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Island

Die Krise zwang Island zu harten Einschnitten. Trotzdem präsentierte sich das Land 2011 auf der Frankfurter Buchmesse. Eine Investition, die sich gelohnt hat.




- Sie waren schweren Seegang gewohnt. Island liegt im Atlantik, Reykjavik an der Küste. Und in einem Land mit 320000 Einwohnern kennt jeder einen, der einen Seemann kennt. Der Sturm, der im Oktober 2008 über die Insel hereinbrach, erwischte die Menschen trotzdem eiskalt. Sie waren wütend. Sie verstanden nicht genau, weshalb der Absturz amerikanischer Banken zum Kollaps ihrer Banken führte. Aber sie hörten, wie der Premierminister "Gott segne Island" stöhnte. Die Währung schmierte gegenüber Euro und Dollar ab. Was ins Land kam, war nicht mehr bezahlbar. Und die Kredite für Haus und Jeep türmten sich auf, weil sie in Fremdwährung aufgenommen worden waren.

Halldór Guðmundsson flog damals nach Frankfurt, um über Bücher zu reden. Der Literaturwissenschaftler leitete ein Projekt, dessen Name plötzlich klang wie ein Witz: "Sagenhaftes Island". Und doch war es einer der wenigen Posten im Staatshaushalt, die niemand infrage zu stellen wagte, als es ans Sparen ging. Das hat sich ausgezahlt. Denn Guðmundsson förderte nicht nur den Export, indem er sein Land auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte.

Er rettete Island.

Die perfekte Welle

Guðmundsson selbst drückt das zurückhaltender aus. Er ist ein bescheidener Mann. Zudem ist es so, dass von einer Rettungsmission nicht die Rede sein konnte, als sich Island um einen Auftritt als Gastland in Frankfurt bewarb. Man wolle, hieß es im Jahr vor der Krise, im Ausland als "hochmodernes, wirtschaftlich unglaublich leistungsstarkes Land mit großem kulturellem Selbstbewusstsein" wahrgenommen werden. Das ist etwas anderes als der Versuch, einem krisengebeutelten Staat etwas Selbstbewusstsein zurückzugeben.

Die ursprüngliche Idee, sagt Guðmundsson, war die eines Marketing-Events. Die Veranstalter der Buchmesse interessierte die beliebte Literatur aus dem Norden. Islands Technokraten interessierte die Frankfurter Statistik, in der von mehr als 250000 Besuchern pro Messe die Rede war. Sie sprachen von Image-Förderung und davon, dass man Touristen ins Land locken müsse. Und Guðmundsson, der mehr als 20 Jahre als Verleger gearbeitet hatte, motivierte etwas ganz anderes: "Deutschland ist für die nordische Literatur das Sprungbrett zur Welt. Mit Übersetzungen ins Deutsche erreichen wir den globalen Markt."

Das Organisationsteam, das im Frühjahr 2008 die Arbeit aufnahm, bestand aus Enthusiasten: Sie hatten Guðmundsson, der verlegerisch dachte. Rakel Björnsdóttir, die an der Universität eine Abschlussarbeit über erfolgreiche Gastländer schrieb. Thomas Böhm, den gut vernetzten Leiter des Literaturhauses Köln, und Matthias Wagner K, den Kurator eines Islandfestivals. Sie kannten den PR-Effekt von Journalistenreisen. Und clever gedacht war auch die Übersetzungsförderung: "Es bringt nichts, fertige Übersetzungen anzubieten. Wir boten denen, die den Markt besser kennen als wir, die Übernahme der Übersetzungskosten an. So nahmen wir ihnen entscheidende Hürden."

Hundert Titel, sagt Guðmundsson. "Mit hundert Island-Titeln zur Buchmesse 2011 wären wir zufrieden gewesen. Die deutschen Bücher eingerechnet, die sich mit Island beschäftigen." Zwei Sätze später mokiert er sich über den Größenwahn seiner Landsleute.

Stolz und Vorurteil

Was dieser Größenwahn bis zum Oktober 2008 auf Island angerichtet hatte, hat Guðmundsson in einem Buch mit dem Titel "Wir sind alle Isländer" festgehalten. Das schnelle Geld hatte damals vielen das Hirn vernebelt. Als Guðmundsson im Oktober 2008 in den Flieger stieg, um in Frankfurt erstmals für das "sagenhafte Island" zu werben, war der Bankenkollaps nur Tage her, und die Kollegen aus ruhigeren Winkeln Europas steckten ihm Zehn-Euro-Scheine zu: "Ihr braucht das jetzt ja."

Guðmundsson aber stand da, wusste nicht, ob seine Kreditkarte funktionierte, und sagte: "Das kriegen wir schon alles hin."

Seine Mission begann sich zu verändern, ohne dass es ausgesprochen wurde: "In den Monaten nach dem Crash war zu registrieren, wie tief unser Selbstbewusstsein erschüttert worden war." Die Isländer machten sich auf die Suche nach ihrer Identität. Sie probierten alles, was nach einem Gegenmittel für die Gier klang, strickten und kochten, lasen alte Autoren. Sie kürzten fast alle Budgets - nur das für Frankfurt nicht.

Guðný Helgadóttir vom Kultusministerium sagt: "Wir sind klein und betreiben einen Wohlfahrtsstaat. Da wird das Sozial- und Bildungssystem beim Sparen eher verschont als die vielen kulturellen Projekte, so schmerzhaft das ist." Aber auf den Auftritt bei der größten Buchmesse der Welt verzichten?

Sie schüttelt den Kopf. Island war unabhängig, nicht vollends bankrott. Und die Überheblichkeit, mit der viele Europäer über Island lachten, störte sie.

Guðmundsson sagt: "Die Chance, etwas zu machen, war jetzt gekommen." "Die reellen isländischen Werte finden wir in der Kultur." Mit der Krise war aus einem Marketing-Projekt eine Rettungsmission geworden.

Im Etat von "Sagenhaftes Island" klaffte trotzdem eine Lücke: Das Budget war in Isländischen Kronen berechnet worden. Für Frankfurt brauchte man aber auch dann noch drei Millionen Euro extra, weil die Krone auf fast die Hälfte des ursprünglichen Wertes gesunken war. Also trieben sie Sponsoren auf: eine Pharmafirma, eine Fluggesellschaft - und eine Bank. Aber wie würden die Bürger reagieren? In einem Klima, in dem sie alle Banker am liebsten in den Zoo gesteckt hätten, war das riskant. "Aber wir", sagt Guðmundsson, "hatten natürlich keine Wahl."

Das Wohnzimmer

Doch wieder blieb der Streit aus. Das lag auch an Kleinigkeiten: Mit dem Projekt war die Neuübersetzung der mittelalterlichen Sagas ins Deutsche verbunden, auf die die Isländer sehr stolz sind. Zudem rief Guðmundssons Team einen Fotowettbewerb aus, für den seine Landsleute sich und ihre heimische Bücherwand ablichten sollten. Und die meldeten sich zu Tausenden, so als dürften sie beweisen, dass sie nicht zu den zerstörerischen Kräften im Land zählten.

Die Bilder wurden zu einem Gesamtkunstwerk montiert, das den Besuchern in Frankfurt den Atem verschlug: Verstohlen wie beim Betreten eines verbotenen Palastes tasteten sie sich durch einen Irrgarten aus Kinoleinwänden. Auf jeder Wand sahen sie einen Isländer mit seinen Büchern und hörten dazu nur gelegentliches Umblättern sowie das Rauschen und Wummern aus einem 180-Grad-Kino am Rand.

"So nahmen wir die Isländer mit", sagt Guðmundsson. "So gaben wir ihnen den Stolz zurück." Die, die daheim waren, auf Island, konnten tagelang sehen, wie die Welt durch isländische Wohnzimmer streifte. Dass sie der Stille wegen kamen, der Bücher und nicht der Banker. Das tat gut.

Ja, womöglich retteten diese Bilder sogar das Gastlandkonzept der Buchmesse. Deren Direktor Jürgen Boos jedenfalls sagte, als der dauerbelagerte Pavillon im Oktober 2011 mit dem Ende der Buchmesse die Pforten schloss: "Wir werden morgen geschlossen alle eine Runde heulen." Es war lange her, dass sich ein Gastland so selbstverständlich auf den Kern der Messe konzentriert hatte.

Das Finanzministerium

Guðmundsson hält den "Inlandsbeitrag" für das wohl wichtigste Ergebnis seines Projekts: "Wir haben das isländische Selbstbewusstsein gestärkt. Wir haben die Isländer an Werte erinnert, die sie vergessen hatten." Ein bisschen dürften die Filme, die Bücher und die Reise von 40 Autoren nach Deutschland allerdings auch zum Tourismus-Boom beigetragen haben, der Island ereilt, seit die Krone schwach ist. Die deutsche PR-Agentur schickte nach der Messe vier Ordner mit Zeitungsartikeln über das Meer. Eine schöne Werbung, ob ein Teil der Aufmerksamkeit für Islands Schriftsteller nun der Krise und Vulkanausbrüchen zu verdanken war oder nicht.

Isländische Verleger erzählen außerdem, "für Frankfurt fast alles losgeworden zu sein, was wir an Texten auf Lager hatten". Schon bei der Ankunft trumpfte "Sagenhaftes Island" mit einer Liste von mehr als 200 Island-Titeln in deutscher Sprache auf, darunter zahlreiche belletristische Neuübersetzungen. Das war mehr, als die Großmacht China auf der Messe präsentierte.

Zwar sagt die Mainzer Buchwissenschaftlerin Elisabeth Böker: "Die meisten deutschen Verlage machen keinen Hehl daraus, zur Messe auf einen Zug aufgesprungen zu sein. Ihr Risiko war dank der Übersetzungshilfe geringer als sonst." Sie hat errechnet, dass die deutschen Verlage in der Regel nicht mehr als vier- oder fünftausend Island-Exemplare verkauften.

Doch auch das ist viel wert. Ein übersetztes Buch auf dem Markt und der Kontakt zu Verlagen, Veranstaltern und Journalisten gelten mittelfristig als Schlüssel für den Erfolg. "Wir sehen, dass der Auslandsmarkt anzieht wie erhofft", sagt Rakel Björnsdóttir, die jetzt das Büro leitet, das für die Nachbearbeitung des Projekts zuständig ist: "Der Rechteverkauf hat sich dank der Messe verdoppelt, und das befeuert auch wieder den deutschen Markt, der sich direkt nach der Messe nur für eine Handvoll neuer Island-Bücher interessierte."

Und wer weiß: Wenn der isländische Staat Glück hat, ist eines Tages auch wieder einer wie der Krimiautor Arnaldur Indriðason dabei, der allein in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt rund drei Millionen Bücher verkaufte. Etwas davon wird auch beim isländischen Finanzamt hängen bleiben. -