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AiCuris Helga Rübsamen-Schaeff

Bayer wollte seine Anti-Infektionsforschung loswerden. Eine Professorin und ihr Team machten daraus ein ehrgeiziges Biotech-Unternehmen.




- Kennen Sie den? "Was ist der Unterschied zwischen wahrer Liebe und Herpes? Herpes bleibt für immer."

Helga Rübsamen-Schaeff kennt den natürlich. Sie flicht den Witz auch nur darum in der ihr eigenen, sehr effektiven Art in die Unterhaltung ein, weil sie etwas kann, was andere nicht können: den Wahrheitsgehalt, der im Witz steckt, zu verändern.

Die 63-jährige Professorin für Biochemie, Virus-Expertin und Gründerin des Biotech-Unternehmens Aicuris, lässt in klinischen Tests gerade einen Wirkstoff prüfen, der der Haut- und Geschlechtskrankheit Herpes auf ganz andere Art beikommen will als die bisher üblichen Mittel: Er greift in den genetischen Bausatz des Virus ein.

Das wird zwar dadurch immer noch nicht aus dem Körper verschwinden. Aber es könnte sich derart einschüchtern lassen, dass es sich womöglich nicht mehr aus den Ganglien, seinem Rückzugsort in den Nervenbahnen, an die Hautoberfläche traut, wo es Entzündungen und Geschwüre verursacht. So weit die Hoffnung. Und die Wette auf das nächste große Geschäft.

Von den 14 Wirkstoffen, die Rübsamen-Schaeffs erst sechs Jahre alte Firma in der Pipeline hat, sind zwei, beinahe drei auf gutem Weg, neue und einträgliche Medikamente zu werden. Das ist eine ungewöhnlich hohe Erfolgsquote. Als Faustregel für ein überlebensfähiges Unternehmen der Branche gilt das Verhältnis von 1 zu 10 - ein Treffer auf zehn untersuchte Substanzen und Verfahren.

Der erste große Deal von Aicuris - ein Lizenzvertrag mit dem Pharma-Riesen MSD Sharp & Dohme aus den USA - ist seit Mitte Oktober perfekt. MSD wird die teure dritte und damit letzte Testphase für den bisher erfolgreich getesteten Virus-Killer Letermovir durchführen. Danach könnte er als Medikament zugelassen werden. Wenn MSD tatsächlich eines daraus macht, könnten, neben den 110 Millionen Euro, die sofort an die Wuppertaler gezahlt wurden, bis zu 332,5 Millionen Euro an Aicuris fließen.

Der Wirkstoff bekämpft das Humane Cytomegalievirus HCMV. Das fristet sein Dasein in jedem zweiten Menschen, meist ohne je groß in Erscheinung zu treten. Doch in zwei heiklen Konstellationen wütet es mit schlimmen und häufig fatalen Folgen: Wenn eine Schwangere ihr Ungeborenes damit infiziert, das dadurch unter anderem bleibende Hirnschäden erleiden kann. Oder wenn ein Mensch auf eine Organtransplantation angewiesen ist und dafür sein Immunsystem absichtlich geschwächt werden muss. Besonders gefährlich ist HCMV für Nieren- und Knochenmarktransplantierte.

Ihnen könnte jetzt geholfen werden. Aicuris auch. Denn der Markt für ein solches Präparat ist groß, und damit auch die Chancen auf hohe Umsätze der Lizenzpartner: Etwa 40000 Knochenmarktransplantationen werden allein in Europa jedes Jahr vorgenommen, mindestens noch mal so viele sind es in den USA, sagt Helga Rübsamen-Schaeff. "Und die Zahl der Transplantationen wächst jährlich um neun Prozent."

Aicuris, ein Kunstname aus den Wörtern anti-infective Cures: Kaum zu glauben, dass es die Firma nur deshalb gibt, weil der Bayer-Konzern all die vielversprechenden Substanzen nicht mehr haben wollte - und die Mitarbeiter, um sie zu erforschen, auch nicht. Es ist darum eine hübsche Pointe für Helga Rübsamen-Schaeff und ihre 60 Angestellten, dass ihr Mut, Bayer zu verlassen und auf eigene Faust weiterzuforschen, jetzt so belohnt wird.

Biotech-Forschern geht es wie Goldsuchern: Unzählige Wissenschaftler-Teams schöpfen im Fluss der biochemischen Möglichkeiten und suchen nach Substanzen und Risikokapital. Aber nur die wenigsten finden echte Nuggets. Anders als das Schicksal der echten Goldsucher hat das von Aicuris nicht nur mit Glück zu tun, sondern vor allem mit Hartnäckigkeit, Brillanz in der Sache - und auch mit Chuzpe.

Die Freiheit, sich nichts mehr beweisen zu müssen

Denn hätte Rübsamen-Schaeff nicht damals, im ersten großen Frust nach dem Bayer-Verdikt, einfach bei Thomas Strüngmann (vgl. brandeins 01/2011) angerufen, den sie schon lange kannte, und hätten dieser und sein Zwillingsbruder Andreas mit dem vielen Geld, über das sie nach dem Verkauf ihres Pharma-Unternehmens Hexal AG verfügen konnten, nicht ohnehin etwas ganz Neues anfangen wollen - wer weiß, was geworden wäre?

Man wird nie erfahren, ob sie sich beim Großkonzern Bayer in Leverkusen heute nicht doch ein bisschen ärgern, dass sie vor sieben Jahren unbedingt ihre Anti-Infektionsforschung in Wuppertal loswerden wollten. Zu vage waren die Aussichten, das viele Geld, das die Sparte kostete, je wieder hereinzubekommen. Zu verlockend schienen die Fortschritte bei den Krebstherapien oder den Herz-Kreislauf-Präparaten.

Und Bayer steckte noch der Lipobay-Schock von 2001 in den Gliedern: Weil der Cholesterinsenker im Verdacht stand, Menschenleben zu verkürzen statt zu verlängern, nahm die Aktiengesellschaft das Mittel vom Markt; trotzdem gab es Milliarden-Klagen in den USA. Die ohnehin grassierende Angst, neue Risiken einzugehen, wuchs. So stellte der Konzern seine Pharma-Forschung auf den Prüfstand - und das Reich von Rübsamen-Schaeff musste dran glauben. Sie war die Leiterin der Anti-Infektiva-Forschung der Bayer-Tochter Health Care und ihr Titel ein eindrucksvoller: Senior Vice President. Sie trug die Verantwortung für alle neuen Medikamente, die Bayer für den weltweiten Einsatz gegen Bakterien und Viren erforscht hatte. Als sie 2004 zur "Managerin des Jahres" gekürt wurde, wusste sie schon, dass sie auf einem absterbenden Ast saß. Weihnachten wurde es zu Gewissheit.

Sie hielt die Schließungspläne für einen Fehler und sagte das vor versammelter Mannschaft. Das hörte man natürlich nicht gern im Vorstand. Die Abnabelung hatte begonnen.

Heute weiß Rübsamen-Schaeff, dass ihre elf Jahre im Konzern sie für genau das gerüstet haben, was sie jetzt tut: Sie hat gelernt, aus Wirkstoffen Medikamente zu machen, von A wie Antrag bis Z wie Zulassung.

1994 hatte das Bayer-Management die Wissenschaftlerin hartnäckig umgarnen müssen, um sie aus Frankfurt wegzulocken von ihrem Direktorenposten am Chemotherapeutischen Forschungsinstitut, dem Georg-Speyer-Haus, und von ihrer Professur an der Goethe-Universität. Ihre in Frankfurt gewonnenen Erkenntnisse über die Varianten des HI-Virus hatten in den Achtzigerjahren nicht nur Aufsehen erregt, sondern zu neuen, effektiven Testverfahren geführt. Sie, die Grundlagenforscherin, war dafür frühzeitig Kooperationen mit "Big Pharma" eingegangen, wie die Branche ihre Riesen nennt. "Damals war das noch fast ein Sakrileg", erinnert sie sich. Die Anwürfe, sie gefährde die wissenschaftliche Unabhängigkeit, hielt sie aus. Sie ahnte: Bald werden das viele Kollegen tun. Und genauso kam es.

Rübsamen-Schaeff strahlt die Souveränität eines Menschen aus, der eine spektakuläre Karriere hingelegt hat, aber damit nicht angeben muss. In Münchberg, Oberfranken ging es los: Abitur, Hospitanzen im Krankenhaus. Dann Münster: Chemie-Promotion; die USA, Cornell, Harvard: Forschungsstipendien, Professurangebote; Gießen: Post-Doc in Virologie; Frankfurt: Habilitation, Professorin, Ehe, Direktorin, Sohn, Scheidung; Wuppertal: Bayer AG, alleinerziehend, Topmanagerin; Aicuris: Vorstandsvorsitzende, neue Ehe - und Verantwortung über rund 30 Millionen Euro, jedes Jahr. Sie ist ein Role-Model. Dazu zählt auch ihre späte Schwangerschaft: 1987 bekam sie mit 39 ein Kind.

Wenn man sich die Stationen anschaut, verwundert es nicht, dass ihr der Ausdruck "zweite Chance", die sich ihr nach Bayer geboten haben soll, nicht in den Kram passt. Das klinge ja, sagt sie, als hätte sie jemand gerettet, als wäre es anders nicht weitergegangen. "Aber so war es nicht. Eigentlich zeigt unser Beispiel doch vor allem: Es ist heute normal oder sogar notwendig, in einem Leben mehrere Karrieren zu durchlaufen, und man muss offen sein für Chancen, die sich bieten."

In ihre dritte Karriere aber haben sie die Umstände geschubst. Die Bayer-Entscheidung. Die Wut darüber. Die Energie daraus. Vielleicht hätte man 2005 einen anderen Job für die Professorin gefunden im großen Geflecht des Chemiekonzerns, irgendwie und irgendwo. Aber das wollte sie nicht. Darum rief sie Strüngmann an, informell, diskret. Und war damit mal wieder ihrer Zeit voraus: Sie veranlasste die erste große Investition der Strüngmanns in ein Biotech-Unternehmen.

Die Brüder kannten die Professorin von Konferenzen und Vorträgen. Man schätzte sich. Jetzt waren sie alle Mitte 50 und standen - trotz unterschiedlicher Lebenslagen - vor derselben Frage: wie weiter? Die Strüngmanns, der eine Arzt, der andere Kaufmann, hatten im Februar 2005 ihr Unternehmen Hexal, das vor allem Generika herstellte, also Medikamente, deren Patentschutz abgelaufen ist, an den Schweizer Pharma-Konzern Novartis verkauft. Sie überlegten, wohin mit den 5,65 Milliarden Euro. Rübsamen-Schaeff dagegen fürchtete, sie könnte um die kostbaren Früchte ihrer bis dahin tadellosen Forscherkarriere gebracht werden. So musste bloß noch eines zum anderen kommen, die Früchte zum Geld. Um die Anti-Infektionsforschung gewinnbringend aus Bayer herauszulösen, hatte man Männer mit Geld nach Wuppertal eingeladen; Investoren aus den USA, aus Japan, Arabien. Rübsamen-Schaeff ließ jedes Mal ihre besten Leute in Powerpoint-Präsentationen die Forschungsergebnisse preisen. "Wir haben Visionen an die Wand geworfen", erinnert sich Holger Zimmermann, heute Forschungsleiter bei Aicuris.

Es ist leicht, für vielversprechende Wirkstoffe Millionengewinne hochzurechnen. Aber es ist schwer zu prophezeien, wie wahrscheinlich dieser Erfolg ist. "Die liegen bei einem sehr jungen Projekt im Anfangsstadium vielleicht bei nur wenigen Prozenten", sagt Zimmermann. Alles ist möglich und nichts. Riesige Investitionen, die im Idealfall riesige Gewinne einfahren oder totale Verluste. Zu viel kann auf dem Weg vom Wirkstoff zum Medikament schiefgehen.

Thomas Strüngmann, heute 62, sagt: "Wir hatten großes Vertrauen in die Arbeit von Professorin Rübsamen-Schaeff. Aber wir hatten, unter uns, damals nicht wirklich Ahnung davon." Nur eben ein gutes Gefühl, etwas Richtiges zu machen. Für den Sprung ins kalte Wasser war ihnen das Gefühl genug.

Das Glück, sich für das Richtige entschieden zu haben

Gleich im Frühjahr nach ihrem Hexal-Verkauf traten die Strüngmanns an Bayer heran. Das Investmenthaus Goldman Sachs wurde an Bord geholt, um den unabhängigen Blick auf die Finanzen und den Deal zu wahren. Dass die Brüder Neulinge in ihrer Rolle waren, ließ sich nicht verbergen. "Wir wollten immerzu Sachen in die Verträge schreiben lassen, die ohnehin Standard sind", erinnert sich Thomas Strüngmann und lacht. Im Herbst 2005 wurde unterschrieben, "nach fairen Verhandlungen".

55 Millionen Euro stellten sie für den Anfang für Aicuris bereit. Was viel klingt, reicht in der Branche gerade für zwei Jahre, vorklinische und klinische Tests verschlingen wahnsinnig viel Geld. Das Management aber musste erst lernen, dass weniger jetzt mehr ist. Bayer hatte Rübsamen-Schaeff zwar die meisten, aber eben doch nicht alle wichtigen Substanzen überlassen, wie zunächst in Aussicht gestellt. Außerdem trauten sich zwei ihrer wichtigsten Mitarbeiterinnen nicht mit in die neue Freiheit, sie gingen zu einer anderen großen Firma. "Da war ich zunächst enttäuscht", sagt Rübsamen-Schaeff, um gleich wieder ihre amerikanisierte gute Laune herbeizuzaubern: "Aber dafür hat ein toller junger Mann, der auf den Posten seiner Chefin nachrückte, seine Chance ergriffen." Holger Zimmermann, er war erst fünf Jahre bei Bayer. "Ich wollte nicht da bleiben für irgendeinen Job, ich wollte ja forschen, etwas in der Virusforschung bewegen", sagt er.

Das wollten alle, die mitkamen. Schneller Entscheidungen treffen, mehr Durchlässigkeit und Mitsprache in den Teams, kürzere Reaktionszeiten. So kam es auch. Nur wollten sie deshalb nicht auf lieb gewonnene Pfründe verzichten: Was ist denn mit den Rentenbausteinen? Und dem 14. Monatsgehalt? So und ähnlich lauteten die Fragen, Vorwürfe, Forderungen am Anfang, erinnert sich Thomas Strüngmann. "Aber die Wurst von beiden Enden essen, das geht nicht. Das habe ich auch so gesagt." Das Murren hörte schnell auf. Man begriff, was für eine Riesenchance man da bekommen hatte: eine Handvoll guter Substanzen und einen Investor, der alles nötige Geld gab, aber nicht ständig reinredete oder auf sein "Return on Investment" pochte.

Und es gab Wichtigeres zu tun. Die neue Firma brauchte eine Bleibe. "Der Impuls war schon erst mal: weg aus Wuppertal", gibt die Professorin zu. Immobilien in Köln, Düsseldorf, Bochum waren im Gespräch, aber auch teuer. Oder ungeeignet. Die Stadt Wuppertal bot ein Bürogebäude auf der grünen Wiese an. Das Haus hatte aber keinen Schutzzaun und nichts vorzuweisen, was Labore einzubauen leicht gemacht hätte. Schließlich blieben sie aber doch in der kleinen Stadt, nur woanders, direkt an der berühmten Hochbahn und vor allem - gleich neben Bayer. "Ja, das ist komisch, nicht wahr?", sagt die Professorin und lächelt. Es waren praktische und finanzielle Erwägungen: Vorhandene Zäune und ein gemeinsamer Werkschutz helfen die Hochsicherheitslabore von Aicuris abzuschirmen. Mitarbeiter konnten in der Stadt wohnen bleiben und hatten weiter kurze Wege zum Job. Inzwischen ist Aicuris sogar zum Auftraggeber des Konzerns geworden. Bayer erledigt Aufträge für Aicuris.

Mittlerweile haben die Strüngmanns 175 Millionen Euro in die Firma gesteckt. Aicuris war ihr Pilot. Längst sind sie in Serie gegangen. Zehn weitere Biotech-Unternehmen, in denen sie sich über ihre Beteiligungsgesellschaften engagieren, sind schon hinzu gekommen. Fast der ganze Erlös aus dem Hexal-Verkauf soll inzwischen darin stecken. "Es geht nicht darum, irgendetwas mit Pharma zu machen", sagt Thomas Strüngmann. "Ich möchte noch einmal dabei sein, wenn etwas wirklich Neues entsteht."

Aicuris muss das nicht vollbringen, kann es nicht. Viren und Bakterien mit Resistenzen werden immer wieder entstehen und Forscher immer wieder versuchen, Mittel dagegen zu finden. Die Firma hat den Investoren aber gezeigt, dass sich Vertrauen in langwierige Forschung auszahlt.

Auch in barer Münze. Dass der Bedarf für einen neuen Herpes-Killer groß ist, kann sich jeder denken, dem mal die eigenen Lippen vorkamen wie ein gebratener Blumenkohl. Vier von fünf Menschen tragen das Virus in sich. Doch seit vielen Jahren hat niemand einen neuen Wirkstoff auf den Markt gebracht.

Ein chronisch an Genital-Herpes erkrankter Patient aus den USA, der an einer der Testphasen für Aicuris teilgenommen hatte, hat bereits eine Dankesbotschaft nach Deutschland gesandt. Seit Jahrzehnten sei er das erste Mal beschwerdefrei. -