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Stichtage

Dies ist der Arbeitsplatz von Walter J. Schütz. Er zählt Zeitungen. Mit Lust, Leidenschaft und aus gutem Grund.




• "Enthäuten und ausweiden", so nennt der Hausherr, was seine drei Freunde am Esstisch erledigen. Ganz ohne Blutvergießen, versteht sich, ohne ein zur Strecke gebrachtes Stück Wild. Es geht um druckfrische Tageszeitungen. Einer schneidet mit der Schere die in Folie verpackten oder mit Plastikbändern verschnürten Stapel auf, ein anderer schüttelt die Werbebeilagen heraus, der dritte nennt den Titel, den Untertitel oder eine Kennziffer, die daneben steht. Der Hausherr sucht nach dem entsprechenden Eintrag in seiner Kartei und setzt ein Kreuzchen; manchmal schreibt er auch einen Ortsnamen unter den Zeitungskopf. Zuletzt werden die somit bibliografisch erfassten Ausgaben ordentlich auf Kante gestapelt. Zeit für hoch konzentriertes Arbeiten und unvermeidliche Kommentare.

"Komm, zack, zack!"
"Nur net hudle!"
"Wie heißt der Ort?"
"Barleben."
"Wie?"
"Wie das, was du nachts hast."

Manchmal genügt ein Stichwort für spontanes Gelächter, wie bei Leuten, die sich an ihre Schul- oder Studienzeit erinnern. Die drei älteren Herren sind auf Besuch bei ihrem Freund Walter: Professor Dr. h.c. Walter Justus Schütz, 81, Deutschlands Pressestatistiker Nummer eins. Gemeinsam dienen sie der Wissenschaft.

Im Flur, im Wohnzimmer, im Keller, auf den Treppen – überall im Reihenendhaus in Bonn-Meßdorf stapeln sich Zeitungen. Tageszeitungen, lokale, regionale, überregionale, Abo- und Boulevardzeitungen. Es klingelt an der Tür. In gelben Postschwingen wuchtet ein Bote Nachschub herein. Wenig später ein anderer Zustelldienst, eine neue Fuhre: mit Kartons, Paketen, Umschlägen: Zeitungen, Zeitungen, Zeitungen. Was bei anderen Menschen Panikattacken auslösen würde, versetzt den Hausherrn in Stimmung. Es ist wieder Stichtagssammlung, und zwar die achte!

Eigentlich sollte die von 2004 ja seine letzte gewesen sein. Aber als vor drei Jahren die Bitte um Mitarbeit an einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertem Großprojekt kam, konnte er nicht widerstehen. Die "publizistische Struktur der deutschen Tagespresse und ihrer Eigentümerstrukturen" – damit kennt er sich aus wie kaum sonst jemand in Deutschland. Weil es seit sechs Jahrzehnten sein Thema ist.

Und so erwartet er nun gespannt aus allen 16 Bundesländern jede, aber auch wirklich und ohne Ausnahme jede Tageszeitung inklusive ihrer allerkleinsten Lokalausgabe, die in der Woche vom 14. bis 20. März 2012 erschienen ist. Bei mehr als 1500 verschiedenen Ausgaben kommen da an sechs, manchmal sieben Erscheinungstagen locker 12000 Exemplare zusammen. Und wehe, eines fehlt! Das darf nicht sein, das wird auch nicht sein. Schütz wird wie noch jedes Mal Mittel und Wege finden, die Sammlung zu komplettieren, die später für die Nachwelt auf Mikrofilm gesichert und im Original vom Institut für Zeitungsforschung in Dortmund archiviert wird.

"Ha! Die "Böhme-Zeitung" hat mir die "Schneverdinger Zeitung" mitgeschickt!" Schütz triumphiert. "Zum ersten Mal seit 58 Jahren!" Seit seiner ersten Stichtagssammlung, die er 1954 als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Publizistik der Universität Münster machte, wurde sie ihm stets verweigert, mit der Begründung, die Inhalte der "Böhme-Zeitung" und der Schneverdinger Lokalausgabe seien doch identisch. Er ist dann tatsächlich einmal nach Soltau gefahren und hat sich die fehlenden Ausgaben persönlich bei dem Verlag abgeholt, als er in der Nähe zu tun hatte, am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, wo er seit 1995 als Honorarprofessor lehrt. "Geht doch", sagt Schütz mit schelmischer Miene.

Die Großkampfwoche hat er wie üblich generalstabsmäßig vorbereitet. Er hat seine Wohnung vorsorglich teilgeräumt ("alle Treppenstufen sind belegbar"). Er hat die Post schon sehr früh vorgewarnt – und die hat wegen der bis zu 600 täglichen Einzelsendungen extra für ihn einen Kurierfahrer eingeteilt.

Walter J. Schütz ist in der Publizistik eine Legende – er ist "der" Schütz. Als Ministerialrat und Leiter des Medienreferats im Bundespresseamt war er Vor-Leser für die blaue Pressemappe aller Bundeskanzler von Adenauer bis Kohl. Daneben hat er in seiner Freizeit 38 Jahre lang die Fachzeitschrift "Publizistik" redigiert, hat Fachaufsätze und -bücher verfasst. Vor allem aber hat er ein Statistik-Instrumentarium geschaffen und damit seine Stichtagssammlungen geordnet, Standardwerke zur deutschen Zeitungslandschaft. Generationen von Publizistikstudenten an sieben Hochschulen haben bei ihm Pressestatistik gelernt. Wo immer es um Kommunikationswissenschaft geht, gilt Schütz als Instanz.

"Walter, "Die Kitzinger" zum "Fränkischen Tag"?"
"Vom "Fränkischen Tag" hätte ich hier noch den Mittwoch."
"Mein Kurzzeitgedächtnis ist völlig zerrüttet."

Schütz, der nie verheiratet war, verfügt über eine besondere Gabe zur Freundschaft. Auch deshalb besteht nie Mangel an hochkarätigen, akademisch gebildeten Freiwilligen, die ihn auch bei seiner achten Stichtagssammlung unterstützen. Alle wissen: Mögen es auch nur niedere Handreichungen sein, die sie leisten können - das Ergebnis wird in eine einmalige Zeitreihenforschung und damit in die Geschichte der Publizistik eingehen. Es ist eine Ehre, mitmachen zu dürfen. Und dazu ein Vergnügen.

Heute stehen drei bewährte Freunde als Helfer bereit. Zwei von ihnen zählen sich wie Schütz zu den "Hagemann-Kombattanten", die in den Fünfzigerjahren in Münster bei Professor Walter Hagemann studiert haben: Rolf Anger (82), später Direktor des Europaprogramms beim Deutschlandfunk, und Volker Schulze (72), der Jüngste in dieser Runde, bis 2004 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV).

Der dritte schließlich, Kurt Reumann (77), machte sich bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit Beiträgen über Bildungspolitik, Wahlanalysen und Demoskopie einen Namen. Er war Assistent der Meinungsforschungs-Pionierin Elisabeth Noelle-Neumann an der Universität Mainz, als er Schütz 1967 zum ersten Mal bei einer Stichtagssammlung half. Nun ist er schon zum vierten Mal dabei, stellt aber klar: "Walter dirigiert als Regisseur. Die anderen sind nur Vollzugsgehilfen." Anger bestätigt: "Wir tun nur, was Walter sagt."

"Machen wir da 'nen neuen Haufen?"
"Ich sitze. Geh du auch sitzen."
"Mein Gott, Walter!"

So trocken die Materie, so trocken ist auch der Humor der vier Männer, die sich im gemeinsamen Skiurlaub aus Spaß als Besitzer der Schnellbesohlanstalt Tip Top, Teilhaber einer Geisterbahn oder als Friedhofsgärtner und Erfinder einer Kranzwickelmaschine ausgegeben haben. Gelegentlich tauschen die Helfer ihre Rollen, doch keinem fiele ein, nach der Kartei zu greifen und eine Markierung zu setzen. Das besorgt Schütz allein. Nur er hat den Überblick. Er kennt die Finessen von Verlagskooperationen und jeden noch so seltenen Titel, ob "Norderneyer Badezeitung", "Die Harke", "Espelkamper Zeitung", "Wanzleber Volksstimme" oder "Allgemeine Laber-Zeitung" (die existiert wirklich, im Tal der Großen und der Kleinen Laber in Niederbayern).

Am Montag kippen die Kuriere die schwersten Sendungen in den Hausflur. Anger balanciert mit den dicken Wochenendausgaben durch die wenigen freien Trittflächen. Zwischen Reumann und Schulze ist unklar, ob die Blätter nach Datum oder Publizistischen Einheiten (Kernredaktionen) geordnet werden sollen. "Walter, wir haben einen Methodenstreit", melden sie. "Das ist gut", gibt Schütz zurück. "Der Methodenstreit hat die Wissenschaft vorangebracht." Es geht nach Publizistischen Einheiten.

Das Auspacken, Sichten, Sortieren, Stapeln und Zählen ist nur der Anfang. Es wartet noch jede Menge Arbeit. "Vor einem halben Jahr gibt's keinen Abschluss", sagt Schütz. Zwei wichtige Ergebnisse kennt er aber jetzt schon: "Wir haben keinen Rückzug aus der Fläche." Das bedeutet: In Deutschland wird immer noch jeder Landkreis, jede Stadt schwarz auf weiß mit Lokalnachrichten versorgt. Im Unterschied zu Österreich, wo in einigen Landstrichen nur noch Wochenblätter erscheinen. Oder zu Frankreich, wo sich Zeitungen in manchen Regionen nur durch ein oder zwei Einspalter aus dem Lokalen unterscheiden.

Das andere Ergebnis klingt überraschend angesichts des allgemeinen Internet-Hypes: "Wir haben eine Zunahme der Ausgaben!" Um wie viele genau, das kann Schütz noch nicht beziffern. Nach Jahrzehnten des stetigen Rückgangs erkennt der Experte darin einen Beleg für "die wachsende Bedeutung des Lokalen". Doch zurück zur Stichtagssammlung: Zwei seiner Helfer sind ratlos wegen unterschiedlicher Formate von Zeitungen aus kooperierenden Verlagen.

"Wieso sollen die auf einen Stapel? Die sehen doch ganz anders aus."
"Die haben ein anderes Format. Deshalb müssen sie auch ein anderes Layout haben!"
"Also, deutlicher geht's doch gar nicht: Fotos und Artikel sind trotzdem fast identisch. Die "GmünderTagespost" gehört auf einen Stapel mit der Ulmer "Südwest Presse"."

Die Auswertung geht voran, Schütz liegt gut in der Zeit. Am Dienstagvormittag spendiert er eine Runde Sekt, "das ist gut für den Kreislauf". Schulze häutet, Anger weidet aus. Sammelpackzettel mit Kürzeln erleichtern die Zuordnung: MGL für Mönchengladbach Land, GEL für Gelderland, ERK für Erkelenz, KR für Krefeld. Schütz knurrt zufrieden, macht Kreuzchen und handschriftliche Notizen in seine Kartei, die, alphabetisch geordnet, alle Zeitungsverlage mit ihren Titeln und Ausgaben auflistet. Studenten in Hannover werden die Daten später digitalisieren. Schütz hängt aus Gewohnheit am Papier: Lieber sucht er eine Viertelstunde auf Landkarten nach Dorfnamen, um die beiden Börde-Lokalausgaben der "Magdeburger Volksstimme" richtig zuzuordnen, statt kurz seinen PC hochzufahren und bei Google Maps nachzugucken. "Computer lern' ich in meinem Alter nicht mehr", sagt er. Dabei schreibt er perfekte E-Mails, akkurat und fehlerlos.

Auf den Stühlen türmt sich inzwischen überflüssiger Beifang: Werbung und Extras. Schulze entsorgt alles - wie sich herausstellt: aus Versehen - in die Papiertonne des Nachbarn. Sachsen-Anhalt und Brandenburg kann Schütz morgen schon komplett zum Verfilmen geben. Der Stapel "Märkische Allgemeine", direkt vor dem TV-Receiver, wird dann nicht länger beim Fernsehen stören. In der Bibliothek im Keller erheben sich kleine Gebirgspanoramen. Die "Augsburger Allgemeine" erreicht mit allen Lokalausgaben locker einen Meter Höhe, der "WAZ"-Berg ist ganz nah dran. Zeitungen aus Thüringen stapeln sich dicht neben denen aus Schleswig-Holstein: eine geografische Ordnungswidrigkeit, die dem Hausherrn aufstößt und wohl auf das Konto studentischer Hilfskräfte geht.

Die Zeitreihe von Stichtagssammlungen über rund sechs Jahrzehnte, diese einzigartige wissenschaftliche Leistung, ist das Ergebnis einer privaten Leidenschaft. Schon als Kind, "seit dem Fibel-Alter", habe er Zeitungen geliebt, sagt Schütz. Außerdem ist er ein Sammler. Deshalb findet er, was sich daraus entwickelt hat, "nur logisch". Seine zweite Stichtagssammlung im Jahr 1964 zog Schütz komplett als Privatmann durch. Später unterstützten ihn verschiedene Institute der Publizistik bei der Arbeit, weil sie die Bedeutung für Lehre und Forschung erkannten.

"Ach, diese Verlegerfamilie kenne ich. Die Enkelin ist wieder so hübsch wie die Großmutter."
"Auch nicht mehr ..."

Schütz arbeitet zügig. Er macht sich selbst Druck, weil er weiß: Falls doch eine Ausgabe fehlen sollte, sinkt mit jedem Tag, der vergeht, die Chance, die Zeitung noch zu beschaffen. Damit es möglichst unkompliziert gelingt, hat er mit Unterstützung des BDZV einen Fragebogen an alle Verlage und Verlagskooperationen geschickt. Der Rücklauf füllt drei dicke Ordner, gibt Auskunft über Veränderungen seit der letzten Fortschreibung, die Schütz alle zwei Jahre veröffentlicht, und nennt den Ansprechpartner für fehlende Exemplare.

Eine lückenlose Stichtagssammlung verlangt Zähigkeit und gute Nerven. Eine Zeitung schickt statt der bestellten Exemplare einen konfusen Formbrief, in dem sie die Kündigung des Abonnements bedauert, aber hofft, Schütz bald wieder als Leser begrüßen zu dürfen. Eine andere schickt gleich acht identische Lokalausgaben, aber ohne Mantelteil. Und von 30 Titeln ist noch gar nichts zu sehen. Da mag sich manch einer schon fragen: Warum nimmt einer all diese Mühen auf sich? Schütz grinst und sagt: "Es macht ja sonst keiner. Es war immer mein persönliches Hobby."

Kurt Reumann ruft "zu bescheiden!" dazwischen und erinnert daran, dass 1975, als im Bundestag ein Pressestatistik-Gesetz beraten wurde, eine Abgeordnete gefragt habe: "Wozu brauchen wir das? Wir haben doch den Schütz." Begründet wurde das neue Gesetz damit, dass sich Medienpolitiker mehr Informationen über Kosten und Erlöse wünschten, um notfalls mit der Subventionierung gefährdeter Verlage einzugreifen. "Aber Zeitungen sind nie gefördert worden", sagt Volker Schulze. "Es gab nur die Ermäßigung des Mehrwert-Steuersatzes." Reumann erklärt: "Die Zeitung als geistige Nahrung wurde damit als Lebensmittel anerkannt."

Die Verlagsauskünfte über ihre Kosten waren freiwillig und wurden nur alle vier Jahre vom Statistischen Bundesamt unter Berufung auf das Pressestatistik-Gesetz abgefragt. Dennoch beschwerte sich ein Verleger bei Bundeskanzler Helmut Kohl. Mit Erfolg. 1994 gab es die letzten Erhebungen. 1996 wurde das Gesetz mit der Erklärung wieder einkassiert, das sei jetzt eine europäische Aufgabe. Mit anderen Worten: weg damit.

"Für den Altverleger war die Zeitung noch Dienst an der Heimat. Die Enkel interessieren sich nur für das Geld."
"Wie bei den Buddenbrooks. Das ist auch ein Grund mit für die Pressekonzentration."

Schütz machte einfach weiter, aktualisierte regelmäßig die Daten, organisierte noch eine Stichtagssammlung. Ohne ihn wäre es in der deutschen Zeitungsstatistik längst zappenduster. Ein Honorar hat er dafür nie erhalten. Vielmehr musste er häufig sogar noch Zuschüsse für den Druck der Studien auftreiben. Ein typischer Fall von Selbstausbeutung. So profitiert die Wissenschaft von Einzelnen, die ohne materielle Entlohnung tun, was sie für wichtig halten. Schütz sagt nur: "Hätte ich vor drei Jahren gewusst, wie schnell die körperlichen Kräfte nachlassen, hätte ich den Antrag nicht unterschrieben. Vielleicht ist es jetzt Pflichtbewusstsein. Ich muss da durch."

Auch an ganz normalen Tagen liest Schütz mindestens zwei Stunden lang Zeitung. Und denkt dabei an Freunde, denen er Artikel zu deren Interessengebieten ausschneidet und in sorgfältig frankierten Briefumschlägen schickt. So schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe: Die gestempelten Marken bekommt er von den Freunden zurück. Denn wie jeder Sammler von Natur und Geblüt begnügt sich auch Schütz nicht mit einem Thema, und sei es so riesig wie die Pressestatistik. Er hortet und ordnet auch Modell-Bahnpostwagen, Briefmarken, Bücher zur Architektur, Fahrpläne und Kursbücher.

"Frauen sammelt er nicht."
"Das kann man so nicht sagen."
"Darüber wird nur auf freiwilliger Basis Auskunft erteilt."
"Und auch nur alle vier Jahre."
"Und Weinflaschen sammelt er."
"Nein, nein! Sammeln bedeutet ja Aufheben."

Ein Sammler kann nicht einfach aufhören. Schütz sagt: "Hat man einmal angefangen, will man wissen, wie es weitergeht." Ob sich Tendenzen linear fortsetzen. Ob Prognosen eintreffen. Der Tod der Tageszeitung wurde vielfach prophezeit. Selbstverständlich verändert das Internet die Zeitungswelt. Werbung wandert ins Netz ab, der Vertriebsmarkt schrumpft – alles schlecht für Print, zumal die Herstellungskosten ständig steigen. Und damit die Preise am Kiosk und für Abonnenten. Immer weniger Leute leisten sich eine Tageszeitung.

Schütz kann mit seinen Statistiken belegen, wie die Großen der Branche schubweise durch Konzentration und Kooperation immer größer wurden. 2008 kamen zwei Drittel der verkauften Auflage von einem Sechstel der deutschen Verlage. Heißt im Umkehrschluss: Nur noch ein Drittel der Auflage bleibt übrig für die kleinen Verlage, die fünf von sechs deutschen Zeitungsunternehmen ausmachen. Mittlerweile ist der Markt verfestigt, von echtem Wettbewerb kaum eine Spur.

"Die Auslese war groß", sagt Walter J. Schütz. "Aber die Zeitungen, die überlebt haben, sind besser geworden." Insgesamt nimmt er die Entwicklung gelassen. "Das Lokale ist die Stärke und die Chance der deutschen Tageszeitungen."

Anger sagt "Sachsenheimer Zeitung" an. Schütz stutzt, sucht, blättert. Der Titel steht nicht auf seiner Liste. "Die ist neu!", sagt er begeistert. Eine Tageszeitung ist viel mehr als nur bedrucktes Papier. Für Walter Schütz ist sie ein Lebenselixier.


Walter Justus Schütz
wurde 1930 in Bochum geboren und wuchs mit zwei jüngeren Schwestern in Wattenscheid auf. Wegen der Luftangriffe auf das Ruhrgebiet wurde seine Schule 1943 nach Pommern evakuiert. 1945 floh er von dort ins niederbayrische Deggendorf, wo er 1949 das Abitur machte. Er studierte in Münster und arbeitete nebenher freiberuflich für die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und die "Ruhr-Nachrichten". Nach dem Studium 1953 war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Publizistik der Universität Münster und gleichzeitig Mitarbeiter einer Werbeagentur. 1960 begann er als Hilfsreferent seine Laufbahn im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung in Bonn. Wie ein papierener Riese schrumpft
1914 wurden im Deutschen Reich 3716 Zeitungen gezählt, 1928 waren es 3122, im Jahr 1937 noch 2421, im Zweiten Weltkrieg schrumpfte die Zahl schließlich auf 977. Eine komplett zeitungslose Phase, eine "Stunde null", hat es bei Kriegsende in Deutschland nicht gegeben. Während vorrückende US-Truppen bereits im Januar 1945 die "Aachener Nachrichten" gründeten, erschienen die "Flensburger Nachrichten", das letzte Blatt des Dritten Reiches, noch am 9. Mai 1945, einen Tag nach der Kapitulation. Die jüngsten Zahlen von Walter J. Schütz für das Jahr 2011 zeigen: In Deutschland gibt es 133 publizistische Einheiten (Kernredaktionen) mit 1509 Ausgaben (Lokalzeitungen), die von 347 Verlagen herausgegeben werden. Für die Zeitungsleser heißt das: Rund 50 Prozent der Einwohner können sich über das lokale Geschehen nur noch aus einer einzigen Tageszeitung informieren. Im Jahr 1954 hatten nur 8,5 Prozent der Einwohner keine Auswahl.