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Thomas Eger im Interview

... als analog, zumindest in der Sharing Economy. Sagt der Ökonom Thomas Eger. Ein Gespräch.




brand eins: Herr Eger, gibt es die Sharing Economy?

Thomas Eger: Die gibt es. Man muss allerdings präzisieren, was man unter diesem Begriff versteht und welchen Ausschnitt von Wirtschaft man betrachtet.

Bitte sehr!

Ich denke, bei der Beurteilung der Bedeutung der Sharing Economy ist es zunächst einmal wichtig, digitale Güter getrennt von physischen Gütern zu betrachten. In der digitalen Waren- und Dienstleistungswelt gibt es ohne jeden Zweifel gewaltige Veränderungen. Dort hat der Begriff Sharing Economy eine echte Berechtigung. Denken Sie an die Cloud, die etwa die Notwendigkeit des Besitzes von Software auf dem eigenen Rechner überflüssig macht. Diese technische Neuerung hat Breitenwirkung und verändert die Arbeitswelt. Ein weiteres Beispiel ist der Austausch von Dateien über ein Netz vieler privater Rechner.

Filesharing ist nicht neu.

Das gibt es in der Tat seit mehr als zehn Jahren, aber wenn man von ernst zu nehmenden Veränderungen spricht, gehört es natürlich dazu. Filesharing hat die Distribution von digitalen Inhalten revolutioniert, ganze Industrien verändert und die Art, wie wir heute Musik konsumieren. Digitale Ton- oder Filmdateien haben sich von den Trägermedien gelöst und können von jedermann annähernd ohne Qualitätsverlust und ohne großen Aufwand und Kosten geteilt und weiterverbreitet werden. Das Entscheidende ist, dass der Nutzer gleichzeitig zum Distributor wird. In der vordigitalen Zeit waren Tonträger exklusive Güter: Wenn ich eine Schallplatte besaß, dann konnte diesen spezifischen Tonträger kein anderer zur selben Zeit exklusiv benutzen. Das ist vorbei. Sobald ein Musikstück als digitale Information im Internet verfügbar ist, kann es von jedermann mit Internetanschluss genutzt werden, ohne dadurch andere an der Nutzung zu hindern. Das hat Druck auf bestehende rechtliche Regelungen ausgeübt.

Sie meinen die Urheberrechtsdebatte?

Die neuen Nutzungsmöglichkeiten haben einen intensiven Streit darüber nach sich gezogen. Je mehr Menschen Zugang zu öffentlichen Gütern wie Werken der Literatur, Wissenschaft und Kunst haben und diese nutzen können, desto größer ist, ökonomisch betrachtet, der gesellschaftliche Nutzen. Ande rerseits muss man sich darüber Gedanken machen, inwieweit der Zugang für Nichtzahler beschränkt werden muss, um einen finanziellen Anreiz zu bieten, derartige Güter weiterhin zu produzieren. Sie fallen nicht vom Himmel. Sie müssen produziert werden, und die Urheber müssen von ihren Werken leben können. Diese Fragestellungen zeigen, wie mächtig die Veränderungen durch Digitalisierung und das Internet sind. Hier kann man mit Recht von einer Umwälzung sprechen, die man dann meinetwegen auch Sharing Economy nennen kann.

Und in der physischen Warenwelt?

Da sehe ich, zumindest derzeit, keine vergleichbaren Entwicklungen, die in ihrer Bedeutung denen der nichtphysischen auch nur annähernd gleichkämen.

Was ist mit Carsharing und der gemeinschaftlichen Nutzung von Wohnimmobilien?

Es ist schon auffällig, dass das in der Regel die beiden Hauptbeispiele sind, die immer wieder genannt werden, wenn von Sharing Economy gesprochen wird. Das sind zweifelsohne interessante Geschäftsmodelle, die einen Nerv treffen und erfolgreich sind. Doch ich kann darin nichts wirklich Revolutionäres erkennen. Das gilt auch für die Vertragsformen. Das alles zieht keine nennenswerten juristischen Fragestellungen nach sich.

Es gibt andere Beispiele für das Teilen von physischen Dingen.

Es mögen neuartige Fahrradverleihmodelle hinzukommen, meinetwegen auch Tausch- oder Verleihmodelle, beispielsweise von Kleidern oder anderen Gebrauchsgegenständen. Bei Lichte betrachtet ist das von der äußeren Form her aber im Prinzip alles nichts Neues, egal ob man unternehmerische Geschäftsmodelle untersucht oder rein private Modelle. Tauschringe als alternative Form der Ökonomie gab es schon vor knapp hundert Jahren während der Weltwirtschaftskrise, und sie erlebten in den Neunzigerjahren eine neue Blüte. Und auch früher gab es schon Mitwohnzentralen, Fahrrad- oder Autovermietungen. Carsharing-Anbieter sind nichts grundsätzlich anderes.

Also alles nur heiße Luft?

So weit würde ich nicht gehen. Es ist heute aus ökonomischen, sozialen und technischen Gründen viel attraktiver, bestimmte Güter zu nutzen und zu teilen, statt sie zu kaufen. Das allein ist bereits eine interessante Entwicklung, die man nicht kleinreden sollte, auch wenn die Veränderungen derzeit nur in wenigen Nischen stattfinden. Der behauptete Trend einer neuen Konsumkultur ist meiner Meinung nach eher Marketing, das die Medien gern aufgreifen. Der Begriff Sharing Economy ist darüber hinaus für die physische Warenwelt ohnehin ein ambivalentes Label.

Warum?

Er geht auf die Share Economy zurück, die ursprünglich von dem Ökonom Martin Weitzman stammt. Seine These war, dass sich der Wohlstand aller Marktteilnehmer erhöht, wenn die Arbeitnehmer nicht fixe, sondern erfolgsabhängige Entgelte erhalten. Das hat zunächst einmal wenig mit der aktuellen Diskussion um die gemeinschaftliche Nutzung körperlicher Gegenstände zu tun. Aber wer die beschriebenen Entwicklungen, dass sich in bestimmten Bereichen die Gewichte zulasten der Nutzung durch Alleineigentümer und zugunsten einer gemeinschaftlichen Nutzung durch eine wie auch immer definierte Gruppe verschieben, durch das Label Sharing Economy kennzeichnen möchte - bitte schön!

Was folgt daraus?

Die aktuelle Diskussion hat weniger mit dem von Weitzman propagierten Konzept der Share Economy zu tun, sondern greift vielmehr einen Gedanken auf, den Jeremy Rifkin bereits vor 13 Jahren in seinem Buch "Access - Das Verschwinden des Eigentums" entwickelte. Doch die Diskussion um diesen Ansatz machte bereits damals deutlich, dass die gemeinsame Nutzung körperlicher Gegenstände wie Autos, Wohnungen oder Kleidung das Eigentum keineswegs zum Verschwinden bringt.

Hat sich unsere Einstellung zum Eigentum nun geändert?

Nicht insgesamt. Mit dem Slogan vom Teilen als dem neuen Haben kann ich wenig anfangen. Die Menschen haben sehr gern Eigentum, und das wird sich auch in absehbarer Zukunft nicht ändern. Man muss allerdings einen Schritt weitergehen und fragen, an welchen Dingen genau sie Eigentum haben möchten. Das ändert sich in dem Maße, in dem sich die Gesellschaft wandelt, sich Statussymbole austauschen und materielle Möglichkeiten verändern.

Das ist ziemlich allgemein ...

...wie so vieles in den Sozialwissenschaften. Ich bin trotzdem davon überzeugt, dass bestimmte Beobachtungen zutreffend sind, die ein verändertes Konsumverhalten feststellen, vor allem bei jüngeren Menschen. Eigentümer eines Autos zu sein ist etwa für Jüngere nicht mehr so erstrebenswert wie vor gut 40 Jahren für Leute meiner Generation. Für mich war es mit 18 völlig klar, dass ich so schnell wie möglich ein eigenes Auto haben wollte. Das ist für die jungen Leute heute offensichtlich nicht mehr so allgemein der Fall.

Woran liegt das?

Das hat mehrere plausible Gründe. Was sich geändert hat, sind die allgemeinen Lebensumstände. Es ist für viele, vor allem in größeren Städten, wenig attraktiv, einen Wagen zu kaufen. Sie sind teuer in Anschaffung und Unterhalt, es gibt wenig kostenfreie Parkplätze, und die Straßen sind verstopft. Die Möglichkeit, gegen eine vergleichsweise geringe Monatsgebühr das Recht zu erwerben, einen Wagen bei Bedarf stundenweise anzumieten oder ihn ohne feste Anmietstation schnell mithilfe von Apps zu finden, einfach loszufahren und dann irgendwo stehenzulassen, wird unter diesen Bedingungen zu einer interessanten Alternative.

Die Sharing-Szene sieht sich eher als Bewegung des nachhaltigen, bewussten Konsums.

Das will ich denen, die das sagen, auch gar nicht absprechen. Aber ich kann nicht ernsthaft erkennen, dass hinter der Bewegung eine Art besserer, bewussterer Konsum stecken soll. Es ist einfach ein anderer Konsum. Und man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Generation, die Sharing-Angebote vorwiegend nutzt, materiell in weniger sicheren Verhältnissen lebt als frühere Generationen. Wenn man eher wenig verdient, überlegt man es sich zweimal, ob man sich ein Auto kauft, das dann, vor allem in der Stadt, meistens nur ungenutzt rumsteht. Mancher legt einfach mehr Wert auf andere Dinge: Computer, Smartphones, Urlaubs reisen. Es ist ja nicht so, dass heute weniger konsumiert wird als früher. Das hat sich auch durch das Teilen von Gebrauchsgegenständen nicht geändert. Die Leute sind ja nicht bescheidener geworden. Und ob der Ersatz des eigenen Autos durch die Zunahme billiger Flugreisen in ferne Länder zu einer größeren Nachhaltigkeit des Wirtschaftens beiträgt, lässt sich mit einem großen Fragezeichen versehen.

Aber es ist durch das Teilen nun leichter möglich, in den Genuss von Dingen zu kommen, ohne sie kaufen zu müssen.

Und genau deshalb ist der Schluss falsch, das Haben verlöre an Stellenwert. Das Gegenteil ist der Fall: Indem Sharing-Angebote genutzt werden, besitzt jeder einzelne Nutzer de facto mehr, zumindest für die Dauer des Gebrauchs. -

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Thomas Eger, 64, ist Professor für ökonomische Analyse des Rechts an der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Hamburg sowie geschäftsführender Direktor des dortigen Instituts für Recht und Ökonomik