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Volks Zorn

Seine Abneigung gegen Atomkraft hat Manfred Volk (kleines Foto) zum Unternehmer gemacht. Wasserkraft mag eine sanfte Energie sein. Der Chef ist es nicht.




- Der Stahl muss glatt poliert sein, sagt Manfred Volk, "wie ein Babypopo". Nur dann lenken die Schaufeln das Wasser im richtigen Winkel ab, und es wird die größtmögliche Kraft auf das Rad ausgeübt. Die messerscharfen Kanten in der Mitte müssen präzise geschliffen sein. Dazu kommen die Wassermenge und die Fallhöhe. Nur wenn alles richtig aufeinander abgestimmt ist, wird die Wasserturbine zu einem Präzisionswerk und einer effizienten Energiequelle.

Turbinenbau ist in den entscheidenden Arbeitsschritten Handarbeit, für die es gut ausgebildete Facharbeiter braucht. Volk könnte stundenlang davon schwärmen - tut es aber nicht. Alles, was er über seine Erfolgsrezepte ausplaudert, hilft nur der Konkurrenz. Neulich erst fand er wieder Fotos von seinen Wasserrädern in irgendeiner Bildgalerie im Internet und musste einen Medienanwalt engagieren, damit sie dort verschwinden. Das habe viel Geld gekostet, sagt er.

Mit kariertem Hemd, straffem Gesicht und kampfeslustigem Blick, sitzt er in der Stube seines Bauernhofs, der auf mehr als 800 Höhenmetern mitten im Südschwarzwald liegt. In der einen Ecke steht ein grüner Kachelofen, gegenüber hängt ein hölzernes Kruzifix, auf dem Tisch stehen Tee und Apfelkuchen. Unten in Gutach im Breisgau, 20 Kilometer entfernt von Freiburg, steht seine Zukunftsfabrik, die Wasserkraft Volk AG. Dort arbeiten 140 Mitarbeiter und liefern Wasserturbinen in alle Welt. Als Gründer eines solchen Unternehmens und mit einem Wohnsitz im Hochschwarzwald, der von keinem Navigationsgerät gefunden wird, könnte man etwas mehr über den Dingen stehen. Aber den Unternehmer Manfred Volk treibt der Zorn.

Gegen Konkurrenten, gegen die Engstirnigkeit der Politiker, die noch immer nicht erkannt haben, was Energiewende bedeutet. Gegen Fischereibehörden und Landratsämter, die nicht einsehen wollen, dass Fische vor allem von Anglern, nicht aber von seinen Turbinen getötet werden. Gegen den Gemeinderat, der ihm als Unternehmer bisher nur Steine in den Weg gelegt hat, und gegen die Banken, die ihm mehr als einmal zu verstehen gegeben haben, dass sich ein Unternehmen, das nur wenig Gewinn mache, nicht lohne. Ja, und gegen den Kunden, dem müsse man manchmal auch die Meinung sagen, findet er. Wenn sich Volk ereifert, fliegen die Hände in die Höhe, er verfällt ins Alemannische, und man merkt, dass er auf Betriebstemperatur kommt.

Die Wasserkraft ist das Stiefkind unter den regenerativen Energien, und Volk ist seit Jahren einer ihrer Vorkämpfer. Selbst jetzt, nach dem Atomausstieg, ist es überaus kompliziert, in Deutschland ein neues Wasserrad zu bauen. Naturschützer und Fischereiverbände fürchten die Eingriffe in die Natur. Zwar liefert Wasserkraft nach Biomasse und der Windenergie den dritthöchsten Anteil an grünem Strom in Deutschland, doch seit Jahren gibt es kaum Zuwächse.

Experten sagen, die Wasserkraft habe in Deutschland ein weit geringeres Potenzial als Sonnenenergie und Windkraft. Manfred Volk sagt, das Potenzial möge gering sein, aber es sei längst nicht ausgeschöpft. Wasserkraft, vor allem kleine Kraftwerke für Fabriken oder Gemeinden, hätten in Deutschland keine Lobby. Auch deshalb gingen 98 Prozent seiner Anlagen ins Ausland.

"Die Wasserkraft ist eine alte Oma. Die ist halt nicht so sexy wie die Solarenergie", sagt Volk. Tatsächlich ist alles Grundsätzliche zur Konstruktion von Wasserrädern seit Jahrhunderten bekannt. Das Wasser wird in einem Fallrohr zum Wasserrad geleitet, das vom Druck des Wassers in Rotation versetzt wird. Die Rotation wird von einem Generator in Elektrizität umgewandelt. Ein einfaches Prinzip, das in fünf unterschiedlichen Turbinentypen genutzt wird.

Dem Quereinsteiger Volk ist es gelungen, die alte Technik zu perfektionieren und unter unterschiedlichen natürlichen Gegebenheiten den Wirkungsgrad zu vergrößern. Heute ist Volk mit 22 Millionen Euro Umsatz in der von Mittelständlern geprägten Branche ein Großer und der Einzige, der Turbine, Generatoren, Steuer- und Regeltechnik aus einem Haus liefert. "Volk ist der Mercedes unter den Turbinen", heißt es.

Angefangen hat alles in den späten Siebzigerjahren, als Manfred Volk eher widerwillig zum Unternehmer wurde. Er studierte damals Physik in Freiburg. Nur ein paar Kilometer entfernt, im Kaiserstuhlörtchen Wyhl, wollte das Badenwerk, damals der landeseigene Energieversorger, ein Atomkraftwerk bauen. Bauernfamilien vor Ort und die Studenten aus Freiburg riefen gemeinsam zum Protest auf. "Für einen Physiker ist eine Halbwertszeit eine Halbwertszeit", sagt er. Volk fand schon damals, "Atomkraft ist dem lieben Gott ins Handwerk gepfuscht". Mit seiner Pfadfindergruppe versorgt er den Widerstand von Wyhl mit Bockwurst und Kartoffelsalat.

Er war bereits Physiklehrer, als er kurze Zeit später den Gernhansenhof im letzten Winkel des Simonswälder Tals kaufte, auf dem er heute noch wohnt. Das alte Bauernhaus hatte weder Strom noch Heizung. Für 100000 Mark wäre das Badenwerk bereit gewesen, ihn ans Stromnetz anzuschließen. Volk fehlte das Geld, doch vor allem wollte er keine Geschäfte mit der Atom-Industrie machen. Hinter dem Hof fließt ein Bach auf seinem Grundstück. Volk stellte sich Drehbank und Fräse in die Küche und baute sein erstes Wasserrad. Die Bauern auf den umliegenden Höfen witzelten: Da wolle einer dem Badenwerk Konkurrenz machen. Bald waren sie seine ersten Kunden, und manches Wasserrad wechselte für Schweinehälften den Besitzer.

Wasserkraft war damals eigentlich ein Auslaufmodell. Hunderte von kleinen Wasserrädern, die oft schon seit Jahrzehnten auf Einödhöfen und in kleinen Gemeinden für Elektrizität sorgten, wurden stillgelegt. Doch Volk war von der alten Technik überzeugt: Er schwor sich, mit seinen Produkten mindestens ein Kernkraftwerk zu ersetzen.

Mit einer Handvoll Mitarbeiter nahm er von Anfang an Aufträge für Kleinkraftwerke an, die seine Konkurrenten Voith und Siemens liegengelassen hatten, und kümmerte sich auch um die Wartung der Anlagen. Bald wurde die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die heutige Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), auf den Tüftler aus dem Schwarzwald aufmerksam und verschaffte ihm die ersten Aufträge im Ausland. Volk war nun viel unterwegs und installierte Wasserkraftanlagen für Dörfer in den Anden, Fabriken in Neuseeland und Afrika. Bald stiegen die Stückzahlen. Der Wasserkraft Volk werde zum "Global-Playerle", witzelte die Lokalzeitung.

Volks Unternehmen wuchs mit den Aufträgen, es gab keinen Geschäftsplan. Auf dem Bauernhof wurde um- und angebaut, die Schreibkräfte saßen unter dem Dach, die Produktion zog von der Küche in den umgebauten Stall. Wenn es wieder einmal zu eng wurde, setzte er einen Bürocontainer auf das abschüssige Gelände. Lange haftete Volk allein für die Firma. Er war Geschäftsführer, Konstrukteur und Produktionschef. Auch die Werbeanzeigen gestaltete der Chef selbst. Nicht immer ganz stilsicher. Ein Slogan jener Jahre lautete: "Alle Neger tanzen Tango an der Turbine am Okawango." Zum zehnjährigen Jubiläum gab es von den Mitarbeitern eine selbst gebastelte Foto-Collage für den Chef. Die Überschrift hieß: "10 Jahre größte Chaotenfirma".

Mit dem Kopf durch die Wand

Diese Zeiten sind inzwischen ausgestanden. Im Jahr 2000 eröffnete Volk seine Fabrik in Gutach im Breisgau. Gleich am Eingang blickt man auf die imposante Wasserturbine. Sie versorgt das gesamte Unternehmen. Bei der Einweihung war die WK Volk AG nach eigenen Angaben die einzige energieautarke und CO2-emissionsfreie Schwermaschinenfabrik in Deutschland.

Unterstützt habe ihn beim Aufstieg der Firma kaum jemand, sagt Volk. Für die erste Werkshalle wollten die örtlichen Banken ihm keinen Kredit geben. Volk habe sich nicht darum gekümmert, sondern begonnen zu bauen und gewartet, bis sich Rechnungen von mehr als 100000 Euro angesammelt hatten. Nun sei er wieder zum Bankberater gegangen und habe gesagt: Wenn ihr mir jetzt keinen Kredit gebt, bin ich pleite, aber die Handwerker auf der Baustelle sind es auch. Volk bekam seinen Kredit. Damit er die betriebseigene Wasserturbine bauen durfte, musste er damit drohen, sein Unternehmen ins nahe gelegene Elsass zu verlegen. Die Genehmigung kam.

Diese Methoden haben den Unternehmer nicht unbedingt beliebt gemacht. Im Ort hat er den Ruf eines Dickschädels. Während sich anderswo Politiker gern mit Firmen aus der Umweltbranche schmücken, lehnt der Bürgermeister von Gutach eine Interviewanfrage zur Volk AG ab. Volk grinst und sagt: "Ich habe keine Verbündeten."

Einen vielleicht doch. Andreas Markowski sitzt in einer Büroetage im Freiburger Vaubanviertel, dem ökologischen Vorzeige-Stadtteil der Stadt. Nebenan residieren die GLS-Bank und das Öko-Institut, unten im Haus befindet sich ein Bio-Laden. Markowski baut und betreibt Wind-, Solar- und Wasserkraftanlagen für Kommunen und Bürgervereine. Er kennt Manfred Volk seit Mitte der Achtziger, als der seine Turbinen noch in einem ehemaligen Stall zusammenbaute. Er ist selbst an einem Wasserkraftwerk beteiligt, gemeinsam planen sie immer wieder Lobby-Aktionen für die Wasserkraft. Markowski bewundert den Techniker Volk, und wahrscheinlich gibt es wenige, die ihm in der Branche so nahestehen, aber auch ihm fällt es schwer, den knorrigen Unternehmer von einer einmal gefassten Meinung abzubringen, etwa von seiner schlechten Meinung über Banken.

Als Volk 1997 seine GmbH in eine Aktiengesellschaft umwandeln wollte, hatte ihm der ehemalige Banker Markowski abgeraten, die Aktien selber auszugeben. Aber fast erwartungsgemäß hat Volk nicht auf den Rat gehört und bald ausreichend Kapital eingesammelt. "Das war nicht unbedingt leichter", sagt Markowski. Aber was solle man sagen, der Erfolg gebe Volk recht. Mit den Aktionären sei es dem gelungen, eine Art Fanclub um sich zu scharen. Die Aktionärsversammlungen in Gutach sind zum Stelldichein von engagierten Bürgern geworden, die wissen, dass es hier nicht um schnelle Rendite geht.

Revoluzzer wie Manfred Volk seien in der konservativen Wasserkraftbranche eher die Ausnahme, sagt Markowski. Die meisten Wasserturbinen waren um die Jahrhundertwende entstanden, als vor allem Sägewerke oder kleine industrielle Betriebe die Energiequelle nutzten. Das revolutionäre Potenzial in diesem Millieu sei begrenzt. Volk habe aus seinem Widerstand etwas Konstruktives gemacht.

In seinem geräumigen Büro, im ersten Stock der Zukunftsfabrik der Wasserkraft Volk AG, sitzt Josef Haas. Der Maschinenbauer mit vielfältigen Talenten und kernigem Händedruck ist seit 14 Jahren in dem Unternehmen, seit 2003 ist er Volks Nachfolger als Vorstandsvorsitzender. Damals zog sich der Gründer in den Aufsichtsrat zurück, um seinen kranken Vater pflegen zu können. Aber von Rückzug kann eigentlich keine Rede sein.

Man dürfe sich Volk nicht als einen typischen Aufsichtsratsvorsitzenden vorstellen, sagt Haas. Dessen Schreibtisch steht mitten im Chefsekretariat, und selbstverständlich, so Haas, sei Volk jeden Tag mehrere Stunden da. Er schreibe weiterhin alle Angebote selbst, der Bauplan für jede Turbine gehe über seinen Schreibtisch, oft arbeite er daran zu Hause bis spät in die Nacht. Die Pläne kämen dann per Fax zurück, versehen mit Anmerkungen wie "must have", "nice to have", "geht gar nicht".

Geht nicht gibt's nicht

Die Firma wächst kontinuierlich, man könnte mehr Mitarbeiter anstellen. Manche reisen sogar jede Woche aus Sachsen an, um hier zu arbeiten. Hinter der Zukunftsfabrik hat Volk erst kürzlich eine zweite Fabrikhalle für Turbinen-Generatoren eröffnet. Man wollte nicht mehr von den Zulieferern abhängig sein. Die neue Fabrik war - natürlich - die Idee des Aufsichtsratsvorsitzenden. Alle hatten abgeraten. Wegen der hohen Kosten und weil Generatoren in Fernost viel billiger hergestellt werden können. Heute sitzen Frauen in der rot gestrichenen Halle und wickeln von Hand die Elektrospulen aus Kupferdraht. Wasserkraft Volk beliefert inzwischen die Konkurrenz mit Generatoren und wirbt damit, hier komme die ganze Turbine aus einer Hand - "Made in Germany".

Haas sagt, er könne mit einem solch aktiven Aufsichtsrats-Chef nur deshalb zusammenarbeiten, weil das Manfred Volk ist. Er habe großen Respekt vor dessen Know-how, aber er schätze ihn auch, weil man gut mit ihm streiten könne. "Dass es mit ihm bequem ist, habe ich nie behauptet", sagt Haas und lacht. Volk mag nicht widersprechen. Er deutet stattdessen auf ein Paar Rebstöcke vor dem Bauernhaus. "Das ist auch so ein Beispiel. Alle haben mir gesagt, auf 800 Metern wachsen keine Weintrauben." Er hat sich dann vom Weinbauinstitut eine besonders widerstandsfähige Sorte empfehlen lassen. Jetzt erntet er jedes Jahr seine Trauben. Er grinst zufrieden. Man darf sich halt nur nicht beirren lassen. -

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Das Stiefkind Wasserkraft Experten gehen davon aus, dass heute bereits mehr als 70 Prozent des Potenzials der Wasserkraft in Deutschland genutzt werden, das meiste davon in Großanlagen. Der Anteil der Wasserkraft am deutschen Strom-Mix stagniert seit Jahren bei rund drei Prozent, während der Anteil von Biomasse, Wind- und Solarenergie stetig gestiegen ist. Der Bau von Wasserkraftwerken ist nach dem novellierten Erneuerbare- Energien-Gesetz (EEG) nur noch bei bestehenden Wehren möglich. Das liegt vor allem an den Eingriffen in die Natur, über die Fischerei-Verbände klagen. Global gesehen ist Wasserkraft eine der bedeutendsten Energiequellen. Weltweit stammen 20 Prozent des erzeugten Stroms aus Wasserkraft und damit weit mehr als aus anderen regenerativen Quellen. Dabei gibt es auch hier deutliche regionale Unterschiede. Südamerika nutzt zur Energiegewinnung zu 80 Prozent Wasserkraft. Auch Asien, Skandinavien und die Alpenländer haben einen hohen Anteil an Wasserkraft in ihrem Energiehaushalt. Branchenkenner sind überzeugt, dass der Anteil der Wasserkraft am Energie-Mix massiv zulegen könnte, bliebe das bis zu 14,3 Milliarden Megawattstunden pro Jahr geschätzte Potenzial nicht weiter ungenutzt.