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Sein und Haben

Die Sharing Economy ist nicht das Ende des Konsums und des Eigentums. Im Gegenteil.




1. HOCHTOURIGE ROTATION, UNTERIRDISCH

Wir leben in einer lauten Welt. Da kann man leicht was überhören. Rumpelt es da nicht, tief unten in der Erde des Highgate Cemetery in London, Ostteil, dort, wo Karl Marx seit dem März 1883 begraben liegt?

Es wäre jedenfalls kein Wunder, wenn sich der Alte im Grab umdrehen würde, die Frage ist nur, ob aus Freude oder Gram. Einerseits müsste der Begründer des modernen Antikapitalismus vor Begeisterung rotieren, weil selbst die Hauszeitschrift des Klassenfeindes, der seit 1843 erscheinende prokapitalistische und liberale "Economist" kürzlich die Sharing Economy lobte, also die Wirtschaft des Tauschens und Teilens. Seine Autoren empfahlen, man möge dieser neuen Wirtschaft, in der "kollaboratives Konsumieren" statt des alten Kaufens und Habens im Vordergrund stehe, die volle Aufmerksamkeit widmen. Dank des World Wide Web sind Milliarden Menschen in der Lage, sich das, was sie brauchen, auf Zeit und solange es ihnen nützt zu besorgen. Zuerst über die sozialen Netzwerke, längst aber auch über spezielle Kanäle tauscht man sich und das aus, was man früher Hab und Gut nannte. Diese neue Wirtschaft verläuft Peer-to-Peer, unter Gleichen also.

Man leiht sich was, man mietet, tauscht und teilt. Aber akkumulieren, also Eigentum anhäufen? Das scheint aus der Mode zu kommen. "Access trumps ownership", schreibt der "Economist" - in schlichtem Deutsch kann man das wohl am ehesten mit "Zugriff ist wichtiger als Besitz" beschreiben. Was für ein Triumph für den Mann, der das Privateigentum als Triebfeder alles Bösen unter der Sonne erkannte - und dessen Kommunismus auf dem Mantra aufbaute: kein Privateigentum, keine Probleme. Nicht wenige Blätter und Kommentatoren vermuten: Das ist das Ende des Kapitalismus. Also eine gute Nachricht für Karl Marx - einerseits.

Andererseits war der alte Marx nicht ganz so einfältig wie viele seiner Epigonen. Deshalb wusste er, dass das Ende des Privateigentums auch das Ende der von ihm geschaffenen Gegenwelt bedeuten muss. Allein schon der Umstand, dass es schwierig wird, anderen Leuten ihre Sachen wegzunehmen - was schließlich zu einer anständigen Revolution dazugehört. Expropriiert die Expropriateure, enteignet die Enteigner? Ja wie denn, bitte schön, wenn sich das Privateigentum zunehmend in Tausch- und Teilmasse auflöst? Wie soll man denn jemandem etwas wegnehmen, wenn niemandem etwas gehört?

Nun war das Feindbild des raffenden Kapitalisten mit angeschlossenem Konzern und eingebautem Monopol schon im 19. Jahrhundert eher die Ausnahme als die Regel. Je größer Unternehmen wurden, desto seltener wurde geballte Eigentümermacht, desto mehr breit gestreuten Aktienbesitz gab es. Und die Forderung, Pensionsfonds zu enteignen oder sich am Betriebsvermögen von Mittelständlern, Klein- und Familien unternehmen zu vergreifen, bringt abseits wohlfeiler Propaganda nur Ärger. Der Eigentümerkapitalismus alter Prägung ist heute eher zum Forschungsfeld von Wirtschaftshistorikern geworden und lebt vor allem als liebevoll gepflegtes Vorurteil antikapitalistischer Spießer fort. Die Unternehmen von heute werden längst von Angestellten geleitet, von Managern, den Kindeskindern des alten Proletariats, die nicht zur Sentimentalität neigen. Revolution bedeutet Selbstmord. Eigentum in Form von Produktionsmitteln und Immobilien wird verkauft und zwecks Gewinnmaximierung zurückgemietet oder geleast.

Eigentum macht Mühe, es nervt, es kostet, es ist Ballast. Eigentum verpflichtet heute niemanden mehr zu irgendetwas, und wer will, kann das gern mit der heute gleichfalls so oft beklagten Unverbindlichkeit der Welt in Verbindung bringen. Was den Kapitalismus angeht, hat er sich längst vom Eigentum verabschiedet. Er kann prima auch ohne. Die Frage ist nur, ob das schon alle bemerkt haben.

Wer die Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, die sich seit Jahrzehnten vollzieht, kritisch und interessiert beobachtet, weiß es längst: Die Welt der materiellen Waren und Produkte wandelt sich in eine der immateriellen Güter der Dienstleistungen und des Wissens: "In der vernetzten Wirtschaft ist materielles wie geistiges Eigentum für Unternehmen etwas, auf das man zugreift", so beschrieb das im Jahr 2000 der amerikanische Trend-Ökonom Jeremy Rifkin in seinem Buch "Access - Das Verschwinden des Eigentums". Und er machte auch klar, was das bedeutet: "Eigentum an Sachkapital (...), im Industriezeitalter Kern nicht nur des Wirtschaftslebens, wird für den ökonomischen Prozess immer unbedeutender." Das Eigentum an Sachkapital, stellte Rifkin fest, würde von Unternehmen als Belastung empfunden, "eher als Betriebsausgabe (...) denn als Vermögenswert, als etwas, das man besser leiht als besitzt".

2. ZUGÄNGE STATT EIGENTUM

Was Rifkin vor 13 Jahren zusammenfasste, wurde schon früher von den Pionieren der Wissensgesellschaft wie Fritz Machlup und, recht ausführlich, dem amerikanischen Soziologen Daniel Bell in seinem 1973 erschienenen "The Coming of the Postindustrial Society" angekündigt. Dass es wichtiger ist, etwas nutzen zu können, als es zu besitzen, gehört zu den Fundamenten der Wissensökonomie.

Die Wissensgesellschaft handelt vorwiegend mit Dienstleistungen, und Rifkin sieht genau darin den springenden Punkt der Transformation: "Dienstleistungen sind kein Eigentum", sie sind immateriell und ungreifbar. Sie werden verrichtet, nicht hergestellt. Sie können nicht gehalten, akkumuliert oder vererbt werden. "Produkte werden gekauft, Dienstleistungen dagegen zugänglich gemacht." Waren jedoch, materielle Güter, nennt der Ökonom "das Bollwerk des Systems des Privateigentums" - ein Satz, den Marx nicht schöner hätte sagen können. Was heute unter den Schlagwörtern der Sharing Economy und der Peer-to-Peer-Netzwerke als Novität der Saison bejubelt wird, ist nichts weiter als die logische und handfeste Folge der Transformation vor dem Hintergrund des großen Marktplatzes Internet.

3. NEW ECONOMY

Als Rifkins Buch erschien, war das World Wide Web gerade eben erwachsen geworden - und wurde zum Inbegriff einer neuen Gründerzeit, in der grenzenlose E-Commerce-Ideen entwickelt wurden. Dass man die Wirtschaft nun in eine alte und eine neue, eine Old und eine New Economy unterschied, hatte wenig mit Äußerlichkeiten wie anderen Klamotten, Unternehmenskulturen, Umgangsformen und ein wenig Technik drumherum zu tun und war auch nicht dem Umstand geschuldet, dass die einen selbst eine E-Mail schreiben konnten und die anderen dafür ihre Sekretärin brauchten. Die New Economy war vielmehr der Prototyp der Zugriffsökonomie.

Sie sorgte für eine professionelle Struktur, damit die Möglichkeiten des Austauschs im Internet so gut wie möglich genutzt werden konnten. Zu diesem Zeitpunkt um das Jahr 2000 erahnte man dennoch erst vage, welche Energien das Web tatsächlich freisetzen würde. In der Welt der Software stritt man schon seit Mitte der Achtzigerjahre mit zunehmender Heftigkeit um den Eigentumsbegriff. Damals war die Free Software Foundation (FSF) des ehemaligen MIT-Programmierers Richard Stallman ins Leben gerufen worden, die freie und von allen nutzbare Software propagierte. Stallman und seine Freunde galten in der Branche als Spinner, die niemand ernst nahm. Die Leute, die das Internet und das Web ins Laufen brachten, glaubten aber alle an den Niedergang der proprietären Systeme, und das hatte erheblichen Einfluss auf die Basiskultur im späteren World Wide Web. Als Rifkin "Access" veröffentlichte, war eben erst die Musik-Tauschbörse Napster online gegangen, die das Geschäftsmodell der Musikbranche für immer verändern sollte. Das war nun wenigstens ziemlich irritierend und den meisten unheimlich genug. Nicht wenige waren deshalb insgeheim beruhigt, als die sogenannte Internetblase an den Börsen platzte. Die alte Ordnung schien gerettet, denn mit der Baisse, so die Hoffnung, würde auch das Gespenst der New Economy verschwinden.

Doch diese Selbsttäuschung funktionierte nicht lange. Gescheitert war bloß ein Übungslauf, der Prototyp eben, der nicht zuletzt deshalb an die Wand gefahren worden war, weil sich die Zugriffsunternehmer zu viele "gute Ratschläge" aus den Reihen der Old Economy geholt hatten. Eine Lehre aus diesen Niederlagen bestand darin, dass die nächste Generation an Web-Unternehmern nicht mehr versuchte, die frei verfügbaren Inhalte im Web zu ihrem Eigentum zu machen und hinter proprietären Mauern zu schützen, sondern Zugänge zu den Inhalten zu schaffen, die die Nutzer selbst bereitstellten - einschließlich ihrer eigenen, persönlichen Aktivitäten. Das ist die Grundidee von Google, das ist die Grundidee der sozialen Netzwerke, deren Aufstieg kurz nach dem Niedergang der ersten New-Economy-Generation begann. Heute, noch nicht einmal neun Jahre nach seiner Gründung, verfügt allein Facebook über gut eine Milliarde Mitglieder - weit mehr, als die kommunistischen Parteien aller Länder gemeinsam und zu ihren besten Zeiten aufbieten konnten.

Das Industriezeitalter und die Konsumgesellschaft haben die Leute wohlhabend gemacht und eine Komplexität geschaffen, auf die mehr Menschen als je zuvor zugreifen können. Das hat eine Vielfalt und eine Vielheit erzeugt, die erst die Voraussetzung für die Sharing Economy schaffen. Was wir erleben, ist keineswegs eine von Verzicht und Reduktion getragene Entwicklung, sondern ihr genaues Gegenteil: Es gibt so viele Möglichkeiten, so viel zu nutzen und auszuprobieren, dass sich kaum noch jemand durch Eigentumserwerb auf einige wenige Aktivitäten festlegen lassen will. Eigentum hat immer noch einen hohen Preis - während Zugänge leichter zu haben sind und sofortigen Konsum ermöglichen. Ökonomen verweisen darauf, dass sich durch die Sharing Economy der Warenumschlag deutlich erhöht, und das vor dem Hintergrund rasch wechselnder Produktzyklen. Niemand tauscht statt zu kaufen oder leiht statt zu besitzen. Für den Menschen selbst geht es ausschließlich darum, sich bessere Zugänge zu verschaffen. Früher kaufte man die Kleidung für den Nachwuchs stets ein, zwei Nummern größer und schlug dann eben die Hosenbeine um, heute wirft man genau passende, aber nur kurz benötigte Sachen gleich wieder auf den Markt zurück.

Mit einer Welle der neuen Bescheidenheit und Zurückhaltung hat die Sharing Economy nichts zu tun. Der Kapitalismus macht nur, was er am besten kann, unverkrampft und locker erweitert er sein Geschäftsfeld.

4. BESITZ

Manche modernen Mythen zum Teilen und Tauschen sind das Produkt ideologischen Wunschdenkens, andere das Ergebnis miserabler Übersetzungen. Rifkins Bestseller von 2000 heißt im englischen Original "The Age of Access - The New Culture of Hypercapitalism". Wo der Theoretiker der Zugangsgesellschaft von einem Über- oder Superkapitalismus redet, ist in der deutschen Übersetzung daraus "Das Verschwinden des Eigentums" geworden. Aha. Wer genauer hinsieht, der bemerkt natürlich auch bei Rifkins Original, dass das Eigentum sich nicht einfach in Luft auflöst, sondern schlicht an Bedeutung verliert. In der Wissensgesellschaft wird die Produktion ja auch nicht abgeschafft, so wenig, wie man mit Beginn der industriellen Produktion die Landwirtschaft verboten hat. Das bedeutet umgekehrt aber auch, dass die Sharing Economy, das Teilen, das Tauschen, das Netzwerken und die Zugänge, neben und mit den alten Eigentumsstrukturen bestehen bleibt. Auch deshalb geht es proprietären Systemen und Herstellern wie etwa Apple in der vom Netzwerk getriebenen Ökonomie nicht so schlecht, wie Rifkins deutscher Untertitel es vermuten lassen würde.

Und noch eine fatale Verwechslung gibt es: Im Untertitel zu Rifkins Buch - und zu vielen zeitgenössischen Abhandlungen der Sharing Economy - wird der Unterschied zwischen Eigentum und Besitz vernachlässigt. Bei "Access" lautet die Parole: "Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden." Doch die Menschen der Wissensökonomie besitzen natürlich ihre Zugänge auch dann, wenn sie ihnen nicht gehören, also ihr Eigentum sind, das sie veräußern, beleihen, vermieten oder verpachten können, um die klassischen Eigentumsrechte einmal aufzuzählen.

Besitz bedeutet schlicht und ergreifend, dass man über etwas verfügt, also etwas hat, das man nutzt. Welchen Unterschied macht es, wenn man Autofahren will, ob man das Auto nun leiht, mietet oder gekauft hat? Wer sich Speicherplatz in der Cloud mietet, der besitzt ihn auf Zeit, ganz so wie jemand, der sich bei Maxdome oder iTunes einen Spielfilm leiht. Und wie das mit dem Wohnen ist, können Mieter, die rechtmäßigen Besitzer einer Wohnung also, die ihnen vom Eigentümer entgeltlich zur Verfügung gestellt wird, sicher leicht beantworten.

Viele Bürger, die sich besitzlos wähnen, sind es gar nicht, auch dann nicht, wenn sie zur Miete wohnen und beispielsweise für den Staat arbeiten, was zwar nicht gut bezahlt wird, dafür aber den Besitz von wertvollen Rechten wie beispielsweise Unkündbarkeit und Pensionsanspruch mit sich bringt. Selbst der Neid der Besitzlosen ist also nicht das, wonach er aussieht. Wir besitzen alle nicht weniger, sondern mehr, und die Sharing Economy ist nichts weiter als die Ausweitung unserer Konsummöglichkeiten. Denn was dort getauscht und geteilt wird, kommt nicht von nichts. Die Sharing Economy findet nicht in einer eigentumslosen und besitzfreien Zone statt. Was tauscht man, wenn man nichts anzubieten hat? Was teilt man, wenn nichts da ist?

5. EIGENTUM

"Deutschland ist ein Land der Eigentümer", sagt der Kölner Wirtschaftsprofessor Detlef Fetchenhauer, "das ist Teil unserer Kultur - und das verschwindet nicht einfach, weil es nützliche Ergänzungen zum Angebot gibt." Die Sharing Economy, sagt der Ökonom, sei eine ganz normale Entwicklungsstufe des Kapitalismus, und sie bedeute keineswegs, dass man weniger besitze oder auch nur weniger Eigentum habe. "Man erwirbt Eigentum, etwa ein Smartphone, und in einem Jahr verkauft man es wieder oder tauscht es gegen etwas anderes ein. Das ist einfach ein pragmatischer Zugang zu den erweiterten Möglichkeiten unserer Welt. Man kauft etwas, oder man mietet es eben, Hauptsache, man kann es nutzen."

Hier gehe es, sagt Fetchenhauer, um Beweglichkeit, um Mobilität. Dieses Wort ist dafür verantwortlich, dass das alte Eigentum seit vielen Jahren ein anderes Gesicht erhält. Was geschieht mit dem guten alten Hab und Gut, wenn man in einer Welt lebt, in der sich kaum etwas für die Spanne eines Lebens denken und planen lässt? Längst sind die alten Zeiten vorbei, in denen man an einem Ort geboren wurde, aufwuchs, in die Schule ging und nach der Ausbildung einen Beruf ergriff, den man bis zur Rente ausübte, wahrscheinlich noch beim selben Arbeitgeber. Die Biografien sehen heute so aus wie die Zugriffsmöglichkeiten, es gibt viele, sie sind wechselhaft, veränderlich. Das aber muss dramatische Auswirkungen auf den alten Eigentumsbegriff haben.

Wer gut ausgebildet ist, der wird sich kaum noch darauf einlassen, sich mit 25, 30 Jahren an einen Ort zu binden, indem er Eigentum erwirbt und "alles auf Betongeld setzt", wie Fetchenhauer das gute alte Wohneigentum nennt. Die Mobilen lernen in der Zugangsgesellschaft nicht nur, einmal pro Saison ihr Handy zu wechseln, sondern sich auch nicht "materiell für ein ganzes Leben zu binden". Da braucht niemand ein Auto, da tut es auch Carsharing, wenn mal eine Blechkiste gefragt ist. In den städtischen Milieus sei das längst die neue Normalität. Was sich dadurch verändert, ist allerdings das Bild von Eigentum als solchem: "Das Eigentum und sein Begriff werden diffuser", sagt Fetchenhauer.

Aber vielleicht überhört man im Getöse auch einiges. Ist der Hype, fragt Fetchenhauer, nicht auch das Produkt einer kleinen, aber einflussreichen Schicht, die sich viel Gehör verschaffen kann? Bei Hypes und Trends steht zwangsläufig das Verhalten einer sozialen Avantgarde im Fokus - und nicht selten sind die eigenen alten Wunschvorstellungen im Hinterkopf. Deshalb wird die Sharing Economy zuweilen wie eine wundersame Form kommunistischer Praxis in der entwickelten Konsumgesellschaft beschrieben, als Gegenpol zu einem "überbordenden Konsumkapitalismus". Und immer wieder scheint es eine urbane Avantgarde zu sein, bei der dieser Groschen zuerst gefallen sein mag. Allerdings muss man nicht wirklich Einstein heißen, um zu sehen, dass das nicht stimmt. Was zur Reaktion auf die Krisen umgedeutet wird, kennt jeder Landwirt seit Generationen - Maschinenring und Raiffeisengenossenschaft heißt die Austauschwirtschaft dort. Und weder das eine noch das andere hat jemals das Eigentum und den Besitz des Bauern infrage gestellt. Man teilt das, was man sonst nur unter Verzicht oder gar nicht hätte, damit für alle mehr dabei rauskommt. Für einen neuen "Megatrend" scheint aber das gute alte Genossenschaftswesen nicht sexy genug zu sein.

Es gibt allerdings noch etwas, das man sich am Bild des "diffuser werdenden Eigentums" ansehen sollte - vor allen Dingen, wenn man sich an Fetchenhauers Wort vom "Eigentümerland Deutschland" erinnert. Eigentum, insbesondere Wohneigentum, spielte in der Wohlstandsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 eine wichtige Rolle. Ein eigenes Häuschen oder eine eigene Wohnung galten nicht nur als Sicherheit im Alter, sondern auch als Beweis dafür, dass man es sozial geschafft hatte und wirklich der Mittelschicht angehörte. In aller Regel stieg der Wert des Wohneigentums an, man musste im Alter keine Miete, nur Betriebskosten bezahlen und konnte deshalb fast sicher sein, dass die Rente keinen sozialen Abstieg bedeutete. Im Idealfall vererbte sich die Wohnung an die nächste Generation, die angesichts steigender Mieten und Kaufpreise auf jeden Fall nochmals Gewinn machte. In der Euro-Krise scheint das Wohneigentum die letzte sichere Bank zu sein. Nach einer Prognos-Umfrage im Auftrag des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2009 sagen die "Motive für den Erwerb von Wohneigentum" einiges aus: 69 Prozent wollen Wohneigentum, um in den eigenen vier Wänden zu leben, aber mit 65 Prozent liegt das Motiv, dass ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung ein wichtiger Beitrag zur Altersvorsorge ist, fast gleichauf. 55 Prozent glauben, damit langfristig günstiger zu wohnen als zur Miete, und 47 Prozent halten Wohneigentum im Vergleich zu anderen Geldanlagen für die sicherste Variante.

Eigentum bedeutet also für die meisten: Ich will meine Ruhe haben, und ich vertraue dem, was ich selbst habe, mehr als dem, was andere mir versprechen. Das ist im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion ums Teilen und Tauschen alles andere als banal. Immerhin 45 Prozent aller Deutschen leben in Wohneigentum, und wenn sie es sich leisten könnten, würden es noch mehr tun. Warum? Weil sie einem der teuersten und komplexesten Sozialsysteme der Welt noch nicht mal zutrauen, ihnen im Alter eine angemessene Wohnung und Versorgung zukommen zu lassen.

Die Jungen wiederum, die wissen, dass von der geschwätzigen Politik des Sozialstaates nichts zu erwarten ist, denen aber auch Geld oder Neigung zum Wohneigentum fehlen, organisieren sich pragmatisch und nüchtern ihre Zugangschancen selbst, so gut das eben geht. Das ist kein Trend, das ist Notwehr.

6. FREIHEIT, GLEICHHEIT, EIGENTUM

Und auch das ist keine neue Erkenntnis. Deshalb lautete die Parole der Französischen Republik auch "Freiheit, Gleichheit, Eigentum", und erst später wurde diese klare Ansage durch das unverbindlichere "Brüderlichkeit" ersetzt. Was die sein soll, lässt sich nach Bedarf interpretieren. Das Eigentum hingegen ist kein Wechselbalg, sondern eine handfeste Angelegenheit. Die Person kann selbst darüber entscheiden, und der Staat, die Regierung, hat die Aufgabe, diese Freiheit des Einzelnen zu verteidigen. Uns allen wurde längst beigebracht, diese Freiheit des Eigentums als ironische, ja zynische Phrase misszuverstehen. In der Aufklärung aber wusste man noch: Eigentum ist Freiheit, weil Eigentum Unabhängigkeit bedeutet - von Almosen ebenso wie von Regierenden aller Art.

Der englische Philosoph John Locke erklärte in seinen famosen, 1689 erstmals veröffentlichten "Zwei Abhandlungen über die Regierung" die Aufgaben des Staates in einem freien, aufgeklärten Staat: Er soll die Freiheit und das Leben seiner Bürger schützen und deren Eigentum. Den Rest kriegen sie auch ganz prima ohne ihn hin. Falls sich aber die Regierung an einem dieser von Locke als "Naturrechte" bezeichneten Fundamente vergreift, dann haben die Bürger das Recht auf Widerstand. Wer das Eigentum eines Menschen nicht achtet, der beschränkt dessen Möglichkeiten, selbstständig zu entscheiden.

Die Regierung dient bei Locke nicht einem höheren Sinn, sie hat keinen abgehobenen metaphysischen Grund, sie ist eine ganz nützliche und sehr einfache Einrichtung. Sie dient dem Zweck der freien Entfaltung der Bürger, der Erweiterung der Möglichkeiten, die sich die Person gibt - und nicht der Vorschriften, die man ihr von oben herab macht. Das war damals revolutionär und ist es bis heute geblieben. Zumal es eine wichtige Beschränkung für die Freiheit des Eigentums gibt, die von Lockes Kritikern seit Jahrhunderten konsequent ignoriert wird: "Niemand soll einem anderen an seinem Leben, seiner Gesundheit, seiner Freiheit oder seinem Besitz Schaden zufügen", schrieb er. Wer im Namen der Freiheit seines Eigentums das der anderen beschränkt, verstößt gegen das Grundrecht. Die Freiheitsberaubung hat nicht aufgehört, sie wird nur heute anders genannt und gefälliger verkauft.

Dem Charme dieser Formel konnte sich nicht einmal Karl Marx entziehen, der sonst an Locke kein gutes Haar ließ. Am Ende seines Kommunistischen Manifests findet sich die goldene Einsicht, dass die "freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist". Wie wahr.

7. FRIEDE DURCH BESITZ

Das lässt sich theoretisch und praktisch leicht überprüfen. Als Proberaum empfiehlt sich wie stets die Wirklichkeit, am besten in ihrer rauen Variante. Wo es die gibt, weiß Frank Bielka. Er ist Vorstand der Deutschen Gesellschaft zur Förderung des Wohnungsbaus, kurz Degewo, Berlins größtem Vermieter. In der großen Stadt Berlin gibt es insgesamt etwa 1,9 Millionen Wohnungen, davon sind nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt rund 86 Prozent Mietwohnungen. Bielkas Degewo vermietet mehr als 73000 davon. Da erlebt man allerhand. Und man lernt, dass mancher theoretische Begriff einen ganz handfesten Hintergrund hat. So auch die "Tragik der Allmende", von der jeder Student der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften schon einmal gehört hat. Der Begriff ist leicht erklärt: Die Leute passen auf ihre Sachen gut auf. Auf die Sachen anderer Leute nicht so gut. Das persönliche Eigentum wird gehegt und gepflegt. Das Eigentum aller ist den meisten wurscht.

Das Wort Allmende bezeichnete bereits im Mittelalter das Gemeinschaftseigentum. Und auch schon 2000 Jahre vorher wusste Aristoteles, dass "dem Gut, das der größten Zahl gemeinsam ist, die geringste Fürsorge zuteilwird". Dagegen hilft auch keine Gesinnung, keine Beschwörung des "Gemeinschaftsgeistes".

Was einem nicht gehört, ist nichts wert. Das allerdings ist eine Frage der Kultur, also eine zähe Masse, und wer Teilen, Tauschen, Peer-to-Peer und Sharing Economy sagt, sollte nachhaltig darüber nachdenken, wie Menschen mit Sachen umgehen, mit Zugängen, mit Möglichkeiten, wenn man sie nur für eine Weile besitzt. Das gilt übrigens für Mietautos, Parkbänke, Sozialsysteme, die EU und den Planeten ebenso wie für Mietwohnungen. Wer Eigentum sagt, meint ja immer auch Menschen, die etwas haben. Eigentum verpflichtet, sagt man dann, und man meint, dass die, die etwas haben, in einer besonderen Verantwortung sind. Wie ist das eigentlich mit denen, die das Eigentum anderer Leute nutzen?

"Arme Leute produzieren meistens die höchsten Kosten", sagt Bielka nüchtern. So sorgten "nur zwei Prozent der Wohnungen für 20 Prozent des Sperrmülls". Problemquartiere wie etwa der Kreuzberger Mariannenplatz haben bedeutend höhere Müll- und Wasserkosten als andere Wohneinheiten. Ein Hausmeister sorgt jeden Tag dafür, dass über Nacht entstandene Graffiti beseitigt werden, so gut es eben geht. Man folgt damit einer Einsicht, die erstmals 1982 von den amerikanischen Soziologen James Wilson und George Kelling unter dem Namen "Broken-Windows-Theorie" veröffentlicht wurde. Eine zerbrochene Fensterscheibe in einem Problembezirk muss sofort ersetzt werden, sonst setzt sich der Vandalismus am Gemeineigentum und dem anderer Leute ungehemmt fort. Insofern gilt auch hier Lockes These: Die Regierung ist die lokale Gemeinschaft oder auch die Wohnbaugesellschaft, die dafür sorgt, dass das Eigentum, auch das Gemeingut, nicht weiter zerstört werden kann.

In den Degewo-Siedlungen in Berlin-Gropiusstadt, der gewaltigen Trabantenstadt im Süden Neuköllns, zeigt sich, dass das richtig ist. "Wir haben dort das Quartier grundlegend saniert und aufgewertet und bei den Spielplätzen sehr hochwertige Materialien verwendet. Es gibt bis jetzt praktisch keinen Vandalismus", sagt Bielka. Mit Allgemeingut so umzugehen, als ob es einem gehört, ist schwer, weil es niemand so gelernt hat, erst recht nicht jene, die wenig besitzen und auch keinen Zugang haben außer zur Hartz-IV-Kultur. Und warum sollte man denn auf etwas achtgeben, das ohnehin von anderen bezahlt und ersetzt wird, sobald es kaputtgegangen ist?

Manchmal muss man tief in die Trickkiste greifen, um den Unterschied zwischen Mein und Dein zu zeigen. "Man muss zeigen, dass es sich lohnt, etwas zu haben. Das muss etwas Positives sein. Eigentum verpflichtet dann zum Nachdenken darüber, dass man auch das, was einem nicht gehört, anständig behandelt", sagt Bielka. Das klingt ein wenig kompliziert, ist aber tatsächlich ganz einfach, wie auch die Mechanik des Eigentums selbst.

In einer Kreuzberger Problemsiedlung hat Bielka eine deutsch-türkische Sozialarbeiterin engagiert, die mit den Kindern der Mieter handtuchgroße Gärtchen in den Grünflächen anlegt. Diese Gärtchen "gehören" den Kindern, sie sind ihr kleiner, persönlicher Besitz. Das wird von den Nachbarn respektiert. Selbst dann, wenn es sich um halbwüchsige Jungs handelt, die bei so etwas meist ein bisschen schwierig sind. Der kleine Besitz im Vorgarten der Wohnsiedlung hat noch einen Vorteil. Es wird weniger kaputtgemacht. Die freie Entwicklung eines jeden ist die Voraussetzung für die Senkung der Betriebskosten für alle.

Das stimmt, auch wenn sich manche im Grab umdrehen. -