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Gerhard Flatz

Gerhard Flatz kämpft um die Zukunft einer Textilfabrik, deren Betrieb eigentlich viel zu teuer ist – weil sie in China steht. Seine Idee: "Made in China" soll zum Markenzeichen für Handwerkskunst und bedingungslose Qualität werden.




Ein Österreicher in China, der sich gern in die Karten schauen lässt: Gerhard Flatz

• Für einen Riesen wie Gerhard Flatz ist es ein bescheidenes Frühstück: zwei Scheiben Toast mit Ei, Schinken und Mayonnaise, serviert in einer Plastiktüte. "Unser Spezialsandwich" nennt der 36-Jährige die Kreation, die er seinen Kantinenköchen beigebracht hat, weil er den Tag nicht mit Reissuppe und chinesischen Dämpfbrötchen beginnen will.

Flatz ist zwei Meter groß und 150 Kilogramm schwer. Diese Informationen hatte seine Pressereferentin schon beim ersten E-Mail-Kontakt übermittelt, als spielten sie eine Rolle. Vielleicht tun sie das auch: Der Österreicher kämpft für maximale Transparenz in einer traditionell geheimniskrämerischen Branche. Warum sollte er da nicht auch mit seinen Daten offen umgehen?

Er ist Geschäftsführer der in Hongkong registrierten Textilfirma KTC Limited, mit Fabrik in Heshan, einer Industriestadt in der südchinesischen Industrieprovinz Guangdong. Die Abkürzung steht für Knowledge, Technology, Craft, was eher nach einem trendigen Designbüro klingt als nach einer Akkordnäherei. Das soll es auch. Denn die 2500 Angestellten produzieren Outdoor- und Funktionskleidung für Mammut oder Helly Hansen - teure Labels, die nicht damit werben, dass ihre Wetterjacken oder Schneehosen in China gefertigt werden. Das will Flatz ändern. "Die Textilbranche hat einen schlechten Ruf, weil viele denken, dass in China nur Ramschwaren produziert und Arbeiter ausgebeutet werden. Dabei müsste "Made in China" eigentlich eine Qualitätsmarke für hoch spezialisierte Handwerkskunst sein."

Made in China als Gütesiegel? Darauf muss man erst einmal kommen. Doch Flatz meint es ernst, und weil davon die Existenz seiner Fabrik abhängt, ist es ihm nicht egal, ob man ihm glaubt oder nicht. Er spült sein Spezialsandwich mit einer Tasse Kaffee herunter und greift sich das Telefon auf dem Konferenztisch. "Bring me the traverse jackets", verlangt er knapp und legt wieder auf. Durch die Glaswände blickt er über lange Tischreihen, an denen Angestellte unter kaltem Kunstlicht vor Bildschirmen sitzen. Nach wenigen Augenblicken kommt eine Kleiderstange mit bunter Skibekleidung angerollt, die Winterkollektion der exklusiven Schweizer Marke Mountain Force.

Flatz wuchtet sich hoch und wirft eine Jacke auf den Tisch. "Das ist das Feinste vom Feinen", verkündet er und beginnt mit einer fachmännischen Ausführung über gekrumpfte Stoffe, gebondete Nähte, gelaserte Tascheneingriffe, zwölffachen Stretch. 65 unterschiedliche Materialien seien in dieser Jacke verarbeitet, rechnet er vor. Der Schnittbogen bestehe aus 216 Einzelteilen, die in 520 Produktionsschritten und 780 Minuten Handarbeit zusammengesetzt würden.

Wenn die Jacken ab Ende September in Europa in den Läden hängen, werden sie 799 Euro kosten. Wer so viel Geld bezahle, verlange Perfektion, sagt Flatz. "So etwas kann man heute in Europa kaum noch herstellen, nicht nur wegen der Lohnkosten, sondern weil es fast keine Arbeiter mehr gibt, die sich mit den neuesten Produktionsmethoden und Maschinen auskennen."

Er kam vor 15 Jahren als Einkaufsleiter zu KTC nach Heshan, ein unerschrockener Anfangzwanzigjähriger aus den österreichischen Alpen, der eine Ausbildung in einem Speditionsunternehmen gemacht und in Abendkursen Betriebswirtschaftslehre studiert hatte. Er blieb zunächst zwei Jahre und kehrte 2002 als Logistikdirektor zurück. Als er 2008 Geschäftsführer wurde, war die Fabrik für ihn längst mehr als ein Job. Natürlich weiß er, dass viele in Europa bei China unwillkürlich an Sweatshops denken, und er würde nie leugnen, dass in vielen Fabriken schäbiges Zeug unter miserablen Arbeitsbedingungen produziert wird. Aber das sei eben nur ein Teil der Wirklichkeit. Die Geschichte seiner Firma zeige die andere Seite, jenseits der gängigen Stereotypen. "Deshalb ist es so wichtig, dass wir Transparenz schaffen und den Verbrauchern wieder vermitteln, unter welchen Bedingungen ihre Kleidung produziert wird."

KTC gehört zu den Pionieren der globalen Arbeitsteilung. Gegründet wurde die Firma 1971 in Hongkong von Unternehmern mit österreichischen Wurzeln. Die britische Kronkolonie war einer der frühen Billiglohnstandorte, und zu den ersten Kunden gehörte Adolf Dasslers Adidas, wo man erkannte, dass deutsche Qualität nicht unbedingt auch in Deutschland produziert sein muss. An Fabriken in der Volksrepublik war damals noch nicht zu denken; das Land steckte noch im blutigen Chaos der späten Mao-Zeit. Doch nach dem Tod des "Großen Steuermanns" 1976 setzte China auf die Marktwirtschaft und öffnete sich für ausländische Unternehmen. Hongkongs Geschäftsleute waren die Ersten, die das gewaltige Potenzial erkannten. 1981 eröffnete KTC seine Fabrik in Heshan, um dort für Adidas Regenkleidung herzustellen. Die Verlagerung betraf nicht nur die Textilfabriken in Deutschland, sondern auch jene in Hongkong, denn auch die waren nicht mehr konkurrenzfähig. Nur hoch spezialisierte Produktion konnten sich dort halten.

Billiglohnland China? Das war einmal

In den folgenden zwei Jahrzehnten zog China die arbeitsintensive Massenproduktion an wie ein Magnet, wurde zur sprichwörtlichen Werkbank der Welt. Doch die Volksrepublik ist nicht die Endhaltestelle der Outsourcing-Karawane. Mit dem Wirtschaftswunder sind Ansprüche und Löhne gestiegen. Der Staat verlangt immer höhere Steuern und Sozialabgaben. Ökonomen prognostizieren das Ende des billigen Chinas.

"China ist inzwischen so teuer, dass man hier einfache Textilien kaum noch produzieren kann", sagt Flatz. Produkte, die bis vor Kurzem noch aus der Volksrepublik kamen, würden inzwischen in Laos, Kambodscha, Bangladesch oder Burma gefertigt und von dort sogar nach China exportiert. Auch KTC ist dem Trend gefolgt. Schon 1995 eröffnete das Unternehmen ein Werk in Laos, zunächst um nicht von chinesischen Ausfuhrquoten abhängig zu sein, aber natürlich auch wegen der niedrigen Löhne. An der Fabrik in Heshan hält man dennoch fest. Nicht, weil sich die Eigentümer ihren Arbeitern nach mehr als drei Jahrzehnten verpflichtet fühlten, sondern auch, weil sie in ihnen längst mehr sehen als austauschbare Fließbandkräfte. "Unsere besten Näherinnen sind fast von Anfang an dabei und haben heute eine riesige handwerkliche Erfahrung", sagt Flatz. "Das sind für mich echte Spezialisten." Auch die chinesischen Manager seien hochprofessionell. Aus einem Werk für einfache Regenjacken ist eine Produktion für High-End-Waren geworden: Skimode, Jagdkleidung und Sportfunktionswäsche, aber auch Schutzkleidung für Bohrinselarbeiter, Bergwachtuniformen und Anzüge für Profi-Taucher.

"Ich zeig's Ihnen", sagt Flatz, stemmt sich hoch und macht sich auf den Weg Richtung Produktionshalle. Der Komplex ist verwinkelt, immer wieder sind neue Gebäude angebaut und mit Brücken verbunden worden. "In vielerlei Hinsicht sind die Produktionsprozesse in der Textilherstellung komplexer als in der Autoindustrie." Wieder so ein Flatz-Satz, den er sich sorgfältig zurechtgelegt hat, zur Eröffnung seiner Leistungsschau. Er führt durch eine große Lagerhalle mit Stoffbahnen und Hunderten Kisten voller Knöpfe, Garn, Reißverschlüssen, Kordeln oder Klebstoff. "Bei unseren Produkten sind 95 Prozent der Materialien importiert", sagt er. Hinter der globalen Arbeitsteilung stecke schließlich mehr als nur eine Jobverlagerung nach China. Bei der Traverse-Jacke komme der Oberstoff beispielsweise aus Japan, der Futterstoff aus Taiwan, der Kleber aus den USA, das Nähgarn aus Deutschland und das Ärmelbündchen aus Frankreich.

Welche Materialien zum Einsatz kommen, entscheidet Flatz gemeinsam mit den Designern seiner Kunden. Proben lässt er vorab in seinem Labor testen: Stoffe werden bis zu hundertmal gewaschen und getrocknet, auf Abfärbungen, Abrieb, Fusselbildung untersucht; man prüft, wie stark die Textilien einlaufen oder im Sonnenlicht ausbleichen. Farben und Klebstoffe werden auf Stoffe und Garne abgestimmt. Nicht zuletzt wird sichergestellt, dass die fertigen Kleidungsstücke den Containertransport unbeschadet überstehen, bei dem sie Temperaturen von bis zu 150 Grad Celsius und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit ausgesetzt sein können.

Steht die Materialliste fest, braucht Flatz zwei bis drei Monate, bis für einen Auftrag alle Zulieferungen im Lager sind. Dort wird noch einmal fünf Tage lang getestet. Stoffe werden Meter für Meter unter die Lupe genommen und in einem sogenannten Krumpfer auf 160 Grad Celsius erhitzt, um sie zum Einlaufen zu bringen. Die Maschinen dafür hat KTC zusammen mit japanischen Ingenieuren entwickeln lassen. "Diese Vorarbeiten sind teuer und zeitaufwendig, aber Ausschuss kostet noch viel mehr Geld", sagt Flatz. Ein Zehntel der gesamten Belegschaft sei mit den diversen Qualitätstests beschäftigt. Wer Made in China zum Gütesiegel adeln will, kann sich keine unzufriedenen Kunden leisten.

Dann beginnt die Handarbeit. An 58 Produktionslinien wird geschnitten, gestickt, gestanzt, genäht, geklebt, gebügelt und immer wieder getestet. Auch hier sind einige der Maschinen Spezialanfertigungen, etwa die Nahtverschweißer, die Klebstoff mit Temperaturen von bis zu 620 Grad aufbringen. An die Apparate lässt Flatz nur seine erfahrensten Arbeiterinnen, denn vom richtigen Durchlauftempo und Zug hängt es ab, ob die Nähte hinterher wirklich sauber abgedichtet sind. Doch auch einige scheinbar einfache Handgriffe erfordern hohe Fingerfertigkeit, etwa das Entfernen von überhängenden Stickereifäden, wobei die spitzen Scheren die laminierten Stoffe nicht beschädigen dürfen, weil sie sonst undicht werden.

"Früher war Schneider ein hoch angesehener Beruf, aber durch die Globalisierung haben die Konsumenten jedes Gefühl dafür verloren, wie viel Detailarbeit in einem anspruchsvollen Kleidungsstück steckt", doziert Flatz, während er seinen Arbeiterinnen – 80 Prozent der Belegschaft sind Frauen – bei der Arbeit zusieht. Er trägt lässige Freizeitkleidung, und wenn er durch die Reihen schreitet, erinnert er an einen Truthahn auf einem Hühnerhof. Der Umgangston ist locker.

Die Marketingstrategie: totale Transparenz

Die meisten Leute verdienen 3000 Yuan (360 Euro) im Monat, sie arbeiten im Schnitt 60 Stunden pro Woche. Das entspricht dem Niveau anderer Fabriken in der Region. Anders als in Werken, in denen nur einfache Massenware produziert wird, gibt es bei KTC jedoch Aufstiegsmöglichkeiten. Die besten Näherinnen bringen es auf ein Monatsgehalt von bis zu 6500 Yuan, was bereits einem Mittelschichtseinkommen entspricht. Hinzu kommen Annehmlichkeiten wie vollklimatisierte Arbeitsräume, ein gepflegtes Wohnheim, Freizeiträume und Vollverpflegung in der Kantine. Dass die Fluktuation mit 15 Prozent vergleichsweise niedrig ist, sieht Flatz als einen Beleg dafür, dass sich die Leute ordentlich behandelt fühlen. Auch die Tatsache, dass viele Arbeiterinnen aus der Umgebung kommen und nicht aus armen Hinterlandsprovinzen, spreche für die Firma. Die Bedingungen lässt KTC regelmäßig von internationalen Arbeiterrechtsorganisationen zertifizieren. Außerdem ist das Unternehmen kürzlich als erster Produktionsbetrieb der Fair-Wear-Foundation beigetreten, einer Vereinigung von Markenunternehmen, die sich zu menschenwürdigen Produktionsstandards verpflichten.

Doch das könne noch nicht alles sein, findet Flatz. Inzwischen ist es Abend, und er isst nun ausgiebiger als am Morgen. Im Erdgeschoss der Fabrik hat sich das Management einen kleinen Freizeitraum eingerichtet. Das Ambiente hat schlichten Provinzcharme: Es gibt eine Sofaecke, eine Bar und eine Küchenzeile. Aber der Kühlschrank ist gut bestückt mit deutschem Importbier, und einer der KTC-Gründer, der an einem südafrikanischen Weingut beteiligt ist, hat ein paar Kisten erstklassigen Shiraz mitgebracht. Der Kantinenkoch serviert Steaks, Lachs, Salat und Pommes frites. "Wenn wir wollen, dass die Konsumenten Made in China vertrauen, dann müssen wir ihnen ermöglichen, genau nachzuvollziehen, wo und wie ihre Produkte hergestellt werden", fährt Flatz fort. Dazu reiche es nicht aus, dass sich Marken zu Sozialstandards bekennen. Sie sollten auch offenlegen, an wen sie ihre Fertigungsaufträge vergeben und wie viel die Waren in der Herstellung kosten. Für die Traverse-Jacke, die in Europa für 799 Euro verkauft werde, berechne er Mountain Force 153 US-Dollar. Die Spanne sei durchaus branchenüblich, obwohl in der Öffentlichkeit niemand gern darüber spreche. "Aber solange wir ein Geheimnis darum machen, wie unsere Branche funktioniert, wird es auch Misstrauen geben", sagt Flatz.

Er möchte KTC zu einer eigenen Marke aufbauen. Seine Kunden sollten damit werben können, dass sie in einer Fabrik fertigen lassen, bei der jeder hinter die Kulissen schauen dürfe – genau das Gegenteil von Foxconn, dem berüchtigten taiwanesischen Elektronikkonzern, bei dem Apple unter größter Geheimhaltung seine iPhones und iPads fertigen lässt. Für Schlüsselkunden hat der Geschäftsführer bereits einen schicken Bildband erstellen lassen, mit dem europäische Verkäufer und Kunden darüber aufgeklärt werden sollen, dass sie nicht ein Stück Fließbandware in der Hand halten, sondern beste Handwerksarbeit. Das sei auch Marketing, keine Frage, aber wer es nicht glaube, könne gern nach Heshan kommen und KTC besichtigen, verspricht Flatz.

Die Firma Mountain Force hat er sogar überzeugen können, noch einen Schritt weiter zu gehen. Sie verweist nicht nur auf ihrer Website auf die Ursprungsfabrik, sondern auch im Kragen jeder Jacke. Dort steht: "Made in China by KTC".

Globale Arbeitsteilung am Beispiel der Herstellung einer Skijacke der Marke Mountain Force in der Fabrik der Firma KTC in Heshan in der chinesischen Provinz Guangdong Produktionsprozess: Komponenten pro Jacke 65
Schnitt-Teile pro Jacke 216
Arbeitsschritte 520
Arbeitszeit 780 Minuten Produktionskosten: Material 78,65 Dollar
Arbeit 64,35 Dollar
Profit KTC 10 Dollar
Gesamte Herstellungskosten (ab Verschiffungshafen, "Free on Board") 153 Dollar
Ladenpreis 799 Euro (zirka 1000 Dollar) Quelle: KTC