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Theuth Ursax

Braucht die Welt noch mehr Tand und Trödel oder etwas Nützliches? Die Geschwister Axenia und Björn Schäfer mussten nicht lange überlegen.




• Für viele Ältere ist das Badezimmer eine besondere Gefahrenzone: Stürze und schwere Knochenbrüche haben häufig lebensbedrohliche Folgen. Um Unfälle zu vermeiden, gibt es Duschstühle - die allerdings häufig unhandlich sind und nach Pflegebedarf aussehen. Das muss doch anders gehen, dachten sich Axenia und Björn Schäfer. Die Geschwister - sie arbeitet als Dozentin in der Altenpflege, er ist Ingenieur - haben einen praktischen und schicken Duschstuhl erfunden, dem sie den Namen Theuth-Ursax gaben.

Dank seiner sowohl nach innen als auch nach vorn abgeschrägten Sitzfläche bietet er viel Halt. Außerdem erleichtert die Konstruktion gebrechlichen Menschen das Aufstehen in der Dusche oder vor dem Waschbecken. Weil der Hocker ohne Arm- und Rückenlehnen auskommt, hat der Nutzer viel Bewegungsfreiheit und kann sich - dank der Zweiteilung der Sitzfläche - auch zwischen den Beinen problemlos waschen. "Viele ältere Menschen leiden unter den Schwierigkeiten mit der Körperpflege und sprechen ungern über dieses Rote-Ohren-Thema", sagt Björn Schäfer.

Vier Edelstahl-Beine mit Gummifüßen, zwei Querstreben, die Sitzfläche wahlweise aus Kunststoff oder Holz - der Hocker sieht ganz simpel aus. Doch der Weg bis zu seiner Realisierung war es nicht. Seine Erfinder mussten medizintechnische Normen mit gutem Design verbinden, Produzenten finden und ihre Neuentwicklung in einer konservativen Branche durchsetzen.

Das gelang den Schäfers, weil sie den Markt gut kennen, gern tüfteln und sich dabei gut ergänzen. Er arbeitet in einer Firma, die chirurgische Instrumente und Implantante herstellt. Sie hat nach ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin, Philosophie studiert, arbeitet neben ihrer Lehrtätigkeit als Künstlerin und bewirtschaftet zudem noch viereinhalb Hektar Wald. Über die Arbeitsteilung mit ihrem Bruder sagt sie: "Er ist derjenige, der für jedes technische Problem eine Lösung findet, und ich kann m eine Kreativität ausleben."

Die größte Schwierigkeit für die beiden war es, an die nötigen Finanzen zu kommen: Ihre Hausbank und andere Institute winkten ab. Schließlich unterstützte die GLS Bank das Projekt. Zusammen mit eigenen Ersparnissen kamen die Gründer auf 50000 Euro Startkapital. Ihr Unternehmen hat seinen Sitz im sächsischen Plauen, dem Wohnort der Eltern. Die 65-jährige Mutter wurde gleich mit ins Boot geholt; sie leitet die Verwaltung.

Und auch der Vater war beteiligt: Von ihm stammt der zungenbrecherische Name Theuth-Ursax. Theuth ist der ägyptische Gott der Erfinder, Ursax steht für die sächsische Herkunft des Stuhles in Verknüpfung mit den ersten beiden Buchstaben des Vornamens seiner Tochter.

Nach der Taufe meldeten die Schäfers ihr Baby zum Patent an und machten sich auf die Suche nach Produzenten in der Region. Der Edelstahlspezialist Frelu-Hergert in Großsteinberg bei Leipzig stellt in Handarbeit den Rahmen des Stuhles her. Ein paar Kilometer weiter, bei Gummimüller, werden die Füße gefertigt. Dritter im Bunde ist die KP Kunststofftechnik in Scheibenberg. Das Unternehmen stand vor der Herausforderung, ein Werkzeug zu konstruieren, mit dem die Sitzfläche aus einem Stück spritzgegossen werden kann, um größtmögliche Stabilität zu erzeugen - was schließlich auch gelang. Insgesamt dauerte es von der Idee bis zum ersten Duschstuhl zwei Jahre.

Sich selbst waschen zu können ist ein großes Glück für gebrechliche Menschen. Und eine Erleichterung für Pflegekräfte

5000 Exemplare wollen die Schäfers dieses Jahr verkaufen. Mit einem Preis ab 285,60 Euro liegt er deutlich über den meisten Konkurrenten (im Schnitt zahlt man um die 150 Euro), ist aber auch besonders lange einsetzbar, so versichern die Unternehmer. Sie bieten ihn Endkunden und Pflegeeinrichtungen an. Bei Letzteren über die Schwelle zu kommen sei nicht nur wegen des Preises "in der innovationsfeindlichen Branche" nicht ganz einfach, sagt Axenia Schäfer. Ihr Hauptverkaufsargument: Dank des Duschstuhles können sich in ihrer Beweglichkeit eingeschränkte Menschen selbst waschen und damit die Pfleger entlasten. Bis jetzt nutzen fünf geriatrische Einrichtungen, ambulante Pflegedienste und Krankenhäuser den Hocker.

Auch fürs Marketing haben die Schäfers offenbar ein Händchen. Sie heuerten eine fünfköpfige Senioren-A-Cappella-Truppe an, die den famosen Stuhl in Bademänteln in der Dusche von Björn Schäfer besingt. Das Video ist bei Youtube* zu sehen. Einer der Sänger erläutert gewissenhaft alle Vorteile des Produktes. Sein Resümee: "Er ist stabil, und das ist wichtig." •

* youtube.com/user/theuthursax