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Samstag Rad

Christopher Lewis hat aus Schrott eine Marke aufgebaut. Dass er davon leben kann, überrascht ihn selbst.




• Es ist vielleicht nicht höflich, den Mann gleich im ersten Satz einen Fetischisten zu nennen, aber es ist die Wahrheit. Christopher Lewis ist 50 Jahre alt, und er ist Fahrradfetischist. Er sieht etwas in alten Stahlrahmen, das andere nicht sehen. Sie bergen eine Wahrheit, nach der er lange gesucht hat. Er fand sie nicht als Werbefilmer, die Branche war ihm zu aufgesetzt, und nicht als Maler, der Kunstmarkt war ihm zu beliebig. Jetzt hat er eine Wahrheit gefunden, jetzt, da er in einer alten Spenglerei in München sitzt, kaum größer als eine Garage, und schrottige Fahrräder in schicke Unikate verwandelt.

Aus drei historischen Rädern macht Lewis ein neues. Erst schraubt und hämmert er die alten auseinander, dann übergibt er die Stahlteile dem Pulverbeschichter und sucht passende Schutzbleche, Pedale, Bremsen, Schaltungen, Lampen. Er bestellt einen Sattel beim Sattler, schraubt alles wieder zusammen und ist fast fertig. Nur das Finish fehlt noch, der Samstag-Schriftzug, der leicht erhaben auf jedem Rahmen steht.

Seine Fahrräder hießen Samstag, sagt Lewis, weil das der Tag sei, an dem man spinnen dürfe, an dem Ideen entstünden. In seinem Fall wurde etwas daraus. Und das, obwohl ihm jeder von dem Geschäft mit den Schrotträdern abgeraten hatte. Hätte er einen Anschubkredit gebraucht, wäre aus Samstag wohl nichts geworden. "Bei der Bank hätte ich nicht mal einen Termin bekommen", sagt er.

Seine ersten Kunden waren Freunde. Sie fragten: "Kann ich so was auch bestellen?" Er antwortete: "Ähm, weiß nicht." Er war unsicher, bis er sich entschied, selbst an seine Idee zu glauben. Dass er es wagte, hat ihm den Respekt der Fahrradhändler eingebracht. Sie bewundern seinen Mut, ein paar von ihnen sagen, dass sie so etwas auch immer machen wollten, es ihnen aber zu riskant erschien.

Auch die Männer aus der Autowerkstatt nebenan wunderten sich, als dieser Künstler immer mehr alte Räder in sein Atelier schob. An ungläubige Blicke hat sich Lewis längst gewöhnt, aber mutig würde er sich nicht nennen. Er mache nur das, sagt er, was er am liebsten machen wolle. Das klingt einfach, das klingt nach Samstag.

Mittlerweile lebt er von seinen Rädern, in dem halben Jahr, seitdem es Samstag gibt, hat er mehr als 30 verkauft. Die Zahl der Bestellungen wächst stetig. Ein Modell kostet zwischen 800 und 1800 Euro. Entweder man nimmt ein fertiges Teil mit, oder man lässt sich ein individuelles zusammensetzen. Bis feststeht, wie das aussehen soll, vergeht viel Zeit, allein die Entscheidung, welche der 200 Farben es sein soll, ist keine einfache. Nach dem Kauf muss der Kunde sich noch einmal entscheiden. Will er ein Kunstwerk? Dann stellt er sein Samstag-Rad einfach irgendwo in die Wohnung. Will er einen Gebrauchsgegenstand? Dann fährt er damit durch die Straßen.

Noch sind sämtliche Kunden Münchener, aber wenn Lewis seine Augen schließt, sieht er seine Räder durch Tokio und New York fahren. Obwohl der Kundenkreis klein ist, ist Samstag eine Marke geworden. Nicht mit Geschäftsplan, sondern einfach so. Lewis hat es geschafft, das, was er in den alten Rädern sieht, die an Straßenecken und auf Hinterhöfen dahinvegetieren, zu vermarkten. Und zwar unangestrengt: Seine Räder sollen nicht alt aussehen, sie sind alt. Das kommt an. Es ist das Gegenprogramm zu Unternehmen wie Manufactum, die Neues herstellen, das alt aussieht.

Die Firma gedeiht, schon ist die Spenglerei zu klein geworden. Immer öfter stößt sich Lewis den Kopf an den Rahmen und Schutzblechen, die von der Decke hängen. Noch ein paar Bestellungen, und Lewis muss einen Mechaniker einstellen. Dass es so kommen würde, hatte er nicht geplant, eigentlich hatte er es nicht mal zu hoffen gewagt. Nun, manchmal ist die Realität einfach schneller als der Kopf.

"Wenn ein Fahrrad sprechen könnte", sagt Lewis – er will nicht missverstanden werden, er ist kein Esoteriker –, nur mal angenommen, ein altes Fahrrad könnte sprechen, ein Peugeot, ein Herkules oder ein Flieger, dann "würde es sagen: Rette mich." Das denken auch manche Besitzer. Immer öfter kommen jetzt Leute vorbei, die ihm alte Räder schenken, weil sie es nicht ertragen, ihnen beim Verrosten zuzusehen.

Natürlich geht Lewis auch selbst auf die Jagd, im Winter hat er ein Exemplar hinter dem Ostbahnhof aus knietiefem Schnee gezogen, auf dem Gepäckträger klemmte ein kaum noch lesbarer Zettel: "Fahrtüchtig. Zu verschenken." Den Zettel hat er aufgehoben, er steckt in der Schublade einer Werkbank.

Er ist der Beweis dafür, dass seine Idee geteilt wird. --