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Eine Frau, die sich traut

Sie hat einfach die Mafia angezeigt und dabei nicht an die möglichen Folgen gedacht. Das war gut so. Denn nun ist Ercolano die erste Stadt Süditaliens, die sich vom Schutzgeld befreit hat.




- Frechheit siegt? Das kommt leider vor, immer wieder mal. Dummheit aber wird bestraft. Dann nämlich, wenn man an den Falschen gerät. An jemanden, der ein Ehrgefühl hat, der noch weiß, was sich gehört. Der sich nicht herumschubsen lässt. Dem nichts geschenkt worden ist im Leben, während er zwei Kinder rechtschaffen erzogen und danach mehr als drei Jahrzehnte lang ein Modegeschäft geführt hat. Einer Dame wie Raffaella Ottaviano sollte man also besser nicht dumm kommen. Sie hat mittlerweile schlohweißes Haar, denn sie ist schon 70 Jahre alt. Doch wer sie unterschätzt, der begeht einen Fehler.

Das musste auch die Mafia lernen, als sie zwei Typen zu ihr in den Modeladen Erredue schickte, wo Jacken, Hosen und Kleider hängen, in Folie und dicht an dicht, bis unter die Decke. Nicht gerade der typische Ort, von dem eine Revolution ausgeht, aber genau so war's. Seit sich die Bosse mit Signora Lella angelegt hatten, ging es mit ihnen bergab.

Wir sind in Ercolano, einer Provinzstadt südlich von Neapel. Die Gegend zwischen Neapel und Avellino ist Camorra-Land. In Ercolano trugen seit drei Generationen die Clans der Iacomino-Birra und der Ascione-Papale ihre Kämpfe ums Revier aus. Es ging um Drogenhandel und Schutzgelderpressung. Wer einen Laden besaß, wurde mit Drohungen und Terror eingeschüchtert und gefügig gemacht. Wer die einen bezahlte, dem wurde Schutz vor den anderen versprochen. Der Kampf der Clans um das Territorium wurde nie eindeutig entschieden. Häufig knallten sie sich gegenseitig ab. "Hier lagen viele Tote auf der Straße", berichtet Raffaella Ottaviano.

Das Gleichgewicht des Schreckens dauerte viele Jahre. Jetzt ist es vorbei. Die Bosse sitzen hinter Gittern. Ercolano ist die erste Stadt Süditaliens, die sich von Schutzgeld-Erpressern befreit hat. Und dafür hat ausgerechnet die alte Dame aus dem Modeladen gesorgt.

"Dort standen sie und verlangten Geld von mir", sagt die Signora und zeigt mit dem Finger in die Ecke mit dem großen Spiegel. "Sie behaupteten, Onkel Giannino habe sie geschickt." Sie ist eine kluge Geschäftsfrau. Stammkundinnen gibt sie Rabatt. Änderungen erledigt sie gratis. Wichtig aber ist für sie vor allem, dass sie ihr eigener Chef ist. Ihr soll keiner hereinreden.

Die alte Dame tat etwas, das sich zuvor in Ercolano keiner getraut hatte: Sie lief aus dem Geschäft direkt ins Kommissariat und zeigte die beiden Erpresser an. An die Folgen habe sie dabei keine Sekunde gedacht, sagt sie im Rückblick, sonst hätte sie es vielleicht nicht getan. "Ich habe mich erniedrigt gefühlt, dass ich von zwei ungehobelten Kerlen bedroht wurde", sagt sie. Sie hatte bis dahin geglaubt, als Frau und Mitglied einer alteingesessenen Händlerfamilie sicher zu sein. Doch nun packte sie die Wut.

Es ist Mittagszeit. Da lässt sie wie gewohnt die Läden herunter, schließt die Tür ab und geht nach Hause, zum Essen mit ihrem Mann. Draußen ist es stickig heiß und staubig. Gegenüber stehen Stühle und Tische auf dem Gehsteig. Ein junges Paar sitzt unter einem rot-weißen Sonnenschirm. Die beiden halten Händchen. Alles scheinbar ganz normal. Doch nicht in Ercolano. Früher saß hier niemand mittags im Freien. Denn in dem Städtchen, auf dessen Gebiet das antike Herculaneum stand, bedeutete High Noon häufig: Es wurde scharf geschossen.

Nach der Anzeige dauerte es ein wenig, bis ihr aufging, was sie riskierte. Dann kam die Angst. Um ihren Mann und die beiden erwachsenen Kinder, die eigene Geschäfte in Ercolano haben. Aber die Familie stand zu ihr. "Wir haben sie immer unterstützt", sagt ihr Mann. "Sie hätte sich eh nicht abbringen lassen." Das Drama hat ihm zugesetzt, auch gesundheitlich. "Keiner hat uns damals geholfen, auch nicht der Bürgermeister. Nur die Carabinieri waren da", sagt Raffaella Ottaviano.

Es war eine beklemmende Zeit. Jedes Mal, wenn hinter ihr ein Mofa aufheulte, fuhr sie herum, weil sie einen Anschlag befürchtete. Polizeischutz lehnte sie ab, auch mit Rücksicht auf ihre Kundinnen. Außerdem hat Polizeischutz in Italien auf Dauer noch niemanden gerettet, der auf einer Todesliste der Mafia stand. Aber sie musste immer mitteilen, wo sie sich aufhielt und wohin sie ging, wenn sie das Haus verließ.

Warum sie seit der Anzeige niemand mehr persönlich bedroht hat, weiß sie nicht. Vielleicht, weil die Clans noch Rücksicht auf Frauen nehmen - auch wenn das kein Tabu mehr ist.

In jenen Monaten der Angst erhielt sie eines Tages einen Anruf aus Neapel von Nino Daniele, dem Vize-Präsidenten der Region Kampanien und bekannten Feind der Camorra. Raffaella Ottavianos Beispiel hatte ihn auf einen Gedanken gebracht. "Wir sahen die einmalige Chance, eine Antimafia-Initiative in Gang zu setzen, die von der Bevölkerung ausging", sagt er. Sie setzten sich zusammen. Dabei entstand die Idee, die Bürgermeisterwahlen zu nutzen.

Daniele trat 2005 als Kandidat an. Angesichts der Zustände in Ercolano war es ein Wagnis. Die Einwohner kannten bis dahin nur die Herrschaft der Clans. Viele wohnen in schäbigen und überfüllten Betonburgen, die von der Camorra gebaut worden waren. In den Bars gab es nur eine einzige Eismarke: die der Camorra-Lieferanten. Abends waren die Straßen wie leer gefegt, aus Furcht vor Schießereien. Schlimmer konnte es nicht werden.

Die Signora Lella führt den Widerstand an. Bei den Männern heißt sie deshalb "big boss"

Die Ercolaner wählten den Antimafia-Kandidaten Daniele 2005 auf Anhieb mit 76 Prozent der Stimmen. Und der sorgte als Bürgermeister sofort für Druck. Er stellte eine Liste von Unternehmen auf, die nicht im Verdacht standen, von der Mafia unterwandert zu sein. Nur sie bekamen noch Aufträge der Stadt. Und er befreite Geschäftsleute, die Schutzgelderpresser anzeigten, drei Jahre von der Unternehmenssteuer. Ein starker Anreiz: Firmen im Mafia-Gebiet sind finanziell doppelt gebeutelt - einerseits wegen des Schutzgelds, andererseits wegen der Banken. Nach einer Studie der italienischen Notenbank zahlen Unternehmen in einer Region mit hoher Kriminalitätsrate um rund 30 Prozentpunkte höhere Zinsen für Kredite als solche in sicheren Landesteilen. Das hält potenzielle Investoren ab, die ein wirtschaftliches Gegengewicht zur organisierten Kriminalität sein könnten.

"Solange die Camorra in der Stadt ist, wird es keine wirtschaftliche Zukunft geben", erkannte der Bürgermeister. Er musste den Leuten im Ort eine ernsthafte Chance bieten, wie sie die Clans und ihre Macht zerschlagen konnten. Das war eine schwierige Operation. Wer sich gegen die Camorra wehrt, bekommt es häufig in den Behörden mit korrupten Bediensteten zu tun. Zwischen 1991 und 2006 wurden 160 Gemeindeverwaltungen in Italien aufgelöst, die im Verdacht mafioser Machenschaften standen. Und allein 71 davon befanden sich in Kampanien. Kein Wunder, dass die Camorra bei Umfragen in der Region bis heute nicht selten besser abschneidet als die Politiker. Wo rund zwei Drittel der jungen Leute arbeitslos sind, spielen die Clans ihre Trümpfe aus: Geld, eine Aufgabe, Prestige.

Aber die Camorra bietet kein Gemeinschaftsgefühl. Das ist ihre Schwäche. Dass es die Ercolaner jetzt haben, ist ihre Stärke: 86 Unternehmer erstatteten inzwischen Anzeige und verbündeten sich zu einer Vereinigung. "Vorher waren wir Einzelkämpfer", sagt Pasquale Del Prete. Er ist ein Bauunternehmer in Torre del Greco, dem Nachbarort von Ercolano. Und in seiner Branche besetzt die Camorra entscheidende Positionen. Sie kontrolliert die Bautrupps ebenso wie die Zulieferer von Material und treibt bei den Geschäftsleuten Schutzgeld ein.

Del Prete war einer der Ersten, der die Polizei einschaltete und nicht einknickte, als die Arbeiter auf seinen Baustellen bedroht wurden, Brandanschläge das Unternehmen trafen und anonyme Anrufer meldeten, sein Sohn halte sich gerade in einer Disco auf. Sie ließen ihn wissen: Sie hatten ihn und seine Kinder im Visier. Aber er stand es durch. "Wenn du nicht mehr zahlen kannst, leihen sie dir Geld zu Wucherzinsen. Und holen sich zuletzt deine Firma", sagt er. "Wenn du einmal zahlst, hört es nie mehr auf. Dann verlierst du den Respekt vor dir selbst."

Davor hat sich Antonio Arvioni am meisten gefürchtet. Er hat ein Lebensmittelgeschäft im Stadtteil am Hang, zwischen unansehnlichen Wohnwaben. Arvioni zahlte jeden Monat 100 Euro an zwei junge Kerle, die zu ihm in den Laden kamen. Das war das Minimum. Die Tarifspanne in Ercolano reichte bis zu 1500 Euro. Aber für einen kleinen Lebensmittelhändler im Hinterland von Neapel sind selbst 100 Euro viel Geld. Arvioni hat drei Kinder. "Wie hätte ich denen das später erklären sollen?", sagt er. Er hat sich geschämt, wenn die Kassierer der Clans kamen und ihn beschimpften. So etwas sollten seine Kinder niemals erleben. Er belegt ein Brötchen mit Schinken und Mozzarella. Die Tomaten holt er sich vom Gemüsehändler nebenan. Auch der gehört zur "Assoziazione", der Vereinigung der Widerständler, die Anzeige erstattet haben.

Raffaella Ottaviano kennt sie alle. Die meisten sind Männer. Sie nennen sie "big boss". Das amüsiert sie. Aber irgendwie stimmt es ja.

Seit Nino Daniele nicht mehr als Bürgermeister amtiert und wieder in Neapel lebt, führt sie die Bewegung als Präsidentin der örtlichen FAI Federazione Antiracket Italia. Die Vereinigung trägt den Namen von Libero Grassi, einem sizilianischen Unternehmer, der die Mafia im Alleingang angezeigt hatte und deswegen 1991 ermordet worden war. Sein Sohn Tano und die FAI unterstützen jetzt die Leute in Ercolano und in anderen Städten, wo sich Widerstand regt. Racket, das ist eine alte US-Vokabel für Schutzgelderpressung. Durch die Antiracket-Vereinigung sinkt das Risiko für den Einzelnen, der sich gegen die Mafia wehrt. Sie sind nicht länger isoliert und müssen die Gerichtskosten nicht allein tragen, wenn sie Klage erheben. Bürgerproteste können sich die Clans einstweilen nicht leisten. In sehr schlechten wie in sehr guten Zeiten arbeitet die Mafia lieber im Stillen.

Die Camorra sucht neue Reviere: Im armen Süden ist nicht mehr genug zu holen

Das Experiment von Ercolano gilt manchen bereits als Modell, das dem von Mafia und Misswirtschaft verwüsteten Süden Italiens neue Hoffnung geben kann. "Der Fall zeigt, dass die Existenz der Mafia von einem Beziehungsnetz abhängt. Das Verhalten der Akteure ist ein rationales Abwägen ihres Risikos, eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die man beeinflussen kann", sagt Giacomo Di Gennaro. Für den Soziologieprofessor von der Universität Neapel ist das ein Ansatzpunkt, um die Mafia besser bekämpfen zu können. Nach seiner Einschätzung steige die Attraktivität des Widerstands gegen die Mafia mit der Sicherheit, die eine Unterstützergruppe garantieren könne, und durch staatlichen Beistand.

In Kalabrien wie in Sizilien sind solche Initiativen, die von Bürgern ausgehen beim Antimafia-Kampf wichtiger denn je. Denn die Mittel der Justiz werden gekürzt, materiell wie personell. Die Camorra und die kalabresische Ndràngheta haben sich dagegen modernisiert und sich sogar nach Norditalien und in den EU-Raum ausgedehnt. Es geht ihnen vor allem um Geldwäsche und die direkte Kontrolle von Privatunternehmen. Nach einem Bericht der italienischen Notenbank kamen 80 Prozent der Anzeigen gegen die Infiltration durch mafiose Organisationen aus der Lombardei. Im Süden, wo die Schutzgelderpressung weiter zu den wichtigsten Einnahmequellen gehört, trauen sich Opfer noch immer zu selten, Anzeige zu erstatten. Die medienwirksame Verhaftung kleiner Bosse kann die Mafia nicht wirklich schwächen, sagt der Soziologe Di Gennaro. Es sei wie bei der Hydra: Für einen Kopf, der ihr abgeschlagen werde, wüchsen zwei neue nach.

Deshalb sind die Geschäftsleute von Ercolano auf der Hut. "Es kann jederzeit wieder losgehen", sagt Raffaella Ottaviano. Vor allem, wenn es für die Menschen keine Alternativen gibt. Die Luft in der Stadt ist sauberer geworden, doch die Aussichten sind düster. Die Ladenkassen sind leer. Selbst die Camorra ist offenbar knapp bei Kasse. Durch Prozess- und Anwaltskosten sind die flüssigen Mittel der Clans zum Großteil aufgebraucht. Von der Frau eines Bosses wird erzählt, dass sie sich neuerdings als Kellnerin verdingen müsse. Das Geld ist knapp, überall. "Wir bräuchten mehr Touristen", sagt Raffaella Ottaviano. Doch die meisten Besucher schaffen es nur bis ins nahe Pompeji.

Wie man das ändern könnte, darüber denkt der neue Bürgermeister nach. Vincenzo Strazzullo sitzt wie viele seiner Amtskollegen im Süden in einem Rathaus, dessen Pracht zwar verstaubt, aber noch immer eindrucksvoll ist. Im Marmorbrunnen des kleinen Parks hat Raffaella Ottaviano als Kind heimlich gebadet. Längst ist er ausgetrocknet. "Wir brauchen Geld, um die antiken Gebäude zu renovieren und die antiken Grabungsstätten für Touristen zu erschließen", sagt Strazzullo. Es gibt ein Projekt, das aus dem Herculaneum ein besseres Pompeji machen soll. Auch die Deutschen wollen bei der neuen Zukunft dabei sein. Das Konsulat in Neapel hat schon eine neue Stadtkarte von Ercolano drucken lassen: mit allen Geschäften, die garantiert schutzgeldfrei sind.

Raffaella Ottaviono und die anderen haben viel für die Zukunft gewagt. Jetzt möchten sie auch gewinnen. -