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Die Welt ist eine Scheibe

Die einen überlassen ihn der Cloud. Andere schleppen den Soundtrack ihres Lebens in Plattenkisten herum. Bekenntnisse eines Vinyl-Junkies.




- Seit nun mehr als 40 Jahren produziert George Peckham Schallplatten. Und falls Vinyl-LPs oder -Singles aus Großbritannien zu Ihrem Inventar gehören, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie eine seiner vielen Tausend Kreationen im Regal, im Keller oder auf dem Dachboden haben. Schauen Sie nach. Halten Sie die Platten von britischen Musikern schräg gegen eine Lichtquelle und achten Sie auf die Auslaufrille, also den inneren Kreis rund um das Etikett in der Mitte. Wenn Sie dort ein von Hand eingeritztes "A Porky Prime Cut" finden, stammt die Scheibe von George Peckham. Falls da ein hingekrakeltes "You'll Never Work Again" steht, halten Sie das Live-Album "Totale's Turns (It's Now Or Never)" von The Fall in Händen, veröffentlicht am 5. Mai 1980 und von Peckham signiert.

Ob Ihre Vinylsammlung aus Glamrock-, Punk- oder New-Wave-Aufnahmen der Siebziger- und Achtzigerjahre besteht oder ob Sie als Dance-DJ unterwegs sind, der noch nicht komplett digital arbeitet: Peckham hatte bei Ihrer Sammlung unter Umständen seine Finger und vor allem seine Ohren im Spiel, denn er ist als Cutting Engineer zuständig für das Mastern von Schallplatten.

Bevor eine Vinylplatte in die Pressung geht, zur Produktion also, wird die Negativvorlage von Fachleuten wie Peckham erstellt, ein Prozess, zu dem die finale Bearbeitung der Aufnahme gehört. Wie laut eine Schallplatte klingt, wie viele Höhen und Tiefen der Sound hat, ob das Ergebnis schließlich eher dünn oder richtig fett klingt, all dies kann beim Mastering zum letzten Mal im Produktionsverlauf beeinflusst werden. Wer eine Aufnahme mastert, der bestimmt ihren endgültigen Klang. Und George Peckham zählt zu den Besten seines Fachs.

Mit etwas Glück könnte eine von Peckham gemasterte Aufnahme sogar ein echter Wertgegenstand sein, denn seine Cuts gehören fast ausnahmslos zu den begehrten Erstauflagen einer Schallplattenserie und tragen seine Handschrift, auch im wörtlichen Sinne. Master-Vorlagen nutzen sich nämlich ab und sind nur für einige Tausend Pressungen verwendbar. Spätere Auflagen erfolgreicher Schallplatten oder Lizenzpressungen in anderen Ländern wurden mitunter von anderen Cutting Engineers produziert. Ihnen fehlt die Porky-Prime-Zeile.

Vielleicht ist ja Ihre Vinylausgabe von Aphex Twins "Windowlicker" unter Sammlern heute ein Vielfaches dessen wert, was Sie 1999 dafür bezahlt haben. Ein Nachmittag des Aussortierens vor dem verstaubten Plattenregal könnte sich also lohnen. Doch welcher Sammler kommt im Ernst auf die Idee, seine Schätze zu verkaufen?

Vinylschallplatten werden gehütet, weil auf ihnen Musik gespeichert ist, die uns etwas bedeutet, uns bereichert, aber ganz gewiss nicht im monetären Sinne. Die wirklich fanatischen LP-Nerds lassen ihre Scheiben eigens in Klarsichthüllen gleiten, um Gebrauchsspuren zu verhindern und den unter Sammlern bekannten Mint(M)- oder Near-Mint-(NM)-Zustand zu bewahren, der einer Vinylplatte den fehlerlosen Zustand bescheinigt, so als käme sie frisch aus dem Presswerk. Der Vollständigkeit halber seien auch die danach folgenden Wertungen erwähnt, die mit Excellent (EX), Very Good Plus (VG+) und Very Good (VG) zeigen, wie ernst es Vinylsammlern mit dem ist, was sie leidenschaftlich lieben. Eine Platte kann total abgenudelt sein: Solange sie noch abspielbar ist und nicht allzu stark knistert, hat sie ein Good (G) verdient. Erst wenn überhaupt nichts mehr geht, bleibt für die Arme nur noch ein Poor.

Doch wen interessieren Sammlerklassifizierungen, abgeknickte Cover-Ecken, die Verunstaltung der LP-Hülle durch eine handschriftliche Widmung oder die Tatsache, dass wir unsere Vinylversion von "London Calling" zugrunde gespielt haben?

Schließlich ist es nicht nur die Musik, die uns gegen jede Vernunft - und obwohl wir vielleicht längst keinen Plattenspieler mehr besitzen - dazu bringt, schwere Kartons voller Plastikscheiben auch beim fünften Umzug noch mitzuschleppen. Dabei liegt die digitale Fassung längst auf unserer Festplatte oder lässt sich via Streaming fast jederzeit und überall abrufen und anhören.

Es sind häufig ganz besondere Geschichten, die uns mit einer LP verbinden, selbst wenn sie sich nicht gerade auf dem Plattenspieler dreht und die Nadel des Tonabnehmers Vibrationen in Klänge übersetzt. Das gebrochene Herz, die erste Party in der eigenen Wohnung, dieser verrückte Sommer während des Studiums: In keinem anderen Kulturprodukt manifestiert sich die emotionale Seite unseres Daseins so unmittelbar wie in der Sammlung von Schallplatten, mit dem Soundtrack unseres Lebens.

Dies als Nostalgie abzutun, wäre zu kurz gegriffen und erklärt vor allem nicht, warum der Absatz von Vinylschallplatten seit geraumer Zeit wieder steigt, allein in den Jahren 2011 und 2012 übrigens um mehr als 40 Prozent. Obwohl der Vinylanteil am Gesamtmarkt der Tonträger inklusive Downloads mit 1,4 Prozent zugegeben winzig ist, erstaunt es doch, dass es die analoge Schallplatte überhaupt noch gibt. Ihre Liebhaber preisen den im Unterschied zur digitalen Aufnahme auffällig natürlichen, warmen Ton. Manche verweisen zu Recht auch auf die angenehme Haptik und das mal eigenwillig, mal künstlerisch aufwendig gestaltete Plattencover. Verglichen damit wirkt die CD wie lieblose Konfektion.

Die ist für Branchenkenner ohnehin ein Auslaufmodell. Holger Neumann etwa, der Chef von Europas ältestem Schallplattenhersteller Pallas, gibt der kleinen silbrigen Scheibe nur noch etwa zehn Jahre Lebenszeit. Als Ende März 2013 ein Teil seines Werks abbrannte, hatte Neumann Glück im Unglück, denn es traf allein die CD-Produktion, nicht seine seltenen Vinylmaschinen, die er während des CD-Booms nicht verkauft hatte und die seit Jahren wieder rund um die Uhr im Einsatz sind.

Neben der klanglichen wie visuellen Qualität und der speziellen Haptik von Schallplatten hat die Vinyl-Renaissance noch ein anderes, tiefer liegendes Motiv: den Wunsch, wichtige Erinnerungen über verschiedene Lebensphasen hinweg aufzubewahren und sich ihrer bei Gelegenheit immer wieder zu vergewissern. Wir sind, was wir lieben.

Der Siegeszug der digitalen Speicherung von Musik, Filmen, Büchern und Bildern macht deren Nutzung (und unsere Umzüge) zweifellos einfacher, leichter. Der Umgang mit Schallplatten aber erinnert uns zuweilen daran, dass unsere Biografie und die sie begleitende Musik mehr ist, als sich in Nullen und Einsen abbilden lässt. Dass wir sie nicht nur hören und sehen, sondern auch berühren wollen. Ebenso, wie sie uns berühren. -