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Markus Miessen im Interview

Mehr Bürgerbeteiligung - dieser Ruf erschallt in großer Regelmäßigkeit. Der gesunde Menschenverstand vieler soll die Welt verbessern. Einer, der dagegen hält, ist Markus Miessen, Aktivist, Professor für Architektur und Autor des Buches "Albtraum Partizipation".




brand eins: In Ihrer Schrift findet man die Forderung "Wir sollten mehr Autokratie wagen". Sind Sie ein Anti-Demokrat?

Markus Miessen: Der Satz ist überspitzt formuliert, das muss ich zugeben. Um es klar zu sagen: Ich bin kein Gegner, sondern ein Anhänger der Demokratie, genauer: der repräsentativen Demokratie. Was ich kritisiere, ist die seit einigen Jahren grassierende Pseudo-Partizipations-Mode in Kunst, Architektur und anderen Sphären der Gesellschaft. Und die Inhaltsleere des Begriffs, der - ähnlich wie Nachhaltigkeit - zu einer Phrase verkommen ist.

Partizipation bedeutet Beteiligung. Was ist schlecht daran, wenn die Leute über öffentliche Belange mitreden?

Gegen wirkliche Beteiligung ist nichts einzuwenden. Nur geht es darum bei runden Tischen, Mitgliederbefragungen et cetera meist nicht - geschweige denn darum, neue Ideen in die Welt zu setzen. Es geht vielmehr darum, Entscheidungen, die im Kern längst getroffen sind, zu legitimieren. Politiker sichern sich so gern ab, weil ihnen der Mut fehlt, Verantwortung, die sie haben, auch wahrzunehmen. Groß darin war die britische Labour-Partei unter Tony Blair. Der "Guardian" hat einmal vorgerechnet, dass es im historischen Vergleich noch nie so viele Zirkel gab, die Bürger offenstanden - die Beteiligung aber noch nie so gering war.

Vermutlich ahnen die Leute, dass ihre Meinung in solchen Runden nicht wirklich gefragt ist. Allerdings gibt es auch Menschen, die sich ungefragt zu Wort melden. Man denke nur an den Protest gegen das Tiefbahnprojekt Stuttgart 21, um auf Ihr Fachgebiet zu kommen.

Diesen Fall finde ich sehr interessant. Denn es gibt kaum einen anderen Staat mit so vielen Mitwirkungsmöglichkeiten bei großen öffentlichen Bauprojekten wie die Bundesrepublik. Die Vorhaben werden hier öffentlich diskutiert, die Pläne ausgelegt, man kann Widerspruch einlegen, eigene Ideen präsentieren, Aktionen starten, was auch immer. Doch zu größeren Protesten kam es bei der Planung von Stuttgart 21 nicht - obwohl sich der Prozess über mehr als ein Jahrzehnt hinzog. Erst als die Bagger anrückten, stellten sich ihnen allerhand sogenannte Wutbürger in den Weg. Das ist eine billige Form des Protestes. Beteiligung heißt für mich, selbst Verantwortung zu übernehmen, Mühe und Arbeit zu investieren.

Vermutlich sind Sie auch kein Fan der Piratenpartei, die für totale Transparenz und Basisdemokratie steht.

Die Entwicklung der Piraten zeigt zweierlei: Erstens ändern Beteiligungsmodelle - Stichwort: Liquid Democracy - nichts daran, dass es der Organisation an Inhalten fehlt, sieht man von der Forderung mal ab, im Internet müsse alles gratis sein. Zweitens führt auf Konsens angelegte Basisdemokratie häufig dazu, dass Leute weggebissen werden, die den Kopf herausstrecken. Das sieht man am Umgang der Piraten mit ihrem Führungspersonal.

Was sind die tieferen Ursachen für solche Phänomene?

Es gibt - besonders in Deutschland - eine romantische Vorstellung nach dem Motto: Wenn viele sich zusammentun und offen diskutieren, kommt etwas Gutes dabei heraus. Dass dies ein Fehlschluss ist, demonstrieren viele Internet-Gemeinschaften, die Wissen rasch kopieren und verbreiten, aber kaum neues schaffen. Außerdem sind die Menschen nicht von Natur aus Demokraten, sondern verfolgen eigene, teilweise zweifelhafte Absichten. Solche Widersprüche lassen sich nicht mit Konsenssoße zukleistern.

Was wäre die Alternative?

Mein Ideal ist das des uneingeladenen Außenseiters, der sich auf unbekanntes Terrain vorwagt. Interessant finde ich die Crossbencher im britischen Oberhaus. Leute, die im Wortsinne zwischen Regierung und Opposition sitzen und frei sind, ungewöhnliche Ideen zu äußern - auf die Parteigänger nicht kämen.

Das Oberhaus ist für Adelige reserviert. Sie sind aber kein Anhänger der Monarchie, oder?

Nein, ich finde lediglich die Rolle und das Potenzial des Crossbenchers faszinierend: ein freier Radikaler.

Also kein Moderator?

Im Gegenteil: Es geht nicht darum, die Wogen zu glätten, sondern produktive Unruhe zu schaffen.

Wenn man sich anschaut, was Sie tun, bekommt man den Eindruck, der freie Radikale sei Ihre persönliche Berufsbeschreibung.

Es könnte auch eine für andere Architekten sein. Der Berufsstand muss sich Gedanken um seine Zukunft machen, weil er vom Aussterben bedroht ist.

Wieso das?

Weil Architekten nicht gut darin sind, deutlich zu machen, welchen Wert ihre Dienstleistungen für die Gesellschaft haben können. Auch deshalb drohen sie bei großen Vorhaben von Projektentwicklern ersetzt zu werden, für die allein das ökonomische Kalkül zählt. Auf der anderen Seite gibt es nicht wenige Bauherren, die die Pläne für ihr Eigenheim selbst machen und nur noch einen technischen Zeichner brauchen.

Was ist mit Berühmtheiten wie Frank Gehry, Zaha Hadid, Daniel Libeskind? Die müssen sich keine Sorgen um ihr Geschäft machen.

Nein, allerdings geht es bei ihnen weniger um Architektur und mehr um Branding. Diese großen Namen, von denen es weltweit rund 20 gibt, dienen dazu, bestimmte Objekte und Orte aufzuwerten. Im Prinzip sind sie untereinander austauschbar. Für mich bedeutet Architektur etwas anderes, nämlich sich kritisch mit Räumen auseinanderzusetzen, sich kompetent einzumischen.

Geht es etwas konkreter?

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Ich bin Gastprofessor an der University of Southern California (USC) in Los Angeles. Das ist eine Hochschule mit sehr hohen Studiengebühren, die sich nur Wohlhabende und Stipendiaten leisten können. Der Campus grenzt an Süd-Los-Angeles, den ärmsten Teil der Stadt. Nach den Unruhen in dieser Gegend in den Neunzigerjahren hat sich die Universität wie eine Festung abgeschottet, inklusive eigener Polizei. Und nicht nur das: Die für die Hochschulfinanzen Zuständigen, die ohnehin in Immobilien investieren, um das Vermögen der USC zu vermehren, haben Grund und Boden in Süd-Los-Angeles gekauft, die Bewohner von dort vertrieben und so eine Art Sperrzone am Campus errichtet - was nicht dazu beigetragen hat, die Spannungen zwischen Arm und Reich zu verringern.

Kaum zu glauben.

Ich habe mich auch gewundert, dass eine Universität mit großer architektonischer Fakultät so agiert. Es ist aber so. Jedenfalls habe ich diese Praxis mit meinen Studenten untersucht, und wir haben einen konkreten Gegenvorschlag erarbeitet. Die Hochschule sollte sich der Stadt wieder öffnen, dort Filialen einrichten und zumindest einige Lehrveranstaltungen für jedermann freigeben.

Die Universitätsleitung war von dieser Idee sicher nicht begeistert.

Nein, es gab großen Ärger, zumal das Projekt - das einige öffentliche Resonanz hervorgerufen hat - auch nicht mit dem Management der USC abgesprochen war. Aber es hat dennoch manche Leute zum Nachdenken gebracht. Jüngst wurden zwei chinesische Studenten auf dem Campus erschossen. Abschottung ist also auch keine Sicherheitsgarantie.

Trotzdem hat Ihre Intervention zu nichts geführt.

Mal scheitert man, mal gelingt etwas - ich sehe das als Entwicklungsprozess. Ein erfolgreiches Projekt ist zum Beispiel die Winter School Middle East, die ich 2008 mithilfe einiger Sponsoren und Unterstützer in Dubai gegründet habe und die sich mittlerweile in Kuwait befindet. Eine gemeinnützige Institution zum offenen Austausch zwischen Kulturschaffenden aus der Region und aus dem Ausland über städtische Entwicklung, so etwas gab es zuvor in den Golfstaaten nicht. Für mich ist das ein Beleg dafür, dass kompetente Einmischung sich langfristig lohnt.-

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Markus Miessen, 34, geboren und aufgewachsen in Bonn, hat an der Kunsthochschule Glasgow und am Goldsmiths College in London Architektur studiert und 2002 das Studio Miessen gegründet. Zurzeit hat er eine Professur für Critical Spatial Practice an der Städelhochschule in Frankfurt am Main und lehrt an der University of Southern California in Los Angeles.