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Worauf es ankommt

Spezialisten laufen Gefahr, sich in ihrem Fachgebiet zu verlieren. Was man dagegen tun kann? Vier Porträts, vier Lösungen.




• Geschichten über Spezialisten handeln meist vom Streben nach Perfektion. Es geht um Menschen, die neben ihrem Fachwissen vor allem eines auszeichnet: Kontinuität. Diejenigen, die hier vorgestellt werden, sind anders. Der Erste, Ulrich Ranke, baut zwar schon sein Leben lang Lautsprecher. Ab einem gewissen Punkt aber wandte er sich von seinem Ziel, der möglichst perfekten Wiedergabe von Klängen, ab. Der Zweite, Singh Chhatwal, ist einer der besten Streptokokkenforscher der Welt. Als er erkannte, wie illusorisch die schnelle Entwicklung eines Impfstoffs ist, änderte er seine Strategie im Kampf gegen eine mörderische Krankheit. Die Dritte, Jutta Ambrositsch, wechselte von der Werbung in die Weinproduktion – unbeeindruckt von der landläufigen Meinung, dass nur guten Wein machen kann, wer schon als Winzer geboren wurde. Der Vierte, Hannes Streng, ist weder Pädagoge noch Beamter in einem Kultusministerium und hat doch eine klare Vorstellung vom Wesen einer guten Schule.

Ranke, Chhatwal, Ambrositsch und Streng – vier Menschen, die Grenzen überschritten haben. Keine typischen Spezialisten. Aber wahre Experten.

Der Lautsprecherkonstrukteur

Als Ulrich Ranke seine Frau kennenlernte und kurz darauf mit ihr zusammenzog, war das mehr als nur eine Zäsur in seinem Privatleben. Auf lange Sicht veränderte er sich dadurch auch als Unternehmer. Er unterteilt seine Karriere heute in zwei Phasen, eine männliche und eine weibliche. Ohne seine Frau, denkt Ranke, wäre er womöglich in der männlichen Phase stecken geblieben und hätte sich immer weiter in die fachidiotische Isolation katapultiert.

Der 64-Jährige sitzt an seinem Schreibtisch in einem öden Bremer Industriegebiet und erzählt fröhlich seine Lebensgeschichte. Wie er schon als Kind in den Fünfzigerjahren das Röhrenradio seiner Eltern zerlegte und aus den Einzelteilen einen Fernsehtonempfänger baute. Dass er sich als Jugendlicher in seinem Zimmer ein Tonstudio einrichtete. Und mit welchen Menschen aus aller Welt er kooperierte, um Geschäfte zu machen.

Ranke ist Lautsprecherbauer, ein Tüftler, der sich seit rund 40 Jahren in einem schwierigen Geschäft über Wasser hält. Kaum irgendwo ist der Verdrängungswettbewerb so hart wie in der Unterhaltungselektronik. Asiatische Billiganbieter beherrschen den Markt, den einst deutsche Traditionsfirmen wie Grundig, Telefunken oder Nordmende dominierten. Ranke aber behauptet sich in seiner Nische.

Seine aktuelle Firma heißt Ceratec und beschäftigt zwölf Mitarbeiter, darunter zwei von Rankes drei Söhnen und seine Frau Ulrike. Die sitzt ihm gegenüber im selben Büro. Wenn Ranke erzählt, blinzelt er immer wieder zu ihr hinüber. Es scheint, als wolle er sich bei ihr vergewissern, dass er nicht wieder in die Fachsimpelei abdriftet. So wie früher, als er noch allein war.

Irgendwann Anfang der Achtzigerjahre saß Ranke dösend in einem Flugzeug, als ihm eine abgewetzte Stelle auf dem Fußboden auffiel. Die wabenartige Struktur des Materials, die das Loch im Belag sichtbar werden ließ, weckte sein Interesse. Könnte es sein, dass sich dieser merkwürdige Werkstoff aus dem Flugzeugbau auch für seine Membranen eignete?

Die Membran ist das Herz eines jeden Lautsprechers. Schwingend wandelt sie elektrische Energie in Schallwellen um. Um den Klang absolut unverfälscht wiederzugeben, müsste sie aus einem Material sein, das weder verformbar ist, noch Eigenresonanzen hat. Doch das gab es nicht. Auch der Werkstoff, den er im Flugzeug entdeckte, würde das Problem nicht gänzlich lösen, das wusste Ranke. Aber vielleicht käme man damit weiter als mit Papier oder Aluminium. Der Gedanke ließ Ranke keine Ruhe. Viele Monate experimentierte er mit Kunststofffasern und Harzen, konstruierte sogar sein eigenes Werkzeug, um eine Membran aus dem Verbundwerkstoff herzustellen, den er im Flugzeug gesehen hatte. Der Aufwand lohnte sich: Seine Membran sorgte in Fachkreisen weltweit für Furore, weil sie so leicht und trotzdem extrem steif war. Schnell wurde sie zum Markenzeichen der Firma Eton, die er 1983 gründete.

Die Membran war der Höhepunkt von Rankes männlicher Schaffensphase. So nennt er die Zeit, als er seine Faszination für Audiotechnik voll auslebte. Er war getrieben von dem Ziel, der perfekten Wiedergabe von Klängen so nahe wie möglich zu kommen. Dass das Gros der Kundschaft andere Bedürfnisse hatte, dafür fehlte ihm das Gespür. Der erhoffte Erfolg blieb denn auch aus. Jedenfalls erwirtschaftete Ranke nicht genug, um die nötigen Investitionen für weitere Innovationen stemmen zu können. 1991 verkaufte er die Firma samt Patent an einen Konkurrenten.

"Kommen Sie mit. Das müssen Sie sehen." Ranke springt plötzlich von seinem Bürostuhl auf, eilt in das Nachbarzimmer. Vor einer unauffälligen Wand bleibt er stehen, sagt: "Gleich geht's los." Plötzlich ertönt Musik aus der Wand. "Unsere neueste Entwicklung: Flächenlautsprecher, die überputzt, überstrichen oder tapeziert werden können und trotzdem hervorragend klingen. Man kann sie in eine Wand einbauen oder auch in einem Bilderrahmen verschwinden lassen." Dieses Produkt ist der vorläufige Höhepunkt in Rankes weiblicher Phase, denn so sagt er: "Musik in allen Räumen, ganz ohne Lautsprecherboxen. Das ist doch der Traum aller Frauen." Er lacht kurz auf und zieht dabei die Schultern hoch, als wolle er sagen: Ich verstehe ja auch nicht, was an normalen Boxen so hässlich sein soll. Aber so sind die Frauen nun mal.

Als seine Frau bei ihm einzog, habe sie ihm nahegelegt, den ganzen Hightech-Krempel samt Kabelwust aus der Wohnung zu verbannen. Bei der Ceratec-Gründung vor 13 Jahren erinnerte er sich daran. Und setzt seitdem auf das Primat der Ästhetik. Alle Lautsprecher, die er baut, sollen entweder so gut aussehen, dass man sie gern ins Wohnzimmer stellt, oder unsichtbar sein.

Für Ranke ist das eine völlig neue Herangehensweise. Er zielt zwar immer noch auf ein Publikum mit überdurchschnittlich hohen Ansprüchen an den Hörgenuss. Aber er strebt nicht mehr nach der klangtechnischen Perfektion, mit der von wenigen Freaks abgesehen niemand etwas anfangen kann. Zuerst baute er Lautsprecher, die sich in Form und Farbe deutlich von den klassischen Boxen unterschieden. "Sie sollten wie Skulpturen daherkommen." Im nächsten Schritt führte er die drahtlose Musikübertragung ein. Zudem entwickelte er fast fünf Jahre lang die unsichtbaren Audiosysteme, auf die er heute so stolz ist. Die Technik wird immer anspruchsvoller, spielt aber zunehmend im Hintergrund.

Das Konzept geht auf. Ranke schreibt laut eigener Aussage trotz hoher Entwicklungskosten schwarze Zahlen.

Jetzt zeigt er seinen kleinen Showroom, in dem neben den erfolgreichsten Produkten auch einige Entwicklungen ausgestellt sind, die er nie auf den Markt gebracht hat. Darunter befindet sich ein hochwertiger Verstärker in schickem Design. Es ist das Produkt, das durch sein Schattendasein wie kein anderes Rankes grundlegende Überlebensstrategie symbolisiert. Er habe ihn entwickelt, weil sich Fans seiner Lautsprecher weitere Geräte aus seiner Manufaktur gewünscht hätten. Heute weiß Ranke, dass die Entscheidung gegen den Verstärker und für die Fokussierung auf Lautsprecher eine weise Entscheidung war.

Preislich, sagt er, könne er mit der Konkurrenz aus Fernost nicht mithalten. Darum müsse er ganz besondere Produkte entwickeln. Solche wie die unsichtbaren Flächenlautsprecher, für die er sich unter anderem ein vollkommen neues Bedämpfungssystem hat einfallen lassen, das die starke Reflexion der Schallwellen an den Außenkanten und damit eine Klangverzerrung unterbindet. So viel Innovationskraft kann er nicht auch noch für Verstärker aufbringen. Ranke hat erkannt, dass seine einzige Chance darin liegt, Spezialist zu bleiben – einer allerdings, der über seine Leidenschaft für Technik die Bedürfnisse der Kunden nicht aus den Augen verliert.

Der Streptokokkenforscher

Auf Kunden braucht Singh Chhatwal keine Rücksicht zu nehmen. Der 62-jährige Inder ist Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und als solcher finanziell abgesichert. Seit fast 30 Jahren untersucht er Streptokokken.

In der Wissenschaft unterscheidet man weniger zwischen Spezialisten und Generalisten als zwischen Grundlagenforschern und solchen mit Anwendungsbezug. Zugespitzt könnte man sagen, dass sich das Forschungsinteresse von Ersteren auf die pure Erkenntnis richtet, während Letztere schon in ihrer Ausgangsfrage auf den praktischen Nutzen zielen. Was die Menschheit weiterbringt, darüber wurde schon viel gestritten. Chhatwal beteiligte sich nicht an der Diskussion beider Seiten. Er wechselte einfach von der einen auf die andere. Und trug so zu wesentlichen Fortschritten im Kampf gegen eine mörderische Krankheit bei.

"Jedes Jahr sterben eine halbe Million Kinder an der rheumatischen Herzkrankheit", sagt Chhatwal mit ruhiger Stimme. Er sitzt in seinem kargen Büro auf dem riesigen Gelände des Braunschweiger Forschungszentrums. Ausgelöst wird die Krankheit durch eine verschleppte Halsinfektion mit Streptokokken. Die Herzklappen entzünden sich und versagen ihren Dienst. Betroffen sind hauptsächlich Kinder zwischen fünf und 15 Jahren. In den Industrieländern kommt die Krankheit kaum vor. Wer sich mit Streptokokken infiziert, erhält zehn bis 17 Tage Penicillin, das die Bakterien abtötet. In den Entwicklungsländern hingegen, wo die Infektion häufig nicht ausreichend behandelt wird, bricht bei rund fünf Prozent aller Infizierten irgendwann die Herzkrankheit aus. Für Chhatwal war das Anfang der Achtzigerjahre der Grund, die kugelförmigen Killerbakterien zum Gegenstand seiner Forschung zu machen.

Der Mikrobiologe ist ein bulliger Typ mit sanftem Blick. Früher, als er sich in Indien und in Japan der Untersuchung von Schlangen- und Skorpiongiften widmete, melkte er die Tiere selbst, um an ihr Gift zu kommen. Als Mann der Tat entpuppte er sich auch im Kampf gegen die rheumatische Herzkrankheit. Zunächst aber betrieb er 15 Jahre lang Grundlagenforschung. Was genau passiert auf molekularer Ebene bei einer Streptokokkeninfektion? Er fand heraus, wie sich die Bakterien an die Zellen des Menschen anheften, wie sie in diese eindringen und wie sie darin überleben. Noch heute ist er beeindruckt: "Streptokokken sind extrem listig. Es gibt Hunderte verschiedene Typen, und sie haben geniale Strategien, um im Menschen Fuß zu fassen und dessen Immunabwehr auszutricksen."

Eigentlich wollte Chhatwal einen Impfstoff entwickeln. Das sei nun mal die wirkungsvollste Methode im Kampf gegen alle Folgeerkrankungen einer Infektion – zumal einige Streptokokkentypen besonders begabt darin seien, Resistenzen gegen Antibiotika zu entwickeln.

Doch je mehr er über die Bakterien herausfand, desto klarer wurde ihm, wie fern sein Ziel ist. In dieser Situation bewies er einen für Grundlagenforscher untypischen Pragmatismus. Um Ruhm ging es ihm dabei nicht. Ruhm ernten Wissenschaftler für Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. Chhatwal aber stellte seinen Forschungsplan zurück, erkundete vor Ort, woran es liegt, dass die Infektionen in Indien nicht ordentlich behandelt werden. Einer der Hauptgründe, erfuhr er, ist die mangelnde Aufklärung der Bevölkerung: "Oft wird die Behandlung zu früh abgebrochen." Täglich kämen 50 bis 100 mit Streptokokken infizierte Kinder, die über starke Halsschmerzen klagten, in die Gesundheitszentren. Dort gebe man ihnen Penicillin für einen Tag. Am folgenden Tag sollen sie wiederkommen, um die nächste Ration einzunehmen. "Doch viele lassen sich einfach nicht mehr blicken. Weil die Kinder sich schon besser fühlen und ihre Eltern das Geld für die Medikamente lieber sparen."

Was also tun? Eigentlich müsste man kontrollieren, dass das Penicillin wirklich über mindestens zehn Tage genommen wird, dachte Chhatwal. Aber wie will man dies bei 50 bis 100 Neuerkrankten am Tag schaffen? Man müsste, so die kühne Idee des Forschers, in einem Schnellverfahren, das so unkompliziert ist wie ein moderner Schwangerschaftstest, von vornherein jene herausfiltern, die von der gefährlichen Herzkrankheit bedroht sind. Das sind nur fünf Prozent der Infizierten. Die könnte man dann intensiv betreuen. Aber woran erkennt man sie?

Diese Frage stellte der Forscher fortan ins Zentrum seiner Arbeit. Er suchte nach einem Marker, der die gefährlichsten Streptokokken von den anderen unterscheidet. Gleichzeitig nahm er Kontakt zur indischen Regierung auf und warb um Unterstützung. Chhatwal betätigte sich zudem als Aufklärer, besuchte Schulen, entwickelte eine Plakatkampagne und gab Interviews.

Vor drei Jahren gelang ihm mit seinem Team der entscheidende Durchbruch. Sie entdeckten ein winziges Protein, das ausschließlich jene Streptokokken aufweisen, die die rheumatische Herzkrankheit auslösen. Ein Coup. Aber noch nicht das Ziel. Seitdem geht es darum, einen Test zu entwickeln, auf den das Protein reagiert. Die Schwierigkeit liegt laut Chhatwal darin, dass er ohne medizinisch geschultes Personal durchführbar sein muss und die Patienten nicht mehr als 1,50 Euro kosten darf. "Sonst wird er nicht genutzt." Darauf kommt es Chhatwal aber an. Er will keine theoretischen Lösungen finden, sondern Leben retten. Noch zwei Jahre, prophezeit er, dann werde es so weit sein.

Der Forscher denkt aber noch weiter. Der Test helfe ja nur, aus allen Infizierten jene fünf Prozent herauszufiltern, deren Leben bedroht ist. Was aber mache man dann mit denen? "In jedem Dorf muss es einen Verantwortlichen geben, der den Kindern das Penicillin bringt und die Einnahme überwacht." Geht der Plan in Indien auf, soll er danach auf Afrika übertragen werden.

Das ist das ehrgeizige Vorhaben eines Forschers, der den Elfenbeinturm schon lange verlassen hat.

Die Winzerin

Raus aus dem Büro, rein ins echte Leben, diesen Wunsch hegte auch Jutta Ambrositsch, nachdem sie fünf Jahre in der Werbung gearbeitet hatte. Sie war Artdirectorin in einer internationalen Agentur, entwickelte in Wien Kampagnen für große Marken, gestaltete Anzeigen, Plakate, Broschüren. Dann sattelte sie um, wurde Winzerin. Ausgerechnet. In diesem Gewerbe gilt Tradition als unverzichtbar. Quereinsteiger haben es schwer, weil Winzer für viele kein Beruf ist, den man erlernt, sondern einer, den man erbt. Ambrositsch aber beweist das Gegenteil. Die 37-jährige Österreicherin hat sich mit ihren Weinen in der Topgastronomie etabliert – nicht trotz ihrer Außenseiterposition, sondern gerade deswegen. Zumindest ist sie davon überzeugt. Sie sagt: "Als Quereinsteigerin hat man zwar nicht die Erfahrung, die beim Weinmachen zweifellos eine große Hilfe ist. Aber dafür bringt man eine besondere Einstellung zum Beruf mit und genießt strategische Freiheiten, von denen die Nachkommen aus traditionsreichen Winzerfamilien nur träumen."

Sie steht in ihrem Weingarten Sommeregg, schaut zufrieden auf die fast schon reifen Trauben an den Rebstöcken. Die Silhouette Wiens, die sich im Hintergrund abzeichnet, wirkt von diesem Idyll aus betrachtet so unecht wie eine Fototapete. Sommeregg ist Ambrositschs Lieblingsweingarten, mehr als 60 Jahre alt und wunderschön an einem steilen Südhang über Grinzing im 19. Bezirk gelegen.

Es war die Lust an körperlicher Arbeit in der Natur, die Ambrositsch vor acht Jahren ins Winzergewerbe zog. Am Anfang stand kein ausgefeilter Businessplan, sondern Blauäugigkeit, wie sie selbst einräumt. Der Jobwechsel war für sie wie ein Aufbruch in ein neues Leben. Nachdem sie ein dreimonatiges Praktikum bei einem bekannten Winzer absolviert und ihren ersten kleinen Weingarten gepachtet hatte, ging sie entsprechend inspiriert zu Werke. Behutsam schnitt sie die Rebstöcke, brach jeden zweiten Trieb aus, damit die Trauben später so viel Abstand haben, dass der Wind gut durchblasen kann.

Das ganze Jahr über pflegte sie ihre Reben wie eine Mutter ihr Kind. Akribisch entfernte sie vertrocknete Blätter und Trauben mit Beulen. "Man kann es auch übertreiben", raunte ihr einmal ein benachbarter Winzer zu. Ambrositsch ließ sich davon nicht irritieren. Anders als die alten Hasen des Weingewerbes rasierte sie die Wipfel der Rebstöcke nicht mit der Mähmaschine, sondern beschnitt sie mit der Schere. "Beim Mähen", erklärt sie, "können Krankheiten von einem Weingarten auf den anderen übertragen werden. Zudem werden die Zweige nicht glatt durchgeschnitten, sondern zerfleddert." Das wollte sie nicht. Lieber nahm sie den Mehraufwand in Kauf. Ihre Akribie brachte ihr zwar nicht den höchstmöglichen Ertrag, legte aber das Fundament für ihren Erfolg.

Entscheidend war, dass sie ihre ungewöhnliche Berufseinstellung mit einem passenden Geschäftsmodell kombinierte. Wenn sie schon anders arbeitete als die Winzer aus den großen Traditionsbetrieben, dann sollte sich auch ihr Produkt klar von den anderen unterscheiden und entsprechend verkauft werden, so die Überlegung der ehemaligen Werberin. Und so begann sie, ihren Status als Exotin zu unterstreichen.

Sie verzichtete beispielsweise auf die Verwendung von Reinzuchthefe, mit der konventionelle Winzer den Gärungsprozess steuern. Nur so können sie die von den Großhändlern geforderte geschmackliche Konstanz gewährleisten. Das will Ambrositsch gar nicht. "Ich lasse mich von meinen eigenen Weinen überraschen. Wenn der Wein beschließt, er hat einen Restzucker und ist picksüß – ja, dann ist er halt so."

Ein kleiner, aber feiner Eine-Frau-Betrieb will sie sein. Mit möglichst natürlichen Produkten und authentisch bis ins Detail. Als ausgebildete Grafikdesignerin weiß sie genau, wie sie diese Botschaft auf dem Flaschenetikett transportiert. Auffallend karg sehen sie aus, und im Zentrum steht anders als üblich nicht der Name des Weinguts, sondern die Rebsorte und ihre Lage: Riesling Rosengartl, Grüner Veltliner Muckenthal oder Gemischter Satz Sommeregg.

Ambrositsch weiß, dass ihr Wein in den Supermärkten nichts zu suchen hat. Dass er dort verkauft werden muss, wo Zeit ist, seine Geschichte zu erzählen. Darum konzentriert sie sich auf die Topgastronomie. Bei den Sommeliers und Restaurantgästen kommt sie gut an, die Geschichte von der Wiener Winzerin, die nur geringe Mengen produziert, weil sie ihre Weingärten eigenhändig und mit viel Liebe bewirtschaftet; die auf höchste Qualität achtet und darum den Wein bei den besten Kellermeistern Wiens keltern lässt.

Auch das unterscheidet Jutta Ambrositsch von der Konkurrenz: Ihr war von Anfang an klar, dass sie für die Weinherstellung im Keller die Hilfe von erfahrenen Fachleuten in Anspruch nehmen muss, um als Quereinsteigerin eine Chance zu haben. Ihr fehlte das Wissen, um diese Arbeit ihren hohen Ansprüchen entsprechend selbst auszuführen. Darum kauft sie diese Leistung ein. Hilfreicher Nebeneffekt: Sie konnte darauf verzichten, die teuren Geräte anzuschaffen, die man zum Keltern braucht.

Ambrositsch hat ihre Traubeninspektion im Sommeregg beendet. Ein paar Wochen noch, dann wird sie gemeinsam mit Freunden die Weinlese in ihren sechs Gärten beginnen, wird jede Traube in die Hand nehmen, sie halbieren und alles, was nicht schön aussieht, sorgfältig herausschneiden. Die Lese wird länger dauern als bei anderen Winzern und vermutlich auch weniger Ertrag pro Quadratmeter bringen. "Aber die Traubenqualität", da ist sie sicher, "wird enorm hoch sein."

Worte einer Frau, die genau weiß, wie sie ihren vermeintlichen Nachteil als Quereinsteigerin in einen Vorteil ummünzt.

Der Bildungsunternehmer

Pure Lebenserfahrung ist es, die Hannes Streng zum Experten macht, genauer gesagt: zum Bildungsexperten. Er selbst möchte allerdings auf keinen Fall als solcher bezeichnet werden. Dafür kenne er sich mit dem System nicht gut genug aus. Doch eben das scheint manchmal von Vorteil zu sein. Das Beispiel Bildung zeigt, dass die Spezialisten nicht immer auch die wahren Experten sind.

Die Spezialisten sitzen in den Kultusministerien und entscheiden darüber, wie Schule in ihrem Bundesland organisiert wird. Auf Menschen wie Streng hören sie nicht. Dabei könnten sie von seiner Erfahrung als Unternehmer und Vater zweier Kinder profitieren.

Streng ist in vierter Generation Geschäftsführer der in Nürnberg ansässigen BU Holding, die als Franchise-Nehmer 15 Obi-Märkte sowie den Großhandel Baustoff Union betreibt. 50 Auszubildende stellt er jedes Jahr ein, die meisten von ihnen kommen von einer Hauptschule. In den Bewerbungsgesprächen erlebt er immer wieder, wie viel Frust die Jugendlichen mit sich herumschleppen. "Die haben oft null Selbstvertrauen, weil sie noch nie irgendein Erfolgserlebnis hatten." Die Ausbildung in seinem Betrieb ziele daher nicht zuletzt auf die Persönlichkeitsbildung: "Wir wollen unseren Azubis Mut machen."

Wohin das führen kann, erlebt der Unternehmer jedes Jahr im Sommer, wenn er für drei Wochen das gesamte Personal eines seiner Baumärkte in Urlaub schickt und durch Nachwuchskräfte ersetzt. Die Auszubildenden übernehmen in den drei Wochen alle Funktionen im Ein- und Verkauf. Sie verhandeln mit den Lieferanten, kümmern sich um die Anlieferung der Waren, beraten Kunden, beaufsichtigen die Kasse und arbeiten im Büro. Die drei Wochen seien für die Beteiligten eine große Herausforderung. "Sie müssen Eigeninitiative zeigen, sich selbst organisieren und Informationen beschaffen, wenn sie mal nicht weiterwissen – und es gibt keine Ausreden!", sagt Streng. Das sei für viele am Anfang schwierig, funktioniere aber, weil die nötige Motivation da sei. Die jungen Leute machten sich einen regelrechten Wettbewerb daraus, den Umsatz der Azubi-Mannschaft aus dem Vorjahr zu übertreffen. "Sie spüren das ihnen geschenkte Vertrauen. Das spornt sie an und lässt sie über sich hinauswachsen."

Kinder und Jugendliche für das Lernen zu begeistern, darin sieht Streng auch die Hauptaufgabe der Schulen. Doch leider gehe es den meisten Bildungspolitikern um etwas anderes. Immer strebten sie aus ideologischen Gründen nach Strukturreformen, wie etwa die Verlängerung der Grundschule, die Verkürzung der Gymnasialzeit oder die Zusammenlegung verschiedener Schulformen zu Stadtteil- oder Gemeinschaftsschulen. Das eigentlich Relevante – nämlich eine Kultur zu schaffen, in der die Schüler von sich aus lernen – bleibe hingegen auf der Strecke.

Nein, er sei kein Bildungsexperte, aber als Unternehmer und Vater wisse er, dass es keinen Sinn habe, unmotivierten Kindern und Jugendlichen irgendwelchen Stoff einzutrichtern. "Spaß am Lernen entsteht, wenn man weiß, wofür man lernt", sagt Streng. Mit ihren permanenten Strukturreformen erreichten die Schulpolitiker das Gegenteil. "Da wurde etwa vollkommen überstürzt und ohne Konzept das Gymnasium in Bayern auf acht Schuljahre verkürzt. Mit dem Ergebnis, dass die Schüler noch mehr zur stupiden Paukerei verdammt sind, nur um den Stoff zu bewältigen, der von den irrigerweise unverändert gebliebenen Lehrplänen vorgeschrieben wird."

Streng belässt es nicht bei der Schelte, sondern tut etwas für seine Überzeugungen. So unterstützt er mehrere Schulen der Region mit Geld, damit die ihre Räume verschönern und ihre technische Ausstattung verbessern können. In Nürnberg hat er am Aufbau eines Gymnasiums nach dem sogenannten Jenaplan-Modell mitgewirkt. An der privaten Reformschule schätzt er zweierlei besonders. Zum einen werden die Schüler in jahrgangsübergreifende Lerngruppen eingeteilt: "Die Älteren helfen den Jüngeren, was die Motivation auf beiden Seiten erhöht." Zum anderen ersetzen Projekte die klassischen Fächer. Dem Thema Amerika etwa nähern sich die Schüler über die Geschichte, die Sprache, das politische System, die Literatur, die Geografie und den Sport. "Auf diese Weise entdecken die Schüler Zusammenhänge, und das Interesse ist geweckt."

Dogmatischer Anhänger einer bestimmten Pädagogik ist Streng nicht. Es gebe viele Möglichkeiten, Schüler für das Lernen zu begeistern. Am wichtigsten sei die individuelle Förderung. Dass man Kinder nicht über einen Kamm scheren kann, sieht er an seinem 15-jährigen Sohn und seiner 13-jährigen Tochter. Sein Sohn ist laut Streng "ein echtes Brain", das gefordert werden wolle, aber gleichzeitig dazu neige, sich in der Anonymität einer großen Klasse zu verstecken. Darum habe Streng ihn auf ein Internat in Großbritannien geschickt, wo er nicht mehr als zwölf Mitschüler habe und von seinem Lehrer regelrecht gecoacht werde. "Kürzlich haben sie im Unterricht das Thema Atomkraft behandelt. Weil mein Sohn die physikalischen Aspekte schnell verstanden hatte, erteilte ihm sein Lehrer einen Sonderauftrag: Er sollte die Hintergründe und die aktuelle Situation in und um Tschernobyl recherchieren und in einem Vortrag zusammenfassen." Der Effekt sei enorm gewesen. "Die Recherche ließ meinen Sohn nicht mehr los, inzwischen ist er fasziniert."

Strengs Tochter ist nahezu gehörlos. Sogenannte Cochlea-Implantate helfen ihr zwar, Laute wahrzunehmen. Doch von zu vielen Stimmen in einem Raum sei sie schnell gestresst, sagt Streng. Er habe sie daher vom Jenaplan-Gymnasium in Fürth genommen und an einer privaten Schule für Hörgeschädigte in München angemeldet, wo man gezielt auf sie eingehen könne. "Sie blüht dort richtig auf." Den unter Bildungsexperten verbreiteten Ehrgeiz, möglichst viele behinderte Kinder in Regelschulen zu integrieren, sieht Streng aufgrund seiner Erfahrung skeptisch. "Man sollte auch hier genau gucken, was für den Einzelnen am besten ist."

Streng zufolge müsste ein Land wie Deutschland viel mehr in die Bildung der Kinder investieren. Hoffnung habe er wenig – zumal man in den Kultusministerien lieber an den Strukturreformen arbeite. In Bayern, erzählt der Unternehmer, habe die Regierung jetzt auf die Proteste der Eltern gegen die verkürzte Gymnasialzeit reagiert. "Schwache Schüler und die, die Vereinssport treiben oder ein Musikinstrument spielen wollen, können in der Mittelstufe ein zusätzliches Schuljahr einschieben, ohne dass dies als Sitzenbleiben zählt." Streng schüttelt den Kopf. "Wie weltfremd und ahnungslos muss man eigentlich sein, um sich so etwas einfallen zu lassen?"