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Aus dem Gleichgewicht

Brasiliens Wirtschaft ist stabil, die Zahl der Armen sinkt, die Mittelklasse wird größer. Doch das ist nur eine Seite der Wahrheit. Fragen an den Ökonomen Pierre Salama.




• Als vielen klar wurde, dass der kämpferische Metallgewerkschafter Luiz Inácio Lula da Silva aus den Reihen der linken Arbeiterpartei (PT) im Jahr 2002 tatsächlich Präsident werden würde, verteuerten sich die Risikoaufschläge brasilianischer Staatsanleihen, es kam zu einer massiven Kapitalflucht, und die Landeswährung Real sackte ab. In den ersten beiden Amtsjahren hatte Lula alle Hände voll zu tun, Finanzinvestoren zu beruhigen, die Wirtschaft zu stabilisieren und die Inflation zu bekämpfen. Aber er musste auch ein Wahlversprechen halten: "Bis zum Ende meiner Amtszeit soll kein Brasilianer mehr Hunger leiden." Lula stockte die Sozialprogramme auf, erhöhte den Mindestlohn. Und er stimulierte mithilfe der staatlichen Entwicklungsbank die Wirtschaft.

Das war eine beachtliche Leistung. Brasilien ist mit rund 200 Millionen Einwohnern das fünftgrößte Land der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt beläuft sich auf 2,5 Billionen Dollar. 21,4 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, 2004 waren es noch 33,7 Prozent. Nach Angaben von Dilma Rousseff, Lulas Nachfolgerin im Präsidentenamt, stiegen in den vergangenen zehn Jahren 40 Millionen Menschen aus der Armut in die Mittelklasse auf. "Das ist die Folge von zehn Jahren Einkommensumverteilung", sagt Marcelo Nacimento, Chef der Research-Abteilung der staatlichen Entwicklungsbank (BNDES). Brasilianische Konzerne wie Petrobras oder Vale zählen zu den führenden ihrer Branche. Auch im Ausland werden die Erfolge des Landes wahrgenommen. Erst kürzlich wurde der Brasilianer Roberto Azevêdo zum designierten Chef der Welthandelsorganisation (WTO) ernannt. Die Zeitschrift "Foreign Affairs" titelte bereits 2008: "Brasiliens großer Moment". Der Ökonom Pierre Salama erläutert, wie lange der anhalten wird.

brand eins: Was ist die Erklärung für das brasilianische Wirtschaftswunder?

Pierre Salama: Der Staat hat bewiesen, dass er die Wirtschaft erfolgreich regulieren kann. Aber in Brasilien hat sich kein Wunder vollzogen, wie viele Kommentatoren behaupten. 2010 gab es 7,5 Prozent Wachstum, doch 2011 lag es bei nur noch zwei Prozent, vergangenes Jahr stagnierte es fast. Richtig ist, dass große Erfolge auf dem Gebiet der Sozialpolitik erzielt wurden. Die Erhöhung des Mindestlohns hat sehr gute Resultate gebracht. Der reale Mindestlohn wurde seit 2003 um rund 70 Prozent angehoben und liegt mittlerweile bei umgerechnet etwa 350 Dollar. Parallel dazu sind die Reallöhne um 50 Prozent gestiegen. Das ist wirklich ein großer Erfolg. Nur hinsichtlich des Wachstums bin ich skeptisch. Die Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff - wie auch schon die Regierung ihres Vorgängers Lula da Silva - versucht einen Spagat: Sie betreibt eine Hochzinspolitik und zwingt sich zur Haushaltsdisziplin. Gleichzeitig hat sie sich vorgenommen, die Ungleichheit zu senken und die Einkommen zu erhöhen - und das gelingt ihr auch. Noch.

Bleibt also nichts mehr zu tun?

Wie bitte? Ich würde sagen, eine ganze Menge. Das Land ist längst nicht so wettbewerbsfähig, wie es sein müsste. Das starke Wachstum 2010 war eine technische Korrektur. 2009 gab es eine leichte Rezession, auf die hat die Regierung gut reagiert, das Bruttoinlandsprodukt ist im Folgejahr stark gestiegen. Man darf sich aber nicht täuschen lassen: Der Rohstoffexport war ein wichtiger Faktor. Und die Rohstoffpreise befinden sich schon seit Jahren auf hohem Niveau. Brasilien ist einer der größten Exporteure von Agrarrohstoffen und Eisenerzen. Erze sind das wichtigste brasilianische Exportprodukt, im Jahr 2011 beliefen sich die Ausfuhren auf 44,2 Milliarden Dollar. Gefolgt von Erdöl und Treibstoffen mit 31 Milliarden Dollar. Das viertwichtigste Exportprodukt ist Soja mit einem Wert von 24 Milliarden Dollar. Sie sehen: alles Rohstoffe.

Aber es war doch nicht nur der Export, der die Wirtschaft stärkte. Auch der Konsum hat zugelegt. Die Ausgaben der privaten Haushalte stiegen zwischen 2006 und 2011 im Schnitt jährlich um 5,4 Prozent. Brasilien verfügt über den fünftgrößten Binnenmarkt weltweit nach den USA, China, Japan und Deutschland.

Darin liegt wirklich eine Leistung staatlicher Steuerung. Und hier sind die Ergebnisse der Mindestlohnpolitik gut zu sehen. Zusätzlich wurden Konsumentenkredite eingeführt, es gibt staatlich garantierte Darlehen zum Erwerb von Wohneigentum - das alles hat dazu geführt, dass der Binnenmarkt dynamischer wurde. Doch es gibt auch eine Schattenseite: Der Konsum förderte nicht die Industrieproduktion, sondern führte zu mehr Importen, vor allem aus China. Wir sehen in Brasilien einen schleichenden Prozess der Deindustrialisierung. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen, dahinter steht eine neue, weltweite Arbeitsteilung: Länder wie Brasilien liefern die Rohstoffe, und Länder wie China fertigen die Produkte.

Aber Brasilien verfügt mit Embraer über den viertgrößten Flugzeugbauer der Welt. JBS ist einer der größten Fleischproduzenten der Welt. Petrobras ist Weltmarktführer bei Erdöltiefseebohrungen... Da kann man doch nicht von Deindustrialisierung sprechen.

Selbstverständlich verfügt Brasilien über große und erfolgreiche Konzerne. Ich will Ihnen doch auch nur deutlich machen, wie schwierig es für eine Regierung ist, die Wirtschaft zu steuern und dabei ein Gleichgewicht zu finden. Sie erzielen auf der einen Seite einen großen Erfolg, wie etwa mit dem Mindestlohn, und schaffen sich auf der anderen Seite auch Probleme.

Ein weiteres Problem ist die nachgebende Wettbewerbsfähigkeit. Carlos Ghosn, der Chef von Renault-Nissan, beschwerte sich, dass es billiger sei, Eisenerz aus Südkorea nach Brasilien zu importieren, als es im Land zu kaufen. Und in den Häfen kostet die Abfertigung eines Containers 900 Dollar, doppelt so viel wie in China.

Die Löhne in Brasilien sind im Durchschnitt siebenmal höher als in China. Aber wenn die Regierung die Löhne deckelt, schwächt sie das Wachstum. Sie sehen: Egal wo Sie anpacken, es gibt immer einen unerwünschten Nebeneffekt. Die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes wird bestimmt von drei Faktoren: den Löhnen, der Produktivität und dem Wert der Währung. Die Löhne in Brasilien sind hoch. Die Produktivität ist gering, und die Währung war über lange Zeit sehr stark. Das hat den Exporten schwer zugesetzt. Die Regierung hat versucht, dem entgegenzuwirken. Aber jetzt sind die Preise stark gestiegen, die Inflation liegt bei 6,5 Prozent, daher hat die Notenbank kürzlich die Zinsen auf acht Prozent angehoben, und die Folge ist: Aus den Industrieländern strömt mehr Geld ins Land, was den Real wieder in die Höhe treibt und Ausfuhren weiter verteuert.

Den Exporteuren von Soja, Mais oder Orangensaft wird das egal sein. Rohstoffe werden in Dollar gehandelt. Wo liegen für Sie also die Schwierigkeiten?

Sie liegen darin, dass die Einnahmen der Produzenten sinken, wenn sie ihre auf dem Weltmarkt verdienten Dollar in die teure Landeswährung tauschen. Das zweite Problem betrifft die Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn die Ausfuhren zu teuer sind, lohnt es sich nicht mehr, bestimmte Produkte für den Weltmarkt herzustellen. Zugegebenermaßen versucht Präsidentin Rousseff, dem mithilfe der nationalen Entwicklungsbank (BNDES) entgegenzusteuern. Über die BNDES, vergleichbar etwa mit der deutschen KfW-Bankengruppe, werden Unternehmen billigere Kredite gewährt. Die Leitzinsen sorgen für ein sehr hohes Zinsniveau bei den Geschäftsbanken, die auch wegen der Inflation nicht gewillt sind, langfristig Geld zu vernünftigen Sätzen zu verleihen. Also garantiert die BNDES Kredite oder steigt über ihren Investment-Arm direkt bei Unternehmen ein. Der weltweite Expansionskurs von JBS wurde so zum Teil finanziert.

Das heißt, der Staat sucht die Firmen aus, die er fördert. Ist das seine Aufgabe?

Ach, schauen Sie sich doch in den Nachbarländern einmal um. Kaum eines hat eine Entwicklungsbank, dabei würde es den dortigen Volkswirtschaften sehr gut tun, wenn sie eine solche Förderinstitution hätten. 2010 hat BNDES Kredite im Wert von 101 Milliarden Dollar vergeben, das ist sehr viel Geld. 21 Prozent der Darlehen gingen an den privaten Sektor. Damit wurde viel erreicht: Industrieunternehmen können die Entwicklung bestimmter Produkte finanzieren. Es werden Garantien zur Exportfinanzierung gegeben. Reduzierte Zinsen beim Kauf von Autos oder Immobilien fördern den Konsum, was Arbeitsplätze schafft. Würde man das alles dem Markt überlassen, hätte man nicht diese Ergebnisse. Darüber hinaus ist die Regierung sehr aktiv. Vergangenes Jahr hat sie, um die Automobilindustrie zu unterstützen, zeitweilig die Steuern zum Erwerb von Autos gesenkt. Sie subventioniert einige Unternehmen. Sie schützt in einigen Fällen den heimischen Markt durch Zölle, aber da sind ihre Möglichkeiten wieder beschränkt.

Weil sie nicht gegen die Statuten der Welthandelsorganisation (WTO) verstoßen will?

Nein, weil sie keine aggressiven Reaktionen provozieren will. Für Brasilien ist China inzwischen einer der wichtigsten Handelspartner. Brasilien exportiert Unmengen von Gütern nach China. Von China aus betrachtet ist Brasilien aber kein bedeutender Markt für chinesische Produkte. Würde jetzt Brasilien Schutzzölle, etwa für Schuhe aus China, verhängen, riskierte das Land einen erschwerten Marktzugang für seine Exporte nach China. Es wäre daher dringend nötig, in Forschung und Entwicklung zu investieren, um wertvollere Produkte herzustellen. Lediglich 1,3 Prozent des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts werden für Forschung und Entwicklung aufgewendet, verglichen mit 1,65 Prozent in China und 3,48 Prozent in Japan.

Die Präsidentin Rousseff schrieb einmal: "Die Verbesserung der Lebensbedingungen muss immer das Hauptziel wirtschaftlicher Entwicklung sein. Man kann beide Konzepte nicht voneinander trennen. Die Schaffung und Verteilung von Reichtum verbessert den Lebensstandard; umgekehrt führt ein verbesserter Lebensstandard zu wirtschaftlicher Prosperität." Wird sie dem gerecht?

In der Sozialpolitik durchaus. Doch muss man hier einige Dinge unterscheiden. Die Regierung lässt sich für ihr Sozialprogramm Bolsa Família feiern. Damit werden zwölf Millionen brasilianische Haushalte unterstützt. Familien, in denen das Einkommen pro Kopf unter 60 Reais liegt (rund 30 Dollar), erhalten diese Form der Hilfe. Sie bekommen 60 Reais vom Staat, die ihnen auf eine spezielle Kreditkarte ausgezahlt werden. Familien, die Kinder unter 15 Jahren haben, erhalten zusätzliches Geld...

Was ist dagegen einzuwenden?

Nichts, nur dass die Summe dieser Hilfen lediglich 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Das ist weniger als der Schuldendienst an die inländischen Gläubiger.

Für einen solch geringen Einsatz ist das Ergebnis doch beachtlich, die Armut sank deutlich.

Ja, aber nicht durch das Sozialprogramm. Das ist für die Außendarstellung der Regierung wichtig, es hat die Armen weniger arm gemacht, und das ist ungeheuer viel wert. Aber dass die Mittelklasse größer wurde, ist die Folge des ständig erhöhten Mindestlohns. Wenn Sie die Armut senken wollen, geht das eben am besten auf diesem Wege. Denn so steigt die Binnennachfrage, und die Wirtschaft wächst. Für arme Campesinos, die irgendwo auf dem Land leben, hatte das bedeutende Folgen. Die können jetzt sogar in Rente gehen und erhalten vom Staat eine Pension in Höhe des Mindestlohns von 350 Dollar - das ist mehr, als sie zu ihrer aktiven Zeit hatten. Es lohnt sich also für junge Leute wieder, bei den Großeltern einzuziehen. ---

Pierre Salama wurde 1942 in Alexandria (Ägypten) geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre und promovierte in Paris an der Sorbonne mit einer Arbeit über Entwicklungsländer. Seit seinem Studium beschäftigt er sich mit den Ökonomien Lateinamerikas. In Mexiko haben ihm gleich zwei Hochschulen die Ehrendoktorwürde verliehen, die Universität von Guadalajara und die Autonome Universität von Mexiko-Stadt. Zuletzt war Salama Professor am Centre d'Economie der Universität Paris-Nord.