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Riedel

Die Familie Riedel betreibt ihr Geschäft mit pädagogischem Eifer. Nur aus dem jeweils richtigen Glas, so ihr Mantra, schmecken Burgunder, Bordeaux und Riesling richtig gut.




• Georg Riedel drückt sich gern poetisch aus. Das Besondere an den mundgeblasenen Gläsern, die am Hauptsitz der Firma in Kufstein in Tirol hergestellt werden, sei, "dass in ihnen der Hauch eines Menschen steckt". Damit man auch sieht, wie der ins Glas gelangt, hat er in der Manufaktur eine Galerie einrichten lassen, von der aus kräftige Männer zu beobachten sind. Der eine schöpft aus dem 1400 Grad Celsius heißen Ofen das richtige Quantum der Rohmasse. Ein anderer bläst den Kelch in Form. Der nächste versieht ihn mit Stiel und Bodenplatte. Das hat seinen Preis: Ein filigranes Champagner-Gläschen aus Kufstein kostet an die 100 Euro – was manche Gastronomen zur Verzweiflung bringt. "Mich erinnern Riedel-Gläser der ersten Wahl", seufzte die Sommelière Paula Bosch einmal, "an ein Diamantcollier, das man im Safe bewundert, sich aber kaum zu tragen traut."

Die Alternative ist maschinengeblasenes Bleikristall, das Riedel in Deutschland fertigt und Laien kaum vom mundgeblasenen unterscheiden können, wie der Chef einräumt. Er setzt mit Eifer das Programm seines Vaters fort. Der tüftelte jahrelang an optimalen Glasformen für unterschiedliche Rebsorten. Dass man heute nicht nur in gehobenen Restaurants verschiedene Gläser für Riesling und Chardonnay vorgesetzt bekommt, ist ihm zu verdanken. Georg Riedel hat die Idee weltweit verbreitet, die Zentrale in Kufstein dient nicht zuletzt pädagogischen Zwecken. So lernt man dort in einer "Emotionsshow", dass die Zunge verschiedene Geschmackszonen hat. Wein trifft, je nach der Form des Glases, an anderen Stellen auf das Organ und erzeugt so unterschiedliche Sinneseindrücke. Der Praxistest überzeugt den Zweifler davon, dass Cabernet Sauvignon aus dem dafür vorgesehenen Bordeauxglas gut schmeckt, aus einem Burgunderpokal weniger.

Mittlerweile ist das Sortiment fast unüberschaubar, und manche Fachleute halten Riedels Glas-Tick für übertrieben. Aber das kratzt ihn nicht. Unermüdlich tüftelt er an neuen Produkten. Und wenn er an Orten mit eher zwangloser Tischkultur wie in Queenstown, Neuseeland, abends im Restaurant partout kein geeignetes Weinglas für einen tollen Pinot Noir bekommt, verlangt er nach einem Cognac-Schwenker – weil der der optimalen Form noch am nächsten kommt.

Der 63-Jährige erweckt nicht den Eindruck, sich aus dem Geschäft zurückziehen zu wollen. Doch das ist beschlossen und verkündet. Im Juli soll sein Sohn Maximilian, der in Nordamerika für Riedel arbeitet, die Nachfolge antreten. Die Tochter Laetizia ist als Juristin für die Firma tätig. Wenn man den Senior fragt, ob ihn der Wechsel wehmütig stimme, reagiert er unwirsch. Von einem früher geäußerten Plan, sich auf den Weinanbau zu verlegen, will er nichts mehr wissen: "Das wird wohl ein Wunschtraum bleiben." Lieber berichtet er von einem neuen Projekt: Er ist nach Atlanta zu einer Degustation eingeladen – es geht um das optimale Coca-Cola-Glas. Da fliegt er natürlich hin, obwohl die Limo "eigentlich nicht" zu seinen Lieblingsgetränken zählt. ---

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Johann Christoph Riedel beginnt 1756 in Böhmen mit der Glasproduktion - und hat nicht zuletzt wegen des Siebenjährigen Kriegs, in dem auch viele Fenster zu Bruch gehen, gut zu tun. 1946 verschlägt es seinen Nachfahren nach Tirol: Claus Riedel springt am Brenner vom Zug, um der Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Mithilfe der Familie Swarowski, die ebenfalls aus Böhmen stammt, übernehmen die Riedels die marode Tiroler Glashütte und führen sie zum Erfolg. Claus Riedel kommt auf die Idee, funktionale, farblose Gläser für verschiedene Rebsorten zu entwickeln, sein Burgunderpokal schafft es bis ins Museum of Modern Art in New York. Georg Riedel weitet das Sortiment aus, expandiert ins Ausland und übernimmt 2004 den deutschen Konkurrenten F. X. Nachtmann samt der Marke Spiegelau. Mit Maximilian kommt nun sein Sohn ans Ruder. Der hat mit der amerikanisch-pragmatischen "Serie O" bereits einen eigenen Akzent gesetzt: Weingläser ohne Stiel. Tiroler Glashütte GmbH Umsatz 2012: rund 230 Millionen Euro; Mitarbeiter: 1200; Zahl der jährlich produzierten Gläser und Glasartikel: etwa 50 Millionen