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Banken ohne Filialen

Banken in Industrienationen kämpfen darum, Kunden in ihre Filialen zu locken. Banken in Schwellenländern setzen dagegen auf Handys, weil es für alle bequemer ist. Die Spätentwickler sind damit die Pioniere der Branche.




- Wo kommen eigentlich Finanzinnovationen her? Von der New Yorker Wall Sreet? Aus der Londoner City? Beides sind Zentren, die in der Vergangenheit eine Flut neuer Konstrukte hervorgebracht haben - nur waren sie aus Kundensicht eher zerstörerisch als hilfreich. Wer wissen will, wo im Finanzwesen seit Jahren auf kreative Weise echter Mehrwert für Unternehmen und Menschen geschaffen wird, muss seinen Blick ganz woanders hinrichten - zum Beispiel nach Afghanistan.

Dort erhielten 2009 die Polizisten landesweit eine überraschende Gehaltserhöhung. Zumindest ließ ihre monatliche Lohnzahlung diesen Schluss zu. Die Freude wurde jedoch schnell getrübt, als sie herausfanden, was es mit dem zusätzlichen Geld auf sich hatte. Sie bekamen nicht etwa mehr Gehalt, sondern zum ersten Mal überhaupt die Summe, die ihnen eigentlich schon seit Jahren zustand. Ihre Vorgesetzten hatten sie systematisch um einen Teil ihres Gehalts betrogen.

Ans Licht kam der Schwindel nicht durch eine Antikorruptionskampagne, sondern durch die Einführung elektronischer Geldtransfers. Bisher hatten die Polizisten ihr Gehalt in bar von ihren Vorgesetzten ausgezahlt bekommen - und die hatten ihnen diverse Abzüge vorgegaukelt. Überweisungen waren nicht möglich, weil so gut wie kein Polizist ein Konto besaß. In den Bergregionen, aus denen die meisten stammten, gab es keine Bankfilialen. Doch 2009 ermöglichte ein Mobilfunkdienstleister, Handyguthaben zwischen Telefonen zu transferieren und hinterher in bar wieder auszubezahlen. Jeder Handybesitzer - also rund jeder zweite Afghane - wurde so zum Kontoinhaber. Ein gewaltiger Fortschritt, unter anderem für die Polizisten. Durch die neue Transparenz erhielten sie nicht nur ihr rechtmäßiges Gehalt. Sie brauchten auch nicht mehr alle paar Monate die lange, teure Reise in ihre Heimatdörfer zu unternehmen, um ihre Familien mit Geld zu versorgen. Eine SMS genügte.

Bankgeschäfte über Mobiltelefone abzuwickeln ist streng genommen keine afghanische Innovation, auch wenn das Land eines der ersten war, in dem die neue Technik Anwendung fand. Das System war aber ein Import aus anderen Entwicklungsländern, erfunden wurde es in Kenia.

In armen Staaten sind Handynetze oft die am besten ausgebaute Infrastruktur: besser als Straßen, besser als das Internet und sicherlich besser als traditionelle Banken, die rückständige, unsichere Regionen meiden. Doch was als Behelfssystem der Armen begann, findet inzwischen auch in den europäischen und amerikanischen Finanzzentren Beachtung. Die Schwellenländer sind zu Pionieren des mobilen Geldgeschäftes geworden.

Laut einer Weltbankstudie von 2011 stammen von den 140 Unternehmen, die es weltweit betreiben, die meisten aus Entwicklungsländern: 45 aus Afrika, 25 aus Asien und 12 aus Lateinamerika. Nicht nur in den Bergregionen Afghanistans, sondern auch in den Metropolen prosperierender asiatischer Staaten ist das Handy zum wichtigsten Instrument für die Abwicklung von Finanztransfers geworden. Dort gibt es heute bereits fünfmal so viele Mobilbanknutzer wie in den USA, so die Beratungsfirma Juniper. Die Citibank hat ihre aktuelle Plattform für mobiles Banking denn auch zunächst in Asien entwickelt und von dort in den Rest der Welt übertragen. Der Know-how-Transport wirft fundamentale Fragen auf, die auch deutsche Banken betreffen: Braucht ein Kreditinstitut im mobilen Zeitalter noch ein Filialnetz? Und wenn ja: wozu?

Derartige Überlegungen sind für europäische und amerikanische Banken heikel, stehen Zweigstellen doch - noch - im Zentrum ihres Business. Allein, das Netz ist teuer, weshalb das Privatkundengeschäft allgemein als Sorgenkind gilt. Ein Geschäftsmodell, das Kunden nicht mehr in die Filialen lockt, sondern ihnen den Weg dorthin ausdrücklich erspart, könnte deshalb ähnlich folgenreich sein wie einst die Idee von Amazon, Bücher per Internet zu vertreiben.

Das Handy wird zum Geldbeutel

Strategieberater analysieren derzeit um die Wette, wie das System in den Schwellenländern entstanden ist und welche Lehren sich daraus ziehen lassen. Der Ausgangspunkt ist die Arroganz der etablierten Banken. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung gilt für sie als "unbankable". Das bedeutet: Sie haben keine Idee, wie man mit armen Leuten Geld verdienen kann. Während in Industrienationen fast jeder Bürger über ein Konto verfügt, sind es in Asien im Schnitt nur 55 Prozent. In Vietnam liegt der Anteil bei 20 Prozent. Im weiter entwickelten China, wo der Arm der Kommunistischen Partei und ihrer Staatsbanken auch in entlegene Regionen reicht, haben immerhin 64 Prozent der Menschen ein Konto. Doch die chinesischen Filialen sind keine Orte moderner Finanzdienstleistung. Schlimmer als ein Besuch bei einer Bank, scherzen die Chinesen, sei nur ein Termin beim Zahnarzt.

Weitaus besser ist es dagegen um die Handynetze bestellt. In China besitzen mehr als eine Milliarde Menschen ein Mobiltelefon, also etwa jeder Erwachsene. In Indien sind rund 860 Millionen Handys in Gebrauch, was 70 Prozent der Bevölkerung entspricht. Selbst im asiatischen Armenhaus Bangladesch liegt die Handydichte bei 68 Prozent. Schwellenländer in Afrika oder Südamerika haben ähnliche Werte.

Welche Möglichkeiten sich daraus ergeben, entdeckten zuerst die Afrikaner. 2007 führte die kenianische Mobilfunkfirma Safaricom in Kooperation mit Vodafone das Zahlungssystem M-Pesa ein (der Name steht für "mobiles Bargeld"). Benutzer können damit ihre aufladbaren Handyguthaben untereinander per SMS übertragen. Das System ermöglicht Stadtbewohnern, Geld an ihre Verwandten auf dem Land zu transferieren. Kioskbesitzer fungieren als M-Pesa-Agenten und zahlen Geld in bar aus, das auf ihr Mobiltelefon geschickt wurde. Das neue System eröffnete vielen Kenianern neue wirtschaftliche Perspektiven: Sie konnten Geschäfte aufbauen, Rechnungen bezahlen und Geld sicher aufbewahren. Schnell begannen Behörden, Unternehmen und Versicherungen, M-Pesa-Überweisungen als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Das Handy wurde zum virtuellen Geldbeutel. All das, wohlgemerkt, ohne ein Konto bei einer herkömmlichen Bank.

Neue Anbieter sparen sich den Aufbau teurer Filialen - Banking wird sofort mobil

Das System fand bald Verbreitung und Nachahmer. Entwicklungshilfe-Organisationen begannen es zu fördern. Allein in Indien könnte die Wirtschaft durch einen noch stärkeren Ausbau von Mobilfunk-Banking zusätzlich um fünf Prozent wachsen, und es könnten 600 000 gut bezahlte Jobs entstehen, schätzt die Boston Consulting Group.

Die klassischen Banken begannen schnell, die Konkurrenz wahrzunehmen und ihrerseits Systeme für Mobilfunk-Banking anzubieten. Durch den Verzicht auf Zweigstellen und die automatisierte Kontoführung lässt sich auch mit kleinen Summen ein profitables Geschäft machen. Außerdem, so das Kalkül der Banker, können die Armen von heute die Wohlhabenden von morgen sein. Der Aufbau einer herkömmlichen Bank-Infrastruktur wird so übersprungen, und inzwischen zeigt sich: Auch wenn der Wohlstand steigt, bleibt das Handy dauerhaft das Instrument, mit dem Menschen ihr Geld verwalten. Der Wettbewerb im Privatkundengeschäft verändert sich: Nicht mehr das größte Filialnetz entscheidet über den Erfolg, sondern das beste Mobilfunkangebot, die beste App und die fortschrittlichste Verknüpfung in der digitalen Welt.

Als Trendsetter gilt China, wo aktuell 40 Prozent der weltweiten Mobil-Bankkunden leben. An die Stelle einfacher SMS-Transfers haben lokale Anbieter dort moderne und coole Apps gesetzt, die nach Ansicht der Unternehmensberatung KPMG fortschrittlicher sind als die Angebote westlicher Geldhäuser. Die chinesischen Banken kooperieren mit Telekomanbietern, Internetportalen und Händlern, um große Netze zu schaffen. Kaufprozesse werden so vom sozialen Austausch auf Onlineplattformen über die Produktsuche bis zur Bezahlung voll integriert. Für die Geldhäuser sind solche Verknüpfungen wichtig, um das Bezahlgeschäft nicht an branchenfremde Konkurrenz wie Paypal oder Google zu verlieren und um in der Datenindustrie am Ball zu bleiben.

Zwar bieten auch westliche Banken ihren Kunden an, per Handy ihre Kontostände abzurufen, Überweisungen zu tätigen oder Aktien zu handeln. Doch bisher sehen die Institute dies nur als einen weiteren Vertriebskanal neben dem vertrauten Online- oder Telefonbanking. 2011 kam McKinsey in einer Studie von 150 europäischen Banken zu dem Ergebnis, dass bei den meisten nicht mehr als zehn Mitarbeiter mit dem mobilen Geschäft beschäftigt sind. Dass chinesische Banken den Trend schneller erkannt haben, dürfte auch daran liegen, dass ihre Branche nicht die einzige ist, die die Phase teurer Filialnnetze überspringt. Im Einzelhandel ist es ähnlich. In China gab es nie gut sortierte Buchhandlungen oder Plattenläden, keine attraktiven Einkaufszentren oder serviceorientierte Reisebüros. Der Umzug von der realen in die virtuelle Einkaufswelt, den im Westen viele beklagen, findet für chinesische Konsumenten nicht statt.

In westlichen Märkten verläuft der Umbruch schmerzhafter. Für die Banken könnte er jedoch heilsam sein - zumindest auf der Bilanzseite. Das teure Filialnetz ist ein Hauptkostenfaktor. Ließen sich in nennenswerter Zahl Zweigstellen abbauen, könnte das Privatkundengeschäft wieder profitabler werden. Ganz verzichten kann man auf sie aber wohl nicht. Jonathan Larsen, Chef des Privatkundengeschäftes der Citibank, prognostiziert: Das Massengeschäft folge künftig einem digitalen "Selbstbedienungsmodell". Persönlichen Kontakt werde es nur noch zu besonders "wertvollen" Kunden geben.

Den Banken könnte es damit ebenso ergehen wie dem Einzelhandel (vgl. auch brandeins 04/2013). Wahrscheinlich werden deutsche Banker sich ihre Vorbilder lieber dort suchen als in Afghanistan. Und womöglich sprechen sie dann irgendwann nicht mehr von Filialen, sondern von Flagship-Stores. -