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Gute Zeiten sind schlechte Zeiten

Was macht eigentlich ein Risikomanager? Clifford Rossi hat 25 Jahre Erfahrung in diesem Beruf, einige Bankenpleiten erlebt - und plaudert hier aus der Schule.




brand eins: Es gibt weltweit mehr als 21 000 zertifizierte Risikomanager - und trotzdem verspekulieren Banken wie JP Morgan Milliarden. Wie kann das sein?

Clifford Rossi: Dazu sage ich nur: Allein die Tatsache, dass es viele gibt, heißt nicht, dass die Welt ein sicherer Ort wäre. Viel hängt davon ab, wie die Arbeitgeber - also die Banken, die Finanzinstitutionen - das Können und Wissen nutzen. Anders gesagt: Jeder Risikomanager ist nur so gut, wie es sein Chef zulässt.

Im Jahr 2008 geriet die Welt in die schwerste Krise seit der Großen Depression. Warum hat die Armee von Risikomanagern das nicht kommen sehen?

Nehmen Sie die Kreditmärkte in den USA. Es gab einen sehr starken Wettbewerbsdruck. Jeder wollte Marktanteile und Gewinn. Da haben manche schon mal ein Auge zugedrückt. Dann gab es sehr starke Manager bei den Banken, die eine Gehaltsstruktur durchsetzen konnten, die ihre Boni an die boomenden Märkte koppelte. Belohnt wurde also derjenige, der die größten Risiken einging, und nicht derjenige, der vorsichtig war. Im Jahr 2005 sagten dann einige meiner Kollegen voraus, die Immobilienpreise würden weniger schnell steigen. Von einem Crash war noch nicht die Rede. Die Reaktion der Vorgesetzten: "Wir haben gerade sehr gute gesamtwirtschaftliche Daten. Seit der Großen Depression gab es kein einziges Jahr, in dem die Immobilienpreise gefallen sind. Warum glauben Sie, dass das ausgerechnet jetzt passieren sollte?"

Und Sie und Ihre Leute haben es nicht geschafft, diesen Leuten die Laune zu verderben?

Man nennt das ein bestätigendes Vorurteil: Vergangene gute Ergebnisse führen zu guten Ergebnissen in der Zukunft, so glauben manche. Nur: Es ist unser Job, auf Unsicherheiten hinzuweisen.

Von denen will keiner was hören.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen in eine Sitzung mit dem Vorstandsvorsitzenden, dem Finanzvorstand, den Portfolio-Managern. Es geht um Marktanteile, Verkäufe, Umsatz, Gewinn - all das kann objektiv gemessen werden. Und dann meldet sich der Risikomanager und sagt, es gebe eine Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent, dass die Preise in den kommenden Jahren sinken würden. Da hat er einen schweren Stand. Denn es ist eine Wahrscheinlichkeit, kein Beweis. Daher fühlen sich alle befähigt, dagegen zu argumentieren. Wenn die Chefs einer Bank fest an etwas glauben, ist es sehr schwer, dagegen anzukommen. Der Führung geht es um die Performance. Wenn der Risikomanager auf stur schaltet, kann es sein, dass er seinen Job verliert.

Das klingt nach dem einsamen Rufer in der Wüste.

Es ist vor allem eine schwierige Position, wenn die Geschäfte gut laufen. Denn dann ist die Konkurrenz ebenfalls erfolgreich. Gerade in guten Zeiten hat man einen schweren Stand. Man wird als eine Kostenstelle gesehen, als derjenige, der verhindert, dass die Firma ihre Ziele erreicht. Der Druck von den Chefs ist enorm, weil man ja gelegentlich schlechte Nachrichten überbringt. Besonders schlimm ist es aber, wenn nach einer Krise ein neues Management ans Ruder kommt, dem die Erfahrungen der harten Jahre fehlen. 800 Jahre Finanzgeschichte lehren uns: Die Menschen lernen nicht dazu.

Aber es kann doch nicht in allen Banken so zugehen.

Es ist in der Tat unterschiedlich. Alles hängt davon ab, welche Vorgaben die Firmenleitung macht und wie sie das Unternehmen führen lässt. Wenn das Risikomanagement Teil des Teams ist, hat man einen guten Stand.

Sie sind seit 25 Jahren in diesem Geschäft. Hat sich durch die Finanzkrise das Ansehen Ihres Berufsstandes verbessert?

Eine kurze Antwort auf diese Frage wäre: ja. Aber ich will vorsichtig sein. Wir kommen langsam aus der Krise heraus, und alle, die Regulierer, die Aufsichtsräte, die Vorstände, haben erkannt, wie wichtig Risikomanagement ist. Meine Sorge jedoch ist: Wie lange wird das so bleiben? Ich begann meine Karriere in den Achtzigerjahren, da beutelte uns die Krise der Sparkassen, und ich beendete meine Karriere inmitten der großen Finanzkrise. Doch ich fürchte, dass wir kein gutes institutionelles Gedächtnis haben. Wenn die Probleme verschwinden, kehren wir zu den alten Verhaltensweisen zurück. Ich hoffe, dass das nicht geschieht. Aber ich will es nicht ausschließen.

Wie viel Risiko sollte eine Bank eingehen?

Letztlich muss man sich ganz simple Fragen stellen: Ist das ein Geschäft, ein Produkt, eine Dienstleistung, die ich verstehe? Kann ich darin einen Vorteil sehen? Kann ich dafür einen Preis finden? Finden Sie darauf keine Antwort: Finger weg!

Im Jahresbericht 2010 der Schweizer Großbank UBS heißt es: "Eine disziplinierte Risikobewirtschaftung und -kontrolle ist von zentraler Bedeutung für unseren Erfolg." Wie ernst nehmen Sie solche Sätze?

Man liest sie überall. Eigentlich ist es gut, dass sie in einem Jahresbericht stehen. Aber lebt die Bank auch nach diesen Prinzipien? Bei der UBS scheint die Antwort leichtzufallen: Ende vergangenen Jahres konnte dort ein Händler zwei Milliarden Dollar verspielen. Es gelang ihm, sehr riskant Handel zu treiben, obwohl er dazu nicht berechtigt war, und er schaffte es sogar, die Sicherheitsbarriere zu umgehen. Banken, denen so etwas passiert, müssen sich von Investoren und Analysten sehr viele harte Fragen gefallen lassen.

Verlieren Sie manchmal nicht den Glauben an Ihren Job?

Inzwischen bilde ich Risikomanager aus, und darin sehe ich durchaus einen Sinn. Es ist eine spannende Tätigkeit, und wer später in einer Bank arbeitet, hat mit Finanzen, Buchhaltung, Management, Volkswirtschaft, IT und Jura zu tun. Man ist ein Generalist, man bekommt ein komplettes Bild einer Bank.

Sie wechselten von der Bank zur Universität und müssen jetzt Ihr Erspartes verwalten. Wie investieren Sie Ihr eigenes Geld?

Ich gebe mir alle Mühe. Wie Sie sich vorstellen können, bin ich ein sehr vorsichtiger Typ. Ich stecke es in Papiere, die eine feste Rendite garantieren und kurzfristig fällig werden. Nur ein sehr kleiner Teil meiner Ersparnisse ist in Aktien angelegt. Und obwohl ich meinen Studenten auch beibringe, was Derivate sind, fasse ich selbst keine an. Ich mag es ganz, ganz einfach und versuche, Kursschwankungen so gering wie möglich zu halten.

Sollten Banken nicht ebenso handeln?

Die Frage ist natürlich immer: Wie viel Risiko ist eine Bank bereit, einzugehen? Das ist eine Entscheidung des Managements. Doch Banken, die subventionierte Versicherungen für ihre Einlagen in Anspruch nehmen, sollte es nicht gestattet sein, große Risiken einzugehen. In den USA musste der Steuerzahler viele dieser Institute retten, um zu verhindern, dass das ganze System zusammenbricht. Die Banken sollten also dazu gezwungen werden, viel weniger Risiko auf sich zu laden, als sie es heute tun.

Ob als Risikomanager oder Professor - Sie verbringen den ganzen Tag damit, Statistiken auszuwerten und mit Zahlen umzugehen. Nehmen Sie das Leben da draußen eigentlich noch wahr?

Ganz sicher. Ich glaube nicht, dass ich ein langweiliger Typ bin. Eher der Durchschnitt unter meinen Kollegen. Ich habe eine gute Work-Life-Balance, mich interessieren auch Dinge außerhalb der Arbeit. Ich segle gern und fahre Kajak.

Sie segeln und fahren Kajak?

Ja, aber immer mit Schwimmweste.

Wenn Sie einmal etwas wirklich Riskantes tun wollten, was wäre das?

Hm. Da wäre ich extrem gestresst. Und jetzt muss ich erst einmal nachdenken, damit mir etwas einfällt. Also: Wenn ich das tun würde, würde ich es sehr methodisch angehen. Etwa bei der Geldanlage. Ich würde mich fragen: Wie viel Risiko sollte es sein? Und dann würde ich es machen wie beim Segeln: Ich schaue mir den Wetterbericht vorher an, ich packe meine Notfallausrüstung, falls auf dem Wasser etwas passiert, ich habe eine Karte dabei. Man muss das Risiko kennen und kann sich dann überlegen, wie man sich ordentlich absichert. Das wäre meine Methode. -

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Clifford Rossi, 54, ist Professor an der Robert Smith School of Business der Universität Maryland. 25 Jahre lang arbeitete er als Risikomanager. Zunächst war er im amerikanischen Finanzministerium und bei der Sparkassenaufsicht tätig, ehe er bei Fannie Mae und Freddie Mac einstieg. Später ging er als Chief Credit Officer zu Washington Mutual, die 2008 eine der größten Bankenpleiten in der Geschichte der USA hinlegte. Seine letzte Position war die des Chief Risk Officers bei der Citigroup, wo er für Konsumentenkredite in einer Gesamthöhe von 300 Milliarden Dollar zuständig und für 700 Mitarbeiter verantwortlich war.