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Auf großer Fahrt zum Plastikmüll

Seit Jahrzehnten wachsen die Müllteppiche in den Weltmeeren. Neben Umweltschützern versuchen nun auch Unternehmer, den Abfall aus den Ozeanen zu fischen – sie wittern eine neue Rohstoffquelle.




• Dirk Lindenau und Günther Bonin wollen Schiffe bauen. Große und kleine. Mit denen wollen sie vor Küsten und Inseln nur eines fangen: Müll.

6,4 Millionen Tonnen Abfall gelangen pro Jahr in die Weltmeere. Vor allem Kunststoff, aufgespalten in unzählige kleine Stückchen, bedeckt große Teile der Ozeane. Nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) fressen pro Jahr eine Million Seevögel den Müll und verenden. Die immer feiner zersetzten Plastikpartikel ziehen darüber hinaus im Wasser verteilte Giftstoffe an. Werden sie von Meeresorganismen aufgenommen, gelangen sie als Teil der Nahrungskette bis zu uns Menschen.

„80 Prozent des Mülls kommt von Land“, sagt Dirk Lindenau. „In vielen Ländern dieser Welt, an Küsten und auf Inseln fehlt ein Sammel- und Entsorgungssystem, wie wir es in Deutschland kennen.“ Der ehemalige geschäftsführende Gesellschafter der traditionsreichen Lindenau-Werft in Kiel initiierte daher eine Studie, die von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt mit 170000 Euro gefördert wird. Untersucht werden die Einsatzmöglichkeiten eines „Recycling-Schiffes“, das Müll sammeln und sortieren soll. „Sie müssen nur auf die Karte sehen: Für einen Inselstaat wie die Kapverden mit neun oder die Malediven mit mehr als 200 bewohnten Inseln ist ein Schiff das effizienteste, sicherste und umweltfreundlichste Transportmittel“, sagt der Unternehmer, der bis vor wenigen Jahren Doppelhüllentanker baute.

Ein umgebautes Containerschiff, so der Plan, soll in regelmäßigem Turnus die Häfen anfahren, Müll an Bord nehmen und dort sortieren. Im Haupthafen lädt es den getrennten Müll containerweise ab. „Für die Kapverdischen Inseln rechnen wir mit rund 140000 Tonnen Siedlungsabfällen pro Jahr. Ist der Müll gereinigt und sortiert, ist er eine wertvolle Rohstoffquelle“, sagt Lindenau. Organische Bestandteile, wie etwa aus Speiseresten, können an Land in Kompost und Methan verwandelt werden. Mit Letzterem lässt sich durch Kraft-Wärme-Kopplung Wärme und Strom erzeugen, mit Strom wiederum kann zum Beispiel durch Entsalzung Trink- und Brauchwasser gewonnen werden. Das Recycling von Metall-, Glas- und Plastikresten, das unter Umständen schon an Bord stattfinden kann, soll der Wirtschaft Rohstoffe bescheren.

Laufen die Gespräche in der kapverdischen Hauptstadt Praia diesen Herbst erfolgreich, könnte Lindenaus erstes Schiff schon Ende 2014 um die Inselkette kreuzen. Aller Voraussicht nach mit daran beteiligt wäre dann auch Günther Bonin. Der IT-Berater und passionierte Segler aus Germering bei München hat den Verein „One Earth – One Ocean“ gegründet. Auch Bonin will mit speziellen Schiffen Müll sammeln, allerdings den, der schon im Meer gelandet ist.

Als er vor mehr als zwei Jahren feststellte, dass es dafür keine passende Technik gibt, fing Bonin an zu zeichnen. Viele Entwürfe wanderten in den Papierkorb, ehe der erste „Seehamster“ gebaut wurde. „Mit einer Skizze auf seinem Laptop kam Günther Bonin zu mir“, erzählt Metallbauer Michael Lingenfelder aus der Germeringer Nachbarschaft. „Wir rüsteten große Abflussrohre in eine schwimmende Plattform um, die den in Flüssen oder Bächen anströmenden Müll sammelt.“ Aus diesem ersten stationär verankerten Seehamster, der seine Feuertaufe auf dem Fluss Amper bestand, wurde bald ein zweiter. Bonin und Lingenfelder besorgten einen aufblasbaren Katamaran und bauten ein großes rohrförmiges Gestell daran. Das kann unterschiedlich tief ins Wasser eingetaucht werden. Bewegt sich der „Seehamster 02“ dank eines Elektromotors mit Schrittgeschwindigkeit, schluckt das Gestell die entgegenkommenden Müllteile. Vor der Ostseeküste bei Greifswald sammelte der Entsorgungskatamaran im vergangenen Sommer rund 100 Kilogramm Müll in vier Stunden. Bonin hofft auf Aufmerksamkeit für sich und sein Projekt und auf weitere Unterstützer.

Müllmänner der anderen Art: Michael Lingenfelder,
Dirk Lindenau
Günther Bonin

Denn das nächste Sammelschiff steht bereits auf dem Reißbrett. Die "Seekuh" soll zwölf mal neun Meter groß werden, entsprechend mehr Sammelkapazität haben und sich dank Wind- und Solarenergie umweltfreundlich fortbewegen. Sollen Bonins Seekühe jedoch schon kommendes Jahr vor den kapverdischen Küsten kreuzen, ist eine Finanzspritze nötig. Zwar hat der Verein One Earth – One Ocean erste Spenden bekommen, doch für den Bau einer Seekuh rechnet Günther Bonin mit Kosten von rund 200000 Euro. Der IT-Berater ist bereit, sein bisheriges Unternehmen ganz für die maritime Müllentsorgung umzuwidmen und mit Gewinnen aus dem Verkauf und Verleih von Schiffen die Pläne des Vereins zu finanzieren. Doch der Kampf um Unterstützer ist hart. Vor allem die Kunststoffbranche verwies Günther Bonin zuletzt auf ihr bereits bestehendes Engagement.

Einer, der ein solches Engagement lenkt, ist Bernhard Merkx. Der Niederländer ist lange im Geschäft. 20 Jahre lang leitete er selbst mehrere Recycling-Unternehmen. 2011 hat er die Stiftung Waste Free Oceans (WFO) mitgegründet. Ähnlich wie Günther Bonin will er Plastikmüll in den Meeren sammeln und hat erste finanzielle Unterstützung für die WFO gesichert. „Kunststoffunternehmen erklären heute, sie tragen einen Teil der Verantwortung für das weltweite Müllproblem mit und sind ein Teil der Lösung. Vor drei Jahren wäre das noch undenkbar gewesen“, sagt Merkx. An eigene Boote denkt man in der Stiftung bisher allerdings nicht. Merkx' Ziel ist es, Fischer an bestimmten Tagen zum Müllsammeln aufs Meer zu schicken. Dafür hat die Stiftung spezielle Netze entwickeln lassen, die je nach Größe zwei bis acht Tonnen Plastikmüll sammeln können.

Für Bernard Merkx ist es besonders wichtig, die Politik mit einzubinden. In Frankreich hat er es bereits geschafft. Dort unterstützen zwei Ministerien den Aufwand der Fischer finanziell, während die Stiftung dafür sorgt, dass an Land kostenlose Sammelstellen zur Verfügung stehen. An vier Punkten vor der französischen Atlantik- und Mittelmeerküste schwärmen Fischerboote mehrmals im Jahr aus. An diesen Orten konzentriert sich besonders viel Müll. Unterstützt durch Universitäten verfolgt die Stiftung Größe und Position dieser Müllteppiche und lässt nach einem Sammeleinsatz die Materialarten und Herkunftsländer analysieren. Denn noch ist nicht vollständig erforscht, wie gut sich der Plastikmüll, der von Salzwasser und ultraviolettem Licht angegriffen wurde, recyceln lässt.

Zusammenarbeit lohnt sich

Neben diesen gezielten Einsätzen will Waste Free Oceans, dass Fischer auch bei ihren normalen Fangzügen Müll aus dem Meer ziehen. Das versuchen Umweltverbände schon länger. Der Meeresbiologe Kim Detloff, der bei der deutschen Naturschutzorganisation Nabu das Projekt „Fishing for Litter“ leitet, erklärt es so: „Eine gewisse Menge Müll landet ohnehin in den Fischernetzen und muss vom Fang getrennt werden. Damit das Plastik aber nicht im Restmüll landet, stellen wir in den Häfen kostenlose Container bereit. Von dort wird der Müll abgeholt, sortiert und wenn möglich in die Recyclingkette zurückgeführt.“

Rund 60 Fischer unterstützen heute in sechs deutschen Nord- und Ostseehäfen die Nabu-Initiative. Zunächst war es nicht leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ähnlich wie die Kunststoffindustrie fürchteten viele, als vermeintliche Schuldige entlarvt zu werden, wenn sie an der Lösung des Müllproblems mitarbeiten. In der Tat richten manche Fischer Schäden an, durch über Bord geworfene Abfälle oder verloren gegangene Netze.

Doch mittlerweile haben Umweltschützer und Fischer erkannt, dass beide Seiten von einer Zusammenarbeit profitieren. Die Fischer haben verstanden: Schädigt der Müll die Umwelt, schädigt er auch den Fischfang – also muss er raus aus dem Meer. Und die Umweltschützer haben einen Vorteil, weil das Ganze vergleichsweise wenig kosten kann: Die zusätzliche Arbeitszeit, die anfällt, um den Müll zu den Containern zu bringen, spendieren die Fischer. Regionale Entsorgungsunternehmen wiederum helfen bei der Abholung des Mülls.

Fishing for Litter ist seit Jahren in mehreren europäischen Staaten verbreitet. Neben den bisher sechs deutschen Häfen sind rund 40 weitere in England, Schottland, Belgien, Schweden und den Niederlanden beteiligt – koordiniert von Kimo, einem Netzwerk aus Kommunen und Naturschutzorganisationen.

Dass solche Projekte nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sind, weiß Kim Detloff. Für die Nordsee rechnet der Nabu-Experte mit einer möglichen Steigerung von drei auf elf Partnerhäfen. Würden vergleichbar viele Fischer auch in allen Anrainerländern mitmachen, könnten gerade zehn Prozent des jährlich neu im Meer landenden Plastikmülls herausgeholt werden. Auch Bernard Merkx weiß um die Größe der Aufgabe: „Geschätzte 500 Tonnen Kunststoffmüll im Mittelmeer klingen nicht so viel. Das könnte ein Recyclingwerk in ein paar Tagen verarbeiten. Da die Masse aber aus rund 250 Milliarden einzelnen Teilchen besteht, die sich über das ganze Meer mit mehr als 20 Anrainerländern verteilen, wird die Herausforderung beim Einsammeln deutlich.“

Die Herkulesaufgabe

Beide Experten sind sich daher einig: Aufräumen ist gut, vorsorgen ist besser. So fordern viele von der Europäischen Union eine Erhöhung der Wiederverwertungsquoten für Kunststoff. Momentan liegt die europaweite Recyclingvorgabe bei Kunststoffverpackungen bei 22,5 Prozent, während in Deutschland rund 40 Prozent erreicht werden. „70 Prozent sind ein realistisches Ziel“, zitiert Bernard Merkx aus dem Grünbuch der EU-Kommission. „Maximal 30 Prozent gingen dann noch in die Verbrennung und Energiegewinnung.“ Mehr als 160000 Arbeitsplätze könnten europaweit entstehen, wenn man das Problem im großen Stil anginge.

Günther Bonin glaubt fest daran, dass auch das vorhandene Plastik in den Ozeanen abgefischt werden kann. Neben den Seekühen will er den Seeelefanten entwickeln, eine schwimmende Energiezentrale, die den Kunststoffmüll auf See entgegennehmen und an Bord in schwefelfreies leichtes Heizöl umwandeln kann. Dieses soll der Seeelefant wie eine schwimmende Tankstelle an passierende Handelsschiffe verkaufen. Finden sich genügend Geldgeber, will Bonin in zehn Jahren auf große Fahrt gehen: Ziel ist der Great Pacific Garbage Patch, die größte Ansammlung von Müllteilen auf dem Nordpazifik. Experten vermuten eine Maximalausdehnung, die 40-mal so groß ist wie die Fläche Deutschlands.

Dort könnten Seekühe und Seeelefanten Konkurrenz bekommen. Der erst 19-jährige niederländische Student Boyan Slat akquirierte auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo kürzlich knapp 90000 Dollar. Damit will er die Machbarkeit seiner „Marine Litter Extraction“ beweisen: automatische Stationen, die, am Meeresboden verankert, lange Ausleger ins Wasser tauchen. Die Meeresströmung treibt den Müll gegen die Ausleger und von dort in die Sammelstationen. Der Ozeanograf Charles Moore, der den pazifischen Müllteppich 1997 entdeckt hatte, schätzte einmal, dass ein Schiff 79000 Jahre bräuchte, um den Abfall einzusammeln. Boyan Slat möchte es in fünf Jahren schaffen. Günther Bonin ist etwas bescheidener: „100 Jahre könnte uns der Great Pacific Garbage Patch in jedem Fall beschäftigen. Wir dürfen nicht vergessen: Bis auf Weiteres kommen jedes Jahr noch Millionen Tonnen Müll dazu. Und das, was schon da ist, zerfällt und verteilt sich weiterhin.“ ---
Günther Bonin beim Reinemachen auf dem Germeringer See
Mikroplastik
Feinste Kunststofffasern aus Textilien und Kunststoffe in Peelings oder Zahnpasta werden von Klärwerken nicht ausgefiltert und landen schließlich in Flüssen und Meeren. Mehrere Unternehmen haben sich inzwischen entschieden, von 2014 an keine Produkte mit Mikroplastik mehr herzustellen. Strandsäuberung
Die US-Organisation Ocean Conservancy ruft einmal jährlich (am dritten Samstag im September) dazu auf, Müll an den Meeresstränden zu sammeln. 2011 sammelten rund 600000 Freiwillige weltweit fast 4600 Tonnen Müll.