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SMS Siemag AG Werksbesuch.

Über den Fachkräftemangel kann man klagen – oder etwas dagegen tun. Die SMS Siemag AG hat sich für Letzteres entschieden. Ein Werksbesuch.




• Als Michael Legge nach der Realschule eine Lehrstelle sucht, bewirbt er sich zunächst einmal "auf der Bank". Seine Bewerbung kommt gut an. Allerdings rät man dem jungen Mann aus dem siegerländischen Netphen in der örtlichen Sparkasse nach dem ersten Gespräch und einem Test zu einem anderen Berufsweg. "Ich hatte in den technischen Bereichen sehr gut abgeschnitten. Deswegen sollte ich mich, wenn ich mir selbst einen Gefallen tun wollte, doch in der Industrie bewerben."

Legge überlegt und kommt zu dem Schluss, dass der Rat gar nicht so schlecht klingt. Er stellt sich bei einigen Industrieunternehmen vor. Eines findet der Jugendliche, der sich schon als kleines Kind für Technik begeistert hat, besonders interessant: die SMS Siemag AG. Im benachbarten Hilchenbach produziert das mehr als 140 Jahre alte Familienunternehmen Stahl- und Aluminiumwerke für den Weltmarkt. Michael Legges Zugang zum Unternehmen ist weit weniger international. "Ich kannte SMS Siemag vor allem, weil zwei meiner Onkel, meine Mutter und mein Großvater bei einer Logistiktochter des Konzerns arbeiten oder gearbeitet haben", sagt der heute 28-Jährige.

Seine Lehre als technischer Zeichner beginnt er im Jahr 2000. Sein Abschluss - als Kammerbester – fällt genau in eine Krisenzeit in der Stahlindustrie. SMS Siemag stellt nicht ein, will sich aber weiterhin Talente sichern. Legge ist eines davon. "Das Unternehmen hat mich dabei unterstützt, mein Fachabitur nachzumachen, indem ich in den Ferien dort arbeiten konnte." Anschließend nimmt er ein duales Maschinenbaustudium an der Universität Siegen auf. Berufsausbildung und Studium greifen ineinander, die Studenten stehen in den Semesterferien voll im Job. Nach dem Bachelor geht Legge den Master an. Kurz vor der Abschlussarbeit steht wieder eine Krise vor der Tür, dieses Mal die von 2010. Wieder macht ihm das Unternehmen ein Angebot: ob er sich vorstellen könne, seine Masterarbeit zu verschieben und eine Baustellenleitung in Südkorea zu übernehmen? Die Antwort bitte am nächsten Tag. "Eine Woche später saß ich im Flugzeug und habe dort gemeinsam mit einem erfahrenen Kollegen den Bau eines Walzwerks begleitet. Das war eine kulturelle und berufliche Erfahrung, die ich nicht vergessen werde."

Seit Anfang 2011 arbeitet Legge als Ingenieur in Hilchenbach, wo er als Mitglied eines 30-köpfigen Teams an Walzenantrieben für die gigantischen Werke arbeitet. "Tatsächlich hatte ich aber schon vor meinem Start sechseinhalb Jahre Berufserfahrung", sagt er. "Das hat mir geholfen, die Theorie aus dem Studium mit der Praxis zu verbinden."

Sie brauchen Experten, die es kaum noch gibt

Michael Legge ist einer von vielen Experten bei SMS Siemag. Sie halten das über Jahrzehnte gewachsene Know-how auf dem neuesten Stand; sie entwickeln und produzieren Anlagen, die zwischen zehn Millionen und einer Milliarde Euro kosten und an die Wünsche der Kunden angepasst werden, die zu 90 Prozent im Ausland sitzen. Ohne diese Experten geht in dem Unternehmen gar nichts. Sagen alle, die bei SMS Siemag etwas zu sagen haben.

Andreas Weber zum Beispiel, Personalchef an den beiden Standorten Hilchenbach und Düsseldorf. Gemeinsam mit seinen Kollegen in der SMS Group ist er für rund 11000 Mitarbeiter zuständig - SMS Siemag ist der größte Geschäftsbereich der Gruppe, die Weltmarktführer bei Stahl-, Aluminium- und Kupferwerken ist und einen Gesamtumsatz von drei Milliarden Euro macht. Er sagt: "Wir bieten als einziges Unternehmen in Europa die komplette Wertschöpfungskette vom Hochofen über das Walzwerk bis zum Service an. Dafür benötigen wir sehr gut ausgebildete Mitarbeiter. Menschen, die sich mit Hütten- und Walzwerkstechnik beschäftigen, gibt es aber nicht so viele."

Rund 100 Stellen sind bei SMS Siemag offen, fast ausschließlich für Ingenieure. In das große Klagen über den Fachkräftemangel will Weber aber nicht einstimmen. "Wir bekommen unsere Stellen immer besetzt, auch wenn es manchmal etwas länger dauert." Damit die Firma die richtigen Beschäftigten findet und gleichzeitig Angestellte hält, hat sich das Unternehmen beim Anwerben von Personal und bei der Aus-, Fort- und Weiterbildung allerlei einfallen lassen.

In den 500 bis 600 Meter langen Anlagen, in denen Bleche für die Autoindustrie entstehen und Aluminium zu Getränkedosenmaterial verarbeitet wird, rutschen tonnenschwere, 1800 Grad heiße Stahlbrammen – flache Quader aus glühendem Metall - über hitzebeständige Rollen und werden von meterhohen Maschinen immer dünner gewalzt. Wer hier arbeitet, muss sehr viel Fachwissen haben: über chemische Prozesse beim Stahlkochen, Mechanik am Walzenständer, IT und Elektronik bei Steuerung und Automation. Und das Abstraktionsvermögen der Mitarbeiter muss sehr hoch sein, weil sie das Produkt nie in Gänze sehen: In Hilchenbach wird nur ein "Bruchteil der fertigen Anlage" produziert, wie es Weber beschreibt; vor allem Einzelteile, die sogenannten Noble Parts, die besonders teuer und qualitativ hochwertig sind und gegen Know-how-Diebstahl geschützt werden müssen.

"Ich glaube nicht, dass ein Kollege aufgrund der Komplexität des Geschäfts bei uns den kompletten Prozess beherrscht", sagt Weber. An vielen Stellen arbeiten Experten, deren Aufgaben kaum ein anderer erledigen kann. Es geht zu wie in einem Ameisenhaufen, in dem jedes Insekt an der richtigen Stelle seinen Job erledigt. Darin mit einem Stock zu rühren würde das gesamte, über lange Zeit aufgebaute Gebilde zerstören. Zur Beruhigung des 58-Jährigen tut das bei SMS Siemag niemand.

Die Nachwuchspflege beginnt im Kindergarten

Die Firma werde trotz ihrer Größe wie ein mittelständisches Familienunternehmen geführt, sagt Weber, der nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften 1982 als Sacharbeiter bei SMS Siemag begann. "Dazu gehören eine ruhige Hand und viel Beständigkeit, Verantwortung für den Standort und sehr gute Entwicklungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter." Klingt wie aus einer Unternehmensbroschüre. Die Zahlen und Fakten bestätigen indes Webers Worte: Am größten deutschen Standort in Hilchenbach kommen vier von fünf Mitarbeitern aus der Region. Die Betriebszugehörigkeit liegt im Durchschnitt bei mehr als 20 Jahren, die Ausbildungsquote ist im Branchenvergleich mit rund sieben Prozent überdurchschnittlich hoch. Und die Fluktuationsrate ist verschwindend gering – weniger als zwei Prozent der Mitarbeiter verlassen das Unternehmen.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass SMS Siemag in der Region die einzige wirklich große Firma weit und breit ist. "Hier kennt jeder jeden, und jeder kennt SMS Siemag", sagt Weber. Die jungen Menschen haben meist Verwandte im Unternehmen, kennen die Unternehmenskultur – und dann ist der Siegerländer vielleicht auch noch besonders heimattreu. "Traditionell hat hier fast jeder irgendwann sein Häuschen."

70 Prozent der Nachwuchskräfte werden so auch von ihren Familien, Freunden oder Bekannten angespornt, es bei dem Anlagenbauer zu versuchen. Die Firma unterstützt dieses Empfehlungsmarketing, indem sie die Mitarbeiter samt Familien zu besonderen Anlässen einlädt. 1500 Menschen kamen etwa auf den Messestand bei der Metec, der Weltleitmesse des metallurgischen Anlagen- und Maschinenbaus.

Die enge und lange Verbundenheit forciert der Konzern seit einigen Jahren mit einer Initiative, die schon im Kindergarten und in der Grundschule beginnt. "Dort geht es vor allem darum, Spaß an Technik zu vermitteln, indem unsere Mitarbeiter den Kindern zum Beispiel naturwissenschaftliche Phänomene nahebringen", sagt der Ausbildungsleiter Günter Kneppe, der in Konstruktion und Vertrieb gearbeitet und sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Ausbildung näher an die Wirklichkeit zu bringen.

Etwa in der Zusammenarbeit mit sieben Haupt- und Realschulen aus der Region. Ein ständiger Partner ist die Realschule Erndtebrück, die Schüler im Technikunterricht Ideen entwickeln lässt, die SMS-Siemag-Azubis anschließend verwirklichen – inklusive gegenseitiger Einblicke per Video in Klassenraum und Werkstatt sowie Besuche. "In dem Alter ist es einfach sehr wichtig, möglichst nah dran zu sein an den Berufen. Die Kinder haben noch wenig Vorstellungen davon, was sie nach der Schule erwartet", sagt Bernd Weiskirch, der Leiter der Realschule Erndtebrück. Zudem falle auf diese Weise der Kontakt zwischen Unternehmen und Eltern leichter, die viel Einfluss auf die Berufswahl der Kinder hätten. Sogar zum Elternsprechtag lädt der Direktor gelegentlich Firmenvertreter ein.

Vor zu großer Nähe zur Wirtschaft hat Weiskirch keine Angst. "Wir haben das natürlich diskutiert und wollen auch keine plumpe Unternehmenswerbung. Aber es ist enorm wichtig, möglichst viele Eindrücke zu bekommen, damit die weitreichende Entscheidung nicht nur nach Lust und Laune geschieht."

Ein knappes Drittel der Technikklasse der Realschule landet schließlich bei SMS Siemag. Dort treffen sie unweigerlich auf Walter Six. Der Leiter des Ausbildungszentrums, der 1966 seine Lehre im Unternehmen begonnen hat, erinnert sich noch gut an seine Anfangszeit. "Damals mussten wir lernen, wie man feilt, schraubt, bohrt oder fräst, bekamen aber kaum mit, wofür wir das eigentlich gemacht haben." Heute arbeiten die Azubis aller gewerblichen Berufe gemeinsam im sogenannten Lernwerk, einem neuen, rund vier Millionen Euro teuren Ausbildungszentrum.

Schon im zweiten Ausbildungsjahr produzieren die meist 16- bis 18-jährigen Zerspanungs-, Industrie- und Anlagenmechaniker, Elektroniker und Mechatroniker im Auftrag von Kunden. Sie bauen zum Beispiel bis zu 12,5 Tonnen schwere Haspelgetriebe oder sogenannte Stopfenheber, die bei Stranggießanlagen den Fluss des Stahls regulieren. "Das macht den jungen Leuten natürlich viel mehr Spaß, als an Werkstücken für die Schrotttonne herumzufeilen", wie es Walter Six ausdrückt, der das Konzept mitentwickelt hat. "Die Herausforderung ist allerdings groß: Die Azubis müssen sehr zuverlässig sein, Verantwortung übernehmen und Termine einhalten."

Die Lehrlinge seien einer der Garanten für den Erfolg der SMS Siemag, sagt der Ausbildungsleiter Günter Kneppe. "Die gewerblichen Kollegen haben ein tiefes Verständnis unserer Produkte und Produktionstechnologien und sorgen dafür, dass die Ideen unserer Ingenieure überhaupt erst umgesetzt werden können." Wartungs- und störungsfrei, mit der nötigen Qualität. "Nur mit den Akademikern bekämen wir das nicht gestemmt, so etwas lernt man nicht an der Uni", sagt der promovierte Ingenieur. "Deswegen ist es auch besonders wichtig, dass wir immer genügend hoch spezialisierte Facharbeiter haben, die ihren Job mit Freude machen."

Hingehen, wo die Talente sind

Anpacken und Theoretisieren seien bei SMS Siemag eng verzahnt, ergänzt Andreas Weber. "Deswegen bilden wir auch über Bedarf aus. Wir finden es gut, wenn eine gute Anzahl von denen, die bei uns eine Ausbildung gemacht haben, anschließend studieren." Der Grund: "Wer hier erst mal die Praxis gelernt hat und dann in der Theorie vertieft, gehört für uns zu den interessantesten Kandidaten." Vor allem deswegen, weil Führungspositionen zu 80 Prozent aus den eigenen Reihen besetzt werden.

Um passende akademische Kräfte zu bekommen, engagiert sich SMS Siemag darüber hinaus direkt an den Hochschulen: Mitarbeiter lehren als Dozenten für Maschinenbau an der Universität Siegen, der TU Darmstadt, der RWTH Aachen oder der TU Clausthal. Interessierte Jungakademiker begleitet SMS Siemag langfristig: Rund 100 Praktikanten arbeiten pro Jahr beim Unternehmen, 50 verfassen anschließend Bachelor-, Master- oder > Doktorarbeiten zu unternehmensrelevanten Themen. Ein gutes Dutzend Stipendien geht an besonders begabte Studenten. Hinzu kommt das duale Studium, das mit der Universität Siegen entwickelt wurde – mit der Besonderheit, die schon am Werdegang von Michael Legge offensichtlich wurde: "Sie profitieren im Studium von den praktischen Tätigkeiten und bei der Arbeit von der Theorie, die wir vermitteln", sagt Horst Idelberger. Er leitet den Studiengang in Siegen, der wiederum mit mehreren Firmen kooperiert. "Dadurch erreichen wir eine starke Verzahnung mit den Produkten. Es entsteht früh eine große Nähe zum Unternehmen." Der Professor für Maschinenbau legt aber auch Wert darauf, ein Vollstudium anzubieten. "Der Aufwand ist sicherlich etwas größer für die Studenten, wenn man die Arbeit in der vorlesungsfreien Zeit miteinbezieht."

Für die Akademiker gebe es anschließend unterschiedliche Karrierewege im Unternehmen, sagt Günter Kneppe, je nach Fähigkeiten und eigenen Wünschen. In der Fachlaufbahn konzentrieren sich die Mitarbeiter stark auf ihr Gebiet – zum Beispiel die Umformtechnik oder Metallurgie. Projektmanager hingegen müssen den Überblick über Bau und Inbetriebnahme einer kompletten Anlage haben – und sind damit so etwas wie hoch spezialisierte Generalisten, die über mehrere Stufen in den Job hineinwachsen und erst nach frühestens fünf Jahren alleinverantwortlich ein Projekt leiten können.

Kneppe betont wie sein Kollege Weber, dass es wahrscheinlich niemanden gebe, der sämtliche Prozesse in jedem Detail kennt. "Aber es ist wichtig, dass jemand da ist, der die Komplexität begreift, der weiß, wo welche Probleme auftauchen können und an wen er sich wenden muss, um diese zu lösen." Termine, Kundenkommunikation, Kosten und Qualität muss der Projektmanager im Griff haben. "Das kann man lernen", sagt Kneppe. "Aber es ist ebenso wichtig, Vertrauen aufzubauen. Die enge Bindung zum Kunden spielt bei uns eine sehr große Rolle. Denn bei einer solch hohen Investition muss alles funktionieren."

Fördern und fordern

Deswegen sind die fachlichen Qualitäten der Mitarbeiter im Vorstellungsgespräch zwar wichtig, aber nicht unbedingt entscheidend. "Wir suchen nicht nur die, die gut sind, sondern die, die gut bei uns reinpassen", sagt Anke Rosenthal. "Wenn die jungen Kollegen sich über Jahre in unsere Themen hineinarbeiten sollen, müssen sie etwa mit den älteren Kollegen im Tandem funktionieren. Deswegen sind die sozialen Fähigkeiten sehr wichtig", sagt die Mitarbeiterin, die für die Weiterbildung und das Wissensmanagement zuständig ist.

Für die 39-Jährige, die vor 23 Jahren bei SMS Siemag eine Lehre zur Bürokauffrau gemacht hat, ist die Weitergabe des Know-hows an die nächste Generation mitentscheidend. Ein Förderprogramm hilft Jungingenieuren, schnell die Praxis kennenzulernen und ein eigenes Netz aufzubauen. Dafür kommen die Nachwuchskräfte mit erfahrenen Praktikern zusammen. Ältere Kollegen mit Schlüsselqualifikationen – vom Meister bis zum Ingenieur –, die in den Ruhestand gehen, sollen zwei, drei Jahre vor der Rente am sogenannten Wert-Programm teilnehmen: Beim Wissens- und Erfahrungstransfer nehmen die Alten die Jungen unter ihre Fittiche, zeigen ihnen, worauf es im Arbeitsalltag ankommt und begleiten sie bei der Hospitation im Betrieb.

Michael Legge findet die Förderung gut, auch wenn er selbst manchmal ganz schön gefordert wurde, wie er zugibt. "In meinen Semesterferien während des dualen Studiums hatte ich nicht so viel Freizeit wie meine Kommilitonen", erinnert er sich. Das hält ihn nicht davon ab, neben seiner Arbeit "aus Eigeninteresse", wie er sagt, seinen Master of Business Administration an der Privaten Hochschule Göttingen zu machen. In drei Semestern, am Wochenende und abends.

Auch hier unterstützt ihn sein Arbeitgeber: Seine Abschlussarbeit kann er im Unternehmen schreiben, wenn er erfolgreich besteht, zahlt ihm sein Arbeitgeber 40 Prozent der Kosten zurück. Und profitiert am Ende davon, auf einen weiteren gut ausgebildeten Experten zurückgreifen zu können.