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War was?

Seit Jahren schwappt die Ethikwelle in regelmäßigen Abständen in die Unternehmen - und hinterlässt so gut wie keine Spuren. Zumindest auf den ersten Blick.




"Und sie bewegt sich doch!"
Galileo Galilei

- Es gibt diese Tage, an denen man von den Nachrichten geweckt wird, und beim Zuhören beschleicht einen das Gefühl, dass sich da draußen trotz aller Debatten rein gar nichts bewegt. Die Manager bleiben gierig und allein auf ihren Vorteil bedacht, die Banker zocken weiter ohne Rücksicht auf Verluste. Eine ganze Gesellschaftsschicht benimmt sich, als sei der Ruf nach dem ehrlichen Kaufmann nichts weiter als eine Talkshow-Floskel.

Doch der Eindruck täuscht, sagen Wirtschaftsethiker, jene Leute also, die Handeln und Selbstverständnis von Unternehmern und Managern untersuchen. Zwar registrieren auch sie, was an Anstand, Haltung und Verantwortungsbewusstsein fehlt. Aber sie sehen ebenso, was in der allgemeinen Aufregung um Skrupellosigkeit und Gier durchs mediale Raster fällt: Jede Welle der öffentlichen Empörung verändert die Unternehmenslandschaft, und genau das führt nach Ansicht der Wissenschaftler auf Dauer zu einem sensibleren Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass auch die Hochschulen erkennen, dass sie angehende Manager mit besseren Antennen für die ethischen Herausforderungen ihres Berufes ausstatten müssen.

Uto Meier hatte diese Gedanken im Sinn, als er Ende des Jahres 2010 einen Brief an ausgewählte Abgeordnete des Deutschen Bundestags schrieb. Natürlich war ihm klar, dass sein Brief nur einer von vielen sein würde, die täglich in den Postfächern der Abgeordneten landen. Natürlich wusste er, dass es mit einem kleinen Appell nicht getan sein würde. Aber er hatte das dringende Bedürfnis, "den Druck ein wenig zu erhöhen", und da es seinem Kollegen Bernhard Sill ähnlich ging, feilten die beiden Professoren an einem Text, der die Ursachen der weltweiten Finanzkrise analysierte und mit dem Satz endete: "Es sollte nach 2008 keinen Absolventen der Ökonomie an einer deutschen Universität mehr geben, der fundamentale ethische Basics der Wirtschafts- und Unternehmensethik nicht bereits im Studium selbstverständlich kennen und anwenden gelernt hat."

Der Professor hatte bis dahin beruflich weder mit Volkswirtschafts- noch Betriebswirtschaftslehre zu tun gehabt. Meier ist Religionspädagoge. Ursprünglich wollten er und seine Kollegen einen berufsbegleitenden Aufbaustudiengang an der katholischen Universität in Eichstätt etablieren, der Nachwuchskräfte aus kirchennahen Organisationen und der Verwaltung anziehen und mit dem Master of Ethical Management abgeschlossen werden sollte. An "betriebswirtschaftlich sozialisierte Leute" (Meier) hatten die Initiatoren nicht gedacht.

Das Projekt entwickelte allerdings eine Dynamik, die Uto Meier so mitgerissen hat, dass er ein Poster entwickelte, mit dem er heute im Handumdrehen erklären kann, was ethisches Management ausmacht. Es zeigt ein Haus, dessen Fundament die Begriffe "Würde", "Sinn" und "Werte" bilden. Der Sockel besteht unter anderem aus der "Goldenen Regel", dem "Kategorischen Imperativ", dem "Artikel 1 des Grundgesetzes". Im Dachgeschoss stehen "ökologisch-soziale Generationenverantwortung" und "verbindliche Ethik-Standards". Das Dach bilden die Prinzipien "Rentabilität" und "Gemeinwohl" zu gleichen Teilen.

Angesichts solcher Inhalte war Meier ziemlich überrascht, dass die Hälfte der Teilnehmer der ersten Masterkurse 2005 und 2007 aus großen Unternehmen "und sogar Banken" stammte. Die Manager wollten sich einige Semester lang systematisch mit den Grundlagen ihres Handelns auseinandersetzen - angeleitet von Wirtschaftsprofessoren und Unternehmensberatern, von Psychologen, Soziologen und Theologen. Das große Interesse an den Kursen sieht Meier als Beleg dafür, dass in den Unternehmen vieles in Bewegung gekommen ist: "Der Paradigmenwechsel findet bereits statt."

Einzelne Firmen begannen das Projekt sogar zu sponsern. Siemens unterstützte mit einem "großzügigen Druckkostenzuschuss" die Publikation eines Sammelbandes, in dem sich Wissenschaftler, Unternehmer und Politiker über die Moral der Wirtschaft äußern. Als Dankeschön im Vorwort des Bandes "Führung. Macht. Sinn" heißt es, die Siemens AG habe die "ethische Debatte über Gehalt und Gestalt 'guter' Führungsverantwortung glaubwürdig" gefördert.

Die Ethik war lange nicht mehr als ein Alibi

Ist man in Eichstätt nicht auf den Gedanken gekommen, die Unterstützung könnte Teil einer PR-Strategie im Zusammenhang mit der Korruptionsaffäre von 2006 sein? Meier winkt ab. "Das kann man immer sagen", sagt er. "Wir können allen Unternehmen paranoid unterstellen, sich nicht ändern zu wollen." Siemens habe mit Peter Löscher einen neuen Chef, der das Unternehmen gehörig umgekrempelt habe. Er stockte zum Beispiel die Compliance-Abteilung, die auf die Einhaltung der Regeln achtet, auf 600 Mitarbeiter auf.

Und selbst wenn der Schein in dem ein oder anderen Fall trügen sollte: "Zumindest die ökonomische Botschaft kommt bei den Unternehmen zunehmend an", sagt Meier. Dafür sorgten Kunden und Aktionäre. "Sie gefährden heute Ihren Betrieb, wenn Sie auf die ethische Frage keine überzeugende Antwort liefern können. Und die Hochschulen müssen dabei helfen, die Unternehmen mit den entsprechenden Mitarbeitern zu versorgen."

Womit auch klar wäre, dass selbst die in Teilen von Vereinfachungen, Schuldzuweisungen und Heucheleien geprägte Managerdebatte in der Öffentlichkeit einen heilsamen Effekt hat: Im vergangenen Jahrhundert fürchteten skrupellose Manager und Unternehmer vor allem den Staatsanwalt; was juristisch nicht zu beanstanden war, lief weiter. In der Internetgesellschaft des 21. Jahrhunderts sei es vor allem die Angst vor dem Reputationsverlust, die zur Verhaltensänderung führe. "Die Entrüstungsindustrie kann durchaus Veränderungen bewirken", sagt Meier.

Das gilt auch für die Universitäten. So richtete etwa die Hälfte der deutschen Ausbildungsstätten erst nach der Empörung über Enron, Parmalat, Mannesmann, Volkswagen und Siemens Vorlesungen und Seminare zum Thema Unternehmensethik ein. Dabei schrieb der Pionier der Zunft Peter Ulrich von der Universität St. Gallen schon 1993: "Der primäre Nutzen (einer solchen Ausbildung, Anm. d. Red.) ist darin zu sehen, dass wirtschaftsethisches Denken ein wirksames geistiges 'Gegengift' gegen die Gefahr der ökonomistischen Verbildung der Wirtschaftsstudenten bietet." Für Ulrich bestand die Gefahr vor allem darin, dass die Studenten am Ende ihres Wirtschaftsstudiums "die ganze Welt nur noch eindimensional durch die 'ökonomische Brille'" sehen könnten.

Die meisten der in aller Eile eingerichteten Vorlesungen und Veranstaltungen zum Thema Wirtschaftsethik wurden allerdings eher lose am Studienplan angetackert und belächelt. Stammt die Forderung nach einer reformierten Managerausbildung nicht aus der gleichen Ideenkiste wie der Versuch, an einer deutschen Elitehochschule eine Art "hippokratischen Eid" für Manager einzuführen? Dem Hochschulpräsidenten, der sich für den Eid eingesetzt hatte, wird übrigens die Veruntreuung von Geldern vorgeworfen.

Auch sonst gibt es viele, die von sogenannten weichen Kursen als Bestandteil eines Studiums der Betriebswirtschaftslehre wenig halten. Charakterbildung gehöre in die Familien und Schulen, sagen sie. Oder: Scharfe Gesetze bewirkten mehr als Appelle und Seminare. Hinzu kommt das fachliche Misstrauen der Wirtschaftswissenschaftler gegenüber den Philosophen. Es trägt dazu bei, dass die angebotenen Veranstaltungen zum Thema Ethik, so formuliert es die Berliner Wirtschaftswissenschaftlerin Anja Schwerk, "ein Paralleldasein neben den Kerndisziplinen" führen, das wenige vom Hocker reißt.

Ein Pflichtfach Wirtschaftsethik? Das lässt man allenfalls als Alleinstellungsmerkmal einer Hochschule wie der Katholischen Universität Eichstätt gelten, wo man einen Master Ethisches Management und einen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik schon wegen des konfessionellen Hintergrunds erwartet. Anderswo hat das Fach anscheinend nur wenig Chancen: "Dafür gibt es bei uns keine Nachfrage mehr", sagte ein Professor einer Business School neulich zu Uto Meier. Der antwortete: "Dann müsst ihr die Nachfrage eben ankurbeln. Ihr seid doch auch sonst so gut darin, die Nachfrage für alles nur Mögliche zu wecken. Ihr unterrichtet sogar, wie man das macht."

Spätestens hier merkt man, dass die Wirtschaftsethik ein Imageproblem hat. Dazu haben die Vertreter der Zunft beigetragen: Viel zu lange warfen sie mit realitätsfernen Ratschlägen um sich, viel zu lange ignorierten sie Fragestellungen aus der Unternehmenspraxis. Zudem waren die allermeisten Professoren an der Ausbildung von angehenden Managern kaum interessiert.

Kein Wunder also, dass es jede Menge Missverständnisse nicht nur bei den Inhalten, sondern auch hinsichtlich der Relevanz der Ausbildung gibt. "Es geht nicht um Moralunterricht", sagt etwa Thomas Beschorner. Er ist der Nachfolger des Ethik-Pioniers Peter Ulrich in St. Gallen. Beschorner ist Kaufmann und Wirtschaftswissenschaftler. "Es geht nicht um einige Stunden Ethik, die man dann abhakt. Es geht womöglich nicht einmal um ein Orchideenfach namens Ethik." Ziel müsse vielmehr "die wirkliche Integration der Ethik in das Wirtschaftsstudium" sein. Denn komplexe ethische Fragen ergäben sich im Wirtschaftsleben ständig. Auch in Disziplinen, in denen man es weniger erwarte, wie etwa im Marketing.

St. Gallen zählt zu den Hochschulen, die sich ernsthaft mit dem Problem zu befassen versuchen. Das Institut für Wirtschaftsethik wurde vor fast drei Jahrzehnten gegründet - angestoßen von einer kirchlichen Initiative. Alle Studenten der Universität sind zu einem Kontextstudium verpflichtet, das ein Viertel der Studienzeit beansprucht und der auf Spezialisierung ausgerichteten gängigen Wirtschaftsausbildung einen Hauch von Studium Generale entgegenhält. " Aufgabe des Kontextstudiums ist es, das Fachstudium in gesellschaftliche, politische, historische, philosophische und ästhetische Zusammenhänge zu stellen", ist auf der Homepage zu lesen.

Was ist eigentlich ein gutes Geschäft?

So sollen die Studenten lernen, Dinge kritisch zu hinterfragen und neue Perspektiven einzunehmen. In den wirtschaftsethischen Seminaren haben sie dabei Zeit zum "vernünftigen Nachdenken über die Ethik" (Beschorner), das weder in den zahlenfixierten Kursen der Standardausbildung noch in der dauerempörten Öffentlichkeit einen Platz hat. "Was ist die Funktion eines Unternehmers in unserer Gesellschaft? Was sind gute, und was sind schlechte Geschäfte?", kann Beschorner hier die Studenten fragen. Etliche von ihnen versuchen es in ihrer Antwort mit Adam Smith: Unternehmen zahlen Steuern. Sie beschäftigen Leute. Sie versorgen eine Gesellschaft mit Gütern. Alles richtig.

Aber: "Wir müssen eben auch nach dem gesellschaftlichen Beitrag jenseits von Steuern und Spenden fragen", sagt Thomas Beschorner dann. "Und wie ihre Gewinne erwirtschaftet werden. Der Sinn von Unternehmen ist es, einen positiven Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Sonst können wir die Unternehmen abschaffen." Und schon sind Studenten und Lehrer mitten in der Diskussion. Sie erörtern Beispiele für gute und schlechte Praxis. Reden über die Soziale Marktwirtschaft. Diskutieren die Glaubwürdigkeit von Bekenntnissen zur unternehmerischen Verantwortung, sprechen mit Unternehmern über die Zwickmühlen des Alltags.

Und irgendwann kommt die ISO 26000 zur Sprache. Das ist die internationale Ethik-Leitlinie, die nach jahrelangem Ringen im Herbst 2010 verabschiedet wurde. Sie setzt auf Freiwilligkeit, enthält jede Menge Anwendungsbeispiele, bündelt die Erwartungshaltung einer kritischen Weltöffentlichkeit und ist laut der "Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik" der beste Beweis dafür, dass die "Standards für unternehmerische Verantwortung" seit den Siebzigerjahren eine "zunehmende Institutionalisierung auf gesellschaftlicher Ebene erfahren haben".

In St. Gallen beginnen die Studenten im Lauf der Vorlesungen zu ahnen, wie schwer es ist, die richtige Antwort auf komplexe Fragen zu finden. Wie ist das zum Beispiel mit den Spekulationen auf Lebensmittelrohstoffe bei der Deutschen Bank? Ingo Pies, Wirtschaftstheoretiker aus Halle, schrieb gerade gegen die allgemeine Empörung an, die andere Banken zum Ausstieg aus dem Geschäft bewegt hat: "Was auf den ersten Blick so aussieht wie ein gelungener Lernprozess, in dessen Verlauf gesellschaftliche Missstände aufgedeckt und abgestellt werden, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein moralisches Eigentor zivilgesellschaftlicher Organisationen." Ohne Spekulation gäbe es nämlich "keine Versicherungsleistung für Agrarproduzenten", die unerlässlich sei, "um das Nahrungsmittelangebot in der Welt zu erhöhen".

Thomas Beschorner scheint zur Gegenmeinung zu tendieren. "Der Wandel eines Unternehmens muss sich im Kerngeschäft niederschlagen", sagt er. Sonst handele es sich um Kosmetik. "Hier liegt auf der Hand, dass eine zunehmende spekulative Nachfrage die Preise erhöht. Lebensmittelspekulationen können so die Grundrechte von Hunderten von Millionen Menschen massiv beschneiden."

Wie würde man selbst die Frage also beantworten?

Dafür müsste man zunächst einmal die Zusammenhänge analysieren und die verschiedenen Argumentationsstränge entwirren können. Was den verantwortlichen Managern in ihrem hektischen Alltag nur dann gelingen kann, wenn sie auf solcherlei Denken vorbereitet sind.

Dass man genau das lernen kann und sollte, ist den Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten trotzdem schwer zu vermitteln. Es mag Ethiker wie Thomas Beschorner und Uto Meier geben, die für eine Reform der Ausbildung werben, kleine Universitäten als Vorreiter und Studenteninitiativen wie Sneep, die seit 2004 für Wirtschafts- und Unternehmensethik als Pflichtfächer eintreten, Unternehmerverbände wie die Wirtschaftsjunioren, die sie unterstützen, und einen Regierungsplan, der Anreize ankündigt, um dem Thema unternehmerische Verantwortung "an deutschen Hochschulen in Forschung und Lehre größeres Gewicht zu geben".

Ein wirkliches Umdenken an den Hochschulen ist freilich kaum zu erkennen. Oder muss man auch hier einfach nur geduldig sein wie bei den Unternehmen, die sich ändern sollen - und anerkennen, was sich im Kleinen tut?

Leute wie Thomas Beschorner und Uto Meier glauben fest daran, dass ihre Studenten der Wirtschaft guttun. Und der Schweizer Theologe Hans Küng rief den versammelten deutschen Wirtschaftsethikern einmal zu: "Verliert nicht den Mut!" Der Kampf für die Menschenrechte sei auch ein langer Weg gewesen - von den Ideen der Aufklärung über die amerikanische Unabhängigkeitserklärung bis hin zur Charta der Vereinten Nationen.

Einen wie Uto Meier hat das begeistert und in seiner Überzeugung bestärkt, dass der heutige Protest gegen die "ausgelagerten Risiken" und "Gewinnmitnahme-Prinzipien" sowie das Drängen auf mehr Verantwortungsbewusstsein eines Tages genauso erfolgreich sein wird wie früher die Empörung über die Sklaverei.-

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Die deutschen Wirtschaftsethiker haben sich schon 1993 im Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik organisiert. Von den heute rund 600 Mitgliedern tragen etwa hundert den Professorentitel. Auf internationaler Ebene lohnt sich ein Blick auf: www.csreurope.org. Diese Organisation wurde 1995 als European Business Network for Social Cohesion (EBNSC) gegründet, damals gestützt von 20 Unternehmen und Verbänden - heute sind es 4500 Firmen in ganz Europa. Die im Text erwähnte ISO 26000 wird auf: http://reset.to/knowledge/iso-26000-gesellschaftliche-verantwortung ausführlich beschrieben.