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Außerhalb der Meere

Chinesen lieben ihr Land - solange es ihnen Chancen bietet. Werden die Erwartungen enttäuscht, suchen viele ihr Glück im Ausland.




- Vor einigen Jahren bat mich ein chinesischer Bekannter, ihm bei seinem Bewerbungsschreiben an eine Universität in den USA zu helfen. Ich war auf gestelzte Selbstvermarktung gefasst, nicht auf Mord und Totschlag. "Sehr geehrte Damen und Herren, eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist das Blut meines Onkels auf dem Boden unserer Wohnung", begann sein Brief. Der Onkel habe sich die Pulsadern aufgeschnitten, weil an der Tür bereits Maos Rote Garden gerüttelt hätten, um den Mann hinzurichten. Es war die Zeit der "Großen Proletarischen Kulturrevolution", und die Familie meines Bekannten stand, weil es sich um Intellektuelle handelte, im sozialistischen Klassenraster auf der untersten Stufe. "Natürlich verstand ich damals noch nichts von Politik, aber ich hatte meinen Onkel oft sagen hören, dass ein Land, in dem man nicht sagen darf, was man denkt, keine Hoffnung habe", hieß es weiter in dem Brief. "Leider darf man das in China bis heute nicht, aber seit dem Tag, an dem ich das Blut meines Onkels sah, kämpfe ich dafür, dass mein Land wieder Hoffnung bekommt."

Ich muss ein entsetztes Gesicht gemacht haben, denn mein Bekannter brach in schallendes Gelächter aus. "Keine Sorge", beruhigte er mich, "ist alles nur ausgedacht." In Internetforen hatte er gelesen, dass Bewerber um Studienplätze in den USA dort bessere Chancen haben, wenn sie in ihrem Motivationsschreiben den amerikanischen Traum beschwören. Wer würde ein traumatisiertes Opfer der Diktatur abweisen, das auch noch darauf brennt, den großen Rivalen China amerikanischer zu machen? Mein Bekannter zeigte mir noch eine weitere Passage, in der er sich rühmte, bei einer Militärübung für Studenten die Einnahme einer Insel befehligt zu haben. "Leadership - Amerikaner lieben geborene Anführer."

Ich bin kein Freund von Lügengeschichten. Aber dass sich ein Chinese im Alter von Ende zwanzig überlegte, wie er amerikanische Professoren bei ihren patriotischen Reflexen packen könnte, imponierte mir. Hatte er nicht schon deshalb den Erfolg verdient, weil er strategischer, kühner und kreativer war als andere?

Chinas hohe Bevölkerungsdichte verlangt den Menschen seit je besondere Durchsetzungsfähigkeit ab. Sie behaupten gern, es liege in ihrem Nationalcharakter, "Bitternis zu essen" und immer wieder von vorn zu beginnen. Doch allen Klischees vom selbstzufriedenen Reich der Mitte zum Trotz sind die Chinesen das größte Auswanderervolk der Welt. So sehr sie ihr Land lieben - wenn ihre Liebe nicht erwidert wird, wichtige Ziele unerreichbar scheinen, suchen sie ihr Glück anderswo, "außerhalb der Meere", wie es auf Chinesisch heißt.

Leute wie mein Bekannter, die das Land für einige Jahre zum Studium verlassen, sind privilegiert, denn wer an einer Universität zugelassen wird, ist dort in aller Regel auch willkommen. Die meisten anderen Chinesen erwartet im Ausland dagegen ein kühler Empfang. "Auswandern heißt, sich anzupassen und zu erkennen, welche Rolle einem in der neuen Heimat zugestanden wird", sagt Wang Gungwu, Migrationsexperte an der National University of Singapore und selbst Nachfahre einer Auswandererfamilie. Millionen Chinesen haben diese Erfahrung gemacht. Chinatowns in aller Welt sind Zeugnisse ihres Erfolgs, aber auch der Grenzen der Integration. "Chinesen wissen, dass sie anders sind", sagt Wang, "und sie wissen auch, dass nur wenige von ihnen voll akzeptiert werden."

Heute sind es nicht mehr nur Arbeiter oder Händler, die fernab ihrer Heimat ein neues Leben suchen, sondern auch die Reichen und Intellektuellen. Chinas neuer Geldadel baut sich gern eine Existenz im Ausland auf, wo das Leben angenehm ist und niemand nachfragt, woher der Wohlstand kommt.

Einer Studie der chinesischen Zentralbank zufolge sollen allein korrupte Beamte bereits mehr als 120 Milliarden US-Dollar außer Landes geschafft haben, zusammen mit ihren Familien. Das Phänomen ist so verbreitet, dass sich dafür ein eigener Begriff etabliert hat: "Luo guan" - wörtlich: nackte Kader - das sind Staatsdiener, die ihre Ehepartner und Kinder ins Ausland geschickt haben und allein in der Volksrepublik bleiben, um noch möglichst lange Geld zu machen und sich dann im richtigen Moment abzusetzen.

Intellektuelle verlassen ihr Land dagegen häufig, weil sie sich in ihrer Heimat nicht frei entfalten können und mit Verfolgung rechnen müssen. Viele Bürgerrechtler, Künstler, Filmemacher und Autoren finden nur im Ausland Anerkennung - auch wenn die Rolle, die ihnen dort zugedacht wird, nicht immer die ist, die sie sich vorstellen. Denn das westliche Interesse an Chinas Querdenkern geht häufig mit der Haltung einher, der Volksrepublik kulturell weit überlegen zu sein.

Mein Bekannter hatte das durchschaut, und sein Scharfsinn wurde belohnt: Er bekam ein Stipendium der Princeton University, machte dort seinen Master of Business Administration und arbeitet heute im Silicon Valley.

Zumindest behauptet er das. -