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Sharing Economy

Mitarbeiter moderner Firmen sollen auf feste Büroarbeitsplätze verzichten. Das gilt als effizient – wirft aber grundsätzliche Fragen auf.




Empfehlungen aus Gesetzen, Verordnungen, Vorschriften und Normen Einzelbüro Größe: mindestens 8 Quadratmeter
Höhe: mindestens 2,50 Meter
Unverstellte Bodenfläche: mindestens 1,5 Quadratmeter
Luftraum bei Luftwechsel durch Fensterfugen: mindestens 12 Kubikmeter
Neue Gebäude: mindestens 20 Kubikmeter bei freier Lüftung
Luftwechsel Einzelbüro: 40 Kubikmeter pro Stunde und Person
Luftwechsel Großraum: 60 Kubikmeter pro Stunde und Person

- Der eigene Schreibtisch für jeden Mitarbeiter ist reiner Wahnsinn. Zumindest aus der Perspektive von Jenö Kleemann: Er nennt sich WorkPlace Manager, und als solcher denkt er beim Büro vor allem an die Bruttogeschossfläche pro Angestellten. Kleemann, der bei der Firma Eurocres mit Sitz in Berlin nahe dem Kurfürstendamm arbeitet, spricht von einem fortschreitenden Prozess der "Besitzaufgabe" am Arbeitsplatz. Die Argumente dafür seien erdrückend: Bei 100 Mitarbeitern führen 80 statt 100 Schreibtische zu einer Bruttogeschossflächenreduzierung von 20 Prozent. Geht es also nach Kleemann, dann findet ein Mitarbeiter im Büro nicht mehr "seinen", sondern nur noch "einen" Schreibtisch vor - und zwar nur dann, wenn er ihn wirklich braucht. Kleemann stellt damit freilich etwas infrage, das Raumpsychologen als das wichtigste Stück eigenen Territoriums für den Büroarbeiter bezeichnen.

Neue Welten

Jenö Kleemanns Firma entwickelt Bürolandschaften für Konzerne, die über zehn, hundert oder auch tausend Schreibtische nachdenken. Die durchschnittliche Bruttogeschossfläche pro Arbeitsplatz liegt in Deutschland bei bis zu 30 Quadratmetern. Die Berater von Eurocres planen mit maximal 18 Quadratmetern.

Zwischen beiden Werten liegen sprichwörtlich Welten - und die Psyche des Menschen. Die ähnelt auch beim modernen Büroarbeiter immer noch der eines Höhlenbewohners. Dabei könnte weniger durchaus mehr sein, zum Beispiel eine völlig neue Arbeitswelt. Man müsste sich nur von dem verabschieden, was seit Jahrhunderten mit dem Büro verbunden wird: mein Tisch. Mein Stuhl. Mein Schrank.

Oder wie es Kleemann ausdrückt: "Wir müssen in Deutschland dahin kommen, von wo sich Yahoo in den USA gerade wieder verabschiedet hat."

Zurück in die Firma

Der amerikanische Internetkonzern überraschte die Öffentlichkeit bekanntlich mit einer spektakulären Rückrufaktion: Er bestellte seine Belegschaft zurück ins Büro.

Diese Vertreibung aus dem Paradies der flexiblen Home-Offices verstanden viele als eine Strafversetzung. Die Geschäftsleitung hatte beklagt, die Heimarbeit werde nicht schnell und zuverlässig genug ausgeführt. Ist das Büro "to go" also schon wieder ein Auslaufmodell?

Dabei klang die Idee sehr überzeugend: Dein Büro ist da, wo du bist. Der moderne Wissensarbeiter hat seinen Arbeitsplatz stets dabei und kann via Notebook, Tablet-Computer und Smartphone loslegen, wo auch immer er sein mag und einen Geistesblitz hat.

Möglicherweise hatte man beim Gerede über Kommunikation und Kreativität allerdings etwas Wichtiges vergessen. Jenen trivialen Grund, weshalb das Büro einst erfunden wurde: nämlich um zu arbeiten.

Womit sich noch die Frage stellt, was das heute eigentlich ist: arbeiten? Braucht man dafür noch seinen eigenen Tisch oder besser für alle eine Couch in der Lounge?

Sowohl als auch

Wilhelm Bauer, stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation, ist ein besonnener Mann. Er sagt, als Wissenschaftler habe ihn die Entscheidung von Yahoo überrascht. Einen Trend sehe er aber nicht.

"Es handelt sich um einen Sonderfall, der sich in erster Linie aus nachhaltigen Problemen im Unternehmen erklärt", sagt Bauer. Geht es einer Firma schlecht, müsse man zusammenrücken - und mitunter sei das wörtlich zu verstehen.

Es heißt, den Yahoo-Mitarbeitern habe es am informellen Austausch gefehlt. Unternehmen und Belegschaft hätten sich im Wortsinn auseinandergelebt. Der Arbeitsforscher Bauer weist darauf hin, dass sein Institut schon vor Jahren nachwies, wie wichtig es ist, dass Angestellte regelmäßig zusammenkommen, um ein gemeinsames Verständnis der Kultur und der Ziele eines Unternehmens zu entwickeln. Das ist also ein alter Hut. Aber bedeutet es auch das Ende allen Heimwerkens?

Nein, sagt Bauer: "Die heutigen Lebenswelten und die Möglichkeiten der Informationstechnologie lassen doch gar keinen anderen Schluss zu, als dass die Menschen in Zukunft an mehreren Orten arbeiten." Viele Angestellte könnten heute von überall auf digitale Informationen ihres Arbeitgebers zugreifen - und das sei nicht nur möglich, sondern immer häufiger auch notwendig. Zum Beispiel weil sich Geschlechterrollen ändern und sich sowohl Frauen als auch Männer um Kinder und Karriere kümmern. Bauer spricht von "multiplen Lebenssituationen", die eine flexible Arbeitsorganisation erforderten.

Arbeiten werde künftig eine hochindividuelle Beschäftigung, sagt der Wissenschafter. "Der eine schätzt das Arbeitszimmer daheim, der andere möchte in die Firma." Und wer heute das eine wolle, könne schon morgen das andere vorziehen.

Er prophezeit eine "alternierende Arbeit", mal im klassischen Büro, mal an anderen Orten. Die sich daraus ergebende Frage ist für Bauer aber nicht die nach dem eigenen Schreibtisch. Es müsse vielmehr endlich darüber nachgedacht werden, wie die Unternehmen mit jenen in Kontakt zu bleiben gedenken, die nicht mehr regelmäßig am eigenen Schreibtisch im Büro sitzen.

Bauer nennt die Herausforderung "virtuelle Mitarbeiterführung". Über die sollte vor jeder geplanten Bruttogeschossflächenreduzierung zuerst nachgedacht werden. Das, was Manager sich dazu bislang haben einfallen lassen, bezeichnet Bauer als "ziemlich schwach".

Davon wird noch die Rede sein - zunächst aber weiter auf dem Weg dorthin, von wo sich Yahoo gerade verabschiedete.

Dialog am Kopierer

Eine intelligentere Organisation der Arbeit ist nicht nur aus Sicht der Angestellten notwendig. Laut einer Erhebung des Trendbüros in München im Auftrag des Verbands für Büro-, Sitz- und Objektmöbel entfallen in den 600 befragten Unternehmen bereits heute 35 Prozent der in Büros geleisteten Stunden auf Projektarbeiten - die von wechselnden Mitarbeitern verschiedener Abteilungen, externen Beratern und Praktikanten geleistet wird. Weiterhin geht nach Erhebungen des Fraunhofer-Instituts an den 260 Jahresarbeitstagen in den Büros die meiste Zeit technologie- und bürokratiebedingt verloren. Dieser "unnötige Erschwernisse" genannte Faktor überwiegt sogar den zweitwichtigsten Leistungsfaktor, die Arbeitsmotivation.

Es gibt auch Firmen, die etwas Neues ausprobieren. So lässt der Touristikkonzern Tui eigene Projektteams zeitweise in externen "Co-Working Spaces" arbeiten, die auch von konzernunabhängigen Mietern genutzt werden - damit die eigenen Leute dort neue Anregungen bekommen. Es ist etwas in Bewegung geraten, denn mehr denn je sind Unternehmen gezwungen, nicht nur über die Zahl von Schreibtischen und Bruttogeschossflächen, sondern vor allem über Begegnung nachzudenken. Eine Kaffee-Lounge nebst Sitzecke gehört heute in jede Firma, deren Geschäftsleitung etwas auf sich hält. Die Abseite mit den Kopierern dient nicht mehr nur dem Vervielfältigen der Ablage, sondern lädt ausdrücklich zum Verweilen und zwanglosen Austausch ein. Dialog soll dem Unternehmen dienen und deshalb gefördert werden.

Jenö Kleemann muss bei dem Thema allerdings schmunzeln. Denn nach außen hin, so seine Erfahrung, demonstrierten Unternehmen Offenheit für neue Arbeitsformen - doch in den Büroetagen bleibe es meist "recht finster". Kleemann schätzt, dass in Deutschland 70 Prozent der Unternehmen nach alter Väter Sitte arbeiten, sich die Mitarbeiter im Büro vor allem um das eigene Territorium kümmern. Warum ist das so?

Doppelter Druck

Über die Zahl und den Standort von Schreibtischen verhandelt Kleemann mit sogenannten Facility-Managern, jenen Fachleuten in den Unternehmen, die nicht die Belegschaft, sondern das Gebäude managen. Diese Leute sind nicht zu beneiden, denn sie stehen von zwei Seiten unter Druck.

Einerseits ist da der Zwang zu mehr Effizienz, weniger Flächenverbrauch und die sich rasant ändernde Technik. Andererseits die Trägheit der Organisation. So verteidigt die Belegschaft vehement ihre Besitzstände und Schreibtische. Und die Unternehmensführung kann sich nicht dazu durchringen, drahtloses Internet im Gebäude zu installieren oder den Mitarbeitern die Nutzung privater Tablet-Computer am betrieblichen Schreibtisch zu erlauben.

Status Büro

"Kaum etwas wird in Deutschland gesellschaftlich derart respektiert wie der eigene Arbeitsplatz", resümiert Kleemann. Türen sind üblicherweise verschlossen, es wird angeklopft. Niemand käme auf die Idee, die Ablageflächen eines Kollegen mitzubenutzen, selbst wenn dort noch viel Platz ist.

Mein Tisch. Mein Stuhl. Mein Schrank. Das sind Statussymbole wie der Firmenwagen. Die Raumgröße, die Zahl der Fenster, die Art der Beleuchtung - all das zeigt Insidern in den Unternehmen, wo der Bürobesitzer in der Hierarchie steht. In den Personalabteilungen sind für die verschiedenen Karrierestufen die Ansprüche penibel festgelegt. Der amerikanische Psychologe Franklin Becker von der Cornell Universität in Ithaca, New York, mit dem Forschungsschwerpunkt Interaktionen zwischen Gebäude und Individuum fand heraus, dass einem Finanzdienstleister in New York die individuellen Vorlieben des Topmanagements jährlich circa 50 Millionen Dollar allein für Büroeinrichtung kosten.

Jenö Kleemanns Job ist es, Angestellte - die sich unter Umständen schon seit Jahrzehnten mit der Aussicht auf ein repräsentatives Eckbüro hochgedient haben - davon zu überzeugen, nunmehr wie Nomaden von Tisch zu Tisch zu ziehen. Er stellt dann gern die Frage, warum eine Institution wie das Büro heute überhaupt noch existiert. Nach seiner Ansicht gibt es dafür nur einen einzigen vernünftigen Grund, den er mit dem englischen Wort Connectivity beschreibt.

Weniger Besitz, mehr Qualität

Es geht um Anschluss statt Abkapseln. Um eine Arbeitswelt, in der Kollegen für spontane Besprechungen nicht mehr mühsam neben fremden Schreibtischen hocken oder Pausenbrote zur Seite schieben müssen, um kurzfristig ihren Laptop anzuschließen. "Die Leute müssen etwas aufgeben, aber sie kriegen auch etwas dafür", sagt Kleemann und beschreibt Bürolandschaften, die Lounge, Küche, Wohnzimmer und Ruheraum zugleich sind. In denen es sogenannte Ad-hoc-Tische für individuelles Arbeiten gibt, separate Denkerzellen und allerhand Treffpunkte für große und kleine Gruppen.

Dass die Schreibtische nicht mehr für alle reichen, fällt nicht auf, da auch die durch Krankheit, ein bis zwei Tage Heimarbeit pro Woche, Dienstreisen oder Urlaub fehlenden Mitarbeiter einkalkuliert sind. Weitere Flächen spart Jenö Kleemann mit der Einrichtung sogenannter Team-Archive ein. Wenn aus "mein Schrank" ein Schrank wird, werden auch kontraproduktive Machtpositionen abgebaut, da niemand mehr den Türsteher für Informationen spielen kann. Nur darf dann auch keiner mehr Ordnerrücken nach Lust und Laune beschriften, sondern das Team muss genau festlegen, wie künftig archiviert wird, damit jeder etwas findet.

Rückenfreiheit

Die Antwort auf die Frage, wie weit man die Auflösung des klassischen Büros treiben kann, ergibt sich für Kleemann aus dem Verhältnis von Aufwand und Nutzen. Wenn die Mitarbeiter beim täglichen Umzug innerhalb ihrer Firma mehr mit der Logistik der eigenen Arbeitsmaterialien als der Arbeit an sich beschäftigt sind, wird es Zeit, wieder mehr feste Territorien zu schaffen.

Deren Bedeutung darf man nicht unterschätzen. Ein Viertel der Büroangestellten in der EU leidet heute unter arbeitsbedingtem Stress. Die Raumpsychologin Margrit Lipczinsky begründet dies damit, dass auch moderne Wissensarbeiter in mancher Beziehung noch nicht über das mentale Niveau unserer Vorfahren aus der Steinzeit hinausgekommen seien: "Ob uns das gefällt oder nicht, unsere Psyche will Räume und Territorien in Besitz nehmen." Das gilt in ausgeklügelten Bürolandschaften wie im heimeligen Home-Office - der Mensch kann nicht aus seiner Haut; wir sind territoriale Wesen.

Eine eigene Arbeitshöhle vermittelt Sicherheit, das Großraumbüro stresst. Lipczinsky beobachtet zum Beispiel, dass sich Mitarbeiter in offenen Gemeinschaftsbüros unbewusst schnell wieder eigene Territorien schaffen, einen bestimmten Gemeinschaftstisch regelmäßig nutzen, mittels Ablage Flächen okkupieren oder den Einblick durch transparente Raumtrennungen mit Postern oder Zimmerpflanzen abwehren. Diese diskreten Inbesitznahmen werden von den Kollegen ebenso unbewusst wahrgenommen und respektiert.

Lipczinsky findet dieses Verhalten nur verständlich, der Höhlenmensch, der wir noch immer sind, fühle sich in offenen Räumen ausgeliefert und beobachtet. "Für wertschöpfende Arbeitsergebnisse brauchen wir auf Dauer ein eigenes Territorium", sagt sie. Das Büro solle zu einem Raum der Konzentration werden, ähnlich einem Laboratorium.

Damit könnte Jenö Kleemann selbst aus der Perspektive der Bruttogeschossflächenreduzierung durchaus leben. Die Besitzaufgabe am Arbeitsplatz lasse sich nämlich durchaus mit der Inbesitznahme eines neuen und eigenen Territoriums verbinden. Statt in "seinem" Büro fühle man sich dann innerhalb "seiner" Abteilung heimisch, besetze kollektiv eine Etage, eine ganze Arbeitswelt statt eines Zimmers.

Es zeigt sich übrigens, dass besitzloses Arbeiten keine Frage des Alters ist. Für Statussymbole haben Angestellte aller Altersgruppen eine Schwäche, wie auch das Desk-Sharing durchweg seine Anhänger findet. Glaubt man Kleemann, dann ist nicht das Alter, sondern die Auslastung ein sicheres Indiz für den entspannten Umgang mit Machtinsignien. "Sind die Menschen mit ihrer Arbeit ausgefüllt, spielt der Arbeitsort oder der eigene Schreibtisch überhaupt keine Rolle", so seine Erfahrung.

Damit wären wir wieder bei Wilhelm Bauer und der eigentlichen Herausforderung namens virtuelle Führung angelangt.

Coachen statt moderieren

Der Wissenschaftler sieht darin ein lohnendes Thema für künftige Forschergenerationen. In Unternehmen - in denen ein Teil der Belegschaft permanent abwesend ist - sind Manager demnach mehr als Coaches für ihre Leute gefragt und weniger in ihrer bisherigen Funktion als Moderatoren. Außerdem geht es darum, Ergebnisse zu messen, die nicht mehr aus greifbaren Resultaten wie abgearbeiteten Aktenstapeln bestehen. Der Dialog unter den Mitarbeitern spielt dabei eine entscheidende Rolle. Diesen Austausch zu fördern müssten Manager erst noch lernen. Ritualisierte Zusammenkünfte seien eine erprobte Methode. In erster Linie aber komme es auf eine an Zielen orientierte Führung an. Nach Meinung von Bauer nutzen die meisten Manager dieses Werkzeug bislang unter Wert - nämlich vor allem zur Verteilung von Incentives.

Mein Tisch. Mein Stuhl. Mein Schrank. Mit großer Sicherheit wird dieses Territorium für künftige Aufgaben zu klein. Man wird daher auch nicht lange auf die Meldung warten müssen, dass Yahoo seine Belegschaft wieder nach Hause schickt. Oder sonst wo hin. Zum Arbeiten. -

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Von der Klosterstube ins Großraumbüro Um das Jahr 400 übersetzt der Mönch Hieronymus das Alte Testament ins Lateinische. In den folgenden Jahrhunderten lassen viele Klöster diesen Text in ihren Schreibstuben kopieren. Diese Urform des Büros charakterisieren drei Elemente: Buch, Tisch und Raum. Der Tisch besteht zunächst aus zwei Blöcken mit aufgelegten Brettern. Um die kostbaren Buchumschläge nicht zu beschädigen, legen die Mönche ein Stück ihrer Kutte zwischen Tisch und Buch - die Burra, aus dem sich später das Wort Büro ableitet. Im 17. Jahrhundert wird der Tisch "Büro" genannt. Im 19. Jahrhundert dann der Raum, in dem der mit Filz bedeckte Schreibtisch steht. Von 1400 bis 1600 entwickeln die Menschen Arbeitstechniken wie Bilanzieren. Es entstehen neue Raumordnungen wie Kontor und Kanzlei. Der Begriff Kontor stammt vom französischen "comptoir" ab, der auf das lateinische "computare" zurückgeht und zusammenrechnen heißt. Rechenmeister zu dieser Zeit werden auch Computer genannt. Der Stuhl wird zum neuen Büromobiliar: Bis dahin gebühren stuhlartige Objekte, die Throne, allein Königen oder kirchlichen Führern. Die aufsteigende bürgerliche Klasse nimmt sich nun das Recht, die sitzende Herrscherhaltung zu imitieren. Im 18. Jahrhundert wird das Büro zum wichtigen Ort nicht mehr nur für den Handel, sondern auch in der praktischen und wissenschaftlichen Arbeit. Da die sich als sehr produktiv erweist, genießt sie ein hohes An sehen. Hauptmöbel sind nun Stehpult, Stuhl und Bureau - der Schreibtisch mit aufgelegtem Filztuch. Trotz der Etablierung des Stuhls wandelt sich die Bezeichnung des Vorstehers erst im 20. Jahrhundert in jene des Vorsitzenden. Während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entsteht das moderne Büro mit differenzierten Aufgaben und Berufen: vom Bürodiener, Kopisten, Kassierer und Buchhalter bis zum Prokuristen. Die strenge Hierarchie spiegelt sich in der Größe und Ordnung der Räume wider - zentrale, unruhige Bereiche für mittlere Angestellte, dunkle, unattraktive Raumabschnitte für Bürogehilfen und Lehrlinge. Um das Jahr 1886 kommen die ersten Schreibmaschinen ins Büro und mit ihnen die Frauen. Die Männerwelt ist zunächst empört, ehrbare Frauen haben in Unternehmen nichts zu suchen. Einige Jahrzehnte später avanciert die Sekretärin im Vorzimmer zum Statussymbol für Führungskräfte. Der Ingenieur Frederick Winslow Taylor und der Arbeitspsychologe Frank Bunker Gilbreth entwickeln Methoden zur Rationalisierung der Büroarbeit. So sollen Rohr- und Seilpost, Tabellen, durchdachte Durchschreibevorrichtungen und Rotoren zur Bearbeitung von Karteikarten es überflüssig machen, sich vom Schreibtisch zu erheben. Im 20. Jahrhundert halten Speichermedien Einzug: Aktenordner, Karteikarten, Lochkartensysteme - später folgen erste elektronische Medien wie Disketten. Es entstehen Bürosäle, wie Fabrikhallen geordnete Räume mit Fließbändern, die Informationen, Anweisungen und Akten zu den Arbeitsplätzen befördern. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind nur etwa drei Prozent aller Beschäftigten von Produktionsunternehmen Büroangestellte. Ihre Arbeit gilt nun als unproduktives Anhängsel der Fertigung. Mitte des Jahrhunderts werden erste Großraumbüros eingerichtet und zunächst mit viel Euphorie begrüßt. Bald offenbaren sich die Schwächen dieser Idee, der Trend geht zurück zu kleinen Büros. 1968 entwickelt Robert Propst das Cubicle genannte Minibüro. Es handelt sich um einen gleichseitigen, komplett eingerichteten, vier Quadratmeter großen Raum. In diesem Bürotypus arbeitet ein großer Teil der A ngestellten in den USA bis heute. Quelle: "Die Erfindung des Büros", von Hajo Eickhoff, erstmals erschienen im monatlichen Trendletter des österreichischen Büroeinrichters Bene