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HOFFNUNG

Was macht man, wenn etwas nicht richtig läuft? Man setzt auf die nächste Chance. Erst wenn man das sein lässt, ist die Krise echt.




You can get it if you really want
But you must try, try and try
Try and try, you'll succeed at last.
Jimmy Cliff I.
War da was?

Was kann man aus der Geschichte lernen? Kann man überhaupt etwas aus der Geschichte lernen? Ist nicht alles neu, irgendwie?

Diese Fragen interessieren, von Historikern einmal abgesehen, die meisten Menschen nicht besonders. Man ist mit anderem gut beschäftigt, hat eigene Probleme, persönliche Krisen und jene noch dazu, die heute an jeder Ecke zu finden sind. Geschichte? Hör mir auf. Das war einmal, ist lange her. Was sollen wir damit?

Was mal war, zählt heute nichts.

Gleichzeitig, aber das kann auf gar keinen Fall etwas damit zu tun haben, fühlen sich die meisten Leute so: Alles hängt ein wenig in der Luft. War da was?

Von der Geschichtslosigkeit zur Bewusstlosigkeit ist es nur ein kleiner Schritt. In der Luft hängen - das ist eine spezielle Form von Ohnmachtsgefühl, in dem man nicht weiß, wo man herkommt, aber auch nicht, wo man hin will, und genau betrachtet auch keine Ahnung hat, wo man gerade ist. Daraus lernen wir vor allen Dingen eines: dass die Krise auf ihren Höhepunkt zusteuert. In ihrer berühmten Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" aus dem Jahr 1933 haben die österreichischen Sozialforscher Paul F. Lazarsfeld, Marie Jahoda und Hans Zeisel gezeigt, wie sich viele Menschen dann verhalten: apathisch, geistig abwesend, in Monotonie und Ritualen gefangen. Eine Endlosschleife, in der der Mensch nichts dazulernt.

Gut möglich, dass der amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Harold Ramis diese Einsicht kannte, als er mit der Arbeit an seinem erfolgreichsten Film begann. Es ist die 1993 veröffentlichte Komödie "Groundhog Day", deren deutscher Verleihtitel "Und täglich grüßt das Murmeltier" längst zum geflügelten Wort geworden ist.

Der Held des Films ist der frustrierte und zynische Fernseh-Wettermoderator Phil Connors, der mit seiner Kollegin Rita und dem Kameramann Larry in das Provinz-Kaff Punxsutawney, Pennsylvania, beordert wird. Dort soll er über einen alten Brauch berichten: Am 2. Februar jedes Jahres wird der Tag des Murmeltiers gefeiert, eben der Groundhog Day. Lässt sich das Murmeltier aus dem Winterschlaf wecken, dann ist der Frühling nicht mehr weit. Schnarcht der Nager weiter, wird der Winter lange nicht weichen. Connors ist das eine so egal wie das andere. Es geht ihm auf die Nerven. Er will nicht nach Punxsutawney.

Weil er aber muss, wird aus dem ohnehin schon misanthropischen Einzelgänger ein regelrechtes Ekelpaket, das übellaunig seine Mitmenschen beleidigt. Da ist es ein Glück, dass Connors so schnell wie möglich zurück in die Stadt will. Doch ein heftiger Schneefall macht die Straße unpassierbar. Er muss in Punxsutawney übernachten.

Der Horror beginnt am nächsten Morgen. Als sein Radiowecker um Punkt sechs losdudelt, stellt Connors fest, dass er wieder am Morgen des 2. Februar, also des Vortags, aufgewacht ist. Dieses Datum ist für ihn zur Endlosschleife geworden. Es gibt keine Überraschungen, das ist ein sicheres Leben, denn es ist klar, was passieren wird, und das ist zunächst gar nicht so übel. Connors weiß, was kommt, seine Mitmenschen nicht, dadurch kann er sie famos austricksen. Nur Rita, in die er sich verliebt hat und der er energisch den Hof macht, gibt ihm einen Korb nach dem anderen. Ganz gleich, was er tut, sie will ihn nicht. So wird die Routine allmählich zur Monotonie und damit zur Qual. Connors' Leben, also der 2. Februar, wird sinnlos.

An dieser Stelle des Films musste sich Regisseur Ramis entscheiden, wie es weitergeht. In der Tradition des europäischen Autorenfilms wäre nun aus der Farce eine Tragödie geworden - eine lange Totale auf das ausdruckslose Gesicht Phil Connors, langsames Abblenden, du hast keine Chance, es gibt keinen Ausweg, aus, Ende.

Erfreulicherweise arbeitet Ramis in Hollywood, dort herrscht bekanntlich die Happy-End-Doktrin. Hier gibt der Held nicht auf, sondern versucht es immer wieder. Statt zu versuchen, andere zu manipulieren, konzentriert sich Connors auf sich selbst, findet heraus, was er will -, und gewinnt so die Anerkennung anderer und schließlich die Liebe Ritas. Nach der ersten gemeinsamen Nacht mit ihr ist der Bann gebrochen, und das Leben geht am 3. Februar weiter.

II.
Happy Endings

Aus dieser kleinen Komödie lässt sich mehr lernen als aus so manchem großen Krisenbewältigungsprogramm. Erstens, dass Wiederholung keineswegs bedeutet, immer wieder den gleichen Unsinn zu machen und zu hoffen, dass sich dadurch etwas verbessert. Zweitens, dass alles, was man verdrängt oder unerledigt zurücklässt, irgendwann wiederkommt, und zwar meistens mit Zins und Zinseszins, was ziemlich viel Ärger macht. Nichts macht das deutlicher als die gegenwärtige Krise, ganz gleich ob im Finanzsystem, bei den Haushalten oder der Währung: Hier grüßt das Murmeltier täglich und seit vielen Jahrzehnten. Der allergrößte Teil der Probleme besteht in nicht erledigten Hausaufgaben, in falschen und ineffizienten Strukturen, in der Illusion, dass alles einfach immer so weitergehen wird wie bisher und man eigentlich nichts ändern muss - eine Art Wohlstandsapathie, die nun endet.

Die dritte Lehre im Zeichen des Murmeltiers ist: Es gibt für alles einen 3. Februar, ein nächstes Mal, eine zweite Chance, im Guten wie im Schlechten. Man sieht sich wieder, Freunde. Und ganz gleich, was kommt - es ist nicht das Ende. Allerdings kostet das eine Kleinigkeit - an Nerven, an Disziplin, an Sturheit, Hartnäckigkeit. Chancen brauchen eine Haltung. Von selbst wird gar nichts gut.

III.
Atemtechnik

Wir leben in verrückten Zeiten, in denen eine fast 20 Jahre alte Hollywood-Komödie das, was zu tun ist, besser auf den Punkt bringt als alle Reden von Anführern aus Politik und Wirtschaft, die in Zeiten der Krise geschwungen werden. Wir brauchen ein Happy End - oder wenigstens eine Vorstellung davon. Das ist, was man eine Chance nennt.

Aller Anfang ist schwer, bei Chancen wie bei Produkten. Prototypen sind wichtig, aber selten etwas fürs Leben. In der guten alten Produktion kann man lernen, welche Kunst es ist, das scheinbar immer Gleiche herzustellen. Jeder Zyklus bringt neue Varianten, schafft damit neue Erkenntnisse und wieder neue Möglichkeiten. Das Leben ist keine Gerade, kein ruhiger Fluss, sondern eine Spirale, das lernt man im Laufe der Zeit oder schon im Biologieunterricht: Die Doppelhelix des Desoxyribonukleinsäure-Moleküls besteht aus gewundenen Wiederholungen. Im Kapitalismus, so hat es der russische Ökonom Nikolai Dmitrijewitsch Kondratieff gesagt, sind diese Wiederholungen, die langen Wellen, der Normalfall. Krise und Aufschwung wechseln sich ab. Der Kondratieff-Zyklus, wie ihn Joseph Schumpeter nannte, ist das Happy End der Ökonomie. Das alles ist bekannt und oft gesagt - aber es teilt auch das Schicksal aller Geschichte. Im Alltag sieht keiner die Entwicklung, aber jeder läuft in der Endlosschleife.

Dabei hing der Erfolg jeder Unternehmung zu jeder Zeit davon ab, dass Menschen ihre Möglichkeiten erkennen, an Verbesserungen und Varianten arbeiten - also ihre Chancen ergreifen. Die ganze Geschichte ist allerdings immer langwierig und komplex. Wenn sie zu Erfolgen führt, dann reduzieren wir das "auf das Wesentliche", was meistens gleichbedeutend ist mit einer Instant-Wahrheit, die in die Irre führt. Es sind meist die langen Wiederholungen, die Fugen der Geschichte, sich langsam drehende Strukturen, die Veränderungen bringen. Entwicklung ist ein langsames Geschäft und die Welt ein Werk aus Geduld und Spucke.

Wichtig daran ist: Geschichte wiederholt sich nicht, sie vergisst aber auch nichts. Das System der Wiederholung, der nächsten Chance, bringt gnadenlos zutage, was wir auf die lange Bank geschoben haben. Was nicht erledigt ist, wird auf Wiedervorlage geschaltet. Die Evolution erweist sich so als nachtragend. In der Geschichte gelte eben die alte Weisheit, nach der "das Rad nicht neu erfunden wird", sagt Frank Bösch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam: "Es hilft einfach, einen historischen Rahmen aufzuziehen, wenn man verstehen will, wie etwas ist. Es wiederholt sich nichts, aber es gibt Wellenbewegungen, Strukturen, die man verstehen kann - und gerade bei der Frage, wie man eine Krise einordnen soll, sehr helfen können."

Man kann darüber nachdenken, ob man ein Problem aus dem 21. Jahrhundert mit Interventionen und Regeln in den Griff kriegen kann, die schon in den Dreißigerjahren nicht halfen - diesmal aber durchaus funktionieren könnten. Nur kennen sollte man die Vorgeschichte halt, und das ist ein bisschen mehr als ein lapidares "Das hatten wir schon mal", wie Bösch sagt. Dabei geht es nicht um Vorlagen, sondern um das Eindenken in die richtige geistige Atemtechnik, so der Historiker: "Wir alle brauchen einen langen Atem, wir alle müssen lernen, unsere Kurzatmigkeit aufzugeben."

Ein kluger Gedanke - denn Geschichte, aus der man etwas lernen kann, ist nicht das Flachland, in dem Freunde sturer Methoden und Routinen sich heimisch fühlen, sondern ein ernst zu nehmendes Gebirge.

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts fand Bernhard von Chartres ein bis heute sehr treffendes Bild: Jede lebende Generation steht auf dem Fundament aller vorhergegangenen - "wir sind alle Zwerge auf den Schultern von Riesen", so der mittelalterliche Gelehrte. Je weiter die Menschheit voranschreitet, umso höher kommt sie hinaus.

Das kann den Weitblick fördern, allerdings werden aus großer Höhe die Details auch etwas unübersichtlich. Der zeitgemäße Schluss vieler Zeitgenossen lautet: Noch nie hatten es die Zwerge so schwer wie heute. Wir würden ja unsere Chancen gern ergreifen, aber wir können sie gar nicht erkennen. Och, die armen Kleinen.

Das Gezeter dient nur einem Zweck: dem Handlungsaufschub. Darin sind wir zur Hochkultur geworden. Früher war alles viel besser, und morgen ist auch noch ein Tag. Heute können wir aber leider nichts von dem erledigen, was längst hätte getan werden sollen, es ist ja alles so unübersichtlich. Wer seine Lektionen aus der Geschichte nicht lernt, dem ist das Morgen auch egal. Die Zukunft hat sowieso die Rolle eines Zwischenlagers für ungelöste Probleme aller Art, vom Atomschrott bis zur Staatsverschuldung. Man deponiert dort alles, was man heute nicht brauchen kann. Chancen ergreift man nur, wenn sie wohlfeil sind - risikofrei und leicht konsumierbar. Was scheitern könnte, gilt als unverdaulich.

"Wir geben in unserer auf Sicherheit bezogenen Kultur heute viel zu schnell auf, wir verzichten viel zu schnell auf unsere nächste Chance", sagt der Linguist und Wissenskommunikations-Forscher Gerd Antos von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Der Professor beobachtet seit vielen Jahren die Unterschiede in den weltweiten Chancenkulturen. Will man etwas versuchen? Probiert man es noch mal? "Wenn in Indien von zehn Versuchen neun scheitern, dann ist das Ergebnis immer noch ein Erfolg - man muss ja schließlich probieren, wie man die richtige Lösung findet. Bei uns hingegen hat man mittlerweile schon nach einem Flop alle am Hals - dann heißt es sofort, es wäre verantwortungslos, weiterzumachen, man sehe ja, dass es nicht funktioniert." Dahinter, so der Forscher, stecke eine massive Verschiebung der Werte, damit auch der Worte und der Einstellungen unserer Wohlstandsgesellschaft. "Die Erfolge des Westens kamen aus der Einstellung, dass man es immer wieder neu versuchen muss, bis es funktioniert, und der Erfolg war nur die Grundlage für den nächsten Schritt und nicht das Signal, sich nun endlich triumphierend ausruhen zu können", so Antos.

Eigentlich klar. Die Zwerge stehen gar nicht auf den Schultern der Riesen, sie haben sich längst dort hingelegt. Wir sind kleinlich geworden.

IV.
Riesenchancen

Wenn das die Riesen wüssten. Es waren deutsche Forscher, Erfinder und Ingenieure wie Werner von Siemens oder Justus von Liebig, die durch hartnäckiges, fast schon stures Abarbeiten von Problemen ganze Disziplinen neu schufen - die Elektrotechnik und die organische Chemie. Auf diesen Säulen stehen die wirtschaftlichen Erfolge Deutschlands bis heute. Chancen, so die Botschaft, fallen nicht vom Himmel, man muss sie sich erarbeiten, und zwar systematisch. Nirgendwo auf der Welt nahm man das Wort des römischen Dichters Horaz, nach dem die "Wiederholung die Mutter aller Studien" ist, ernster als in Deutschland. Es galt als typisch deutsch, nicht locker zu lassen, bis man eine Lösung hat. Diese Beharrlichkeit wird bis heute in der ganzen Welt geschätzt.

Diese Kultur wird aber nicht selten mit einem Determinismus verwechselt, als wisse man schon im Vorhinein, was schließlich herauskommen wird. Die alte Chancenkultur war jedoch unternehmerisch, wie sich etwa am Gespann Werner von Siemens und Johann Georg Halske zeigt. Siemens tüftelte gern herum, Halske wiederum machte sich Gedanken darüber, was man mit den Ergebnissen praktisch anstellen konnte. Diese unternehmerische Chancenkultur ist darauf spezialisiert, Möglichkeiten zu erkennen, im positiven Sinn opportunistisch zu sein. Was lässt sich daraus machen? Wer kann das, was man tut, nutzen - und wozu? Und in welchem Kontext steht es zu dem, was ist - und was könnte es auslösen? Viele Fragen, die alle auf eine Sache hinauslaufen: Arbeit, viel Arbeit, die erst damit anfängt, wenn man eine Chance einmal als solche erkannt hat, und die keineswegs bedeutet, dass immer alles gut geht.

Chancen zu nutzen ist und bleibt ein offener Prozess. Die deutsche Wirtschaftskultur ist stark in den Naturwissenschaften, dem Ingenieurwesen und der Technik verankert. Hier muss man systematisch und genau vorgehen - und das suggeriert vielfach ein hohes Maß an Berechenbarkeit. "Technik ist kein linearer Fortschritt", so schreibt der Berliner Technikhistoriker Wolfgang König in seiner "Propylaen Technikgeschichte", "sondern ein Tasten und Suchen mit ungewissem Ausgang."

Man kann das mit Missmut lesen, weil ja nicht feststeht, wo es hingeht - was viele ärgerlich finden. Oder mit einem Lächeln, weil man verstanden hat, dass sich die Welt gestalten lässt. Man kann natürlich Geschichte machen.

Das wird am Beispiel der digitalen Wirtschaft klar. Deren im Nachhinein scheinbar so stringente Geschichte ist ein Tasten und Suchen. In den Siebzigerjahren waren zwar die ersten preiswerten Chips verfügbar und bald danach auch die ersten Mikrocomputer, aber dass diese Entwicklung zum Personal Computer führen musste, war längst nicht ausgemacht.

Was können diese Rechner besser als die Geräte, die damals auf dem Schreibtisch rumstanden? Was kann das Neue für das tun, was wir gerade erledigen? Wenn eine neue Technologie nicht alle unsere bekannten Vorstellungen über den Haufen wirft, sondern die Defizite bestehender Systeme zu lösen verspricht, dann nennen wir sie "praktisch".

Etwas ist praktisch, wenn es etwas besser macht als das, was wir kennen. Die Chancen sind also schon da, sie liegen auf der Straße, sie sind keine unvorstellbaren und nicht erkennbaren Revolutionen.

Die ersten erfolgreichen Systeme in der Welt der Mikrocomputer und später Personal Computer waren bessere Schreibmaschinen, Notizblöcke, Buchhaltungsformulare und Karteikarten (so wie die ersten Autos natürlich "Benzinkutschen" waren).

Das klingt einleuchtend, aber darauf muss man erst mal kommen. Apple, IBM und viele andere Pionierunternehmen der frühen Massencomputerisierung wären in einer Sackgasse des Sinnlosen gelandet, wenn es nicht Leute wie Dan Bricklin und Bob Frankston gegeben hätte. Die beiden Programmierer haben Visicalc entwickelt, eine Tabellenkalkulations-Software, die 1979 zum ersten Mal verkauft wurde und von jedem Büroangestellten verwendet werden konnte. Erst damit ergab der Kauf eines Computers auch für kleine Betriebe und Selbstständige Sinn, das Gros der Wirtschaft also. Die Historikerin Annette Schuhmann hat in ihrem Aufsatz "Der Traum vom perfekten Unternehmen" ausgeführt, auf welche Märkte man da traf: "In der Bundesrepublik hatten 77 Prozent der Unternehmen am Ende der Siebzigerjahre weniger als zehn Beschäftigte. Das waren 1,75 Millionen Betreiber, von denen nur 25000 eigene Computersysteme besaßen." In all diesen Fällen war nicht das Vorhandensein von Hardware relevant, sondern ausschließlich eine alltägliche Funktion - allen voran die "elektronische Buchhaltung".

Erst mit der Entwicklung von Visicalc durch Bricklin und Frankston entschied sich auch die IBM, einen Mikrocomputer namens Personal Computer auf den Markt zu bringen - ein Name, der vermutlich von der ursprünglichen Bezeichnung für Visicalc, Personal Software, inspiriert wurde. Der PC-Boom begann, und das wiederum schafft die Grundlage für unzählige neue Programme und Anwendungen, die wiederum die Hardware herausfordern, eine Doppelhelix. PC, Internet, Smartphone - das sind digitale Wiedervorlagen aus der analogen Welt. Die nächsten Chance, aus denen dann eine Zukunft gemacht wird.

V.
Geduld

In einem Berg in Texas entsteht eine riesige Uhr aus Titan und Keramik, die rein mechanisch angetrieben wird, nur einmal pro Jahr "tickt", dafür aber 10000 Jahre lang: "The Clock of the Long Now". Erdacht hat sie der Computeringenieur Danny Hillis, und der Internet-Pionier und Politikaktivist Stewart Brand hat die Idee mit seiner "The Long Now Foundation" bekannt gemacht. Die Unterstützer lesen sich wie das Who is Who des Silicon Valley. Hat sie das schlechte Gewissen getrieben? Wollen sie sich dafür entschuldigen, dass sie den Menschen eine Technologie beschert haben, die für mehr Stress und eine "pathologische Kurzlebigkeit und Kurzsichtigkeit" sorgt, wie die Vertreter der Long Now Foundation schreiben?

Oder haben die Initiatoren, die seit 1996 aktiv sind, nur verstanden, dass Chancen und Machbarkeiten nicht dasselbe sind? Man muss nicht in Quartalen denken, in Fünf-Minuten-Schritten. Und die Technik hat nichts damit zu tun, dass so viele zur Atem- und Chancenlosigkeit neigen. The Long Now Foundation predigt echte Nachhaltigkeit - sie fördert das Denken in Geschäften, bei denen eine Chance die nächste ermöglicht. Chancen brauchen Geduld und Hartnäckigkeit. Es ist kein Zufall, dass der wichtigste Förderer der Foundation Jeff Bezos heißt, der Gründer und Chef des Internet-Versandhandelshauses Amazon.

Bezos ist sehr geduldig und hartnäckig. In einer für die Technologiebranche an Zeitlupe erinnernden Überlegtheit nimmt er vorhandene Ideen, Produkte, Medienformen und Methoden auf, um sie netzwerktauglich zu machen.

1994, zum Zeitpunkt der Firmengründung, sind das der Buchhandel und das Internet. Die nächste Chance ist die digitale Version des Versandhandels. Der E-Book-Reader Kindle nimmt auf, was Sony bereits ab 1991 mit seinem Data Discman versuchte, ein tragbares Lesegerät.

Dabei ist nichts davon schiere Kopie, keine billige Imitation und auch nicht geklaut, vielmehr sind es neue Varianten und Chancen, aus etwas Bekanntem und Eingeführtem etwas Besseres und Praktischeres zu machen. Eine nächste Chance.

VI.
Entwicklung

Man übt so lange, bis es funktioniert. Viele weitere Beispiele ließen sich nennen - und sie alle sind die praktische Antwort auf die vermeintlich abstrakte Frage, was man aus der Geschichte lernen kann. Die gesamte Digitalwirtschaft besteht aus umgesetzten zweiten Chancen, aus neu genutzten Gelegenheiten, Bestehendes besser zu machen. Dahinter steckt kein Masterplan, sondern ein Tasten, Suchen und Interesse an dem, was Menschen treibt. Neue, einander abwechselnde Technologien sind nur immer neue Versuche, Rahmenbedingungen ein und desselben Experiments, das man Entwicklung nennt (und, eine Nummer größer, Evolution).

Jeder Versuch ist eine Chance, etwas besser zu machen. Jeff Bezos etwa hat seinen Entwicklern und Managern aufgetragen, nach Kontinuität zu suchen - und nicht nach Veränderung. Beim Online-Händler mit dem langen Atem weiß man, dass gut Ding Weile braucht, und deshalb lässt Bezos erforschen, wo die Konstanten liegen. Nicht die Frage "Was wird sich in den nächsten Jahren verändern" ist interessant, sondern was für Kunden und Partner gleich bleiben wird. Wer weiß, wo Menschen herkommen - wer sie versteht - der kann sie auch ein bisschen leichter mitnehmen.

Zukunft braucht Herkunft - das ist keine Phrase für wohlfeile Sonntagsreden, sondern ein Konzept, aus dem, was war, zu lernen für das, was ist und kommt. Für Branchen, Technologien, Verfahren und Menschen gilt immer das Gleiche: Wer weiterkommen will, muss wissen, wo er herkommt - was er ursprünglich wollte - und den Mut haben, es besser zu machen. Die nächste Chance ist das, was noch zu tun ist, die Sache, die zum 3. Februar führt und darüber hinaus.

In der Einleitung zu "Das Prinzip Hoffnung" hat Ernst Bloch geschrieben: "Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern."

Wenn wir das verstanden haben, hört die Krise auf. Der nächste Tag ist der beste unseres Lebens. -