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Aus Alt mach Neu

Aktuelle Hits klingen oft alt vertraut. Das hat nicht nur musikalisch gute Gründe.




"Yesterday, all my troubles seemed so far away
Now it looks as though they're here to stay
Oh, I believe in yesterday."
John Lennon / Paul McCartney

- Die Autoren und die Leser des Rockmagazins "Rolling Stone" können sich nicht einigen. Die Autoren wählen die neue Platte von Bob Dylan auf den ersten Platz ihrer monatlichen internen Hitparade, die Leser votieren für das neue Werk von Neil Young. Ein paar Seiten weiter vorn im Heft geht es um eine neue Eric-Clapton-Biografie, eine Konzert-DVD von Paul Mc-Cartney, Leonard Cohens Konzert in der Berliner Waldbühne, die totenkopfringgeschmückten Hände von Keith Richards, die neue CD von Van Morrison und die Hardrocker der Band Kiss. Im großen Interview über acht Magazinseiten gewährt Bob Dylan seinen Verehrern aus der Redaktion eine Audienz, nachdem er im Vormonat schon das Cover der Zeitschrift geschmückt hatte.

Wir schreiben nicht das Jahr 1972, wie man denken könnte, sondern 2012, und Rock ist unübersehbar in die Jahre gekommen. Natürlich kommen auch jüngere Künstler in der Oktober-Ausgabe des "Rolling Stone" zu Wort. Zum Beispiel Jack White ("White Stripes"). Er darf erzählen, dass die erste Platte, die er sich mit 14 gekauft hat, das "White Album" der Beatles war. Oder US-Sängerin Aimee Mann, die berichtet, für ihre neue CD habe sie sich am "Super Pop der Achtziger und Siebziger" orientiert. Früher wollten die jungen Rock-Radikalen ihre Großväter am liebsten erschießen. Wie der Punk John Lydon, der, bevor er bei den Sex Pistols den Job als Sänger bekam, mit einem Pink-Floyd-T-Shirt durch London marschierte. Über den T-Shirt-Schriftzug der Hippie-Dinosaurier hatte er in fetten Buchstaben "I HATE" geschrieben. Heute beweisen die jungen Wilden Geschmackssicherheit, wenn sie das Repertoire der Beatles kennen. Die Altvorderen werden verehrt wie in der Literatur Goethe oder Shakespeare: Kanon statt Vatermord.

Die Heroen aus den Sechzigerjahren sind heute Profiteure einer Vergangenheit, in der Rockstar-Markenbildung wesentlich unkomplizierter funktionierte, allein weil die Konkurrenz kleiner und die Branche jung war. Auch die Genres, Zielgruppen und Medienkanäle waren nicht so ausdifferenziert wie heute. Daher schaffen es die Veteranen viel eher als neue Bands, alters- und milieuübergreifend Publikum anzuziehen. Das gilt auch für die, neben dem Berliner Sonderfall Rammstein, kommerziell erfolgreichsten deutschen Rockbands Die Ärzte und Die Toten Hosen - deutsche Stadionrock-Wertarbeit mit hohem Mitgrölfaktor seit drei Jahrzehnten. Schwer vorstellbar, dass neue Gruppen ähnlich breite und anhaltende Bindekräfte entwickeln können.

All die älteren Herren von Dylan bis Paul McCartney, die der "Rolling Stone" heute feiert, sind gut im Geschäft und von der Musikkritik wohlgelitten. Nicht obwohl, sondern weil sie inzwischen zur Generation 60 plus zählen, alte Bekannte seit Jugendtagen für jeden, der mit der Popkultur aufgewachsen ist. Sich am Glanz der Helden von einst zu wärmen hat etwas Beruhigendes, wenn sich sonst schon alles rasant schnell ändert. Noch mal "The Times They Are a-Changin'" aufzulegen oder zu "Revolution" von den Beatles mit den Fußspitzen zu wippen ist schönste, kulturkonservative Nostalgie.

Ökonomisch bedeutet das, dass das eigene Musikarchiv, der sogenannte Backkatalog, ein Goldschatz ist, der immer wieder neu gehoben werden kann. Zum Beispiel, wenn alle Jahre wieder zum Weihnachtsgeschäft die Klassiker als "Re-Issues" vermarktet werden - sei es das digital remasterte Gesamtwerk der Beatles, die Nr.-1-Hits von Elvis, Ausgrabungen aus dem Nachlass von Jimi Hendrix oder bisher nur als illegale Kopien gehandelte Probenraumaufnahmen aus Bob Dylans Keller ("The Bootleg Series Volumes 1-3, Rare & Unreleased, 1961-1991"). Derzeit wird wieder mal das Gesamtwerk der Beach Boys neu auf den Markt geworfen.

Besonders apart ist ein neues "Super Deluxe Box Set" der Sex-Pistols-Platte "Nevermind the Bollocks". Jetzt gibt es sie bei Universal digital remastered, mit Demo-Aufnahmen, DVD, Tagebuch, Aufklebern und Poster für 95 Euro - Punkrock als Sammlerstück, der Tonträger als Fetisch und produktgewordene Erinnerung an die eigene Jugend. Logisch, dass das weggeht wie frisches Marihuana: Die Babyboomer kaufen die Platten, für die damals das Taschengeld nicht gereicht hat. Auch darum ist für die Musikindustrie der Backkatalog wichtiger denn je. Ältere Herrschaften, die zu diesem Soundtrack ihre Jugendtage verbracht haben, sind treuere CD- und Vinylkäufer als die 20-Jährigen, die sich die Songs für ihren iPod aus dem Netz saugen.

Dazu kommt: Rock ist historisch geworden, ein durchbuchstabiertes Genre, in dem man das Rad und das E-Gitarren-Effektfußpedal nicht noch mal erfinden kann. Der britische Musikkritiker Simon Reynolds spricht in seinem viel diskutierten Buch "Retromania" von den Nuller-Jahren als dem Retro-Jahrzehnt der Pop-Musik. "Was sind schon moderne Sounds?", fragte neulich John Cale und gab sich selbst die Antwort: "Doch auch nur die üblichen, die man verzerrt und manipuliert und mit denen man allerlei Unfug anstellt." Er muss es wissen - als Bratschist, Pianist und Klangforscher bei Velvet Underground, einer der einflussreichsten Bands der Rock-Geschichte, hat er seit den Sechzigerjahren jede Menge neue Klänge erfunden.

Aber genau wie im spätromantischen Liedgesang, in der Barock-Oper, im Jazz, im Pop oder im Punk sind auch im Rock irgendwann die Möglichkeiten des Genres ausgeschöpft. Was folgt sind Crossover-Mutationen wie die lustigen Spinner von Beatallica, die Beatles-Songs im Heavy-Metal-Stil nachspielen. Auch der Jazz rettete sich nach seiner Hochzeit in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in den Crossover (Jazzrock) oder die Esoterik (Freejazz, Jazz aus Skandinavien). Jazz ist, mit den berühmten Worten des Underground-Musikers Frank Zappa, "nicht tot, er riecht nur etwas streng".

Das ist der Zeitpunkt, in dem Retro-Virtuosen für die leicht nostalgische Wiederbelebung des Genres sorgen - klingt wie früher, nur besser und dezent modern. Beispiel Jazz: Nur Nerds wie der Autor dieser Zeilen geben ihr Geld für verrauschte Charlie-Parker-Aufnahmen aus. Eingängiger klingen Retro-Künstler wie der deutsche Trompeter Till Brönner oder die New Yorker Brüder Marsalis. Und weil das keine Produktpiraten und Imitatoren, sondern ernsthafte Künstler sind, kopieren sie nicht einfach den Bebop-Sound der Sechziger, sondern bedienen sich im historischen Stil-Fundus, um ihm ihre persönliche Note zu geben. In der Regel ist das handwerklich und aufnahmetechnisch auf höherem Niveau als bei den historischen Vorbildern.

Zitate aus der Vergangenheit

Was für den kleinen Jazzmarkt gilt, gilt längst auch für Rock und Pop: Wenn das Genre ausdefiniert ist, wird das Spiel mit den Stilformen der Vergangenheit, der dezente oder offensive historische Verweis, das verfremdete Zitat, die Adaption interessant. Nur die Möglichkeit, noch einmal bei null anzufangen und das Genre zu definieren, ist vorbei.

Clevere Musiker wissen das und spielen souverän damit. Also bekannte sich die Britpop-Band Oasis freimütig zu ihrer Beatles-Verehrung. US-Gitarrist Lenny Krawitz gab in den Neunzigern den Retro-Rocker, der stolz auf seine Jimi-Hendrix-Platten war. Der Hamburger Soul-Sänger Jan Delay zitiert geschmackssicher die Bläsersätze von James Browns Begleitband. Die US-Hip-Hop-Band Fugees machte in den Neunzigern ihren Sound durch Motown-Anleihen geschmeidiger und marktgängiger - und schaffte das Kunststück, den fast vergessenen Soul-Klassiker "Killing me softly" von Roberta Flack dank Hip-Hop-Modernisierung noch einmal zum Hit zu machen. Vor einigen Jahren bediente sich die britische Band Franz Ferdinand äußerst erfolgreich beim Achtzigerjahre New Wave, genau wie heute "The XX". Und die Berliner Band Seeed beweist, wie lässig und verkaufs- wie imagefördernd sich Dancehall- und Reggae-Sounds mit schnoddriger Berliner Großstadtschnauze kombinieren lassen.

Auftritt Sebastian Zabel, Chefredakteur des deutschen "Rolling Stone". Der Mann, der gern mal Bob Dylan, Leonard Cohen und andere alte Männer auf das Cover hebt, sieht die Sache differenziert. Einerseits gebe es "eine Sehnsucht nach dem Handgemachten. Retro ist ein dominierender Trend - zumindest im CD-Markt." Elektronische Musik, die sich über Clubs, im Internet und auf Vinyl verbreitet, sei davon abgekoppelt. "Gleichzeitig entsteht dauernd neue Musik, bei der man denkt: Wow, so was habe ich noch nie gehört. Wir hatten die neue englische Band ,The XX' auf dem Cover - das Heft hat sich nicht schlechter verkauft als die Ausgabe mit Mick Jagger auf dem Cover. Phänomene wie ,Skrillex' oder ,Deadmau5' verkaufen irre gut, haben ein Millionenpublikum und fußen pophistorisch höchstens auf Techno. Und dass sich Künstler, wie jetzt in der Retro-Welle, bei anderen, älteren Künstlern bedienen, ist nicht neu. Das war schon bei Elvis Presley so. Voraussetzungslose Kunst kann ich mir sowieso nicht vorstellen."

Stimmt. Nur mit dem Unterschied, dass sich Elvis am Südstaaten-Blues und frühen Rock 'n' Roll orientierte und diese Tradition fortsetzte - ein kleiner Schritt. Heute ist dank Globalisierung und Internet praktisch die gesamte Musik der Menschheitsgeschichte verfügbar und steht zum Zitieren, Vermischen, Collagieren bereit. Warum nicht arabische Musik mit frühem New Yorker Rap oder finnischen Tango mit Berliner Electro Clash kreuzen? Dass auf diese Weise eigenwillige, unverwechselbare Musik entstehen kann, führt etwa die aus Sri Lanka stammende britische Musikerin M.I.A. vor, wenn sie Electro, Hip-Hop, Dancehall und Musik aus ihrer alten Heimat kurzschließt.

Retro funktioniert nicht nur in Nischen, sondern auch und gerade im großen Pop-Geschäft. Amy Winehouse führte vor, wie Sechzigerjahre-Soul ohne Nostalgiepatina plötzlich wieder wie ganz von heute klingen kann. Leider übernahm sie auch den drogen- und alkoholgetränkten Lebensstil vieler ihrer Vorbilder.

Es geht auch weniger düster. Die britische Neo-Folk-Band Mumford & Sons bedient gezielt ländliche Nostalgiebedürfnisse: Landlust zum Hören. Das reichte in den USA und Großbritannien im September für Patz 1, in Deutschland für Platz 2 der Longplay-Charts. Die britische Sängerin Adele benutzt mit ihrem geschmeidigen Popsoul souverän alte Stilmittel, was dank ihrer Ausstrahlung kein bisschen verstaubt wirkt. 2011 war sie mit weltweit mehr als 18 Millionen verkauften Tonträgern die erfolgreichste Pop-Künstlerin des Jahres. Ihre CD "21" ist das meistverkaufte Album des vergangenen Jahrzehnts.

Adele ist das Gegenmodell zu Stars der Sorte Lady Gaga. Die Älteren im Publikum erkennen die Harmonien ihrer Jugend wieder. Und den Jüngeren gefällt ihr aus der Zeit gefallener Stil mit der hochgesteckten Frisur und den eleganten Kostümen. Dank ihres Retro-Appeals gelingt ihr etwas, was man neuer Pop-Musik kaum noch zugetraut hat: alters- und milieuübergreifend Fans zu betören. -