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Cloud Computing

Cloud Computing erspart digitalen Ballast. Der Preis ist der Verlust der Kontrolle über die Daten.




- Was sich heute im Internet abspielt, hat Bill Gates schon 1990 kommen sehen - zumindest in groben Zügen. Noch bevor es ein World Wide Web gab, lange vor iPhone und iPad, skizzierte der damalige Microsoft-Chef auf der Computermesse Comdex in Las Vegas seine Vision: Informationen, die jederzeit aktuell auf dem PC und auf mobilen Geräten mit Touchscreen verfügbar sind - eben "Information At Your Fingertips", so der Titel seines Vortrags. Gates hatte den Blick von der Technik auf die Informationen gelenkt. Was dieses neue Paradigma für die Geschäftsmodelle in der IT-Industrie konkret bedeuten würde, war in Las Vegas noch nicht sein Thema. Heute ist die Prophezeiung aus der PC-Ära Wirklichkeit geworden. Wir nennen es Cloud Computing. Die Wolke ist eine treffende Metapher für diese Phase der Informationstechnologie. Wolken hängen weit oben, und sie sind nicht transparent. Wo die Daten hingehen, woher sie kommen, ist für den Laien meistens nicht klar.

Selbst bei populären amerikanischen Cloud-Diensten kann er nicht unbesehen davon ausgehen, dass sie sich eigene Serverfarmen leisten. So mieten der Speicherplatz Dropbox oder die Online-Videothek Netflix ihre Kapazitäten nach Bedarf bei Amazon. Der Großversender ist zugleich ein wichtiger Infrastruktur-Betreiber für die Cloud. Betriebsunterbrechungen, etwa durch Stromausfälle, sind unvermeidliche Nebeneffekte. Der Nutzen liegt auf der Hand: Niemand muss sich heute mehr eine eigene Infrastruktur anschaffen. Eigene Hardware ist Ballast. Was man braucht, holt man sich aus dem Netz - und dort legt man auch ab, was man an Wissen und persönlichem Know-how geschaffen hat.

Die treibenden Kräfte hinter dem Cloud-Boom interessieren sich weit weniger für geschäftliche Nutzer als für private. Es sind Unternehmen wie Facebook und Google, deren Geschäftsmodelle mit der Wolke untrennbar verbunden sind.

Soziale Netze sind vordergründig gratis. Doch längst ist klar, wie sich das rechnet: Der Kunde bezahlt mit seinen persönlichen Daten. Jeder, der bei Google mehr nutzen möchte als die Suchmaschine, muss sich registrieren. Die Gmail-Adresse dient als Generalschlüssel zum IT-Schlaraffenland der Google Inc., vom Android-Smartphone bis zu Youtube. Dabei geht es um weit mehr als den Zugang zum Weltwissen, den Bill Gates vor 23 Jahren bereitstellen wollte. Es geht nicht darum, was wir kriegen - sondern worüber wir noch verfügen. Sind unsere Daten noch unsere Daten, unsere Fotos noch unsere Fotos, wenn wir sie der Wolke anvertrauen? Oder lösen sich unsere Eigentumsrechte im Nebel auf?

Die Frage nach dem Kontrollverlust ist keineswegs hypothetisch, wie kürzlich ein Streit um die Google-Bildersuche zeigte. Der Konzern hatte seine Ergebnisseite so geändert, dass man nicht mehr zur ursprünglichen Website weiterklicken musste, um das Bild in größerem Format zu sehen (und zu speichern). Empört begannen der Berliner Maler Martin Mißfeldt und der Düsseldorfer Fotograf Michael Schilling eine Onlinekampagne mit dem Titel "Verteidige Dein Bild" - eine Anspielung auf die Google-Kampagne "Verteidige Dein Netz" gegen das Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Auf der Website wettert Schilling: "Wir sind keine rechtsfreien Sklaven eines Konzerns, der zwar immer 'Tue nichts Böses' faselt, sich selbst aber nicht an seinen Image-Slogan hält." 1900 Kollegen schlossen sich dem Protest an, einige monierten stark sinkende Besucherzahlen auf ihren Seiten. Die Mainzer Fotojournalistin und Urheberrechtsaktivistin Heike Rost machte publik, dass viele Social-Media-Plattformen beim Download automatisiert alle eingebetteten Informationen löschen, sodass sich die Herkunft eines Bildes nicht mehr feststellen lässt. "Sie produzieren auf diese Weise 'verwaiste' Werke", schimpft Rost. In vielen Ländern werde derzeit erwogen, die Nutzung scheinbar herrenloser Fotos für jedermann freizugeben. Automatisch vernichtet würden Angaben über den Zeitpunkt der Aufnahme oder die Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Personen.

Über solche Fragen mit Google ins Gespräch zu kommen ist nicht einfach. Nachdem ein Osnabrücker Musiklehrer und Gema-Verteidiger den deutschen Pressesprecher des Unternehmens, Kay Oberbeck, auf dessen persönlicher Seite im Dienst Google+ scharf kritisiert und auf "Verteidige Dein Bild" verwiesen hatte, wurde er postwendend für zwei Wochen ausgesperrt.

Clouds scheinen praktisch zu sein, können aber teuer werden

Mitte März fand der Berliner Online-Fachjournalist Jens Herforth, Redakteur für Android-Smartphones bei giga.de, plötzlich sein Google+-Profil nicht mehr wieder. Auch das damit verknüpfte Profil seines Arbeitgebers war dadurch futsch. Es dauerte fünf Tage, bis zumindest geklärt war, was Herforth sich angeblich hatte zuschulden kommen lassen: Er habe, so der Vorwurf, pornografische Inhalte mit anderen Usern geteilt.

Was für ein Bild als anstößig empfunden worden war, konnte er sich nicht vorstellen, und Google konnte keines vorweisen. Der Schaden hielt sich in Grenzen, weil der Journalist mittels eines Smartphones, das er noch nicht mit der Google-Cloud synchronisiert hatte, die Daten rekonstruieren konnte. Prompt meldete sich allerdings bei ihm ein Video-Blogger, dessen Nutzer-Account Google im Dezember wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Youtube-Nutzungsbedingungen ohne Rücksprache gelöscht hatte. Drei Monate lang ließ Google den jungen Mann, der unter dem Pseudonym "Technik-Faultier" Handys testet, mit seinen Beschwerden auflaufen: "Ich habe nie eine Antwort von Google bekommen. Auf meinen Einspruch wurde nicht reagiert. Ich habe Einschreiben geschickt, ich habe angerufen, ich habe Google-Mitarbeiter über die sozialen Netzwerke angehauen. Wenn man nicht ein paar Tausend Euro in eine Google-Adwords-Kampagne steckt, kriegt man einfach keinen Ansprechpartner."

Zumindest die freie Meinungsäußerung ist bislang nicht gefährdet. All diese Fälle kursieren in der Cloud - wobei immer wieder auf den extremen Fall des amerikanischen "Wired"-Journalisten Mat Honan verwiesen wird. Der war Opfer einer "Social-Engineering"-Attacke geworden. Der Angreifer graste von Apple über Google und Amazon bis zu Twitter alle Dienste ab, bei denen Honan angemeldet war. Am Ende waren alle Digitalfotos gelöscht, die er je von seiner einjährigen Tochter gemacht hatte, und bei Twitter verbreitete ein Unbekannter unter seinem Namen rassistische Parolen. Nur sein Adressbuch und seine E-Mails zu verlieren ist dagegen harmlos.

Google vermarktet nun auch sogenannte Chromebooks, kleine leichte Notebooks, gebaut von Unternehmen wie Samsung oder Acer. Chromebooks hängen vollständig an der Cloud. Googles Betriebssystem Chrome OS wird von der Zentrale komplett ferngewartet. Datensicherung, Virenschutz, Back-ups - all das erledigt Google für den User gleich mit.

Die Devise heißt einschalten und loslegen. Das ist zwar bequem, doch das Samsung-Chromebook hat nicht mehr Speicherplatz als der Chip einer besseren Digitalkamera - gerade einmal 16 Gigabyte. Im Preis enthalten ist aber ein Gutschein über zwei Jahre Nutzung einer virtuellen Festplatte beim Google-Dienst Drive. Der Kunde hat keine Wahl, er muss seine Daten online ablegen. Die Cloud ist keine Option mehr, sondern wird alternativlos. So etwas mag nicht jeder.

Wirkliche Renner sind die Chromebooks bis jetzt nicht - was am Kleingedruckten liegen könnte, das neben ein paar weiteren Unzulänglichkeiten der Cloud (etwa geringe Upload-Geschwindigkeiten und die Arbeit in Funklöchern) die Kunden abschrecken könnte. So deckt der Drive-Gutschein lediglich 100 Gigabyte Speichervolumen ab - da muss man mit Daten knausern.

Für Fotoamateure oder gar Videofilmer ist das nichts. Außerdem geht Drive nach Ablauf der zwei Gratisjahre richtig ins Geld: 100 Gigabyte kosten 60 Dollar pro Jahr, ein Zwei-Terabyte-Abo 100 Dollar pro Monat. Für das Geld kriegt man auch eine USB-Festplatte gleicher Kapazität. Die kann mal vom Schreibtisch fallen. Aber nicht in die Hände eines Datenmanipulanten. -