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Von der Landkarte gestrichen

Während einer Schuldenkrise verlieren Staaten, was sie zum Leben brauchen. Neufundland büßte sogar seine Unabhängigkeit ein. Und wurde 1949 eine kanadische Provinz.




• Die Neufundländer hätten gewarnt sein müssen. Schon die erste Amtszeit von Premierminister Sir Richard Squires hatte 1923 ein wenig rühmliches Ende gefunden. Die Regierungskoalition aus Liberalen und der Partei der Fischer wurde beschuldigt, Bestechungsgelder verteilt zu haben, um ihre Wiederwahl zu sichern.

Als Squires sich weigerte, deswegen einen Minister zu entlassen, richteten sich die Anschuldigungen gegen ihn selbst. Ein Staatsanwalt beantragte Haftbefehl, und Squires musste zurücktreten, kam jedoch auf Kaution frei.

Neufundland zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Neben Kanada und den USA war das Land im Norden des Kontinents der dritte selbstständige nordamerikanische Staat. Er hatte nur 280 000 Einwohner, die vor allem vom Fischfang und der Papierindustrie lebten. Die Partei der Fischer hatte stets großen Einfluss auf die politischen Geschäfte – und die Fischwirtschaft bestimmte, wie gut es dem Land ging.

Das Unglück für Neufundland begann 1928, als infolge der Großen Depression die Preise für Fisch um 48 Prozent zurückgingen, die für Zeitungspapier um 35 Prozent – und damit die Einkommen aus Exporten. Die Fischerfamilien verdienten nicht mehr genügend Geld fürs Überleben. Der restliche Teil der Bevölkerung fand kaum noch Arbeit. Die Einnahmen des Staates sanken rapide.

Um den sozialen Frieden im Land zu bewahren, zahlte sie dennoch an die Fischer eine Art Sozialhilfe aus - finanziert auf Pump. Dabei war Neufundland schon zu jener Zeit überschuldet. Mit dem Ziel, die Infrastruktur zu verbessern und die Wirtschaftskraft zu stärken, war in den Jahren zuvor eine Eisenbahnlinie quer durch das Land gebaut worden – auf Kredit. Auch die Truppen, die im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Entente kämpften, waren mithilfe von Darlehen ausgerüstet worden.

Die Haushaltslage war also schon vor der Wirtschaftskrise mehr als angespannt. Die gab dem Land den Rest.

1928 kehrte der fünf Jahre zuvor im Skandal zurückgetretene Sir Richard Squires zurück in die Politik – und wurde erneut Premierminister. Dann ging es Schlag auf Schlag: Die Haushaltslage verschlechterte sich dramatisch, die Einnahmen der Fischer verfielen weiter, der Staat finanzierte sich nur noch auf Pump.

1932 trat dann auch noch der Finanzminister Peter John Cashin zurück und beschuldigte seine Kabinettskollegen, eine durch und durch korrupte Clique zu sein. Premier Squires geriet erneut in Verdacht und versuchte erfolglos zu vertuschen, dass er sich aus der Staatkasse bedient hatte.

Am 5. April 1932 hatten die Neufundländer genug. 10.000 Bürger demonstrierten vor dem Colonial Building, dem Sitz des Abgeordnetenhauses, gegen die korrupte Regierung. Als kein Abgeordneter den Mumm besaß, sich der Menge zu stellen, drangen die Protestierer wütend ins Parlament ein.

Squires floh durch den Hinterausgang, durchquerte ein Nachbargebäude und sprang in einer Parallelstraße in ein Taxi. Kurz darauf wurde er wegen Korruption erneut verhaftet.

Längst hatte auch die einstige Kolonialmacht und der Gläubiger Großbritannien genug. Im Februar 1933 schickten die Briten von London aus eine von Lord Amulree geführte Kommission, um bei dem Commonwealth-Partner Neufundland nach dem Rechten zu sehen.

Doch da war nichts mehr zu retten, und Lord Amulree konnte nur noch die Staatspleite feststellen. 1933 betrugen die Schulden 98,5 Millionen Dollar, und das bei einem Bruttoinlandsprodukt von 35 Millionen Dollar.

Lord Amulree erstattete in London Bericht: "Während der zwölf Jahre zwischen 1920 und 1932 war der Haushalt in keinem Moment ausgeglichen. Während dieser Zeit erreichten die öffentlichen Ausgaben ruinöse und zuvor ungekannte Höhen, was durch die Bereitschaft der Gläubiger, immer weiteren Kredit zu gewähren, gefördert wurde."

Eine Pause von der Politik – der Wirtschaft zuliebe

Die einzige Lösung, die der Brite für den bankrotten Staat sah, war radikal: Neufundland benötige eine Pause von der Politik. Großbritannien werde daher die Verantwortung für die Finanzen des Landes übernehmen. Im Gegenzug solle Neufundland seine Souveränität aufgeben und eine Kommission einsetzen mit sechs Vertretern aus Großbritannien, Kanada und Neufundland, um die Geschäfte des Staates zu übernehmen.

"Das älteste Parlament des Empire nach Westminster wurde aufgelöst und eine Diktatur für 280 000 Englisch sprechende Bürger eingeführt, die 78 Jahre lang das Modell der direkten Demokratie gewöhnt waren", schreibt der Historiker David Hale.

Doch die Geschichte brauchte noch einen Schlusspunkt. Die frisch eingesetzten Verwalter verabschiedeten das Schuldengesetz. Mit diesem wurde Neufundland an Kanada abgetreten.

Der große Nachbar übernahm die finanziellen Verpflichtungen des einst unabhängigen Staates und erhielt dafür im Gegenzug dessen Territorium. 1948 stimmten 52,3 Prozent der Neufundländer dafür, ihre Souveränität aufzugeben und künftig Kanadier zu sein. Ein Staat verschwand von der Landkarte. --- 

1920k.A.
JahrSchulden (in Millionen US-Dollar)
192879,9
192985,5
193087,6
193187,6
193290,1
193398,5