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Vipp

Die Firma Vipp hat sich vor Jahrzehnten auf Mülleimer spezialisiert und daraus Designobjekte und ein gutes Geschäft gemacht. Seit einiger Zeit aber wagen sich die Dänen auf neues, unbekanntes Gebiet. Warum?




• Was macht man nicht alles aus Liebe? Man sucht nach Worten, die den anderen verzaubern. Man komponiert Lieder, die den anderen berauschen. Man sammelt Blumen, die graue Tage mit etwas Farbe versehen, reist durch die Nacht, zu den seltsamsten Orten, und wenn es sein muss, reißt man sich das ein oder andere Bein aus.

Holger Nielsen aus Randers baute für seine Frau einen Mülleimer.

Er betrieb eine Werkstatt mit Drehbank, seit er in der Lotterie ein Auto gewonnen und mangels Führerschein wieder verkauft hatte. Dort verarbeitete er tagsüber Metall mit derselben Präzision, mit der er abends in einer Tanzschule Schritte lehrte. Er hatte Geschmack, ein Gefühl für Formen und Farben. Und als Marie, die Frau, die er gerade geheiratet hatte, trotz leerem Geldbeutel von der Eröffnung eines eigenen Friseurladens träumte, half er mit Rat – und besagtem Eimer. Sie war im Glück, der Laden bald eröffnet, und so beendete das Paar die Dreißigerjahre mit gleich zwei durchaus florierenden Geschäften.

Denn der Eimer kam auch außerhalb des Friseurladens gut an. Er war ein ebenso robustes wie hygienisches Ding, geradlinig und schlicht gestaltet. Das konnten die Ärzte brauchen, deren Gattinnen den Eimer bei Marie entdeckten, und bald stand er auch auf Fähren, in Hotels oder Tankstellen – oder wo auch immer Profis Bedarf an einer hygienischen Mülltonne hatten.

So wurde aus Holger, dem aufmerksamen Ehemann, Holger, der Vater des Vipps, einer Mülltonne mit Pedal, schlankem Zylinder und rundem Deckel, die die gleichnamige Firma bis heute produziert. Die Tonne hat es sogar zum Statussymbol gebracht für Menschen, die ihren 300 Euro teuren Mülleimer mit demselben Stolz präsentieren wie das neue Tablet auf dem Tisch.

Aber macht das die Firma auch automatisch zum Spezialisten für Küchen und Bäder?

Der Tausendsassa

Für den jungen Mann, der die Firma heute leitet, ist das keine Frage. Okay, sein Großvater war ein Handwerker. Der ging darin auf, jeden Morgen vom Wohnhaus über den Hof in die Werkstatt zu laufen und die Maschinen anzuschalten. Der fand Gefallen daran, an seinen Eimern zu feilen, maßgeschneiderte Versionen zu konstruieren, und das Nebeneinanderher-Arbeiten mit seinem wortkargen Angestellten schätzte er auch. Mehr brauchte er nicht.

Kasper Egelund freilich hat andere Interessen. Der Absolvent der Copenhagen Business School stürmt im weißen Hemd durch den hellen Altbau nahe Islands Brygge, durch Büros, in denen nur die Mülleimer für etwas Farbe sorgen. Er habe das Gefühl, das 70 Jahre alte Unternehmen stehe noch immer "am Beginn einer großen Reise", sagt er. Er jedenfalls will noch was wuppen.

Als er das Obergeschoss der umgebauten Buchdruckerei erreicht hat, malt er mit dem Finger eine Weggabel in die Luft und sagt: "Wir hatten zwei Möglichkeiten. Wir hätten entweder weiter Eimer produzieren können wie Großvater", Vipps in allen Variationen und Farben, hier und da um einige Beiprodukte ergänzt wie die Klobürste und den Seifenspender, die es schon länger gibt. "Oder aber, wenn man mehr will ...?" Wenn man mehr will, könne man erkennen, dass die Kunden nicht nur eine schöne Klobürste brauchen könnten, die zum stylischen Mülleimer passt, nicht nur Seifenspender und Handtuchhalter, sondern eine ganze Küche zum Eimer, in die wiederum Keramikbecher und Keramikschalen passen: "Was uns wiederum einen Showroom ermöglicht und ein besseres Branding und weiteres Wachstum."

Diejenigen, die ihn für größenwahnsinnig halten, sagen: Da könnte man ja gleich als Reifenhersteller auf die Idee kommen, in den Automobilbau einzusteigen.

An Egelund perlt das ab. "Wir sind doch frei und nicht von der Produktion im eigenen Haus abhängig", sagt er. "Wir können uns darauf konzentrieren, in Ruhe die Produkte zu entwickeln, die wir uns als Kunden wünschten. Wir sind nicht auf Mülleimer spezialisiert, sondern auf eine bestimmte Ästhetik und Qualität. Und auf die Suche nach Partnern, die das Ganze für uns hochwertig produzieren, so wie wir es nach Großvaters Tod ja auch gemacht haben, als wir die Werkstatt in Randers schlossen."

Ein ambitionierter Mann. Der bei der Beschreibung seiner Vision schnell auf Ralph Lauren kommt, den Mann, der mit dem Verkauf eines Lebensgefühls seit Jahrzehnten viel Geld macht: "A kind of one-man Bauhaus", hieß es über Lauren mal im "New Yorker", "a producer of everything from fabrics to furniture to buildings, all of which, taken together, form a composite, a fully designed life". Doch kaum dass er den Namen erwähnt hat, rudert er zurück: "Das kann man ja gar nicht vergleichen. Aber wir greifen jetzt die Hersteller von Designgeschirr und Küchenmöbeln an."

Seine Augen leuchten, als sei endlich Schwung in die Bude gekommen.

Die Sache mit der Nische

Im Prinzip kann es eine gute Idee sein, die Produktpalette auf mehrere Füße zu stellen. Denn auch wenn Egelund über solche Gedanken hinweghuscht: Vielleicht sind eine schicke Klobürste und der passende Seifenspender, die wenigen Gegenstände also, mit denen Vipp bereits vor etlichen Jahren seine Eimerkollektion ergänzte, tatsächlich nicht genug, um für die Zeit gerüstet zu sein, in der der Markt für schicke Mülleimer fürs Erste satt sein wird. "Die Hersteller von Luxusprodukten", sagt Erik Hansen-Hansen vom Dänischen Zentrum für Designforschung, "sollten ein Bewusstsein dafür haben, dass in den vergangenen Jahren außergewöhnlich viel Geld im Umlauf war. Es können andere Zeiten kommen."

1200 Eimer baute Gründer Nielsen im Jahr, 10000 waren es zur Jahrtausendwende, als seine Tochter das Unternehmen leitete. Und in den Jahren danach, als der Vipp von Designstars und Magazinen zum Kult erklärt wurde, ging es weiter munter aufwärts. Wie aber soll es jetzt weitergehen? In den meisten dänischen Yuppie-Heimen scheint so ein Vipp schon zu stehen, in vielen Ferienhäusern ebenfalls, und die Konkurrenz (die ersten Gerichtsverfahren gegen Nachahmer gab es) schläft auch nicht unbedingt. Der Versuch, das Geschäftsrisiko ein wenig zu verteilen, ist nicht verkehrt. Mit der Aufmerksamkeit für neue Produkte könnten auch die alten noch einmal ins Gespräch kommen.

Doch die Erweiterung der Angebotspalette birgt Risiken. "Der Markenkern muss erkennbar bleiben", sagt Klaus Heine, Fachmann für Luxusmarken, "und die Qualität der neuen Produkte muss stimmen, weil das sonst auf die ganze Marke abfärbt. Da ist es womöglich cleverer, in der Nische zu bleiben, in der man geschätzt wird, und neue Märkte für das Kernprodukt zu erschließen."

Weiß Vipp, auf welches Abenteuer es sich da eingelassen hat? Als Kasper Egelund nebenbei erwähnt, dass auch Skeptiker überzeugt werden mussten, sagt der Pressesprecher: "Ich wusste anfangs nicht, welche Geschichte ich nun erzählen sollte."

Warum? Darum!

Nun gut. Es geht nicht immer nur um Zahlen und nüchternes Kalkül. Vipp scheint ein eher bauchgesteuertes Unternehmen zu sein – da muss man sich nur mit Kaspers Mutter Jette unterhalten, der Frau, deren Intuition das Unternehmen groß machte. Elegant gekleidet steht sie an diesem verregneten Vormittag im neuen Showroom an der Ny Østergade, lässt den Blick über Bad-Armaturen und Handtücher gleiten, über die Salzstreuer und Keramikbecher, die Küchenmöbel hinter den Mülleimern, und während eine ähnlich elegant gekleidete Kundin einen ziemlich teuren Seifenspender begutachtet, sagt Jette Egelund aus der Distanz: "Sich nur auf Mülleimer zu beschränken wäre auf Dauer langweilig gewesen. Eine Firma ist ein lebendiger Organismus, der sich weiterentwickeln muss."

Jette Egelunds Geschichte begann weder in einer Werkstatt noch in einem Business-Seminar. Sie ist eigentlich Sozialarbeiterin und arbeitete lange in der Personalabteilung eines Fährunternehmens. Als der Vater 1992 starb, übernahm sie den Betrieb – in Erinnerung an die Kindertage in der Werkstatt, aus Angst vor einem lieblosen Neubesitzer und aus Frust über ihren eingefahrenen Alltag in der Großstadt. Sie habe einfach gespürt, sagt Jette Egelund, dass die Firmenübernahme eine Chance war, wie sie das Leben einem nur ganz selten gönnt. Manchmal müsse man einfach machen, was man für richtig halte.

Das war nicht leicht. Ihr Vater hatte weder Skizzen hinterlassen noch Aufzeichnungen. Aber es gab einen Mann, der die Maschinen bedienen konnte. Und als die hydraulische Presse streikte, fand Jette Egelund das Unternehmen Rustfri DK, das damals auf Lolland, heute in Lettland die Vipps in genau der Qualität produzieren konnte, die sie von ihrem Vater gewohnt war. Das ermöglichte ihr den Umzug nach Kopenhagen, zu den Kindern: "Die studierten und halfen mir, schon weil ich damals von meinem Mann verlassen worden war."

Ihr wichtigstes Kapital war ihre Intuition. Zunächst klapperte sie zwar die alten Firmenkunden des Vaters ab, hatte aber bald die Idee, den Eimer verstärkt in die Privathäuser zu bringen. Sie putzte Klinken, vor allem aber fuhr sie zur Haushaltswarenmesse "Ambiente" nach Frankfurt. Mit einem Handwagen, auf den sie einen Eimer geschnallt hatte, warb sie dort für ihr Produkt.

So kam der Vipp ins Angebot von Illums Bolighus in Kopenhagen, Conran in London und Manufactum in Deutschland, stand im Museum of Modern Arts in New York und im Pariser Louvre. Offenbar passte der dänische Pedaleimer zum Zeitgeist und riss alle hin, die eine auf das Wesentliche reduzierte Optik schätzten, vom billigen Plastik genervt waren und das nötige Kleingeld mitbrachten.

Für eine Frau, die das alles nicht gelernt hatte, das Handwerk nicht, das Kalkulieren nicht und auch nicht die Logistik, muss das ein großer Schritt gewesen sein. Sie war klug genug, die ersten Einnahmen in eine Buchhalterin und Profis für Marketing und Design zu investieren. Und Maß zu halten. Als ihr der Sohn nach einigen Jahren im Unternehmen eröffnete, er werde nach dem Auslandseinsatz für Vipp nicht mehr in die Firma zurückkehren, weil er ihr Kleinklein nicht länger ertrage, setzte sie einen Geschäftsführer ein, der einen Kurs fuhr, wie sie ihn vertreten konnte: eher vorsichtig, den Eimer nur dezent um neue Produkte ergänzend.

Doch als sich Kasper eines Abends per Skype aus New York meldete, wo er die Verkaufsräume der großen Küchenhersteller gesehen hatte, ließ sie sich von der Begeisterung ihres Sohnes anstecken: "Er war gerade Vater geworden. Er fragte, ob wir nicht einmal Küchen probieren wollten. Küchen! Dafür käme er zurück. Dieser Mut hat mich begeistert." Bald darauf übernahm der Junior die Geschäftsführung, und das Tempo bei der Produktentwicklung zog an.

Eine einfache Antwort auf die Frage, ob der Einstieg in den Küchenbau zu Vipp passt oder nicht, gibt es nicht.

Das Versprechen

Überhaupt, sagen sie in Kopenhagen, wenn man zu sehr nach den Zahlen, dem richtigen Kurs und dem richtigen Timing fragt: "Wo ist das Risiko, wenn man weiß, was man tut und nicht über Nacht mit einem telefonbuchdicken Katalog aufwartet? Unsere Produktpalette ist doch trotz allem nicht größer als die von Apple, und wir haben viel Zeit in die Entwicklung gesteckt."

Vor allem haben sie Leute gefunden, die Vipp verstehen und auf die nächste Stufe heben könnten, leidenschaftliche, vom Leben noch etwas erwartende Leute wie sie selbst. Morten Bo Jensen etwa, einen jungen Designer, der nach dem Studium zu Vipp kam und nun für eine einheitliche, sich vorsichtig vom Retro-Look absetzende Produktlinie verantwortlich ist. Oder Annemette Kissow, eine Keramikkünstlerin mit einnehmendem Charme – Jette Egelund lernte sie und ihre handgemachten Becher in einer Eckwerkstatt am Botanischen Garten kennen. Keramik? Warum eigentlich nicht, bei all dem kalten Metall.

Kissow schaut kurz herein, sie ist unter Strom, am Abend wird sie nach China reisen, um den dortigen Serienproduzenten noch besser in das Geheimnis ihrer Becher und Schalen einzuweihen. Wenn sie von Vipp redet, klingt es nach großem Kino. Wohl auch, weil sie dank der Zusammen arbeit mit der Mülleimermarke deutlich mehr Geld verdient als im Geschäft an der Kronprinsessegade.

"Es gibt dieses Versprechen, wenn man zu einem Unternehmen wie Vipp stößt", sagt Kasper Egelund, der Chef von heute 34 Mitarbeitern. "Man will, dass die Geschichte weitergeht. Ich will, dass wir uns selbst herausfordern."

Schwer zu sagen, was an solchen ein wenig künstlich klingenden Sätzen dran ist. Fest steht, dass sie bei Vipp derzeit ohne Kopfschmerzen zu Bett gehen können. Zwei Drittel des Umsatzes machen die Produkte abseits des Eimers bereits aus, der Gesamtumsatz steigt nach eigenen Angaben weiter, die Treteimerproduktion läuft auf stabilem Niveau. Und falls alles schiefgeht und die Metallküche, die sie an diesem Morgen ins Ausland verkauften, eine Ausnahme bleibt, haben sie immer noch Reserven aus den Gewinnen der vergangenen Jahre.

Von den Mülleimern gar nicht zu reden, deren Farbe in dieser Saison dem Kupfergrün der Kopenhagener Dächer nachempfunden wurde. Sie sehen fast so schön aus wie die beiden vergoldeten, die ein Lakritz-Fabrikant unlängst bestellte. Die Welt ist groß, und der Abfall wird nie ausgehen.