreihe, die auf einer von ihnen durchgeführten Studie basiert und die jüngst auch von deutschen Medien wie dem „Spiegel“ aufgegriffen wurde. Die Kernthese der Forscher lautet: Automation im digitalen Zeitalter bricht mit der alten Regel, dass der technische Fortschritt stets mehr Nutzen als Schaden anrichtet. In den nächsten fünf bis zehn Jahren, so zitiert der „Spiegel“ den Forscher Andrew McAfee, werde man diesen „Wandel weltweit erst richtig zu spüren bekommen“.

Da haben wir es – die Automation frisst ihre Kinder. Bisher funktionierte das Modell nach einer einfachen Formel: Technischer Fortschritt bringt gesellschaftlichen Fortschritt. Wo alte, weniger qualifizierte Jobs wegfielen, entstanden neue und besser bezahlte Arbeitsplätze. Aus Arbeitern wurden Angestellte, Manager und Ingenieure, die die Automaten bauten, programmierten und kontrollierten. Die gesamte Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft basiert auf dieser Idee: Aus Alt mach Neu. Aus Gut mach Besser. Schmutzige Arbeit fällt weg, Wissensarbeit entsteht. Die Bilanz von Modernisierungsgewinnern und -verlierern musste nur stets zugunsten der Gewinner ausfallen. Der Rest ergab sich.

Doch das, sagen Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson, sei vorbei. Die Wissenschaftler haben drei große Bereiche ausgemacht, in denen sich ihrer Erhebung nach die Verhältnisse im digitalen Zeitalter besonders stark verschoben haben: (1) in dem zwischen Hoch- und Geringqualifizierten, (2) zwischen den sogenannten Superstars in der Unternehmenspraxis und allen anderen und (3) in der Relation von Kapital und Arbeit.

Dass eine höhere Qualifikation mit fortschreitender Entwicklung immer wichtiger wird, klingt nach Binsenweisheit. Doch die Autoren belegen, wie groß der Unterschied zwischen Geringqualifizierten und gut Ausgebildeten schon geworden ist: Zwischen 1963 und 2008 hat sich die Einkommensschere zwischen Hochschul- und College-Absolventen einerseits und jenen, die nur einen Highschool-Abschluss oder gar keinen haben, deutlich auseinanderentwickelt. Besonders auffällig sind dabei die Kurven seit Beginn der Achtzigerjahre – als sich die digitale Technik auf breiter Front durchsetzt. Die Nachricht ist eindeutig: Ohne verstärkte Anstrengungen in Bildung wächst die Zahl der Modernisierungsverlierer. Menschen mit niedriger Bildung und Ausbildung sind in der Tat leicht ersetzbar geworden. Das trifft in der Untersuchung der MIT-Forscher auf die USA zu, aber es gilt auch in Asien, etwa für die Produktionsgroßmacht China. Als Beweis führen die Wissenschaftler die Aussage von Terry Gou an, Chef des Elektronikherstellers Foxconn, der 2011 verkündete, im Laufe der nächsten Jahre bis zu einer Million Industrieroboter anschaffen zu wollen. Das müsste für die 1,2 Millionen Foxconn-Arbeiter dramatische Folgen haben, schlussfolgern Mc Afee und Brynjolfsson.

Mit dem Superstar-Syndrom meinen die beiden das ihrer Meinung nach aus dem Ruder gelaufene Verhältnis zwischen dem Branchenprimus und den Nächstplatzierten. „The Winner takes it all“ sei zunehmend das Motto im digitalen Wettbewerb. Der Erste nimmt (fast) alles, den anderen bleibe (praktisch) nichts: „Die Fähigkeiten, Erkenntnisse und auch die Entscheidungen einer einzelnen Person können ganze nationale oder sogar globale Märkte dominieren“, schreiben die Autoren – wer denkt da nicht an Amazons Jeff Bezos, Apples Tim Cook oder Facebooks Mark Zuckerberg? Die Kunden neigten zudem dazu, „für Premiumangebote auch Premiumpreise zu bezahlen“. Schlechte Nachrichten für das Mittelmaß.

Auch das habe mit der Automation zu tun. Und es gelte in allen Sphären, auch in der Kunst. Bevor man früher die Stimme eines Sängers oder Musikers habe aufzeichnen und reproduzieren können, so McAfee und Brynjolfsson, habe es ein lokales Publikum, also einen lokalen Markt gegeben, den man durch physische Präsenz erobern konnte. Man musste sich nach oben tingeln – aber heute, im Zeitalter der mit Lichtgeschwindigkeit verbreiteten digitalen Kopie, die noch dazu perfekt klingt, streicht der Superstar alles ein. Man denke, sagen die Forscher, nur mal an Lady Gaga.

Und gaga, verrückt, sei auch die Schere zwischen den Einkommen von Managern und denen normaler Mitarbeiter. Ein durchschnittlicher US-Vorstandsvorsitzender verdiente 1990 immerhin das 70-Fache eines seiner Angestellten, im Jahr 2005 ist daraus das 300-Fache geworden.

Diese Zahlen zeigen, wie weit sich das dritte Problem, die Relation von Kapital und Arbeit, schon entwickelt hat. Heute brauchen die meisten Fabriken auch bei hohem Automationsgrad noch menschliche Arbeitskräfte, aber das Verhältnis verschiebt sich zugunsten der Maschinen. Das wiederum, schreiben McAfee und Brynjolfsson, führe zu geringeren Lohnausgaben; den Kapitalisten bleibt mehr für sich selbst. „Natürlich sind Kapitaleigner auch Menschen, damit bleibt das Geld in der Gesellschaft – aber es verteilt sich auf weniger Leute.“ Damit befinden sich McAfee und Brynjolfsson dort, wo sich noch der letzte unschlüssige Kapitalismuskritiker abholen lässt: „Das Kapital bekommt einen größeren Anteil am Kuchen“, so lautet ihre Schlussfolgerung.

Zusammengefasst: Automaten und Kapitalisten brennen mit dem Fortschritt durch – und wir bleiben zurück.

4. PHANTOM-SCHMERZEN

Zweifelsohne passt die MIT-Studie zum Zeitgeist. Die OECD-Länder leiden unter einem Verlusttrauma. Denn seit Ende der Siebzigerjahre wandert Industriearbeit nach Asien, vor allem China, ab. Wir fühlen uns amputiert. Was die Industrie angeht, leiden wir unter Phantomschmerzen.

Das fing bereits in den Zeiten des Wirtschaftswunders an. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine in der Menschheitsgeschichte bisher einmalige Phase des Wachstums und der Wohlstandsverteilung. Sie dauert, wenngleich abgeschwächt, bis heute an. Das Epizentrum ist die amerikanische Nachkriegswirtschaft, der Konsumkapitalismus, den sie hervorbringt, und die konsequente Automatisierung der Produktion auf allen Ebenen. Die Methoden und Techniken, mit denen die Amerikaner den Sieg auf den Schlachtfeldern für sich entschieden, werden auch im zivilen Kapitalismus angewandt. Der Computer zum Beispiel. Er ist ein Kind des Krieges, aber bald schon in Banken, Versicherungen und in der Produktion präsent.

Bei der Ford Motor Company, schon vor dem Krieg Pionier der Automation, arbeiten bald sogenannte Elektrobots, elektrisch betriebene Industrieroboter der ersten Generation. Im Vergleich zu den Hochleistungsautomaten, die heute in jeder Automobilproduktion werken, sind es geradezu niedliche Apparate. Doch die Gewerkschaft macht sofort mobil.

Walter Reuther, der charismatische Boss des einflussreichen Congress of Industrial Organizations, verbreitet das Schlagwort von der „technologischen Massenarbeitslosigkeit“. Man müsse, schreibt der „Spiegel“ darüber im Jahr 1955, mit einem „neuen Maschinensturm als Gegenreaktion“ rechnen. Alle, „die bestreiten, dass der verstärkte Einsatz von Elektrobots zu einer technologischen Massenarbeitslosigkeit führt ...“, werden schlicht zu „Fanatikern der Automation“ erklärt. Es drohe eine „Revolution der Roboter“, und wer sich nicht zu einem „Roboterdompteur ausbilden lassen darf“, verliere seine Existenz.

Unglaublich? Der Mathematiker Norbert Wiener, der zu den führenden Computerforschern seiner Zeit zählt, wird mit dem Satz zitiert, dass bald auch schon „die kleinste wirtschaftliche Existenz“ nicht mehr sicher sei „vor der Konkurrenz der Roboter – nicht einmal die Toilettenfrau“.

In einer „Spiegel“-Geschichte von Mai 2013, die die Thesen von McAfee und Brynjolfsson aufgreift, prophezeit Richard Posner, Juraprofessor aus Chicago, Taxi-, Bus- und Fernfahrern dieses Schicksal: Vier Millionen Jobs gingen in den USA verloren, so Posner, wenn die von Google entwickelten Prototypen selbststeuernder Autos Alltag würden.

Das ist so wahrscheinlich wie alle bisherigen Prognosen, den Weltuntergang durch technischen Fortschritt betreffend. Sie leben stets vom schlechten Gedächtnis des Publikums, das sich wohlig gruseln will. So konnte der IG-Metall-Funktionär Günter Friedrichs schon 1963 behaupten, dass durch Automation in den Jahren 1953 bis 1958 jährlich 1,5 Millionen Arbeitsplätze in der BRD „eingespart und freigesetzt“ worden seien – gleichzeitig herrschte ein vielfach beklagter Arbeitskräftemangel.

1964 berichtete der „Spiegel“ unter dem Titel „Einzug der Roboter“ von neuem Ungemach der Automation. Das Ifo-Institut hatte zehn Unternehmen aus verschiedenen Branchen untersucht, vor und nach der Automation. Zuvor hatten die Firmen insgesamt 29212 Beschäftigte, danach 55001, also 25789 Arbeitsplätze mehr. Überdies waren Umsatz und Gewinn in allen Unternehmen deutlich angestiegen. Dennoch argumentierte das Blatt: Ersetzte man die Automaten wieder durch Menschen, müssten die Unternehmen „eigentlich heute 138018 Angestellte und Arbeiter beschäftigen“. Ganz gleich, was die Automation leistet: Sie nimmt uns etwas weg.

An den bisherigen Höhepunkt gelangt dieser Aberglaube im Jahr 1978, als die „Computer-Revolution“ die Bundesrepublik erreicht. Der „Spiegel“ begrüßt sie mit der Titelzeile „Fortschritt macht arbeitslos“. Ein Roboter packt dabei einen Arbeiter am Schlafittchen und räumt ihn zur Seite: erst die Revolution, dann die Exekution.

Dem Land, so wird ein IG-Metall-Vorstandsmitglied zitiert, stehe „eine soziale Katastrophe bevor“. Die Historikerin Annette Schuhmann schreibt über die damalige Panikmache, die neben Deutschland vor allem Großbritannien, die zweite Industriegroßmacht mit Amputationsgefühlen, betraf: Britische Gewerkschafter verkündeten „Ende der Siebzigerjahre für das Jahr 2000 den Verlust von 80 Prozent aller Arbeitsplätze durch die Mikroelektronik“.

Bis heute glauben das viele Angehörige der Eliten. Tatsächlich schafft die Transformation von der späten Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft neue Jobs. Zwischen 1980 und 2010, dem Zeitraum also, in den der gefühlte Weltuntergang fällt, wächst das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte um das Zweieinhalbfache. Die Beschäftigungsquote in Deutschland steigt von 59,9 Prozent im Jahr 1983 auf 71,1 Prozent im Jahr 2010. Die IT-Branche beschäftigt in diesem Jahr mehr als 900000 Menschen allein in Deutschland. Und auch der Aufstieg ehemaliger Armenhäuser wie Indien ist untrennbar mit der Teilhabe an der digitalen Welt verbunden.

5. UNIKATSARBEIT

Doch was Luddisten nicht hören wollen, hören sie nicht. Ulrich Klotz kennt das. Seit den Achtzigerjahren war der Informatiker und weithin anerkannte Arbeitswissenschaftler im Vorstand der IG Metall für die Themen Forschungs- und Innovationspolitik, Wissensgesellschaft und Zukunft der Arbeit zuständig. Nicht nur in der Gewerkschaftsbewegung gibt es bis heute kaum jemanden, der Klotz das Wasser reichen kann, wenn es um den Zusammenhang von Computer, Automation und Arbeit geht. Im Bundeskanzleramt hat man den Gewerkschafter in die Expertengruppe „Zukunft der Arbeit“ berufen.

Für Klotz hat sich die beliebte Frage, ob Automation „Segen oder Fluch“ sei, längst von selbst beantwortet: „Selbstverständlich ist das ein Segen für alle. Jede Arbeit, die eine Maschine machen kann, soll auch eine Maschine machen. Dazu ist sie da. Ihre Aufgabe ist ganz einfach: uns Menschen Zeit zu geben für sinnvolle Beschäftigung statt mühsamer, sturer Routine. Die Reproduktion ist Sache der Maschine.“

Dass sich so viele wieder und immer noch an das alte Denken klammern, ist ein großes Problem für den Experten: „Wir müssten schon längst alle Kräfte in Richtung Unikatsarbeit konzentrieren, also Bildungs- und Ausbildungssysteme entwickeln, die die Kreativität des Einzelnen fördern und nicht seine Fähigkeit als Reproduktionskraft in der Fabrik.“ Unikatsarbeit ist der Begriff, den Klotz für die Tätigkeit in der Wissensgesellschaft benutzt. Statt monotoner Abläufe wird menschliche Arbeitskraft in individuelle, hochwertige und damit auch „humanere Arbeit umgesetzt, in Arbeit, die auch produktiver ist als alles, was wir als Maschinenersatz leisten können“.

Das Perpetuum mobile der Wissensgesellschaft sei längst erfunden und erkannt, sagt Klotz: Es bestehe darin, „aus Informationen unablässig Wissen zu erzeugen. Wissen wird immer ein knappes Gut sein, da geht uns die Arbeit nie aus, und wir werden seit vielen Jahren Zeuge, dass jede Automatisierung zu immer besseren Jobs führt.“

Allerdings hätten Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson durchaus auch recht: Zurzeit ließen sich die Automatisierungsgewinne in der digitalen Welt auf zu wenige Leute umlegen. Was tun? Vielleicht eine Maschinensteuer, eine Idee, die mal wieder Gewerkschaften propagierten? Wenn Automation alte Jobs vernichtet, ist es doch logisch, dass man so entstandene Gewinne abschöpft. Klotz winkt ab: „Das ist Quatsch. Was wir tun müssen, ist, durch Bildung so viele Menschen wie möglich auf die Seite der Modernisierungsgewinner zu bringen. Das ist das einzige Konzept, das nachweislich funktioniert. Wissen bleibt das Mittel gegen Ohnmacht.“

6. VOLLAUTOMATIK

Eine besser ausgebildete Gesellschaft kann dann auch all jene mitnehmen, die es nicht allein schaffen – und die wird es geben. Alles, was eine Gesellschaft und ihre Ökonomie tun kann, ist, deren Zahl so klein wie möglich zu halten. Aber dazu müssten sich Eliten, Manager, Politiker und Medienleute von der Kultur der alten Industriegesellschaft lösen. Solange sie an schlecht bezahlten, miesen Jobs in der industrialisierten Dienstleistung festhalten, wo Menschen immer noch billiger sind als Roboter oder Kassenautomaten, und solange sie unwidersprochen behaupten können, dass alles besser sei als keine Arbeit (und ein Grundeinkommen als Teufelswerk gilt), ist es leicht möglich, dass für einige „der Faden schnell reißt“, wie Thomas Straubhaar, der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), sagt.

Er setzt auf Pragmatismus statt Panikmache. Eine Maschinensteuer sei „kontraproduktiv, weil wir die Quelle des Wohlstands, die Automation und den technischen Fortschritt, bestrafen statt fördern. Arbeit darf man nicht teuer machen. Nur Geld, das den Produktionskreislauf verlässt, soll besteuert werden. Wenn der Kapitalist zum Privatier wird, ist er fällig“, setzt Straubhaar den Rahmen. Im Umkehrschluss ist das ein Appell für eine vollautomatische Ökonomie – mehr Effizienz, mehr Automation, mehr Leistung. Und das muss auch gesellschaftlich akzeptiert und als Priorität verstanden werden: „Eine wahrhaft soziale Gesellschaft gibt der Leistung den höchsten Stellenwert, sie tut alles, damit sie sich entfalten kann“, sagt Straubhaar, denn: „Alles, was produktiv ist, hilft denen, die es nicht sein können.“

Mehr Leistung und mehr Wachstum seien nicht, wie man heute gelegentlich hört, das Problem, sondern die Lösung. Und klar, dass damit nicht mehr das schiere physische Wachstum gemeint ist, das angesichts begrenzter Ressourcen zum zentralen Thema der Wohlstandsgesellschaften geworden ist. „Das Potenzial liegt natürlich im endlosen Wachstum des Wissens, das schafft Fortschritt, hier werden die Werte geschaffen“, sagt Straubhaar. Also dort, wohin uns die Automation führt.

7. DIE RÜCKKEHR DER INDUSTRIE

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Produkte heute aus chinesischen Fabriken kommen. Müsste sich der Kampf Mensch gegen Maschine nicht dort wiederholen? Was, wenn die Roboter tatsächlich die Foxconn-Arbeiter um ihre Existenz bringen? Fragen wir ganz egoistisch: Was macht die Industrie, wenn ihr Exil in China nicht mehr taugt? Wenn Automaten dort den Job machen? Das Kapital hat sich billige Arbeitskräfte gesucht und sie in Asien gefunden. Aber was, wenn das gar keine Rolle mehr spielt? Und wenn man viel leichter und billiger als heute produzieren kann, wo immer etwas gebraucht wird, weil die Fabrik wieder nahe beim Käufer steht?

Hans Langer, Gründer der EOS e-manufacturing Solutions in Krailling bei München ist überzeugt: „Die Industrie kommt zurück, und zwar durch die Wissensarbeit.“ Er kann es beweisen. EOS steht für Electro Optical Systems. Die CAD-Daten (Computer-Aided Design) treiben einen Laser an, der einen dreidimensionalen Körper Schicht für Schicht aufbaut. Damit lassen sich heute beispielsweise Brücken in der Zahntechnik herstellen, eine Maschine schafft in einer Schicht 450 Kronen und Brücken, ein guter Zahntechniker schafft in der Zeit vielleicht zehn oder zwölf Einheiten. Die EOS-Automaten produzieren Einzelstücke, höchst individuelle Anfertigungen. Rapid Prototyping (RP) heißt das, es ersetzt die alte Massen- und Serienfertigung der Industrie. Den Begriff der RP kennt man auch als Fabbing, die Abkürzung von Digital Fabricator. Da geht es um Einzelstücke, um individualisierte Produktion.

Man „druckt“ Formen mithilfe eines Lasers aus einem Grundwerkstoff. Die Technik ist ressourcenschonend, weil nur so viel Werkstoff verwendet wird, wie man jeweils braucht. Vielleicht ist die Vision, dass bald jeder Haushalt seinen 3-D-Drucker zu Hause hat, der ihm auf Knopfdruck Ersatzteile ausspuckt, eine Übertreibung. Aber dass die neuen Verfahren die Produktion revolutionieren, zu einer Industrie der Wissensgesellschaft führen, hat man anderswo schon verstanden. Der US-Präsident Barack Obama, sagt Langer, fördere genau diesen Industriebereich – also „eine wissensbasierte Produktion, RP, Fabbing. Das kommt jetzt aus China in den alten Westen zurück.“

Die neuen Universalmaschinen erobern sich neues Terrain. Mittlerweile kann man auch klassische Serienfertigung wie Gussteile in der Automotorentechnik durch Fabbing ersetzen. Das ist für die Anbieter sehr attraktiv. Maschinen und Werkzeuge sind teuer. In der Welt der Massenfertigung mussten sie immer getauscht werden, wenn es eine Innovation gab. Oder die Innovation musste sich eben zurückhalten, bis sich die Maschine und das Werkzeug amortisiert hatten. Nicht zuletzt deshalb wird Innovation in der traditionellen Massenfertigung als notwendiges Übel empfunden, das viel kostet, ein hohes Risiko birgt und stets eine Entscheidung für viele Jahre bedeutet. In der Welt des Rapid Prototyping hingegen gebe es kein teures Werkzeug mehr, sagt Langer. Man sei jederzeit in der Lage, beispielsweise länderspezifische Produkte auf Knopfdruck herzustellen. Programmierung genügt.

Das alles zeigt die Richtung, in die Industrie, Automation, Produktion sich entwickeln werden. Und das muss eben nicht bedeuten, dass sich der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit zugunsten des Kapitals zuspitzt. Im Gegenteil: Nachdem die Fabriken aus Kostengründen einmal um den Globus gezogen sind, um nun in China vor steigenden Lohnkosten und einer rapiden Anpassung an westliche Verhältnisse zu stehen, kehrt eine neue Produktion zurück. Es sind wieder Menschen, die wichtiger sind als das Kapital – gut ausgebildete Organisatoren der Produktion, Wissensarbeiter, Programmierer und vor allem Kreative. Das Kapital holt sich nicht das immer größere Stück vom Kuchen, wie die MIT-Forscher befürchten, sondern es tut, was es kann: investieren – allerdings nicht mehr in Fabriken, sondern in Innovationen.

Foxconns Roboterfabriken sind nur ein Teil der Zukunft. Wichtiger ist: Die Automation verhilft zu einer Maschine, die unsere Ideen und Problemlösungen besser umsetzen kann als je zuvor. Die Industrie, die viele als Belastung für unsere Welt empfanden, wird durch die Verbindung mit den digitalen Techniken zu einem Ermöglicher. Und das gilt eben nicht für einige superreiche Superstars, sondern für mehr Menschen als zuvor, weil die Investitionen für Rapid Prototyping erheblich unter jenen für große alte Maschinenfabriken liegen. Sollte man da nicht noch einmal neu über das Alte nachdenken, etwa über den technischen Fortschritt?

Im Jahr 1966 bemerkte der Automationsexperte Kurt Pentzlin, der die Keksfabrik Bahlsen in Hannover zu einem Musterbetrieb gemacht hatte, dass die zum Thema ausgetauschten „Argumente und Gegenargumente nur Wiederholungen sind, wenn auch zum Teil mit neuen, einst ganz unbekannten Vokabeln. Diese Argumente sind gute alte Bekannte für jeden, der die Geschichte der modernen Technik und ihres Eindringens in die Wirtschaft seit den Maschinenstürmern kennt.“ Alles sehe so aus, so Pentzlin vor 47 Jahren, „als ob eben jede Generation von Neuem ihre Angst vor den Maschinen überwinden muss, als ob jede Generation ohne die Erfahrung der früheren sich mühsam die Erkenntnis erarbeiten muss, dass technischer Fortschritt niemals der Feind des Menschen ist, sondern ein guter Freund“.

Maschinensturm ist das Gegenteil von Freiheitskampf. Die historische Forschung hat die Luddisten längst als das identifiziert, was sie waren: Besitzstandswahrer, die ihre handwerklichen Privilegien, die sie seit dem Mittelalter besaßen, gegen Konkurrenz aller Art mit Gewalt verteidigten. Karl Marx und Friedrich Engels hielten die Maschinenstürmer für reaktionäre Esel, die lieber den Vorschlaghammer rausholten, als darüber nachzudenken, wie sich die Automation für alle nutzen ließe, etwa indem sie dem Menschen schwere und gefährliche Arbeit abnimmt. Die Gründerväter des Kommunismus waren große Automatenfreunde, Freunde des Fortschritts, Progressive eben. In den USA berufen sich vor allem die Demokraten, aber auch die Republikaner auf ihr „progressives Erbe“.

Der gemeinsame Nenner dieses Denkens ist einfach: Der technische Fortschritt in Form der Maschine soll uns von Plage und Mühsal frei halten. Wir haben Besseres zu tun, etwa noch leistungsfähigere Automaten zu erfinden oder, was ja auch nicht dumm wäre, uns den Früchten des Fortschritts zu widmen – also den Müßiggang zu pflegen. Der Preis ist hoch: Der Einzelne muss lernen, was er wirklich will. Aber ist das nicht besser als sinnloses Schuften? ---