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Nest Thermostat

Ein Designer lernt bei Apple, sucht sich ein neues Betätigungsfeld und gründet eine Firma – für? Thermostate. Klingt nicht gerade naheliegend. Ist es aber.




• Der erste Weihnachtsfeiertag 2012 brachte Tony Fadell und Matt Rogers eine besondere Bescherung. Die Gründer der Firma Nest Labs konnten live mitverfolgen, dass sie einen Nerv getroffen hatten: Nest, ihr Thermostat mit Internetanschluss, der stolze 249 Dollar kostet, so groß wie ein Hockey-Puck ist und vom Kunden selbst installiert werden soll, entwickelte sich zum Renner.

„Wir waren von den Socken“, erinnert sich Fadell. „So viele Aktivierungen wie an Weihnachten hatten wir noch nie. Das heißt, die Leute packten das Ding aus und schlossen es gleich an, weil sie damit spielen wollten. Mit einem Heizungsregler!“ Nest kommuniziert über WLan, deshalb hatte Fadells Team genau im Blick, was an jenem Abend passierte. Und noch etwas ist überraschend: Obwohl man den Thermostaten bislang nur in Nordamerika kaufen kann, haben Geräte als Grau-Importe den Weg in bislang 82 Länder gefunden. Die Niederlande und Skandinavien etwa sind Hochburgen in Europa. „Das ist ähnlich wie bei iPod und iPhone“, sagt Fadell. „Die Leute finden etwas wunderbar und tragen es in alle Welt, bevor es dort erhältlich ist.“

Über Apple-Produkte kann der Ingenieur mit durchdringendem Blick und kahl rasiertem Schädel wie ein Wasserfall reden. Fadell, 44, hat dort einen Großteil des vergangenen Jahrzehntes verbracht, das iPod-Geschäft von der vagen Idee bis zum Welterfolg aufgebaut und von Steve Jobs gelernt, was „emotionale Dynamik“ ist. Deshalb wollte er auch nie einfach nur den besseren Thermostaten bauen, sondern Haushaltstechnik, die Probleme löst und Gefühle weckt. Bislang hat die Firma 80 Millionen Dollar von namhaften Investoren bekommen, um ihre Idee vom intelligenten Haus zu verwirklichen.

„Nutzerfreundlichkeit beginnt lange vor der Entwicklung eines Gerätes oder einer App“, sagt der Nest-Chef. „Auf welchem Weg hören Leute von einem Produkt zum ersten Mal, wie genau kaufen sie es? Was erleben sie, wenn sie es auspacken und in Betrieb nehmen wollen? Wie ist ihre Erfahrung, wenn ein paar Wochen oder ein Jahr vergangen sind? Emotionale Dynamik heißt, dass man auf ein positives Erlebnis immer noch eins draufsetzt.“

Die Sozialisierung ist unverkennbar: Nest-Tüftler bei der Arbeit

Kunden sollen bei diesem sorgfältig aufgebauten Spannungsbogen keine Enttäuschung erleben. Wenn das gelingt, argumentiert Fadell, übernehmen begeisterte Kunden die Rolle von Verkauf und Vertrieb, was wiederum die Glaubwürdigkeit steigert. „Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das System Nespresso ist für mich das beste Beispiel“, sagt er. „Man muss nicht mehr bei irgendeinem angesagten Café Schlange stehen, sondern kann plötzlich zu Hause Wahnsinnskaffee zaubern. Meine Frau ist so begeistert davon, dass sie durch ihre Mundpropaganda bestimmt schon 500 Maschinen verkauft hat.“

Das Ziel: mühelos Energie sparen

Klingt gut – aber wie will man starke Gefühle für ein so langweiliges Produkt wie einen Thermostaten erzeugen? Die Regler sind in den USA fester Bestandteil zentral beheizter Häuser, bei denen kalte oder warme Luft höchst ineffizient durch Röhren in die einzelnen Zimmer geblasen wird. Normalerweise handelt es sich um hässliche Kästen mit einer Digitalanzeige und vielen Knöpfen, deren genaue Funktion den meisten Anwendern ein Rätsel bleibt, nachdem ein Monteur das Gerät einmal angeschraubt und ein dickes Handbuch hinterlassen hat. Doch der Kasten, der Klimaanlage und Heizung regelt, ist im Schnitt für die Hälfte der monatlichen Energiekosten eines Haushalts verantwortlich, was sich auf 1200 bis 1500 Dollar im Jahr addiert.

Persönliche Frustration gab den Anstoß, das zu ändern. „Mein neues Haus sollte durch und durch grün und vernetzt sein“, erinnert sich Fadell. Also suchte er nach dem besten Thermostaten am Markt und war als Designer und Bauherr entsetzt. Sie waren hässlich, alles andere als benutzerfreundlich, und sie sparten keineswegs Strom oder Gas, obwohl sie um die 500 Dollar kosteten. Zu jener Zeit wusste der Apple-Entwickler bereits, dass das iPhone bald auf den Markt kommen und mit seinem Touchscreen plus Apps die Welt verändern würde.

Bringen ein, was sie bei Apple gelernt haben: Software-Ingenieur Matt Rogers und
Gründer Tony Fadell

Fadell und seine Frau, die ebenfalls im Topmanagement bei Apple gearbeitet hatte, dachten sich: In der Schnittmenge aus schöner Wohnen, Energiesparen und digitalem Lifestyle könnte sich die nächste Nische à la iPod verbergen. Eine Industriebrache, die auf intelligente Hard- und Software-Lösungen wartete. Man musste nur die richtigen Argumente für die Kunden finden.

Welche könnten das sein? Strenge Wärmedämmungsvorschriften oder gar die regelmäßige Überprüfung von Heizungs- und Klimaanlagen sind im Verschwenderland USA jedenfalls keine, sondern wären eher als Sozialismus und staatlicher Übergriff verteufelt worden. Ebenso wenig Begeisterung haben bisher die sogenannten Smart Homes ausgelöst, bei denen jedes Gerät am Netz hängt. Bisher werden die zugehörigen Produkte bestenfalls in ein paar Vorführhäusern eingesetzt, die sich große Marken wie Microsoft oder Hewlett-Packard auf ihren Campus bauen, um Besucher zu beeindrucken.

Das Ergebnis: ein Gerät, das Spaß macht

Nest dagegen fängt absichtlich klein an und beginnt die Beziehung zu seiner ans Smartphone gewöhnten Kundschaft als Lifestyle-Produkt. Dass man damit auch noch rund 20 Prozent seiner Energiekosten einsparen können soll, ist erst einmal nur Nebeneffekt. Im Frühling 2010 gegründet, brachten Fadell und Rogers im Oktober 2011 die erste Version ihres minimalistischen Thermostaten auf den Markt. „Er ist rund, hat eine farbige Anzeige und einen Drehknopf, um die Temperatur hoch- oder runterzufahren. Streng genommen ist er ein Smartphone, das man an die Wand hängt“, sagt Rogers, 30, der nach seinen Lehrjahren bei Apple nun für Nests Software verantwortlich ist. „Aber unter der simplen Oberfläche verstecken sich jede Menge Dinge, die man erst nach und nach entdeckt.“ Dabei hält der Informatiker nichts von der Vision eines intelligenten Haushalts, in dem alles mit allem vernetzt ist: „Niemand braucht Sensoren in jedem Zimmer. Das ist Overkill – zu kompliziert und zu teuer. Ein Sensor muss genügen.“

Genau das ist Nest. Der Aluminiumring mit Display sieht edel genug aus, um in Apple Stores auszuliegen. Und wer den braunen Karton aufklappt, soll nur mithilfe eines einzigen Blattes, das fast an einen Comic erinnert, in die Lage versetzt werden, das Gerät, in ein paar Minuten einzubauen. Intern rechnete man, dass rund zwei Drittel der Kunden das auch machen. Tatsächlich bauen fast 95 Prozent ihren alten Regler selbst aus, schrauben den Puck in die Wand, stecken eine Handvoll kleiner, bunter Kabel in die richtigen Klemmbuchsen und schließen dann ihren Thermostaten ans WLan an, um ihn mit einer mobilen App zu steuern. Dass die Installation so leicht geht, liegt wohl daran, dass die Designer in Palo Alto selbst die Schrauben, die ohne Dübel in einer Rigipswand greifen, in Eigenregie entwickelt haben. „Unglaublich. Die haben an alles gedacht, sogar an den Schraubenzieher“, beschreibt Lars Leckie aus San Francisco seine ersten Eindrücke.

Er kaufte sich einen Thermostaten für sein Ferienhaus in den Bergen, um schon auf der Autobahn per Handy die Temperatur hochfahren zu können. Als Partner bei der Wagniskapitalfirma Hummer Winblad beobachtet Leckie viele Tech-Neugründungen und probiert deren Produkte aus. „Ich habe die Packung aufgemacht, mir das Video angesehen und hatte das Ding in weniger als einer halben Stunde am Laufen.“ Die eigentliche Entdeckungsreise beginnt jedoch erst später, denn der Thermostat ist mit Sensoren gespickt, die unter anderem bemerken, ob und wann sich jemand im Raum bewegt. So legt das Gerät innerhalb von ein paar Wochen ein Klimaprofil des Haushalts an. Einfach solle das Ganze sein, sagt Fadell, und sich an den Bedürfnissen des Nutzers orientieren: „Wer will, kann mit der App in die Tiefe gehen und seinen detaillierten Verbrauch sehen. Wer keine Lust oder Zeit dazu hat, stellt nur die Temperatur ein.“

Wie ungeheuer wichtig der erste Eindruck ist, lernte Fadell in den Neunzigern bei General Magic, einem ebenso legendären wie legendär gescheiterten Pionier für tragbare, vernetzte Geräte oder PDAs. „Wer Erfolg haben will, muss ein perfektes Gerät bauen, das Menschen gern in ihr Leben einbeziehen. Drum herum baut man nach und nach, aber nicht zu schnell eine komplette Welt auf.“ General Magics hingegen, sagt Fadell, zwang Nutzer zum Sprung ins kalte Wasser. „Eigentlich haben wir dort das iPhone 20 Jahre zu früh gebaut. Wir mussten den Leuten stundenlang erklären, was das System alles konnte, bis sie schließlich sagten: Klingt gut, aber wozu brauche ich das?“

Bei Nest ist diese Kernfrage schnell beantwortet: Das Gerät sieht gut aus, erledigt eine banale Aufgabe und wird dem Nutzer so vertraut. Nach dem Kennenlernen öffnen sich immer neue Funktionen, wie die Ebenen eines Videospiels. „Erst geht es ums Regeln, dann ums Energiesparen und im nächsten Schritt um konkrete Hinweise, wie man noch mehr Geld sparen kann“, sagt Software-Chef Rogers. „Das lässt sich ausbauen, sodass es immer etwas Neues zu entdecken gibt.“ Bald will man wissen, was das grüne Blatt auf der Anzeige bedeutet und lernt, wie sich Strom oder Gas sparen lässt. Das führt dazu, dass Kunden in der Regel viermal die Woche die Nest-App auf ihrem Handy öffnen und in ihren Daten stöbern.

Um immer neue positive Erlebnisse zu schaffen, hat Nest in den vergangenen anderthalb Jahren rund 20 Software-Updates auf die Geräte gespielt und seine App weiterentwickelt. Partnerschaften mit Energieversorgern erlauben den Kunden mehr Einblick in ihren Verbrauch. Dank der detaillierten Daten, die jeder Nest-Thermostat sammelt und mit den Daten von Tausenden anderen Geräten vergleicht, lässt sich ermitteln, ob und warum ein Haushalt zu viel verbraucht.

Daraus ergibt sich unterm Strich ein Spareffekt, der die Ausgaben für das Gerät schnell wieder hereinspielt, sagt Fadell. Je mehr der Thermostat über einen Haushalt lernt, desto genauer regelt er Temperatur und Betriebszeiten. Er schaltet selbstständig auf Sparbetrieb, wenn er eine halbe Stunde keine Bewegung im Haus registriert. Zudem bietet Nest eine Art individuelle Energie-Inspektion mit konkreten Verbesserungsvorschlägen an.

Die Funktionen des Pucks werden damit schrittweise ausgebaut, Experten bezeichnen diesen Trend als „Internet der Dinge“. Auch der Elektronikriese Philips, dessen Abteilung für Mobile Computing Fadell vor seiner Zeit bei Apple leitete, will dabei mitmischen und stellte kürzlich eine vernetzte Glühbirne namens Hue vor. Die LED-Lampen lassen sich zu virtuellen Gruppen von maximal 50 Stück zusammenschließen und mit einer iPhone-App steuern.

Bei Umsatz oder Stückzahlen hält sich Nest bedeckt. Aber die Belegschaft hat sich seit 2011 auf rund 230 Mitarbeiter verdreifacht. Im Herbst sollen die ersten für europäische Heizungsanlagen und Haushalte angepassten Thermostate herauskommen.

Was sie bei der Entwicklung der komplexen Technikteile leitet? Für Fadell keine Frage: das Bauchgefühl. „Wer etwas entwirft, muss eine klare persönliche Meinung haben. Das hat nichts mit Tatsachen zu tun“, sagt er. Fokusgruppen, in denen potenzielle Kunden mit Attrappen spielen, sind für ihn Zeitverschwendung. „Völliger Blödsinn. Nutzer können mir nicht die Arbeit abnehmen. Du musst von einer Idee überzeugt sein. Dann baust du und probierst gründlich aus. Dann erst bringt man das Produkt auf den Markt und sieht, wie die Leute reagieren, um es regelmäßig und schnell zu verbessern. Da ist Mut gefragt.“ ---
... im Innern intelligent und lernwillig: der Thermostat von Nest