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Geografen

Geografen sind Nicht-Spezialisten. Ihr Forschungsgebiet ist interdisziplinär wie kein zweites. Nur leider braucht sie außerhalb der Universität kaum jemand.




"Wie ist das Wetter heute?", fragt der Professor.

Geografie ist wohl das einzige Fach, bei dem eine solche Frage nicht zum Small Talk gehört, sondern eine ernst gemeinte Prüfungsfrage ist. Es geht um mein Vordiplom, 1994, an der Universität in Kiel.

Ich schaue aus dem Fenster, erzähle von Cumulus-Wolken und vom gemäßigten Klima in Schleswig-Holstein – dem Land zwischen den Meeren. Alles richtig. Das flutscht.

Nichts ist besser für die Allgemeinbildung als ein Studium der Geografie. Das glaube ich noch heute. Man lernt etwas über Gewässer und die formbildenden Prozesse der Erdoberfläche, über Klima und Bevölkerungsentwicklung, Siedlungsgeschichte und Städtebau, Kartografie, Verkehrsplanung, Industrie- und Gewerbeansiedlung. Und noch vieles mehr. Die Geografie ist von allem etwas. Geografen sind Nicht-Spezialisten. Ganz im Sinne von Alexander von Humboldt, der um 1800 durch Lateinamerika zog und mal hier eine Pflanze bestimmte, mal dort einen Vulkan vermaß oder einen Meteorschauer bestaunte.

Die nächste Frage: "Warum liegt denn das Silicon Valley dort, wo es liegt?"
Pause.
Stille.
Hä?

Geografen arbeiten interdisziplinär. Sie verstehen die einzelnen Fachgebiete und vermitteln zwischen den Spezialisten. Ein klarer Vorteil in Zeiten, in denen ein Forscher den anderen nicht mehr versteht – wenn sie denn überhaupt miteinander reden.

Auf dem Arbeitsmarkt wird der Vorteil schnell zum Nachteil. Wer kann sich schon so einen leisten, der alles irgendwie halb weiß. Was wird man damit? Außer Kandidat bei Günther Jauch?

"Wollen Sie auf der Landkarte nachschauen?", fragt der Professor. "Nein, nein, ich weiß, wo das Silicon Valley liegt", sage ich. Aber warum?

Am Schwarzen Brett des Geografischen Instituts hing damals ein denkwürdiger Zeitungsartikel: Wie man sich als Geograf bei einem Bewerbungsgespräch verhalten sollte. Demnach sollte man sein Gegenüber bloß nicht korrigieren, wenn es denkt, man ist Geologe. Denn Geologen sind Spezialisten. Die können etwas - ganz egal, ob der Arbeitgeber wirklich jemanden braucht, der Gesteinsschichten erkennen kann. Aber Geografie? Das ist doch Erdkunde. Das hatten wir alle in der Schule. Was will man mit jemandem, der die Hauptstädte Südamerikas aufzählen kann? Das lernt man zwar als Geografie-Student gar nicht, – eher schon, warum sie wo entstanden sind. Aber das Image zählt.

"Warum liegt das Silicon Valley dort, wo es liegt?"
Ja, warum nur – mir fiel nichts ein.

Heute könnte ich die Frage wohl beantworten. Aber damals? Damals kannte ich nur Christallers Theorie der zentralen Orte aus den Dreißigerjahren. Und mir waren diverse Theorien über Produktionsstandorte von Alfred Weber (dem Bruder von Max) geläufig. Damit versuchte ich es:

"Vielleicht, weil es nah dran ist an den Fundorten der Rohstoffe?"
"Was produzieren die denn dort?", fragt der Professor zurück.
"Computerchips – und Software."
"Und woraus bestehen Computerchips?"
"Aus Silizium – also eigentlich Sand."
"Und gibt es Sand nur im Silicon Valley?"

Natürlich nicht. Stattdessen versuche ich es mit den Transportwegen (Alfred Weber, die Zweite):

"Vielleicht, weil die Wege zu den Absatzmärkten kurz sind?"
Seine Gegenfrage: "Was wiegt denn so ein Chip?"
Okay, okay, Transportkosten sind bei Computerchips wohl eher nebensächlich.

Man könnte ja auch etwas anderes werden. Geografen arbeiten ohnehin selten als Geografen. Einige verwalten Immobilien, andere gehen in die Entwicklungshilfe oder sind Mediatoren bei Bauprojekten und vermitteln zwischen aufgeregten Bürgern, bauwütigen Architekten und ängstlichen Behörden. Oft sitzen sie selbst in einer ängstlichen Behörde: der für Stadtplanung.

Die hat viel zu tun, aber oft nichts zu sagen. Sie sitzt – ebenso wie der Geograf – zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite ist das Bauamt. Das hat in der Regel sehr viel Macht und Einfluss. Auf der anderen Seite steht das Umweltamt, das immer mehr Macht bekommt. Die Städteplaner haben oft nur eine vermittelnde Funktion. Sie malen hübsche Karten und versuchen zu überzeugen. Entschieden wird woanders.

Erst in den vergangenen Jahren fand ein Umdenken statt. Besonders in großen Städten wird die Stadtplanung mehr und mehr zur Leitbehörde. Die, die den großen Plan hat, dem die anderen folgen sollen. Da knirscht es im Behördenkorridor. Aber niemand bestreitet mehr, dass eine Gesamtplanung von Vorteil ist.

Der Professor grinst mich an. Ich kapituliere.
Und sage: "Na, nun verraten Sie's schon endlich, warum liegt das Silicon Valley dort, wo es liegt?"
"Na, weil man da so gut surfen kann", sagt der Professor. "Die suchen doch die besten Mitarbeiter weltweit. Und denen müssen sie auch was bieten können. Sonne und hohe Wellen."

Ich war bedient. Wie ich später erfahren habe, hat sich der Beisitzer, ein Doktor der Geografie, der die ganze Zeit über stumm neben dem Professor gesessen hatte, ziemlich über die Fragestellung aufgeregt. Die beiden hatten sich laut gestritten, als ich draußen im Flur auf mein Urteil wartete. Ich war überrascht, als ich dann doch eine gute Note bekam. Wohl, weil ich all die alten Theorien kannte. Auch wenn sie 100 Jahre später nicht mehr hilfreich sind. Weder in der Prüfung noch im Leben.

Die meisten meiner Kommilitonen haben übrigens ihren Job in fachfremden Berufen gefunden: Einer arbeitet bei einer Agentur, die Konzepte für Talkshows entwickelt. Ein anderer verkauft Versicherungen. Wieder eine andere ist jetzt Physiotherapeutin. Nur zwei haben tatsächlich den Sprung in die Stadtplanung geschafft. Nicht wenige haben nach ihrem Studium in irgendwelchen Trekking-Läden gearbeitet, weil sie wenigstens wussten, wo Nepal liegt.

Und ich hatte beim Versuch, diese eine Prüfungsfrage zu beantworten, mehr gelernt als im ganzen Studium.

Der Autor arbeitet als Journalist, gestaltet Web-Seiten, fotografiert für Ausstellungskataloge und moderiert eine eigene Musiksendung bei einem Hamburger Radiosender.