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Die sieben Schwestern und der böse Bär

Das größte Risiko für Ölkonzerne ist politischer Natur. Bruce Misamore hat das selbst erlebt. Der Amerikaner war Finanzchef des russischen Erdölkonzerns Yukos, bis der enteignet wurde.




brand eins: Herr Misamore, würden Sie in Venezuela nach Erdöl bohren?

Bruce Misamore: Heute? Im Jahr 2012? Nein.

Es gibt dort gigantische Reserven, die USA, der wichtigste Markt, sind nicht weit entfernt, die Logistik ist sehr gut.

Trotzdem: nein.

Warum nicht?

Die Regierung dort hat in mehreren Fällen das Eigentum ausländischer Unternehmen verstaatlicht. Das ist für Investoren sehr gefährlich. Ja, es ist richtig, es gibt in Venezuela große Mengen von Erdöl und Erdgas, und das ist reizvoll für Investoren. Doch sie müssen sich auch fragen: Gibt es nicht doch noch ein anderes Land, wo man bessere Bedingungen findet? Letztendlich geht es doch um die zu erwartende Rendite und ob sie das Risiko, das man eingeht, kompensieren kann. In der Öl- und Gasindustrie ist politisches Risiko schon immer Teil des Geschäfts. Es kam immer wieder vor, dass Unternehmen enteignet wurden, denken Sie an Libyen, Russland, Venezuela ... Man muss dieses Wagnis aber nicht eingehen, wenn man andernorts unter stabileren Bedingungen die gleiche Menge produzieren kann.

Die politischen Rahmenbedingungen können sich schnell ändern ...

... und zwar sehr schnell. Bleiben wir einen Moment bei Venezuela. In den Neunzigerjahren hat das Land private Ölgesellschaften eingeladen, ins Land zu kommen, und viele der größten Konzerne der Welt folgten diesem Ruf. 1999 wechselte die Regierung, Hugo Chávez kam an die Macht, und die Anlagen einiger Konzerne wurden nationalisiert. Das Problem dabei ist: Die Ölindustrie ist eine Industrie, die sehr langfristig denken muss.

Es ist doch in Demokratien nicht unüblich, dass Regierungen wechseln, die dann die Gesetze ändern.

Das verstehen die Unternehmen des Sektors auch, und sie sind ja auch bereit dieses Risiko einzugehen. Aber vergessen Sie nicht: Öl- und Gasindustrie sind ein sehr riskantes Geschäft. Ich spreche nicht über den Raffineriemarkt oder den Transport. Das ist ein Margengeschäft. Wenn Sie jedoch nach Öl bohren, investieren Sie Abermillionen Dollar in eine Ölquelle, und am Ende finden Sie überhaupt nichts. Wir brauchen daher stabile Rahmenbedingungen, dann können wir diese Risiken eingehen. Und wenn ich weiß, dass ich im Falle einer Verstaatlichung den Marktpreis für meine Firma kriege, ist das auch okay.

Können Sie sich gegen Verstaatlichungen schützen?

Man kann versuchen, gute Verträge zu schließen.

Die doch immer gebrochen werden können.

Am Ende sind sie nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt wurden, so ist es. Man kann dann die Gerichte der Welt anrufen, was Jahre dauert, aber sein Geld hat man schon verloren.

Was also tun?

Man kann sich schützen: etwa dadurch, dass man zur Finanzierung der eigenen Investitionen Kredite von lokalen Banken beantragt. Wenn dann die Regierung kommt und das Unternehmen verstaatlichen will, schadet sie damit der eigenen Volkswirtschaft. Dann hat man sie am Haken und einen zusätzlichen Verbündeten. Ich habe das in der Vergangenheit schon oft gemacht und kann Ihnen sagen: Es funktioniert. Übrigens auch mit internationalen Banken, die dann ebenfalls Druck ausüben.

Wie lange denken Sie über eine Investitionsentscheidung nach?

Die Welt ist groß und voller Möglichkeiten, aber das Kapital ist endlich. Also schaut man auf die Weltkarte und fragt sich: Wo wurden zuletzt Ölkonzerne verstaatlicht? Aber das ist nicht das einzige Risiko. Es gibt ein weiteres, und das würde ich fiskale Konfiszierung nennen, eine andere Form der Enteignung: Die Regierung erhöht einfach die Steuern, und die Unternehmen verdienen nicht mehr genügend Geld. Eine Investition in ein Ölfeld berechnet man auf Grundlage des bestehenden Steuersatzes. Wird der angehoben, geht die Rechnung nicht mehr auf.

Aber selbst Großbritannien hat die Steuern für die Produzenten von Nordseeöl erhöht. Nicht gerade ein Schurkenstaat.

Steuern einzutreiben ist das gute Recht von Regierungen. Sie müssen entscheiden, welchen Preis sie für die Ressourcen verlangen wollen, die es in ihrem Land gibt. Ob sie dann auch genügend Investoren anziehen können, um ihre Ölfelder zu entwickeln, hängt vom Steuersystem ab, und da ist Großbritannien ein sehr gutes Land. Zudem ist es eine westliche Demokratie, die, da bin ich mir sicher, niemals ein Unternehmen enteignen wird. Die Ölkonzerne stöhnen, aber klar ist: Solange sie eine akzeptable Rendite erzielen, bleiben sie. Selbst wenn der Profit gering ist, wird das durch ein sehr komfortables politisches Umfeld ausgeglichen. Da kann man es sich auch leisten, weniger zu verdienen.

Der spanische Ölkonzern Repsol wurde im Mai in Argentinien enteignet, weil er nicht genügend Geld in die argentinische Tochter YPF investiert habe, sagt die Regierung. Ist diese Kritik nicht berechtigt?

Jetzt mal halblang! Das ist doch lächerlich. Die Enteignung ist ein rein politischer Akt. Er hat nichts, aber auch gar nichts mit den Investitionen zu tun. Hätte Repsol Möglichkeiten gesehen, Geld zu investieren und mehr zu verdienen, hätte er das getan.

Argentinien wurde, nach Angaben der Regierung, vom Öl- und Gasexporteur zum Importeur.

Ach bitte, das ist doch nur eine Ausrede, um einen illegalen Akt vorzunehmen. Es hatte rein politische Gründe.

Ihre Definition dessen, was politisch ist, wird nicht immer von allen geteilt. Im September 2011 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, die Maßnahmen der russischen Behörden gegen Yukos im Jahr 2004 hätten kein politisches Motiv gehabt.

Es gibt bestimmte Kriterien, die dieses Gericht anlegt, um eine Handlung als politisch einzustufen. Es gibt keinen Zweifel, dass die Attacke vom Kreml gesteuert war und politische Motive hatte. Doch um sie als politisch einzustufen, braucht das Gericht stichhaltige Beweise: einen Brief, ein mitgeschnittenes Telefonat, eine angefangene E-Mail, einen Zeugen, der eine Anweisung gehört hat. Derartige Beweise werden Sie im Fall Yukos nie finden.

Wie interpretieren Sie den Fall?

Die Regierung von Präsident Wladimir Putin wollte die Kontrolle über die Wirtschaft nicht verlieren. Dazu muss man wissen, dass Putin und seine Kumpels Kinder eines sowjetischen Kontrollsystems sind. Yukos war eine Bedrohung für sie. Es war ein nach westlichen Buchhaltungsstandards geführter Konzern, wir waren gerade dabei, mehr ausländische Teilhaber ins Boot zu holen, was es noch schwieriger machte, uns zu kontrollieren. Außerdem waren wir sehr erfolgreich, hatten volle Kassen und leisteten einen wichtigen Beitrag zur russischen Wirtschaft. Im Frühjahr 2003 war Yukos 70 Milliarden Dollar wert. Zunächst hat Putin uns unterstützt. Aber dann änderte er seine Meinung und nationalisierte das Unternehmen. So konnte er für andere Unternehmen einen Warnschuss abfeuern.

Yukos wurde Steuerhinterziehung in Millardenhöhe vorgeworfen.

Ein haltloser Vorwurf! Wir haben immer mit den Behörden zusammengearbeitet. Während eines Gerichtsverfahrens im Mai 2004 wurde uns gestattet, die Dokumente der Behörden einzusehen. In einem engen Raum im Gericht durften wir zum ersten Mal einen Blick auf die Akten werfen, mit deren Hilfe wir angeklagt wurden. Da lagen 100000 Blatt Papier, nicht nach Datum oder Thema geordnet, in Gurkenkisten. Uns wurde das Recht verweigert, sie zu kopieren, und nur wenige Rechtsanwälte durften sie für begrenzte Zeit einsehen. Es gab keine Beweise gegen uns. Nur die Absicht, das Unternehmen zu stehlen!

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied im vergangenen September, die russischen Behörden hätten Yukos das Recht auf ein faires Verfahren verweigert, die Gesetze aber nicht gebeugt.

Das Verfahren ist noch nicht zu Ende. Es gibt noch immer die Möglichkeit, von Russland eine Entschädigung zu verlangen. Aber es ist richtig: In vielen Fällen hat das Gericht die Motive und Taten der Russischen Föderation anders eingeordnet als wir. Es ist ein Menschenrechtsgerichtshof, die Richter behaupten nicht, Experten für Steuer- oder Handelsrecht zu sein, und haben im Zweifel für den Angeklagten entschieden. Wir wissen, und andere Gerichte haben so entschieden, dass die Steuern willkürlich abverlangt wurden, was nicht mit dem Gesetz in Russland und dem internationalen Recht zu vereinbaren war. Vergessen wir nicht, dass auch Russland einen Richter in das Gericht entsendet, der an der Entscheidung mitwirkt. Im Übrigen waren wir der zweitgrößte Steuerzahler in Russland nach Gazprom, dann kam lange, lange nichts. Und dann beschuldigt man uns der Steuerhinterziehung, merkwürdig, nicht wahr?

Yukos hatte viel Geld, der Chef Michail Chodorkowski hatte exzellente internationale Kontakte. Hielten Sie sich für unantastbar?

Im Gegenteil! Wir fühlten uns Russland gegenüber verpflichtet und bezahlten unsere Steuern. Unser Ziel war es, weiterhin professionell zu arbeiten und unsere Wachstumsziele zu erreichen. Putin hatte, so wurde uns berichtet, auch persönlich etwas gegen unseren Chef Chodorkowski. Wenn ich mir das kurz einmal erlauben darf: Chodorkowski ist ein beeindruckender Typ als Unternehmensführer, Intellektueller und Visionär.

Chodorkowski ersteigerte in den Neunzigerjahren die Aktienmehrheit von Yukos zum Spottpreis. Es war die Zeit der Privatisierungen unter Boris Jelzin, bei denen es nicht sauber zuging. Dann wurde 1999 der amerikanische Aktionär Kenneth Dart auf sehr unschöne Weise aus dem Unternehmen gedrängt. Können Sie sich überhaupt beschweren, dass es Ihnen später an den Kragen ging?

Ich glaube diese Story so nicht. Yukos wurde bewusst ausgesucht. Wäre es darum gegangen, die Privatisierungen rückgängig zu machen, dann hätten alle Firmen so behandelt werden müssen wie wir. Aber das geschah nicht. Also entbehrt Ihr Argument jeglicher Grundlage. Yukos war prominent, wir waren die am schnellsten wachsende Firma in Russland. Nach der Enteignung wussten alle, wer in Russland das Sagen hat. Darum ging es.

Der Fall Yukos war der Wendepunkt in der russischen Rohstoffpolitik. Seither wird der Sektor vom Staat kontrolliert. Haben Sie das kommen sehen?

Es war eine totale Überraschung. Davor hat Russland versucht, Investoren anzuziehen. Nach der Enteignung sind sie gegen Exxon Mobil, gegen Shell und andere vorgegangen.

Dabei braucht das Land dringend Investitionen in den Öl- und Gassektor. Aber der Fall Yukos ist nicht gerade Werbung für den Standort, oder?

Vergessen Sie nicht: Die russischen Ölreserven sind die mit Abstand größten in der ganzen Welt. Das werden Sie nirgendwo lesen, denn die Zahlen zu veröffentlichen ist verboten. Bei Yukos wurde uns gedroht, weil wir unsere Reserven nach US-GAAP und den europäischen Vorschriften in den Bilanzen ausgewiesen haben. Jeder weiß, Russlands Gasreserven sind die größten der Welt. Beim Öl sagt es niemand, aber ich kann Ihnen versichern: Es sind auch die größten in der Welt. Und da treffen sich zwei, die sich brauchen: die Öl-Konzerne und Russland. Insofern ist Russland ein sehr attraktiver Standort. Dagegen rechnet man dann das politische Risiko, und auch wenn es neun Jahre nach Yukos wenig private ausländische Investitionen gibt: Die Konzerne stehen unter Druck. Sie brauchen neue Ölquellen. Und dann verschwindet die Erinnerung an das, was geschehen ist, im Nebel.

So wie offenbar bei Exxon Mobil. Die Amerikaner schlossen vor wenigen Wochen mit der staatlichen russischen Erdölgesellschaft Rosneft ein Joint Venture. Warum gehen sie dieses Risiko ein?

Sie machen das sehr clever. Sie schließen sich mit Rosneft zusammen, das ist die einzige Möglichkeit, das Risiko zu minimieren.

Wie das?

Exxon Mobil wird Partner von Rosneft in Russland, und Rosneft wird Partner von Exxon Mobil im Golf von Mexiko. Wenn sich jetzt die russische Regierung über das Eigentum von Exxon Mobil in Russland hermachen sollte, dann kann sich Exxon Mobil das Eigentum von Rosneft im Golf von Mexiko schnappen.

Sind Sie nicht enttäuscht, dass trotz der Enteignung von Yukos ein westlicher Erdölkonzern in Russland investiert?

Enttäuscht, warum?

Es wäre doch in Ihrem Sinne, wenn die Branche ein Zeichen setzte und keine Geschäfte mit einem Land machte, das das Privateigentum nicht akzeptiert.

Nun, Yukos gibt es nicht mehr. Mit wem sollten die Firmen solidarisch sein? Sicherlich wird es auf der Welt kein privates Unternehmen geben, das Verstaatlichungen gutheißt. Aber Geschäft ist Geschäft. Man muss die Emotionen draußen lassen. Am Ende ist entscheidend, ob man für seine Aktionäre eine gute Rendite einfährt. Deshalb muss man sich die Dinge so objektiv wie möglich anschauen. Wenn Sie mich jetzt aber fragen, ob Exxon Mobil Geschäfte mit einem Gauner macht, dann lautet meine Antwort: ganz sicher!

Im Juli 2006 ging Rosneft an die Londoner Börse.

Was wir versucht haben zu verhindern. Man stelle sich das einmal vor: Ein Unternehmen sammelt an der Börse für gestohlenes Eigentum Geld ein. Heute wäre das wohl unmöglich.

Auch andere hatten keine Skrupel. Pricewaterhouse Coopers (PWC) zog im Jahr 2007 seine Berichte über Yukos zurück. Die hätten Ihnen damals geholfen, zu beweisen, dass Sie im Recht waren.

PWC hatte zwei Möglichkeiten: Entweder zu dem zu stehen, was sie geschrieben haben. Oder ihre Niederlassung in Russland mit mehreren Tausend Mitarbeitern zu verlieren. Da entschieden sie sich, die Berichte zu widerrufen, weil es Yukos zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr gab und mit uns kein Geschäft mehr zu machen war. Professionell haben sie eine schwere Sünde begangen, weil sie vor Putin auf die Knie gingen. Ich habe ihnen gegenüber sehr gemischte Gefühle.

Gibt es keine Moral im Geschäftsleben?

Doch, die gibt es. Aber man balanciert die Dinge aus. Besonders in der Öl- und Gasindustrie. Es gibt jedoch eine Grenze. Und die hat der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder überschritten, als er die Yukos-Affäre eine interne russische Angelegenheit genannt hat, was eine Unverfrorenheit ist. Denn genau das war sie nicht. Er hat Putin damit sehr geholfen - und wurde ja später dafür auch von ihm mit einem Posten belohnt.

Wenn Sie zurückblicken, müssen Sie zu dem Schluss kommen: Für Wladimir Putin hat sich das Ganze gelohnt. Bis heute wurden kaum Gelder an die früheren Yukos-Aktionäre bezahlt.

Es ist ganz klar, dass die Regierungen, ob in Russland, in Argentinien, in Venezuela oder sonstwo in all diesen Fällen, die Karten in der Hand halten. Man hat sehr wenige Möglichkeiten, seine Beschwerde vorzutragen: Es gibt den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, es gibt den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Aber die Regierungen sind immer in einer besseren Situation. Gerade wenn sie Öl oder Gas haben, was sehr begehrte Rohstoffe sind. Letztendlich wird man sich als Unternehmen immer damit begnügen, sich für eine bestimmte Geldsumme zu vergleichen. Man will einfach eine angemessene Entschädigung.

Haben Sie je wieder russischen Boden betreten?

Nein, ich kann nicht zurück. In Russland läuft ein Verfahren gegen mich. Sie versuchen, mich einzuschüchtern. Wenn ich zurückkäme, würde ich sofort verhaftet. Es gibt jedoch keine stichhaltigen Vorwürfe gegen mich, und es gab nie welche. Aber das Verfahren läuft seit 2006. Das Interessante daran ist: Wir haben im August 2006 in den Niederlanden einen Prozess gegen die Russische Föderation gewonnen. Noch am selben Nachmittag wurde das Verfahren gegen mich bekannt gemacht. Und noch eine Repressalie gab es: An jenem Tag hat Russland für 24 Stunden die Einfuhr von Schnittblumen aus den Niederlanden verboten. Sie wollten ihnen wohl eine Lektion erteilen: "Warum könnt ihr eure Gerichte nicht so kontrollieren wie wir?!" -

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Bruce Misamore Es war im Juni 2004 und Misamore gerade in London auf Dienstreise, als ihn ein Kollege anrief. Dessen Botschaft war alarmierend: Die russische Regierung, die bereits 2003 den Vorstandschef Michail Chodorkowski bei einer Zwischenlandung seines Privatjets in Sibirien festgenommen hatte, stehe kurz davor, nun den gesamten Ölkonzern Yukos zu beschlagnahmen, er solle besser nicht nach Moskau zurückzukehren. Misamore war Finanzchef (CFO) von Yukos, des damals größten privaten Unternehmens in Russland. Kurz darauf begann die russische Steuerbehörde den Konzern zu enteignen. Sie forderte eine Steuerschuld für die zurückliegenden vier Jahre in Höhe von 15,7 Milliarden Dollar. Ursprünglich hatte die Summe 3,2 Millarden Dollar betragen, doch dann entdeckten die Behörden weitere 12,5 Milliarden Dollar angeblich nicht gezahlter Steuern. Allerdings war es für den Konzern praktisch unmöglich zu zahlen, da seine Konten vom Staat eingefroren worden waren. Der Amerikaner Misamore hielt sich deshalb an den Rat und flog nach Houston statt nach Moskau. Wie richtig diese Entscheidung war, sollte sich zeigen, als in den folgenden Monaten mehrere Yukos-Manager festgenommen wurden. Ende 2004 war die geforderte Steuerschuld von den beschlagnahmten Konten eingezogen. Trotzdem wurde eine der größten Ölplattformen, Yuganskneftgaz, zum Spottpreis über Mittelsmänner an die staatliche Erdölgesellschaft Rosneft versteigert. Chodorkowski wurde wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung unter zweifelhaften Umständen verurteilt und wird wahrscheinlich bis 2017 im Gefängnis sitzen. Misamore, 62, lebt heute in Houston und versucht das Geld der 55000 Yukos-Aktionäre von der russischen Regierung einzutreiben.

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Yukos 1993: Gründung von Yukos durch den russischen Staat 1995: Privatisierung von Yukos. Der Bank-Besitzer Michail Chodorkowski sichert sich die Möglichkeit, die Auktion der Aktien durchzuführen, und kann die Mehrheit der Papiere für 410 Millionen Dollar ersteigern. Er finanziert dies durch künftige Öllieferungen an den Staat. 2001: Die Aktien von Yukos werden in New York, London, Frankfurt, Berlin und München an die Börse gebracht. Frühjahr 2003: Yukos ist mit einem Marktwert von 70 Milliarden Dollar der viertgrößte private Erdölkonzern der Welt. Chodorkowski ist auf Platz 26 der "Forbes"-Liste der Reichsten der Welt. Bei einer Sitzung von russischen Wirtschaftsführern, zu der der Kreml eingeladen hatte, kritisiert Chodorkowski Präsident Putin und wettert gegen die "Korruption im ganzen Land". April bis Dezember 2003: Steuerprüfungen bei Yukos und Durchsuchung der Büros Oktober 2003: Chodorkowski wird bei der Zwischenlandung in Sibirien festgenommen. 2004: Zwangsversteigerung von Yuganskneftegaz, der wichtigsten Yukos-Plattform, die so in die Hände der staatlichen Gesellschaft Rosneft fällt. Insolvenzantrag von Yukos in den USA. 2005: Wegen Unterschlagung und Steuerhinterziehung in Höhe von einer Milliarde Dollar wird Chodorkowski zu neun Jahren Lagerhaft verurteilt. 2010: In einem zweiten Prozess wird Chodorkowski wegen Unterschlagung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Voraussichtlich bis 2017 wird er in Haft bleiben müssen. Elf Tage vor der Urteilsverkündung nannte Präsident Putin Chodorkowski einen "Dieb", der ins Gefängnis gehöre, da seine Verbrechen bewiesen seien.