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"Wir brauchen dich"

Es gibt kaum ein größeres Risiko, als im falschen Viertel aufzuwachsen. Und die Gettos von Los Angeles sind ganz falsch. Ohne Pater Boyle wären sie für viele der sichere Tod.




• "Komm in mein Büro! Wir haben Jobs!" Das ist ein Satz, den die meisten, die auf Pater Gregory Boyle warten, schon lange nicht mehr gehört haben. Jedenfalls nicht, wenn sie wahrheitsgemäß bekennen, dass sie vorbestraft sind. Wie immer sind die Stühle in der Lobby von Homeboy Industries, einem modernen Glas-Beton-Bau in Downtown Los Angeles, voll besetzt: mit vier Dutzend meist muskulösen jungen Männern mit auffälligen Tattoos. Nervöses Schweigen. Nur das Rascheln der Aufnahmeformulare ist zu hören. Und der sanfte Singsang aus dem Büro von Boyle. "Mijo, hast du heute schon was gegessen?", fragt der Jesuitenpater (den hier alle Father G. nennen) einen schmalen Latino-Jungen, dessen teilnahmsloser Blick nicht verrät, was er durchgemacht hat, bevor er sich entschloss, den Traum vom schnellen Drogengeld gegen einen 8-Dollar-die-Stunde-Job zu tauschen. Der als Mijo, mein Sohn, Titulierte schüttelt den Kopf. Boyle drückt ihm einen klein gefalteten 20-Dollar-Schein in die Hand und tätschelt sie. "Du bist so viel mehr als die schlimmste Sache, die du je angestellt hast."

Für die meisten sind es nur Kriminelle.
Für Pater Greg Boyle sind es Talente

Homeboy Industries ist Amerikas größtes Resozialisierungsprojekt für Gang-Aussteiger. Sie kommen aus den riesigen Gettos von East und South Central Los Angeles. 90 000 Gang-Mitglieder soll es laut Schätzungen dort geben. Bei Boyle bekommen sie die Chance zu einem anderen Leben. Nur eine Glasscheibe trennt den Pater mit dem weißen Vollbart vom Warteraum. Wer zu ihm kommt, hat seine volle Aufmerksamkeit. Ein geflüsterter Segen für einen, der seinen ersten Job "draußen" antritt. Eine Umarmung für einen aus dem Gefängnis zurückgekehrten Mitarbeiter. Und immer wieder ein bestärkendes Nicken, das sagt: "Wir brauchen dich." Als Bäcker in der Homeboy Bakery. Als Bedienung im Homegirl Café. Als Textildrucker in Homeboy Silkscreen. Oder als Installateur von Solarzellen-Paneelen. Würde das Unternehmen nach betriebswirtschaftlichen Regeln geführt, müsste Boyle die halbe Belegschaft entlassen. Doch er gab noch nie viel auf Bilanzen: "Wir stellen keine Homies an, um Brot zu backen. Wir backen Brot, um Homies anzustellen." Deren Arbeitsverträge mögen sich kaum von denen der Angestellten eines beliebigen Supermarktes unterscheiden. Und doch gelten hier andere Regeln. "Gut", sagt Boyle, "wir feuern auch Leute. Aber niemand wird endgültig abgeschrieben. Jeder kann so oft wiederkommen, wie er mag, und neu anfangen."

Einer der Homies, wie sich die Mitarbeiter hier nennen, wischt kurz über den Schreibtisch, und nimmt den vollen Papierkorb mit. Im wiegenden Pimp Walk der Straßen-Gangs, mit Mopp und Wischlappen. "What's up my dog?", ruft Boyle im Gang-Slang. "Love you, Father G.", antwortet der Mann. "Wenn einer wie Felipe täglich zur Arbeit erscheint", sagt der Pater, "ist das gut für die ganze Stadt. Er hängt nicht mehr auf der Straße. Und ich kann mir sicher sein, dass bald ein Dutzend Mitglieder seiner Gang hier auftauchen: Hast du auch einen Job für uns?" Man könne diese Jungs als Kriminelle sehen. Oder als verkannte Talente – die mangels Alternative beim einzigen Arbeitgeber ihres Viertels angeheuert haben, der Drogenindustrie. Wie alle Beschäftigten trägt Felipe ein blaues T-Shirt mit der Aufschrift "Nothing stops a bullet like a job." Das ist Boyles Bestseller. Die T-Shirts und Baseballkappen mit dem Firmen-Logo haben sich zu einem Renner entwickelt, mit zweistelligen Zuwachsraten und einem nicht bezifferbaren sozialen Gewinn. Die Botschaft lautet: Die Kriminellen aus den Gettos einer der größten Städte Amerikas sind vor allem Opfer. Opfer eines Systems, das Vorbestrafte selbst von einer Arbeit als Pizzalieferant oder Lagerarbeiter ausschließt.

Mit dem Job beginnt der Heilungsprozess – von dem die ganze Gesellschaft profitiert

Bevor der Pater 1992 seine erste Homeboy-Firma gründete, hatte er sechs Jahre lang als Gemeindepfarrer der Dolores Mission in Boyle Heights gearbeitet. Es galt damals als eines der härtesten Viertel von Los Angeles. Das Einzige, was dort florierte, war der Drogenmarkt, Schießereien gehörten zum Alltag. Boyle ging dort hin, wo es brenzlig war. Sprach mit jenen, mit denen sonst keiner vernünftig sprach. Er half auch, zwischen den Gangs zu schlichten. "Gewalt ist die irrationale Sprache der Zurückgelassenen", schrieb er in seinem Bestseller "Tattoos On The Heart". Und: "Wenn du etwas für die Armen tun willst, musst du zuallererst mit ihnen leben."

Man müsste die Jugendlichen von der Straße holen, indem man ihnen Arbeit gibt, dachte er sich und startete 1988 die Initiative "Jobs for a Future", der Vorläufer seines Sozialunternehmens. Mittlerweile, so sagt er, habe er dazugelernt. Sinnvolle Beschäftigung allein reiche nicht: "Wir bieten eine therapeutische Gemeinschaft, die die Gangs aussticht. Vielleicht waren deine Eltern dysfunktional. Haben dir niemals beigebracht, dich selbst zu beruhigen. Dann kannst du diese Erfahrung bei uns nachholen. Deswegen sind wir doch so effektiv: weil wir nicht davon ausgehen, dass es nur ein Job ist. Sondern ein Heilungsprozess."

Das Interesse an dem Angebot ist groß: Es bewerben sich dreimal mehr Jugendliche, als Lehr- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Boyle bevorzugt diejenigen, die anderswo keine Chance hätten. Bei Homeboy Industries gelingt mehr als zwei Dritteln der Mitarbeiter ihr neues Leben. Und der Erfolg spricht für ihn: Normalerweise landen 65 Prozent der Haftentlassenen in Kalifornien innerhalb von drei Jahren wieder hinter Gittern. Pater Boyle kümmert sich intensiv um seine Mitarbeiter. Es gibt Sucht- und Rechtsberatung, Einzel- und Gruppentherapien sowie Kurse, die bei der Bewältigung des Alltags helfen – von Haushaltsführung und Kindererziehung bis zum respektvollen Umgang miteinander.

Sichtbares Zeichen des Neuanfangs der Homies: Sie nutzen das Gratisangebot, sich die Gang-Tattoos entfernen zu lassen. Nicht nur, weil eine Tätowierung in Los Angeles lebensgefährlich sein kann, wenn man sich an den falschen Ort verirrt. Sondern auch, weil es die am leichtesten zu korrigierende Fehlentscheidung ist. Boyle hat dazu eine lustige Anekdote auf Lager: "Ein Typ namens Frank kam zwei Tage nach seiner Haftentlassung zu mir und beschwerte sich über die Absagen bei seinen Vorstellungsgesprächen. Auf seiner Stirn prangte ein Tattoo: ,Fuck the world'." Mittlerweile führen zwölf Ärzte ehrenamtlich 4000 Laser-Behandlungen pro Jahr in der Firma durch.

Rund 400 Jugendliche stehen dort derzeit in Lohn und Brot. Der Kernbetrieb ist die Bäckerei, in der Haftentlassene Croissants, Muffins, Baguettes und Tortillas backen. Ein Teil davon wird im Homegirl Café gleich neben Boyles Büro verkauft. Die Bedienungen eilen von einem Tisch zum nächsten, bringen mit freundlichem Nicken die Speisekarte, erklären die Zutaten der Shrimp-Tacos und Avocado-Salate.

Das Café ist gut gefüllt: Viele Angestellte aus den Bürotürmen ringsherum kommen in der Mittagspause hierher. Wegen der Bio-Salate und mexikanischen Spezialitäten. Dass ihnen ehemalige Gefängnisinsassen und Junkies den Cappuccino bringen, scheint niemanden zu interessieren. Boyle sagt, er wünsche sich, dass ganz Amerika so funktionierte. Dass seine Mitarbeiter nicht täglich Mord- und Bombendrohungen auf dem Anrufbeantworter hätten. Als in einer Oktobernacht 1999 die Bäckerei – wegen eines Kurzschlusses, wie sich später herausstellte – niederbrannte, hatten alle erst einmal an Brandstiftung geglaubt. Nicht durch Gang-Mitglieder. Sondern durch diejenigen, die die Homies in Tausenden von Hass-Mails zu Monstern stilisieren. Wie oft habe er das schon gelesen: Härter bestrafen solle man diese Gangster, nicht therapieren.

Harte Strafen erhöhen die Sicherheit nicht.
Dennoch setzt die Mehrheit auf Law and Order

Ähnlich lauteten auf dem Höhepunkt der Gang-Kriege in den Neunzigerjahren die Parolen einflussreicher Kriminologen wie John J. Dilulio, die mit apokalyptischem Vokabular für Mitte des nächsten Jahrzehnts die Ankunft eines neuen Typus von jugendlichem "Super-Verbrecher" prophezeiten. Als die Kriminalität zurückging, revidierten Dilulio und mehrere Kollegen ihre Positionen. Die Law-and-Order-Hysterie aber blieb: Unter starkem öffentlichem Druck wurde in vielen Staaten das Erwachsenenstrafrecht auf Kinder und Jugendliche ausgedehnt. Selbst Ersttäter wurden zum Doppelten oder Dreifachen der vorgesehenen Strafen verurteilt, sofern ein Zusammenhang zu Gangs bestand. Deswegen sitzen heute in Kalifornien mehr Kinder und Jugendliche hinter Gittern als je zuvor. Die Gangs aber gibt es nach wie vor.

Nur langsam setzt ein Umdenken ein. So unterstützt der Stadtrat von Los Angeles Homeboy Industries, und in der Polizei zweifelt mancher am bisher eingeschlagenen Weg. "Gefängnisse allein können kein soziales Problem lösen", hatte die Gang-Expertin Connie Rice schon vor zehn Jahren gewarnt. "Wir haben vielmehr eine Gesellschaft geschaffen, die aus gewaltlosen Kindern Gewalttäter macht."

Einer, der das bezeugen kann, ist Kyle Shamp, ein breitschultriger Mann, der die Neuankömmlinge in der Lobby der Zentrale in Empfang nimmt. "Wer bei Homeboy Industries anfängt", erzählt der 32-jährige Afroamerikaner, "muss nur eines mitbringen: die Bereitschaft, Seite an Seite mit seinen einstigen Rivalen und Todfeinden zu arbeiten." Shamp mischte in seinem früheren Leben bei den berüchtigten Crips mit. Er kannte damals nur eine Sprache: Gewalt. Lernte, dass man schneller, gewiefter, brutaler als die anderen sein musste.

Heute wendet er sich in fast zärtlicher Anteilnahme seinen Schützlingen zu. Hilft ihnen beim Ausfüllen der Antragsformulare. Spricht hier und da ein ermutigendes Wort. "So gut wie alle haben kaputte Elternhäuser, Drogen, Gewalt, Haft und Beerdigungen von Freunden durchlebt, die müssen erst lernen, dass sie sich hier sicher fühlen dürfen." Viele Mitarbeiter sind in Rollstühlen oder auf Krücken unterwegs. Kyle selbst spricht von sich als Überlebendem. Neun Jahre Gefängnis und der vom Vater übernommene Gang-Name Crazy-A hätten ihn eigentlich für ein sehr kurzes Leben prädestiniert. Seine Kindheit: Vater im Knast, die Mutter ging auf den Strich und überließ ihn und seine jüngere Schwester tagelang sich selbst. "Ich kannte kein anderes Leben. Die Gang war, seit ich denken kann, der einzige Ort, an dem ich Loyalität, Selbstachtung, Disziplin und so etwas Ähnliches wie Liebe fand."

Das Unternehmen stand vor dem Aus.
Dann geschah ein Wunder

Heute geht Shamp wie alle, die hier arbeiten, regelmäßig zur Therapie, auch um das Trauma zweier beinahe tödlicher Messerattacken im Gefängnis zu verarbeiten. Und um mit seinen zwei- und dreijährigen Söhnen anders umzugehen, als er es selbst erlebt hat. Auch sein Kollege Hector Verdugo spricht gern von seinen Kindern. Sein Zwölfjähriger kommt ihn nach der Schule besuchen – er zeigt voller Stolz seinen Arbeitsplatz, ein Großraumbüro voller Computer und Aktenschränke. Etwas Ähnliches konnte sein eigener Vater nie vorweisen. "Dad", erzählt Verdugo, "ist an einer Heroin-Überdosis gestorben, und ich wollte ihm unbedingt ins Grab folgen."

Der umgängliche Mann mit Bauchansatz legte es früher darauf an, den Heldentod eines Straßenkämpfers zu sterben. Mit 18 plante der damalige Drogendealer sein Begräbnis – von der Kleidung über die Musik bis zur Gästeliste: "Ich hatte vier verschiedene Freundinnen, die nichts voneinander wussten. Und ich freute mich schon auf ihren Streit an meinem Grab." Es sollte ihm Ehre bringen. Heute schlägt er sich mit Personalakten und Bilanzen herum. Eine ganz andere Welt? Was das geschäftliche Durchsetzungsvermögen betreffe, sagt Verdugo, profitiere er durchaus von seinen auf der Straße erworbenen Fähigkeiten.

Inzwischen wird die Homeboy-Idee in mehreren amerikanischen Städten nachgeahmt. Das Unternehmen beweist, dass Menschen sich ändern können. Ex-Gangster wie Kyle Shamp tragen diese Botschaft in Schulen, Universitäten oder Rotary Clubs: "Wir wollen die Rhetorik konservativer Scharfmacher widerlegen, dass Gang-Mitglieder nicht therapierbare Monster sind."

Pater Boyle führt noch ein ganz handfestes Argument an: "Wir ersparen Kalifornien jedes Jahr 20 Millionen Dollar Gefängniskosten." Und das scheint – krisenbedingt – nun auch zu verfangen. Die Regierung des Staates hat im vergangenen Oktober ein Programm gestartet, das die Zahl der Häftlinge innerhalb von 18 Monaten um 33 000 Menschen senken soll.

Es geht nicht um Moral, sondern ums Geld. 1,6 Millionen Menschen sitzen zurzeit in den US-Gefängnissen ein. Sie kosten den Steuerzahler 46700 Dollar pro Kopf und Jahr. In den Jugendstrafanstalten sind die Kosten noch höher. Die meisten der Häftlinge werden irgendwann entlassen – in einzelnen Staaten ohne Wahlrecht, ohne das Recht auf College-Besuch und ohne Anspruch auf Sozialleistungen. Sie treffen auf eine Gesellschaft, die kaum legale Perspektiven für sie bereithält. Wenn Boyle mit seinen Vorträgen um Spenden wirbt, erzählt er immer wieder, dass tausend in Homeboy Industries investierte Dollar dazu führen, dass ein zehnmal so teurer Gefängnisplatz eingespart wird. "Niemand kann das widerlegen", sagt Boyle. Dennoch sei es nicht leicht, Unterstützer zu finden.

Die Homeboy-Betriebe sind auf Spenden angewiesen, denn sie erwirtschaften nur rund 15 Prozent ihres Etats. Boyle ist bekannt dafür, mit vollen Händen zu geben, sogar sein eigenes Gehalt verteilt er in kleinen Scheinen an diejenigen, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Und er stellt gern so viele Menschen wie möglich ein. Umso bitterer war der Kassensturz im Mai 2010: Die erhofften Spenden waren wegen der Krise ausgeblieben, es fehlten drei Millionen Dollar. Der Pater weinte. Dann hielt er eine Vollversammlung in der Lobby ab, bei der er verkündete, er sei gezwungen, 330 Mitarbeiter, drei Viertel der Belegschaft, zu entlassen.

Was danach geschah, grenzte an ein Wunder – auch wenn man nicht wie Boyle Gottes Hand im Spiel sieht: Viele Mitarbeiter arbeiteten weiter. Auch ohne Lohn. Menschen aus dem ganzen Land gaben Geld. Den Ausschlag aber gab das Engagement des Hollywood-Millionärs Bruce Karatz: Er hatte ein Interview mit Pater Greg Boyle gehört, der sagte. "Homeboy Industries kostet eine Menge, aber warten Sie erst mal auf die Rechnung, wenn es nicht mehr existiert!"

Karatz war 20 Jahre lang Vorstandsvorsitzender von KB Home gewesen. Er hatte das Unternehmen zu einem der weltweit größten Verkäufer von Fertighäusern gemacht, bevor er 2006 wegen Aktien-Manipulationen angeklagt wurde. Ihm drohte eine Haftstrafe, und er suchte nach etwas, um sich abzulenken. Mit Gangs hatte er sich nie beschäftigt. Bis Richard Riordan, ein reicher Freund und früherer Bürgermeister von Los Angeles, ihn 2010 zu einem Besuch bei Homeboy Industries einlud: "Keine Frage, dass Pater Gregory Boyle ein Heiliger ist", hatte die "Los Angeles Times" Riordan zitiert. "Aber selbst Heilige brauchen gute Geschäftsmänner."

Immer mehr Jugendliche suchen nach einer Alternative zu einer Karriere als Berufsverbrecher

Karatz blieb – nicht nur, um seine gerichtliche Auflage von 2000 gemeinnützigen Arbeitsstunden abzuleisten. Er erhielt einen Schreibtisch neben Ex-Gangstern, entwickelte einen Finanzplan und sammelte Spenden bei seinen vermögenden Bekannten. Vor allem aber stärkte Karatz das Geschäft der Sozialfirma: So fädelte er einen Deal ein, der die Homeboy-Nachos und -Soßen in die landesweit vertretene Supermarktkette Ralphs brachte – wo sie innerhalb von Wochen zu Bestsellern wurden und Homeboy Industries bekannt machten.

Neuerdings prangt der Slogan "Jobs not jails" auch auf Kaffeebechern im Rathaus von Los Angeles und an einem Restaurant im internationalen Flughafen von Los Angeles. Ursprünglich ging es nur um die Namenslizenz. Nun sind, nachdem Karatz seine Kontakte spielen ließ, zwei Cafés daraus geworden: mit Ex-Gangstern als Kellnern.

Inzwischen steht das Unternehmen wieder auf einer soliden finanziellen Basis. Das Budget für 2012 beträgt 14 Millionen Dollar: Acht Millionen kommen von Stiftungen und Privatspendern, zwei Millionen aus Aufträgen der Stadt Los Angeles und vier Millionen aus Geschäftserlösen – ungefähr doppelt so viel, wie Homeboy Industries 2009 erwirtschaftete.

Der Andrang der Jugendlichen aber ist kaum zu bewältigen. "Wir könnten mit ihnen jederzeit zwei weitere Bäckereien aufmachen", sagt Kyle Shamp. Bis zu tausend Ex-Gang-Mitglieder schleusen er und seine Mitarbeiter monatlich durch den Warteraum vor Boyles Glastür – um sie auf Wartelisten für Tattoo-Entfernungen, Anti-Gewalt-Trainings und Jobs zu setzen. Sie alle teilen dieselbe Hoffnung: eine neue Gemeinschaft. Dem Tod noch einmal von der Schippe zu springen.

Garantien dafür gibt es aber selbst hier nicht. Neben der Bürotür des Paters steht ein Altar. Ein paar Kerzen, ein paar Muscheln und Blumen auf einem Bürotisch. Dazwischen das gerahmte Bild eines lächelnden jungen Mannes: Lorenzo Smith 1990-2011. Eine Frau und ein Mädchen im Teenageralter bleiben davor stehen, sie schluchzen.

Lorenzo Smith, sagt Kyle Shamp, sei der Sonnyboy des Betriebs gewesen. "Als ich ihn vergangenes Wochenende besuchte, wurde seine Mutter nicht müde, zu erklären, wie stolz sie darauf sei, ihren Sohn als Redner auftreten zu sehen." Einen Tag später habe er eine Party in Hollywood besucht – und lief dort zufällig einigen früheren Feinden über den Weg. Für Pater Greg Boyle eine weitere Beerdigung eines jungen, verheißungsvollen Mannes. Seine 176ste. Verzweiflung aber, sagt er, sei nicht das angemessene Gefühl: "Ich könnte Ihnen zehn Dinge aufzählen, die schlimmer sind als der Tod."

Die Tür zu seinem Büro geht auf: "Ich will den Job doch nicht machen, G.", sagt ein untersetztes Latino-Mädchen mit Gang-Haartracht.
"Doch, das willst du", entgegnet der Jesuitenpater und lächelt wie ein strenger, aber geduldiger Vater. "Du bist eingestellt."