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Scheitern ist heilbar

Warum das Ende in weiter Ferne liegt.




- "Ich", antwortet Carmen auf die Frage, ob sie jemanden kennt, der gescheitert ist. Sie hat einen Doktortitel, eine Handvoll CDs veröffentlicht, die zum Kanon der neueren deutschen Popmusik gehören, eine Galerie betrieben, die nach kurzer Zeit eine Institution war. Nur dass sie mit den CDs so gut wie kein Geld verdient hat, die Galerie mit Verlust schließen musste und in der akademischen Welt nicht einmal eine befristete Stelle gefunden hat. Aber ist Carmen gescheitert? Einige Sekunden später zweifelt sie selbst daran, lächelt verlegen und sagt: "Na gut, das ist vielleicht etwas übertrieben."

Die Idee war simpel: Menschen, die gescheitert sind, zu fragen, wie sie es schaffen, wieder aufzustehen, es erneut zu versuchen, noch einmal von vorn zu beginnen. Wie geht das? Wie fühlt man sich dabei? Was macht das mit einem? Ich war davon überzeugt, selbst genug Leute zu kennen, die gescheitert sind, und ganz sicher würden die ebenfalls Dutzende kennen, denen es ähnlich ergangen ist. Denn so ist nun mal das Leben, wenn man etwas Eigenes tut und nicht den Anweisungen anderer folgt: Manchmal klappt es - oft nicht.

Also ging ich meine Freunde und Bekannten durch. Der hochbegabte Musiker, dessen Ablehnung jeglicher Vermarktung über Jahre die Veröffentlichung seiner Musik verhinderte, bis er sich schließlich doch auf eine Plattenfirma einließ, die dann vier Wochen nach Erscheinen seines Debüt-Albums dichtmachte? Der schreibt jetzt ganz zufrieden Kinderbücher, die er ebenfalls nicht veröffentlicht, und arbeitet nebenbei in einem Bioladen, was nicht der schlechteste Job ist. Oder der Kleinunternehmer, der pleiteging und Privatinsolvenz anmelden musste? Sein neues Kleinunternehmen, dieses Jahr gegründet, macht sich gar nicht schlecht. Der Anwalt, dem sein Kompagnon die Kanzlei und die Krise sein Vermögen abnahm? Der hat längst eine neue Kanzlei und ist wieder vermögend. Die Mathematikerin, die an den Anforderungen ihres Jobs zerbrach, in der Klinik landete und insgesamt ein Jahr krankgeschrieben war? Okay, die hat immer noch Probleme. Aber da geht es um Seelisches, das nichts mit der aktuellen Situation zu tun hat. Und so weiter. Kurz: Ich kenne niemanden, der gescheitert ist.

Carmen überlegt, ob sie Künstler kennt, die gescheitert sind. Sie überlegt lange. Schließlich fällt ihr eine ein. Die ist schon lange dabei und hat in den vergangenen Jahren zusehen müssen, wie Freundinnen und Kolleginnen, mit denen sie studiert hat, an ihr vorbeizogen und mit Kunst plötzlich ein wenig Geld verdienten. "Doch sie macht weiter", sagt Carmen, "völlig ungebrochen." Aber, na ja, als Beispiel des Scheiterns eignet sich die auch nicht wirklich, weil ihre Arbeiten sehr gut sind und zumindest in den Kreisen, in denen man sie kennt, hohes Ansehen genießen. Nein, die geht auch nicht.

Was ist überhaupt Scheitern? Am einfachsten scheint es, das Scheitern am Geld zu messen. Doch dann ist jede Festanstellung unterhalb des Topmanagements ein Monument des Scheiterns, denn eines ist klar: Reich wird man als Angestellter nicht. Andererseits gibt es Menschen, für die eine Festanstellung der heilige Gral ist. Die Eltern einer Freundin zum Beispiel: Du hast ein Stipendium bekommen? Einen Literaturpreis? Einen Orden? Ja, schön - nur schade, dass es keine Festanstellung ist. Abgesehen davon, kenne ich mehrere recht unglückliche Millionäre, aber auch einen Haufen Leute, die nie Geld hatten und damit ganz gut leben. Nein, Geld ist als Maßstab völlig ungeeignet.

Für manche Menschen manifestiert sich das Scheitern im Kompromiss. Der Moment des Scheiterns ist der Moment eines kleinen Gedankens: Wenn ich dieses Produkt in meinen Webshop aufnehme, diesen Beat unter meinen Song lege, diesen Satz etwas kürzer mache, obwohl dieses Produkt, dieser Beat, diese Satzlänge so gar nicht zu dem passt, was ich eigentlich tun möchte -, dann wird mein Webshop, meine Musik, mein Text erfolgreicher. Aber natürlich verrate ich damit meine Ideale. Und was, wenn nicht der Verlust der Ideale, ist Scheitern? Tja, einerseits. Andererseits kenne ich genug Menschen, deren Kompromisslosigkeit nichts als Unglück produziert hat. Und abgesehen davon: Auf jemanden, der für sein Ein- oder Auskommen einen Kompromiss gemacht hat, werfe bitte derjenige den ersten Stein, der keine Rechnungen zu bezahlen hat.

Scheitern ist ein Gefühl - keine Tatsache

Carmen wohnt in einer sehr schönen Wohnung in einem exquisiten Wohngebiet, in dem das Durchschnittseinkommen deutlich über normal liegt. Sie ist durch Zufall an die Wohnung gekommen. In diesem Viertel würde wohl nur Carmen von Arbeitslosengeld II leben, wenn sie es denn beantragen würde. Aber für so ein Häufchen Geld eine enorme Freiheitsberaubung in Kauf nehmen? Also übersetzt sie manchmal Texte, für einen Stundenlohn, der manche Verkäuferin zu Tränen rühren könnte, und lebt sonst von dem, was ihr Mann verdient. Noch ein Künstler, bei dem es allerdings gerade gut läuft. Sie wohnen schön, essen gut, viel Fisch, weil der Mann gerne angelt, haben interessante Freunde. Und just in diesem Jahr reicht das Geld sogar für einen Urlaub. In Italien.

Gescheitert? Wohl kaum. Die Essenz des Scheiterns ist das Ende des Gefühls der Selbstwirksamkeit, der Fähigkeit also, selbstständig erfolgreich handeln zu können und damit die Welt oder zumindest das eigene Leben entscheidend zu beeinflussen. Selbstwirksamkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis, ihre Vermittlung ein wichtiges Ziel der Kindererziehung. Die Selbstwirksamkeitserwartung (SWE), also der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit, ist bei Erwachsenen nur begrenzt von äußeren Umständen abhängig, ähnlich wie das Selbstbewusstsein: Menschen mit einer hohen SWE lassen sich auch von schlimmen Schicksalsschlägen oder langwierigen bürokratischen Prozessen nicht beirren, obwohl sie wissen, dass der Glaube an ein Gelingen angesichts eines neuen Formblatts in einem, sagen wir mal, EU-Lizensierungsverfahren Beleg für eine manische Erkrankung sein kann - nein, keine Sorge, war nur ein Scherz.

Aber tatsächlich wirkt die Selbstwirksamkeitserwartung zirkulär: Menschen mit einer hohe SWE, die sich viel zutrauen, übernehmen gerne schwierige Aufgaben und fühlen sich dann von ihrem Erfolg bestätigt, während ein Misserfolg ihnen nur zeigt, was sie falsch gemacht haben, sodass es beim nächsten Mal besser laufen kann. Wer dagegen eine niedrige SWE hat, fühlt sich vom Misserfolg bestätigt, und gelingt doch etwas, war es Zufall, Schicksal, Glück. Solche Menschen haben, wenig überraschend, eine größere Neigung zu Depressionen und Angststörungen als ihre optimistischen Kollegen, was wiederum zu einem weiteren Absinken ihrer SWE führt.

Carmen ist für den zirkulären Charakter der SWE typisch. Alles, was sie begonnen hat, hat funktioniert, zumindest in einem gewissen Rahmen. Das hat zu einer noch höheren SWE beigetragen, besseren Ergebnissen, mehr Bestätigung und so weiter. Sie hat zwar mit ihrer Musik kein Geld verdient, weil sie statt Hits komplizierte Lieder schreibt, die einem höchstens Kritikerlob und Anerkennung einbringen. Es wäre auch die Frage, ob sie Hits schreiben könnte - möglicherweise nicht. Aber das ist völlig egal, denn das gehört ebenfalls zu dem gesunden Umgang mit den eigenen Fähigkeiten: Ziele zu wählen, die erreichbar sind.

Scheitern ist ein Bewusstseinszustand. Etwas ist nicht gelungen, in das viel Arbeit, Zeit und Geld gesteckt wurde, und nun fühlt man sich gescheitert. Es folgt eine Zeit der Verarbeitung, der Trauer vielleicht, aber dann muss es weitergehen, und es geht auch weiter. Sicher, einige Menschen bleiben liegen, hoffnungslos und müde an die Decke starrend, die auch mal wieder gestrichen werden müsste, wozu sie jedoch keine Kraft haben. Auch solche Menschen kenne ich. Sie landen irgendwann in Kliniken, weil sie ihr Leben nicht mehr ertragen, oder werden von wohlmeinenden Freunden beziehungsweise ihrer Familie dorthin geschickt. Nach ihrer Rückkehr sind sie immer noch dieselben, nur dass sie nun die Kraft haben, die Decke zu streichen, aus dem zu Haus gehen, etwas Neues zu versuchen. Scheitern ist heilbar.

Das Scheitern ist wie ein Bürokrat: Es tut so, als gäbe es nichts außer ihm, als wäre es das Ende. Aber das stimmt nicht. Nach Verlassen des Büros des Scheiterns geht es weiter.-