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Blütenträume

Afrika boomt, behaupten Berater und Politiker. Was dahintersteckt, hat unser Reporter in Äthiopien recherchiert.




- Der erste Blick zeigt: Addis Abeba boomt. Die "neue Blume", wie die Hauptstadt Äthiopiens auf Amharisch heißt, treibt Blüten - besser gesagt: Sie wuchert. In der Fünf-Millionen-Metropole gibt es kein Stadtviertel, in dem nicht Baukräne in die Höhe ragen: Im Südwesten der "Hauptstadt des Kontinents" wird gerade der letzte Büroturm des von der chinesischen Regierung mit 200 Millionen Dollar finanzierten Hauptquartiers der Afrikanischen Union hochgezogen. Im Stadtteil Bole verpassen Bauarbeiter dem postmodernen Einkaufszentrum "Edna Mall" den letzten Schliff. Bald wird hier Sony World einen gläsernen Verkaufsraum eröffnen, schon heute bietet nebenan die Konditorei "Cupcake Delights" ihre pudergezuckerten Kreationen der Bevölkerung des einst für seine Hungersnöte bekannten Landes an.

Auch in anderen Teilen des Kontinents, der vom britischen "Economist" noch vor 13 Jahren als "hoffnungslos" abgeschrieben wurde, sind ähnliche Bilder zu sehen. In der nigerianischen Riesenstadt Lagos trotzt man dem Meer Land ab, um mit der futuristischen Bürostadt "Atlantic City" der rapide wachsenden Geschäftswelt eine glänzende Heimat zu errichten. Im angolanischen Luanda hat sich die neue Elite des Landes mit dem exquisiten Wohngebiet Talatona bereits eine solche zugelegt. Und in Kinshasa soll auf zwei Inseln mitten im Kongo-Fluss die mit einer Milliarde Dollar veranschlagte "Cité du Fleuve" mit Bürohochhäusern, Luxusapartments und Fünf-Sterne-Hotels entstehen. Der Kontinent, der früher allenfalls Söldner, Abenteurer oder Entwicklungshelfer anzog, ist zum Magneten für die Geschäftswelt geworden - angelockt von Afro-Enthusiasten, die das "grenzenlose Potenzial" preisen.

"Afrikas Tag ist gekommen", schwärmt die Investmentgruppe Renaissance Capital in ihrer 2012 erschienenen Studie "The Fastest Billion" und prophezeit: "Der Kontinent wird in den nächsten 30 Jahren der spannendste und lukrativste Ort der Erde sein." Die rosige Prognose zur Zukunft des Erdteils betitelt die Beratungsgesellschaft Ernst & Young mit dem Shakira-Song "It's time for Africa". Der Kontinent befindet sich im Steigflug, ist darin zu lesen, "ökonomisch, politisch und sozial".

Tatsächlich wuchsen Afrikas Volkswirtschaften im vergangenen Jahrzehnt um durchschnittlich rund sechs Prozent. In dieser Zeit vervierfachten sie ihr Handelsvolumen, zogen siebenmal mehr Privatinvestitionen an und reduzierten die Staatsverschuldung um ein Viertel. Sieben der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt sind heute in Afrika zu finden. Von einem kräftigen Bevölkerungswachstum angefeuert, soll das Bruttoinlandsprodukt des Kontinents bereits Mitte des Jahrhunderts sowohl jenes der EU als auch das der USA überholen, prophezeien Optimisten.

Skeptiker wenden allerdings ein, dass die Basis für die beeindruckenden Wachstumszahlen kümmerlich ist: Noch immer trägt der zweitgrößte Kontinent der Erde weniger als drei Prozent zum weltweiten Sozialprodukt bei - weniger als Frankreich. In vielen Fällen scheint sich der Boom auch ausschließlich auf höhere Rohstoffpreise oder die Entdeckung neuer Erdölvorkommen zu gründen. Und schließlich erweist sich der kontinentale Frühling auch als höchst labil: So wurde das als vorbildlich gepriesene westafrikanische Mali im vergangenen Jahr von militanten Islamisten und kriegerischen Separatisten binnen weniger Wochen in den Abgrund gestürzt.

Zu Afrikas "Löwenstaaten" zählt auch Äthiopien, dessen Wirtschaft zumindest nach Erhebungen der eigenen Regierung seit Jahren sogar zweistellig wächst - und das, obwohl das Land über so gut wie keine Bodenschätze verfügt. Ist ausgerechnet der Staat, in dem in den Achtzigerjahren Hungersnöte tobten, zum Paradebeispiel für den afrikanischen Aufschwung geworden? Oder handelt es sich um ein professionell angefachtes Strohfeuer - frei nach dem Verdikt des renommierten Newsletters "African Confidential", wonach Afrikas beeindruckende Wachstumsraten zu feiern inzwischen ein "Wachstumsmarkt ganz eigener Art" geworden sei?

Der Minister

"Für uns ist jeder Tag hier faszinierend", schwärmt der Industrieminister Tadesse Haile. Er empfängt uns freitagmorgens um 7.30 Uhr, während sein Vorzimmer wie der Rest des Ministeriums noch menschenleer ist - ein wohlkalkulierter Hinweis darauf, dass die äthiopische Führungsmannschaft angesichts der Mammutaufgabe, das Land zu entwickeln, kaum noch zum Schlafen kommt. Schon in zwölf Jahren werde aus der einst ärmsten Nation der Welt ein Staat mit mittlerem Pro-Kopf-Einkommen geworden sein, verspricht Haile: Immer neue, vom Politbüro der regierenden Ethiopian People's Revolutionary Democratic Front (EPRDF) in Auftrag gegebene Fünfjahrespläne sorgten für immer neue Rekorde an der Wachstumsfront. Der jüngste Plan habe 15 Prozent anvisiert, teilt der Regierungsmann mit: Erreicht worden seien immerhin 11,5 Prozent.

Auch wenn Begriffe wie Fünfjahresplan, Politbüro oder Revolutionäre Front noch anderes vermuten lassen: Seine Regierung fühle sich nicht mehr dem Sozialismus, sondern dem Konzept des Entwicklungsstaates verpflichtet, fährt Haile fort. Ein von der Volksrepublik China entlehntes Modell, das die Entwicklung des Landes offenbar über alles stellt und dem Privatsektor trotz der Priorität des Staates angeblich eine wichtige Rolle einräumt. "Wir sind für Wachstum, Marktwirtschaft und die Armen", sucht der Minister das Regierungs-Credo auf eine griffige Formel zu bringen - und zeigt auf ein eingerahmtes Foto an der Wand, das den britischen Bilderbuch-Geschäftsmann Richard Branson Arm in Arm mit einer jungen Äthiopierin zeigt. "Sie ist unser Juwel", sagt Haile stolz: "Sie hat gezeigt, was man hier heute alles erreichen kann."

Die Vorzeigefrau

Kein Wort zu viel, kein ungenutzter Raum, keine Tätigkeit, die nicht der gemeinsamen Sache dienen würde. In dem als Einfamilienhaus gebauten Anwesen am Stadtrand Addis Abebas geht es zu wie in einem Heimatmuseum, in dem Szenen aus der vorindustriellen Zeit nachgestellt werden: Im Hof schneidet ein Mann mit einem Messer Gummi klein, im Souterrain tunkt ein Färber Stoffe in Bottiche aus Blech, in einem nur provisorisch überdachten Vorbau lassen vier an mechanischen Webstühlen sitzende Angestellte ihre Schiffchen sausen. Dahinter, im Haupthaus, trägt eine Schar junger Männer stinkenden Klebstoff auf Sohlen auf, während im Nebenraum ein gutes Dutzend Frauen ihre Nähmaschinen surren lassen. Irgendwo in der Mitte des Gebäudes ist in einem fensterlosen Raum auch die Chefin auszumachen: Im Halbdunkeln über ein iPad gebeugt, ruft Bethlehem Tilahun Alemu die weltweiten Verkaufszahlen ihrer Schuhe ab. Es sind inzwischen bis zu 500 Paar am Tag in mehr als 50 Staaten.

Die 32-jährige Unternehmerin wird von Reportern aus aller Welt umschwärmt und mit Preisen wie dem "Africa Award for Entrepreneurship" überhäuft: Das "Forbes"-Magazin kürte die knapp 1,60 Meter große Geschäftsfrau sogar zur "erfolgreichsten Frau Afrikas". Wenn sich jemand ihrer Errungenschaften brüsten kann, dann ist es ausschließlich sie selbst: Das Startkapital ihrer vor fast neun Jahren in einer Bretterhütte begonnenen Schuhfabrik bettelte sich die Tochter eines Elektrikers im Familienkreis zusammen. Auch für ihre zündende Geschäftsidee - aus den notdürftig aus Autoreifen gebastelten Sandalen der äthiopischen Befreiungskämpfer den letzten Schrei internationaler Fußbekleidungsmode zu machen - brauchte sie keine fremde Hilfe. Ihre Schuhe sind mit recycelten Reifen besohlt, handgefertigt und mit natürlichen Stoffen wie heimischer Jute vollendet. Weil sie ihre Arbeiter und Zulieferer offenbar anständig bezahlt, wurde ihr als erstem Schuhfabrikanten der Welt auch das Fairtrade-Siegel zuerkannt. Zumindest im Ausland erweist sich das als hervorragende Marketing-Hilfe: In Europa verkaufen sich die Sole Rebels gut, in Äthiopien sind sie für kaum jemanden erschwinglich. Wie erfuhr die Unternehmerin, die vor ihrem Erfolg ihre Heimat nie verlassen hatte von Trends in fernen Landen? "Es gibt so etwas wie das Internet", antwortet die wortkarge Alemu etwas pikiert: "Ich habe meine gesamte Marktforschung online gemacht." Und welche Unterstützung hat sie von der Regierung bekommen? "Gar keine."

Als Vorzeigefrau für das äthiopische Wirtschaftswunder eignet sich Bethlehem Tilahun Alemu in Wahrheit also nicht. Die Unternehmerin sei zwar zweifellos großartig, aber eine Ausnahmeerscheinung, sagt ein Wirtschaftsexperte in Addis Abeba. Der Aufschwung des ostafrikanischen Staates sei auch keineswegs dem noch immer äußerst dürftigen industriellen Sektor, sondern massiven staatlichen Ausgabenprogrammen sowie chinesischen Investitionen vor allem in die Infrastruktur zuzuschreiben. Wenn der Agrarstaat dauerhaft vorankommen wolle, dann müsse das "von der Landwirtschaft ausgehen".

Der Landwirt

An der Weggabelung zur Omega-Farm kommen uns zwei Männer mit einem Schild entgegengerannt. Ein mobiler Richtungshinweis, für den sich Eigentümer Daniel Gad entschied, seit er mit der Flut der Besucher nicht mehr fertig wurde. Lastwagenfahrer pflegten sein 23 Hektar großes Gut in Scharen anzusteuern, um ihn um frische Ware zu bitten, erzählt der Farmer amüsiert: In der nur 30 Kilometer entfernten Hauptstadt finde Grünzeug reißend Absatz. Gads Zuckererbsen und Mini-Maiskolben sind jedoch alle schon anderen versprochen: Woche für Woche werden bis zu 5,5 Tonnen des Gemüses nach Europa ausgeflogen.

"Sagen Sie einem Europäer, dass das Hungerland Äthiopien zu einer globalen Kornkammer werden könnte, und er wird Sie für verrückt erklären", sagt Gad. Doch genau davon ist er überzeugt. Äthiopien habe ein landwirtschaftliches Potenzial wie kaum eine andere Nation der Welt. Das Land verfüge über fruchtbare Böden, ein wegen seiner hohen Lage mildes Klima und Wasser im Überfluss. Schon heute wird mehr als die Hälfte des äthiopischen Bruttoinlandsproduktes im Agrarsektor erwirtschaftet. Er sorgt für 85 Prozent aller Arbeitsplätze des Landes und 90 Prozent der Exporte, vor allem Kaffee. "Äthiopiens Zukunft", sagt Gad, "ist grün." Bis vor acht Jahren war der Farmer noch Vizepräsident einer Tochtergesellschaft des amerikanischen Telefonriesen AT&T. Nach mehr als 30 Jahren im transatlantischen Exil zog es ihn wieder in die Heimat zurück. Dort steckte der 56-Jährige sein Erspartes zunächst in eine Blumenfarm und verlegte sich später auf Gemüse. Gad beschäftigt heute mehr als 100 Mitarbeiter.

Sein Traum ist allerdings wesentlich ehrgeiziger. Er will 5000 Kleinbauern aus der Region zusammenbringen, um mit ihnen Kichererbsen anzubauen, und aus den Hülsenfrüchten Humus herstellen, ein Produkt, mit dem sich allein in Europa offenbar fast 400 Millionen Euro jährlich umsetzen lassen. Für das Vorhaben bräuchten die Bauern allerdings Bewässerungsanlagen und andere Technik - die ihnen keiner finanziert. Sie bringen die Saat mit einem Grabstock ein, wie ihre Vorfahren vor tausend Jahren.

Zwar behauptet die Regierung, sie habe die Produktivität der Subsistenzfarmer in den vergangenen Jahren deutlich steigern können: Allein zwischen 2004 und 2007 sollen die Erträge jährlich um zwölf Prozent gestiegen sein. Fachleute bestreiten das indessen: "Bei der Datenerhebung kann es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein", heißt es in einer vom britischen Ministerium für internationale Entwicklung in Auftrag gegebenen Studie. Äthiopiens landwirtschaftliche Produktionszahlen sollen um 30 Prozent übertrieben sein, schätzt man bei ausländischen Hilfsorganisationen. Wegen in Wahrheit fallender Erträge warnt das Netzwerk Famine Early Warning Systems (FEWS) sogar vor einer neuen Hungersnot.

Mittlerweile setzt die Regierung auf eine neue Strategie: Riesige Flächen anscheinend brachliegenden Landes sollen ausländischen Konzernen zur Bewirtschaftung angeboten werden. Derzeit bereitet Addis Abeba 3,6 Millionen Hektar - eine Fläche von der Größe Belgiens - zur Verpachtung an Firmen wie Saudi Star oder das indische Unternehmen Karuturi vor. Die 60 Millionen Kleinbauern dürften von dieser Großprivatisierung allerdings wenig profitieren.

Der Oppositionspolitiker

Eigentlich sollten wir Berhanu Nega im Rathaus von Addis Abeba antreffen. Der Kandidat des Oppositionsbündnisses Regenbogen Äthiopien wurde bei den Wahlen im November 2005 zum Bürgermeister gewählt. Doch als der damalige Regierungschef Meles Zenawi erkannte, dass ihn der Urnengang um die Macht zu bringen drohte, ließ er ihn kurzerhand annullieren: Bei den anschließenden Unruhen kamen mehrere Hundert Menschen ums Leben. Tausende - darunter auch Berhanu Nega - wurden eingesperrt. Auf ausländischen Druck hin ließ man den Ökonomen nach 21 Monaten Haft wieder frei. Von seiner Heimat aus muss man ihn heute jedoch telefonisch kontaktieren, denn Nega hat inzwischen im mehr als zehntausend Kilometer entfernten pennsylvanischen Universitätsstädtchen Lewisburg Zuflucht gefunden, wo er Wirtschaftswissenschaften lehrt.

Er ist davon überzeugt, dass das äthiopische Wirtschaftswunder bald wie einst die amerikanische Hypothekenblase platzen wird: "Bei dem sogenannten Aufschwung handelt es sich nicht nur um ein Strohfeuer, sondern um glatten Betrug." Zu denken geben sollte einem der Umstand, dass der Boom mit der Annullierung der Wahlen begonnen habe. Auf die Welle der Empörung habe der damalige Regierungschef Meles Zenawi mit dem Versprechen eines rasantem wirtschaftlichen Fortschritt reagiert. Zweistellige jährliche Wachstumsraten sollten selbst die erbittertsten Kritiker verstummen lassen.

Tatsächlich geht die Schere zwischen den von der Regierung veröffentlichten Zahlen und den von internationalen Organisationen wie etwa dem Internationalen Währungsfonds (IWF) errechneten immer weiter auseinander. Letzterer kam für 2011 auf höchstens 7 statt 11,5 Prozent Wachstum - mit fallender Tendenz. Nega sagt, dass die Regierung Milliarden in Großprojekte wie den Bau von Staudämmen oder Satellitenstädten pumpe, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Zu deren Finanzierung lasse man Geld drucken, was die Inflation in schwindelerregende Höhen treibe. 2011 lag die Teuerungsrate bei mehr als 40 Prozent, auch im vergangenen Jahr soll sie nach Angaben des IWF noch deutlich mehr als 20 Prozent betragen haben. "Nur eine Frage der Zeit", meint Nega, "bis das Kartenhaus zusammenfällt."

Der Unternehmer

Helfen könnten Leute wie Fitsum Zeab Asgedom, den wir im Taitu-Hotel treffen - der von ihm liebevoll restaurierten ältesten Herberge in Addis Abeba. Er ist einer derjenigen, die in den vergangenen Jahren aus dem Exil zurückgekehrt sind. Mehr als zwei Millionen Menschen waren in den Siebziger- und Achtzigerjahren vor dem "roten Terror" Mengistus geflohen. Knapp ein Viertel von ihnen soll bereits zurückgekehrt sein, um ihre im Ausland erworbenen Fertigkeiten und ihr Erspartes in der Heimat einzusetzen. Einer gründete eine Privatbank, ein anderer eine Wellness-Kette, wieder ein anderer ein Bauunternehmen - zarte Keime eines Privatsektors, den das Land bislang nicht kannte, aber dringend nötig hat. Asgedom, der im Gegensatz zu den meisten Exilanten nicht in den USA, sondern im ostafrikanischen Staat Uganda Unterschlupf fand, baute dort eines der größten Druckhäuser des Landes auf. Heute betreibt er in Addis Abeba "morgens eine Druckerei, mittags eine Seifenfabrik und abends das Taitu-Hotel".

Statt junge Unternehmer wie wertvolle zarte Pflänzchen zu hegen, würden sie von der Regierung wie alte Kautschukbäume gemolken, klagt er. So muss - wer das Glück hat, einen Bankkredit zu ergattern - per Gesetz mehr als ein Viertel des gewährten Betrags in Staatsanleihen anlegen, deren Zinssatz deutlich unter der Inflation liegt. Eine Art Strafsteuer, die auf Kredit angewiesene Jungunternehmer schon in den Startlöchern zum Straucheln bringt. Auf die Frage, warum die Regierung zu solchen Maßnahmen greift, will der Herausgeber einer mittlerweile eingestellten Zeitung lieber nicht eingehen. Asgedom wurde schon einmal mit Korruptionsvorwürfen - die sich später vor Gericht als fingiert erwiesen - hinter Gitter gebracht. Das Politbüro verfolge die Entstehung einer selbstständigen Unternehmerschaft noch immer mit Misstrauen, sagt ein Journalist. Die herrschende EPRDF-Partei wolle ihre Macht mit keinem neuen Player teilen. Außerdem werde der Privatsektor zur Ader gelassen, weil der Staat für seine Prestigeprojekte Geld brauche.

Ohne Privatsektor gebe es aber keine Entwicklung, schreibt der Ökonom Rick Rowden im US-Magazin "Foreign Policy": Ein Blick in die Geschichte zeige, dass erfolgreiche Schwellenländer ihre Entwicklung zunehmender Industrialisierung verdankten. In diesem Sektor sehe es in Afrika jedoch noch immer finster aus. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends sei der Anteil der verarbeitenden Industrie am Bruttoinlandsprodukt von 12,9 auf 10,5 Prozent sogar gesunken, während er in Asien im selben Zeitraum von 22 auf 35 Prozent stieg. Für Rowden ein Indiz dafür, worum es sich beim afrikanischen Aufstieg in Wahrheit handelt: einen Mythos.

Der Berater

Zemedeneh Negatu lässt sich davon nicht beeindrucken. Äthiopiens Wachstum stehe auf einem "soliden Fundament" und sei "dauerhaft", sagt der äthiopische Partner der Beraterfirma Ernst & Young. Ob es sich tatsächlich um 11,5 oder lediglich um 7 Prozent handle, sei von untergeordneter Bedeutung, denn in jedem Fall handle es sich um ein "beeindruckendes, China-ähnliches Wachstum". Auch Negatu, der ein Büro in einem Gebäude der Regierungspartei unterhält, bekamen wir nicht persönlich zu Gesicht. Der Ökonom ist fast ununterbrochen unterwegs, um seine Heimat in aller Welt potenziellen Investoren anzupreisen. Millionen Äthiopier würden bald in die Mittelschicht aufsteigen, schreibt der Berater per E-Mail. Und: "Spätestens im Jahr 2025 wird das Land ein Staat mittleren Einkommens mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von mindestens 4000 Dollar jährlich sein."

Die Mittelklässlerin

Bontu Bekele sitzt im Wohnzimmer ihrer Dreizimmerwohnung in der Apartmentblocksiedlung Gotara und schaut ihrem Dienstmädchen bei der Kaffee-Zeremonie zu - rösten, mahlen, aufbrühen. Ein betörender Duft breitet sich aus. Ihre zwei Kinder sind in der Privatschule, ihr Mann arbeitet bei einer ausländischen Firma. Sie sind typische Vertreter jener Mittelschicht, auf die sich die Afrika-Euphorie maßgeblich stützt.

Bereits 300 Millionen Menschen - also mehr als ein Drittel der Bevölkerung auf dem Kontinent - gehörten der Mittelschicht an, so eine viel zitierte Studie der Afrikanische Entwicklungsbank. Diese vor allem in den Städten lebenden Leute gelten als größte noch unterversorgte Konsumentenschar weltweit. Und werden zudem als Vorkämpfer bürgerlicher Freiheiten gepriesen - schließlich war es die Mittelklasse, die in den vergangenen zwei Jahren nordafrikanische Diktatoren vom Sockel stieß.

Die Jubelmeldung der Entwicklungsbank hat allerdings einen entscheidenden Schönheitsfehler. Sie zählt all jene zur Mittelschicht, die über zwei Dollar am Tag verfügen - nicht gerade das, was man in anderen Breitengraden darunter versteht. Dort werden lediglich jene zur kaufkräftigen Klasse gerechnet, die sich ein Auto, eine eigene Wohnung und Privatschulen für ihre Kinder leisten können. Legt man diesen Maßstab an, machen sie noch deutlich weniger als zehn Prozent der afrikanischen Bevölkerung aus, und das soll sich auch in den vergangenen Boom-Jahren nicht geändert haben. Bontu Bekele ist sich nicht einmal sicher, ob sie sich noch lange zur Mittelschicht rechnen kann. Die Gehaltserhöhungen ihres Ehemanns hielten mit der Inflationsrate nicht Schritt, schon wird der Verkauf des Autos erwogen.

Millionen ihrer Landsleute können von solchen Problemen nur träumen. Täglich strömen Hunderte nach Addis Abeba, um in der Metropole ihr Glück zu suchen - und meist nur eine Blechhütte im Slum und keinen Job zu finden. Äthiopiens Hauptstadt ist eine der am schnellsten wachsenden Metropolen: In elf Jahren soll sich ihre Einwohnerzahl von fünf auf zwölf Millionen mehr als verdoppelt haben.

Die Kriegswitwe

Von Madina Mohameds einstigem Häuschen zeugt heute bloß noch ein Häufchen Schutt. Vor Kurzem marschierte die städtische Abrissbrigade mit Äxten und Planierraupen in Arat Kilo ein und machte den gesamten, aus Hunderten von Lehmhäusern bestehenden Stadtteil dem Erdboden gleich. Die Mutter dreier Kinder, deren Mann 1999 im Grenzkrieg gegen Eritrea fiel, wurde über Nacht obdachlos. Zwar steht ihr Name auf der Liste für ein Apartment eines sozialen Wohnungsbauprojektes. Doch wird sie dort wohl nie einziehen können, denn die meisten der Sozialwohnungen werden nicht von Angehörigen der eigentlichen Zielgruppe, sondern von Wohlhabenderen bewohnt. Habenichtse können sich nicht mal die Nebenkosten in den Wohnsilos leisten.

Wie Madina Mohamed verloren in den vergangenen Jahren Zigtausende von Stadtbewohnern ihr Zuhause. Ganze Stadtteile wurden abgerissen, um Platz für Hotels, Apartmentblocks oder Stadtautobahnen zu schaffen. Dabei war Addis Abebas Zentrum bislang für seine Vielfalt bekannt: Arme und Reiche, Junge und Alte, Einheimische und Einwanderer trafen dort aufeinander. Zwischen Villen, Hochhäusern und Regierungsbauten fanden sich zahlreiche Stadtteile mit Lehmhütten, in denen Bettler neben Beamten und Studenten neben Straßenkehrern lebten.

Heute steht auf dem Gelände eines der wegrasierten Quartiere das Sheraton, eines der feinsten Hotels des Kontinents. Es gehört Mohammed Hussein al Alamoudi, den das Magazin "Forbes" zum reichsten Schwarzen der Welt erklärte. Unsere Bemühungen, den Tycoon zu Gesicht zu bekommen, blieben erfolglos. Der saudische Staatsbürger wurde als Sohn einer Äthiopierin und eines Jemeniten in Äthiopien geboren. Außer mehreren Hotels betreibt seine Midroc genannte Unternehmensgruppe die Goldbergwerke des Landes. Er besitzt - gemeinsam mit der Regierung - die größte Zementfabrik Äthiopiens und ergatterte über seine Firma Saudi Star einen Löwenanteil des verpachteten Ackerlandes.

Madina Mohamed lebte nur einen Steinwurf vom Sheraton entfernt. Bald wird sie in einem der Slums enden, die mittlerweile auch den Stadtrand von Addis Abeba wie den anderer Metropolen des Kontinents säumen. Dort wird die Witwe nicht einmal mehr ihr bisheriges Zubrot als Straßenverkäuferin verdienen können, denn von den ausgelagerten Armenvierteln ist der Weg zum Stadtzentrum viel zu weit und viel zu teuer. So bleibt ihr nur die Hoffnung als das beständigste aller afrikanischen Aktiva: "Vielleicht werden es ja meine Kindern einmal besser haben."

Afrikas Aufschwung drohe den ohnehin gewaltigen Abstand zwischen Arm und Reich weiter zu vergrößern, warnt die Expertengruppe African Progress Panel. Weite Teile der Gesellschaft würden vom Fortschritt abgehängt. So unberechtigt der einstige "extreme Afrika-Pessimismus" gewesen sei, so fehl am Platz sei auch die gegenwärtige Welle eines "engstirnigen Optimismus"', befindet die Prominenten-Gruppe, der auch der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan angehört.

Die Hymne von Afrikas sagenhaftem Aufstieg ist noch lange kein Volkslied geworden. -

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Äthiopien ist neben Liberia der einzige Staat Afrikas, der sich einer europäischen Kolonialisierung erfolgreich widersetzte. Das schützte das mit 85 Millionen Einwohnern nach Nigeria bevölkerungsreichste Land des Kontinents allerdings nicht davor, erst vom Feudalismus des "Kaisers" Haile Selassie und danach vom "roten Terror" der angeblich sozialistischen Militärjunta der Dergs ruiniert zu werden. Auch nach der Vertreibung des Diktators Mengistu Haile Mariam durch die Befreiungsbewegung Ethiopian People's Revolutionary Democratic Front (EPRDF) unter Meles Zenawi kam Äthiopien nicht zur Ruhe. Das Land wurde kurz vor der Jahrtausendwende in einen verheerenden Grenzkrieg mit dem Bruderstaat Eritrea verwickelt. Aus dem Waffengang ging Äthiopien als Sieger und - mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 125 Dollar im Jahr - als ärmstes Land der Welt hervor.