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Flut mit Ansage

Am Klimawandel können die Vietnamesen nichts ändern. Doch sie können lernen, mit ihm zu leben.




- In Vietnam tragen die Stürme keine Namen. Sie haben Nummern. Der tropische Sturm, der vor Tagen zwischen einem Tief- und einem Hochdruckgebiet über dem Pazifik entstand, trägt die Nummer zwei. Er hat sich über den Philippinen ausgetobt, sammelt nun wieder Kraft und nimmt Kurs auf die vietnamesische Ostküste. Dort sitzt Dinh Hung Mai in seinem Büro aus Lehmwänden, ein Karl-Marx-Plakat an der Wand und einen gefälschten Armani-Gürtel um die Hüfte.

Er räuspert sich dreimal, schiebt die Blätter des Papierstapels vor sich noch einmal Kante auf Kante, pocht mit dem Zeigefinger auf die Anzeige des Verstärkers und legt dann den Kippschalter am Mikrofon um. Sekunden später schallt Mais Stimme über die Küste am südchinesischen Meer. 25 Lautsprecher tragen seine Botschaft in das Dorf Nga Son und weitere neun Nachbarorte der Gemeinde Nga Tien. "Das Volkskomitee von Nga Tien informiert: Nach Angaben des Nationalen Wetterdienstes befindet sich der Sturm Nummer zwei im Moment auf sieben Grad nördlicher Breite und 120 Grad östlicher Länge. Die Sturmstärke schwankt zwischen sieben und neun." Dinh Hung Mai liest Angaben zur Windrichtung und der erwarteten Entwicklung der Sturmstärke vor. Zum Schluss sagt er: "Verfolgen Sie weiter aufmerksam die Entwicklung des Sturmes. Halten Sie engen Kontakt zu den Kapitänen auf See. Überprüfen Sie Ihre Notfallausrüstung."

Mai kippt den Schalter wieder um. Er schlurft zur Landkarte an der Wand und markiert mit einem Bleistift einen Punkt, 20 Landkartenzentimeter vor der vietnamesischen Küstenlinie. Noch kann niemand genau sagen, wo Sturm Nummer zwei auf das Land treffen wird und wie stark er dann sein wird. Mai will auf alle Fälle vorbereitet sein. Er verbindet die Punkte auf der Karte mit einem zarten Strich. Wenn Sturm Nummer zwei Richtung Nga Tien abbiegt, wird Dinh Hung Mai es sofort bemerken. Die Leute im Dorf verlassen sich auf ihn. Sie nennen ihn "Die Stimme von Nga Tien".

Noch vor drei Jahren hingen an den Hochspannungsmasten der Gemeinde zehn altersschwache Lautsprecher, Mais Stimme übertrugen nur noch die wenigsten. Die 25 neuen Lautsprecher sind Teil der Bemühungen in Vietnam, die Auswirkungen des Klimawandels zu vermindern. Die Sozialistische Republik gehört schließlich zu den Ländern, die weltweit am stärksten davon betroffen sind, mit allem, was dazugehört: Stürme, Dürren und Fluten.

Alltag zwischen Fluten und Dürren

Dass bei jeder Flut Menschen sterben, dass bei jedem Sturm Häuser zerstört werden und dass bei jeder Dürre die Ernte auf den Feldern vertrocknet, trifft Vietnam besonders hart. Zwar zählt es inzwischen zu den Ländern mit mittlerem Einkommen, aber die Armutsbekämpfung steht und fällt mit der Situation auf dem Land, wo die Reisbauern abhängig sind von zwei oder drei Ernten im Jahr. Eine Studie der internationalen Hilfsorganisation Dara zeigt, dass die Schäden durch die Veränderung des Klimas Vietnam jedes Jahr fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes kosten. Das entspricht etwa 10,7 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2030 könnte die Zahl auf 125 Milliarden Euro steigen. Kein Wunder also, dass sich in diesem Land schneller als anderswo die Erkenntnis durchgesetzt hat: Am Klimawandel können wir allein nichts ändern, aber wir können dafür sorgen, dass er uns nicht mehr so viel kostet.

Sicher ist: Die nächste Flut kommt

Wie kaum ein zweiter Staat investiert Vietnam deshalb in die Katastrophenvorsorge. Schon 2008 hat die Regierung ein Programm beschlossen, das allein deshalb schon als einmalig gilt, weil es auf die Dörfer und Gemeinden setzt. Bis zum Jahr 2020 sollen die Menschen in 6000 Gemeinden mit Unterstützung von außen erörtern und entscheiden, wie sie sich am besten vor Naturkatastrophen schützen. Mit Deichen, Aufklärungsprogrammen in Schulen, asphaltierten Evakuierungswegen oder Wäldern, die Erosion verhindern. So kamen die Lautsprecher nach Nga Tien.

Die Bemühungen Vietnams finden international Anerkennung. "Diese Maßnahmen sind bahnbrechend", schreiben die Dara-Analysten in ihrer Studie. "Vietnam ist in Sachen Katastrophenvorsorge unter den besonders betroffenen Ländern Südostasiens am weitesten", sagt Sabine Dier, Asien-Referentin der Hilfsorganisation Care. "Bis zur untersten Gemeinde-Ebene ist dort alles gut durchorganisiert." Die 25 Lautsprecher in der Gemeinde Nga Tien mögen auf den ersten Blick gegen einen Tropensturm nicht viel ausrichten können. Aber laut Weltbank spart jeder in die Katastrophenvorsorge investierte Euro zwei bis sieben Euro an Nothilfe und Wiederaufbau.

Die Fluten gehören zu Thi Dung Trans Leben wie die tägliche Suche nach der nächsten Mahlzeit und der sich nie verflüchtigende Geruch nach kaltem Ruß in ihrer Hütte. Sie stellt sich nicht die Frage, ob das Wasser in ihr Dorf Bong Son kommt, es kommt ohnehin jedes Jahr im Frühsommer. Ihr bleibt nur die Frage, wie lange das Wasser bleibt und wie viel von ihrem Gemüse und Getreide noch steht, wenn das Wasser wieder fort ist. Sie hat vor ein paar Jahren 50 Hühner gekauft, eines ist noch übrig, den Rest haben verschiedene Fluten fortgerissen. Thi Dung Tran ist eine Frau, bei der selbst ein Lachen nicht fröhlich wirkt. Steile Falten haben sich in ihre Stirn gegraben, ihr Gesicht erzählt von 46 harten Lebensjahren, die sie einiges über das Schicksal gelehrt haben. Immer wenn die Flut kommt, sagt Tran, treibe sie ihre beiden Schweine auf den Dachboden hinauf, hänge das Bett ihrer beiden Söhne in die Höhe und schaue dann zu, wie das Wasser bis zur Unterkante des Regals mit den Kerzen für die Hausgötter und den Fotos ihrer Eltern steige, manchmal auch darüber. Warten - mehr könne man nicht tun.

Ihre Nachbarin Thi Wenh Nong sieht das ebenso. Gemeinsam hocken die beiden im Hof vor Trans Hütte, einen Berg Wasserspinat vor sich. Sie fahren mit ihren Fingern durch die vor Feuchtigkeit glänzenden Blätter, knicken die Stängel ab.

"Hätte ich die Kinder vielleicht damals nicht bitten sollen, zu mir zu kommen?", fragt Thi Wenh Nong.

"Unsinn", antwortet Thi Dung Tran mit einem unwirschen Kopfschütteln, "das hätte auch nichts geändert, das Wasser war überall."

2010 starben zwei Töchter Nongs während einer Flut, 15 und 16 Jahre alt, sie waren auf dem Weg von der Schule nach Hause. Ihre Leichen und die eines weiteren Mädchens wurden Tage später kilometerweit entfernt angespült. Eigentlich gingen Nongs Töchter nach der Schule immer zur Großmutter, nur an jenem Tag wollten sie sofort zu den Eltern. Thi Wenh Nong greift in die grünen Blätter vor sich, rupft an den Stängeln und sagt dann: "Es ist unser Schicksal, man kann es nicht ändern."

Thi Wenh Nong und Thi Dung Tran haben im Laufe der Jahrzehnte gelernt, die Naturkatastrophen hinzunehmen. Sie haben längst kapituliert. Das vietnamesische Katastrophenvorsorge-Programm steht in der Gemeinde Tuong Son, zu der Bong Son gehört, erst am Anfang.

Welch eine große Aufgabe sich Vietnam vorgenommen hat, macht allein ein Blick in die Katastrophen-Statistik der Gemeinde Tuong Son deutlich, sie ist nur ein winziger Fleck auf der vietnamesischen Landkarte. Die Aufzeichnungen verzeichnen für diesen Fleck drei schwere Stürme und eine Dürre in den Jahren 1982, 1989, 1990 und 1996. Ab dem Jahr 2004 ereignen sich die Katastrophen beinahe im Jahrestakt: 2004 reißt Sturm Nummer neun in Tuong Son die Dächer von den Häusern. 2005 wird ein Bewohner während eines schweren Gewitters getötet. 2007 sterben massenweise Tiere und Geflügel bei einem viel zu frühen Wintereinbruch, zwei Drittel der Ernte sind zerstört. 2008 wieder ein schwerer Sturm. 2010 sterben die drei Kinder während der Flut, zwei Drittel der Ernte sind verloren. 2011 ist die Hälfte der Ernte von der Flut betroffen. 2012 zerstört wiederum ein Sturm die Häuser. Die Katastrophen häufen sich, Aussicht auf Besserung gibt es nicht.

In Klimaprojektionen schneidet Vietnam sehr schlecht ab. Experten prophezeien noch mehr Regen in der Regenzeit und noch weniger Regen in der Trockenzeit. Im Vergleich zum Ende der Neunzigerjahre soll der Meeresspiegel in den kommenden Jahrzehnten um bis zu einem Meter steigen. Dann stünden auch 20 Prozent der Fläche von Ho-Chi-Minh-Stadt nahe dem Mekong-Delta unter Wasser. Der Globale Klima-Risiko-Index von German Watch listet Vietnam auf Rang sechs der vom Klimawandel betroffenen Länder weltweit. Davor stehen Honduras, Myanmar, Nicaragua, Bangladesch und Haiti.

Vietnam muss alles aushalten, was der Klimawandel mit sich bringt: Stürme, Fluten, Schlammlawinen, Dürren, Erdrutsche, Erosion und Versalzung des Grundwassers.

Die Gemeinde Tuong Son liegt etwa 150 Kilometer südlich der Hauptstadt Hanoi. Dort sollen die Menschen, auch die beiden Frauen Thi Wenh Nong und Thi Dung Tran, nun erst einmal mehr über den Klimawandel und seine Konsequenzen lernen. Und weil viele Kinder genauso resigniert haben wie ihre Eltern, beginnt man damit in einer Schule. In der Schule, aus der 2010 die Mädchen kamen, die die Flut nicht überlebten.

Alle Schüler tragen an diesem Tag weiße Hemden, rote Halstücher und blaue Kappen. Hundert von ihnen sitzen vor einer Bühne auf kaum knöchelhohen Hockern, mit Tafeln auf ihren Knien. Die übrigen Klassenkameraden stehen im Kreis drum herum. Ganz hinten, kaum zu sehen in der grellen Mittagssonne, stehen ein paar Mütter. Auch sie werden hören, was die Schüler von Tuong Son über Katastrophenvorsorge gelernt haben.

Noch vor wenigen Minuten tanzten zehn Mädchen über die Bühne und schwangen Tücher, die die Wellen des Wassers formten. Dazu sangen sie: "Die Flut steigt, sie zerstört alles, sie hat mein Herz gebrochen. Ich wünschte, ich wäre eine Taube, und ich könnte Ruhe und Frieden über mein Dorf bringen." Ein paar Sekunden war es danach still, doch jetzt kichern die Schüler wieder und kreischen so laut, dass die Vögel in den Bäumen über ihnen aus Protest fortfliegen.

Auf der Bühne läuft das Quiz "Was ist das Klima?" A) ein sonniger Tag, B) ein regnerischer Tag, C) die vier Jahreszeiten, D) die Gesamtheit aller Wetterzustände?" Nur die Schüler, die ein D auf ihre Tafel kritzeln, dürfen sitzen bleiben, der Rest scheidet aus.

Es ist ein Spiel ganz nach dem Geschmack der Schüler. Mit vor Anspannung zusammengepressten Knien, den Filzstift zwischen den Lippen, sitzen sie auf ihren Hockern. Zu einigen Fragen werden Videos eingespielt, die die Mädchen und Jungen in den Wochen zuvor selbst gedreht haben. Und nebenbei lernen alle, auch die Mütter im Hintergrund, etwas über den Klimawandel. Etwa dass ein Sturm erst ab Windstärke 9 Sturm heißt und dass es eine schlechte Idee ist, während eines Gewitters unter einem Baum Schutz zu suchen. Wer das Quiz gewinnt, das geht am Ende im Jubelgeschrei aller fast unter.

In der Vorbereitung auf den Abschlusstest sind die Klassen zu dem Ort gefahren, in dem 2010 die drei Mitschülerinnen ertranken. Sie haben auch die Familien der Toten besucht. "Das war sehr traurig, aber es hat mir auch sehr geholfen", sagt My Duyen Ngo. Die 15-jährige Schülerin ist das beste Beispiel dafür, wie der etwas andere Schulunterricht das Selbstbewusstsein aufmöbelt. Aufrecht sitzt Ngo auf ihrem Hocker, die Hände malen beim Erzählen Kreise in die Luft, so beschwingt, dass die Plastikperlen an ihrem Handgelenk klimpern. "Früher hatte ich Angst vor Schlammlawinen in unserem Dorf, aber im Unterricht haben wir Landkarten unserer Gemeinden gezeichnet und die besonders gefährdeten Gebiete markiert. Ich weiß jetzt genau, wo ich sicher bin", sagt My Duyen Ngo. Sie weiß jetzt auch, welchen Beruf sie später ergreifen möchte. Sie möchte in der Katastrophenvorsorge arbeiten und ihr Wissen weitergeben - vor allem an die Älteren. "Es darf doch nicht sein, dass nur wir Jungen Bescheid wissen."

Den Beamten in Hanoi, die die Katastrophenvorsorge erarbeitet haben und sie nun nach und nach umsetzen, dürften Mädchen wie My Duyen Ngo Mut machen. Dass von oben verordnete Infrastrukturprojekte allein nicht helfen, diese Erkenntnis setzte sich erst nach und nach bei den Politikern durch. "Wir bauen in Vietnam seit 100 Jahren Deiche, aber wir müssen auch mit den Gemeinden und den Menschen arbeiten", sagt ein Mitarbeiter des zuständigen Landwirtschaftsministeriums. "Bewusstseinsbildung" nennen das die Katastrophen-Experten.

Dass in Vietnam nun von unten nach oben gearbeitet wird, ist in dem zentralistisch organisierten Land bemerkenswert. Man greift auf die Leute vor Ort zurück, bindet sie ein, macht aus Lehrern Katastrophen-Experten, aus arbeitslosen Frauen Evakuierungshelferinnen, aus ehemaligen Fischern Mangrovenzüchter - und lehrt sie nebenbei, dass der Klimawandel zwar nicht mehr umkehrbar ist, dass er sie aber nicht zu Armut und Demut verdammt. Bis 2020 fließen 38,2 Millionen Euro in das Projekt. Die 6000 Gemeinden, die teilnehmen, sind inzwischen identifiziert. Sie sollen Vorbild für andere Orte sein.

Im Umweltministerium wurde im Jahr 2011 die neue vietnamesische "Klimawandel-Strategie" erarbeitet. An erster Stelle steht die Katastrophenvorsorge. Es klingt zwar etwas euphorisch, aber nicht überraschend, dass ein Mitarbeiter sagt: "Wir wollen das Beste aus dem Klimawandel machen." Die weltweiten Bemühungen in der Katastrophenvorsorge tragen inzwischen erste Früchte. Nach Angaben der Vereinten Nationen starben im Jahr 2012 so wenige Menschen wie nie zuvor bei Naturkatastrophen.

Immer noch rast Sturm Nummer zwei auf die vietnamesische Ostküste zu. Er ist etwas schwächer geworden, aber einzelne Böen erreichen immer noch Windstärke 10. Irgendwo über dem Meer peitschen diese Böen die Wellen auf. Quy Bui Van, ein 49 Jahre alter Fischer, stapft mit schmatzenden Schritten durch den Schlick. Das Meer hat sich mit der Ebbe zurückgezogen, sein himmelblaues Fischerboot steckt mit dem Rumpf im Schlamm. Dass ein Sturm aufzieht, ist jetzt erst einmal nicht wichtig. Die Fischer von Thang Hung müssen Geld verdienen. Und deshalb wird die Flotte aus 15 Booten auch bald wieder auslaufen. 20 Tage sind sie dann auf See - es sei denn, der Sturm kommt ihnen zu nahe. "Wenn er kommt, dann fahren wir einfach davon", sagt Quy Bui Van und lacht sein meckerndes Lachen.

Die Naturgewalten werden berechenbar

Die Gelassenheit des Fischers hat einen guten Grund. Vor zwei Jahren wurden Quy Bui Van und ein anderer Flottenführer mit einem modernen Funkgerät ausgerüstet. Die sind so wertvoll, dass die Männer sie bei jedem Landgang mit nach Hause nehmen und vor dem Auslaufen wieder an Bord schleppen. Anders als die normalen Funkgeräte empfangen die neuen Apparate auch bei großer Entfernung den nationalen Wetterbericht des Senders "Voice of Vietnam" aus Hanoi, und sie ermöglichen eine Zwei-Wege-Kommunikation mit der Wetterstation des Distrikts. Deshalb weiß Quy Bui Van nun mindestens 24 Stunden vorher, ob ein Sturm in seine Richtung unterwegs ist. Dann sucht er mit seiner Flotte nach ruhigeren Gewässern.

Vans Vater war Fischer, sein Großvater auch. So ist es bei vielen Männern in Thang Hung. Im Dorf gibt es keinen, der nicht eine Geschichte erzählen kann von einer Bootsmannschaft, die auf hoher See von einem Sturm überrascht wurde und nicht wieder zurückkehrte. Quy Bui Van dreht an einem Regler am Funkgerät, ein Lämpchen leuchtet auf, ein leises Sirren ist zu hören. Der Fischer wartet noch auf die Flut. Dann kann es losgehen. Quy Bui Van ist bereit, es mit Sturm Nummer zwei aufzunehmen. Wenn es so weit ist, wird er ihm einfach aus dem Weg gehen. -