Partner von
Partner von

Verrat für den Fortschritt

• Er hatte es in der Zeitung gelesen. Dort stand im Jahr 1786, dass Textilarbeiter, die in der Lage waren, auch nur minderwertige mechanische Spinnereien zu bauen, in New York mit 100 Pfund belohnt würden. 100 Pfund, das war auch für Samuel Slater viel Geld – und es bot sich für ihn endlich eine Möglichkeit aufzusteigen.




Wer die neuesten Maschinen hat, der beherrscht die Wirtschaft. Daher war es im 18. Jahrhundert in England bei Strafe verboten, Industriegeheimnisse auszuplaudern. Samuel Slater ignorierte das souverän.

Eigentlich hatte er Glück gehabt im Leben. Am 9. Juni 1768 wurde er auf der Holly House Farm in Blackbrook im englischen Derbyshire als drittes von fünf Kindern geboren. Sein Vater war Farmer, und als Jedediah Strutt, ein Freund der Familie, fragte, ob nicht einer der Söhne bei ihm in der Spinnerei im nahen Milford in die Lehre gehen wolle, wurde Samuel ausgesucht.

Mit 14 Jahren fing er dort an zu arbeiten, und bald stieg er zum Vorarbeiter auf. Ihm gefiel die Tätigkeit, er war ehrgeizig, doch nach einem Gespräch mit Strutt, wurde ihm klar, dass er in der Firma nicht mehr weiterkommen würde. Die verantwortungsvollen Jobs waren für Strutts drei Söhne reserviert.

Es war die Zeit der Industriellen Revolution, und England war eine Wirtschaftsgroßmacht. Sie verfügte zwar kaum über Rohstoffe, dafür aber über Tüftler wie den Fabrikbesitzer Strutt, der lange mit dem Erfinder Richard Arkwright zusammengearbeitet hatte. Gemeinsam hatten sie die erste mechanische Spinnerei entwickelt.

Die Maschine konnte ungleich mehr Baumwollgarn produzieren, als vorher manuell möglich war. Über ein Mühlrad wurde die Spinnerei mit Wasserkraft betrieben und lief ohne Unterbrechung.

Die Pläne von solchen Industrieanlagen betrachtete die englische Regierung als Staatsgeheimnis. Das hatte einen einfachen Grund: Man wollte nicht, dass das unabhängige Amerika – der größte Exporteur von Baumwolle – an die Technik für deren Verarbeitung kam.

Auf eigenes Risiko

Um seinen technischen Vorsprung zu sichern, verabschiedete England 1774 ein Gesetz, das es Textilarbeitern verbot, in die USA zu reisen. Ebenfalls untersagt war es, Baupläne und Maschinen außer Landes zu schaffen. Kapitäne von Hochseedampfern mussten überprüfen, dass ihre Passagiere „keine Hersteller oder Handwerker sind oder waren, die Wolle, Eisen, Stahl, Messing oder andere Metalle verarbeitet haben“. Empfindliche Strafen waren für Schiffsführer vorgesehen, die dem nicht nachkamen. Textilarbeitern, die auswanderten, wurde die Staatsbürgerschaft entzogen, ihr Besitz in der Heimat beschlagnahmt, sie konnten sogar nach ihrer Rückkehr wegen Hochverrats vor Gericht gestellt werden.

Fieberhaft versuchten andere Nationen hinter das Geheimnis der Maschinen zu gelangen. Amerikanische Diplomaten waren besonders aktiv, sie versprachen Arbeitern, die auswandern wollten, sogar Prämien.

Als Samuel Slater in der Zeitung las, dass Männer wie er in Amerika gefragt waren, fasste er heimlich den Entschluss, es zu versuchen. In London löste er ein Ticket nach New York. Bevor er an Bord ging, gab er noch einen Brief an seine Familie auf, um sie ins Bild zu setzen. Dann verkleidete er sich als Farmer und reiste am 1. September 1789 nach Amerika. Sein Ausbildungszeugnis, das ihn als Textil-Spezialisten auswies, hatte er in seine Kleidung eingenäht. Offenbar war er auch unter falschem Namen an Bord gegangen, sein Name wurde nie auf einer Passagierliste gefunden.

In New York angekommen war er nicht der erste Textilarbeiter aus England. Aber er war einer der wenigen, die genau wussten, wie die Arkwright-Spinnerei funktionierte. Jedes Detail hatte er sich vor seiner Abreise eingeprägt. Und er hatte Erfahrung darin, wie man eine Fabrik leitet.

Bald hörte er von einem Mann namens Moses Brown, einem reichen Händler, der schon Maschinen nach Amerika geschmuggelt und vergeblich versucht hatte, eine Spinnerei aufzubauen. Slater schickte ihm einen Brief und bot an, für ihn zu arbeiten. Um die Ernsthaftigkeit seines Angebots zu unterstreichen, schrieb er: „Sollte es mir nicht gelingen, Garn von solcher Qualität zu produzieren, wie sie es in England herstellen, werde ich für meine Dienste nichts verlangen und will vergessen, was ich versuchte zu tun.“

Brown willigte ein. In Pawtucket auf Rhode Island bauten sie gemeinsam eine Spinnerei, angetrieben wurde sie vom Blackstone River, an dem sie lag.

Im Dezember des Jahres 1790 gelang ihnen schließlich, was sie lange versucht hatten: das erste mechanisch hergestellte Garn in den Vereinigten Staaten von Amerika zu produzieren. 72 Spinnmaschinen surrten in der automatischen Fabrik.

Brown und Slater fertigten weit mehr Garn, als die Weber in der Umgebung verarbeiten konnten. Bekannte rieten ihnen, die Produktion zu drosseln. Doch die beiden hatten Größeres im Sinn. Statt ihre Produkte nur lokal anzubieten, verkauften sie sie im ganzen Land.

Schließlich hatte Samuel Slater nicht nur englisches Know-how nach Amerika gebracht, sondern auch englisches Management. Während seine Konkurrenten nur dann Garn produzierten, wenn die Kunden auch welches bestellt hatten, ließ Slater die Fabrik ohne Pause laufen, wodurch er die Stückkosten senken und so die Nachfrage stimulieren konnte. Die anderen Garnhersteller wollten die gesamte Produktionskette kontrollieren. Slater hingegen konzentrierte sich nur auf die Spinnerei – und begründeten damit die Textilindustrie des Landes.

Sein – aus englischer Sicht – Hochverrat bescherte Amerika einen gewaltigen wirtschaftlichen Schub. Im Jahr 1790 wurden dort noch zwei Millionen Pfund Garn hergestellt. Im Jahr 1835 waren es schon 80 Millionen Pfund. Schließlich lösten die USA England als Weltmarktführer in der Branche ab.

Samuel Slater blieb in seiner neuen Heimat, bei deren Aufbau er tatkräftig mitgeholfen hatte. Regelmäßig schrieb er an seine Familie und gab an, bald zurückkehren zu wollen. Tatsächlich ist er aber nie mehr nach England gereist. Womöglich aus Angst, es könne ihm dort der Prozess gemacht werden. Dafür kam auch einer seiner Brüder nach Amerika, mit neuen Plänen für modernere Maschinen.

1795 schickte Slater seinem einstigen Lehrmeister, Jedediah Strutt, eine Probe des von ihm hergestellten Garnes. Das Produkt, so schrieb dieser zurück, sei von hervorragender Qualität, es gebe nichts daran auszusetzen. Vorwürfe, er habe Geheimnisse verraten, hat er ihm keine gemacht. ---