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Die Miet-Falle

Wenn sich Menschen ihre Stadt nicht mehr leisten können. Fünf Hamburger erzählen.




Sinikka Harms, 27, Studentin Wohnung: 2,5 Zimmer, 65 Quadratmeter, 3 Personen, Hamburg-Barmbek Warmmiete: 740 Euro

Ich wohne zusammen mit meinem Freund und einem weiteren Mitbewohner. Wir würden lieber zu zweit sein, aber ohne Untermieter wäre es finanziell eng. Ich schreibe zurzeit meine Magisterarbeit und arbeite nebenbei auf 450-Euro-Basis. Meine Mutter kann mich finanziell nicht unterstützen. Seit einem Semester bekomme ich kein Bafög mehr und muss im Monat auf 500 Euro verzichten. Weil die Fixkosten aber gleich geblieben sind, kann es passieren, dass schon am Anfang des Monats kaum noch Geld auf dem Konto ist. Deshalb habe ich einen Kredit über 350 Euro monatlich aufgenommen. Mein Freund ist Musiker, und es ist für ihn nicht leicht, ein regelmäßiges Engagement zu bekommen. Unser Mitbewohner zieht bald aus. Mein Freund und ich müssen uns dann die Miete teilen. Natürlich könnten wir das Zimmer wieder vermieten, aber jetzt wollen wir Zeit für uns haben. Auch wenn das bedeutet, dass wir uns einschränken müssen.

Jochen Ehlers, 46, Angestellter Wohnung: 3,5 Zimmer in einer Doppelhaushälfte, 102 Quadratmeter, 2 Personen, Wedel Warmmiete: 1250 Euro

Ich würde gern in der Hamburger Innenstadt wohnen, dann könnte ich zu Fuß zur Arbeit gehen. Aber den Wohnstandard, den ich jetzt in Wedel habe, kann ich mir da nicht leisten. Darum muss ich jetzt jeden Tag mindestens eine Dreiviertelstunde mit dem Auto zur Arbeit fahren. Ich bin Software-Datenbankadministrator bei einer Versicherung. Ich wohne mit meiner Freundin in einer Doppelhaushälfte. Die Miete von 1250 Euro teilen wir uns. Dafür geht im Monat rund ein Drittel meines Nettoeinkommens drauf. Wenn ich nur 500 Meter weiter, direkt hinter der Hamburger Stadtgrenze wohnen würde, müsste ich für eine Wohnung, die so groß ist wie meine, sofort 600 Euro mehr zahlen. Wenn einer doppelt so viel verdient wie wir, ist es ihm vielleicht egal, aber wir schauen lieber außerhalb von Hamburg nach Wohnungen, die für das gleiche Geld zu haben sind wie die Wohnungen in den angesagten Stadtteilen.

Artur Stronczek, 44, Busfahrer Wohnung: 2,5 Zimmer, 70 Quadratmeter, 4 Personen, Hamburg-Horn Warmmiete: 828 Euro

Wir wollen und müssen umziehen. Aber dafür fehlt uns das Geld. Ich bin seit 22 Jahren Busfahrer und verdiene im Monat durchschnittlich 1720 Euro netto. Wir wohnen zu viert in einer Zweieinhalbzimmerwohnung und haben überall Schimmel. Erst dachte ich, das sei kein Problem. Ich habe Antischimmelspray gekauft und die Flecken entfernt, aber sie kamen immer wieder. Als meine Tochter mit Verdacht auf Asthma zum Arzt musste, wusste ich, wie schlimm es ist. Wir würden gerne woanders zur Miete wohnen oder etwas kaufen. Auch weil meine beiden Töchter sich ein Zimmer teilen müssen. Sie sind jetzt in der Pubertät und hätten gerne mehr Platz. Für den Umzug müsste ich einen Kredit aufnehmen, mit unserem Einkommen ist das schwierig. Die Alternative wäre, weit aus Hamburg rauszuziehen. Da sind die Mieten niedriger. Aber ich fühle mich in Horn recht wohl und spare noch Geld, weil ich zu Fuß zur Arbeit gehen kann.

Rick Thürnagel,34,Friseurmeister Wohnung: 2 Zimmer, 58 Quadratmeter, 2 Personen, Hamburg-Stellingen Warmmiete: 865,50 Euro

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich vernünftig wohnen will. In Hamburg funktioniert das nicht. Darum werde ich kommendes Jahr mit meinem Freund nach Hannover ziehen. Dort bezahlen wir 200 Euro weniger Miete für eine 20 Quadratmeter größere Wohnung. In Hamburg könnte ich mir ohne meinen Partner gar keine eigene Wohnung leisten. Ich kenne Friseure, die ihre Gehaltsabrechnung fälschen, damit sie überhaupt eine Chance auf eine Wohnung haben. Bevor wir damals eingezogen sind, mussten wir lange rechnen, ob wir die Miete bezahlen können. Ich war Geselle und verdiente nur knapp 1000 Euro im Monat. Um uns das leisten zu können, mussten wir sparen. Wir haben acht Jahre lang keinen Urlaub gemacht und sind am Wochenende wenig weggegangen. Wir hatten vorher lange gesucht. Ein Vermieter sagte uns, er wolle kein gleichgeschlechtliches Paar bei sich. Die können sich das in Hamburg eben aussuchen.

Jörg Lorenzen, 72, Rentner Wohnung: 3 Zimmer, 64 Quadratmeter, 1 Person, Hamburg-Horn Warmmiete: 513,22 Euro

Weil die Miete gestiegen ist, musste ich vergangenes Jahr an den Stadtrand ziehen. Ich habe vorher 36 Jahre im selben Haus in Hamburg-Hoheluft gewohnt. Das war meine Heimat. Wo ich jetzt wohne, gibt es nichts, wo man hingehen kann. Dafür ist die Miete viel niedriger. In meiner alten Wohnung war sie um mehr als 200 Euro pro Monat gestiegen, weil der Vermieter das Gebäude sanieren ließ. Als pensionierter Versicherungsangestellter bekomme ich 1300 Euro Rente, davon hätte ich mehr als 870 Euro Miete zahlen müssen. Mit meinen Ersparnissen hätte ich das aufbringen können, aber warum soll ich das Geld einem Vermieter in den Rachen werfen? Meine neue Wohnung gefällt mir ganz gut, aber mein Leben spielt sich immer noch in meinem alten Viertel ab. Ein-, zweimal die Woche fahre ich dorthin zum Schwimmen, Einkaufen oder Geld-Abheben. Hier in Horn habe ich ein wenig Kontakt mit dem griechischen Ehepaar von nebenan, ansonsten schotten sich die Leute eher ab.