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Vorsorgeexperte Bernd Raffelhüschen im Interview

Die Wirtschaftskrise hat viel privates Vermögen vernichtet. Und an den Staat als Retter im Alter glaubt kaum noch jemand. Trotzdem reden wir uns ein, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Zu Recht, sagt Vorsorgeexperte Bernd Raffelhüschen.




brand eins: Ist die Rente sicher, Herr Raffelhüschen?

Ja, und sie ist so hoch, dass keine Altersarmut droht. Die ist eine Chimäre der deutschen Medien. Unser Problem ist die Sicherung des Lebensstandards im Alter.

Aber Sie haben doch selbst vorgerechnet, dass nur für gut ein Drittel der Deutschen die staatliche und betriebliche Altersvorsorge mehr als 60 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens betragen wird.

Ja, aber Armut bedeutet, dass ich unter die Sozialhilfegrenze falle. Das betrifft die wenigsten in Deutschland.

Die neuen Alten fliegen also mehrmals im Jahr in den Urlaub, kaufen sich ein Cabrio und studieren noch mal ...

Die Alten heute sind die reichsten Rentner, die wir jemals hatten. Alleinstehende Frauen mit Kindern haben ein im Vergleich zu dieser Gruppe siebenmal so hohes Armutsrisiko.

Ist es nicht fahrlässig, sich so in Sicherheit zu wiegen?

Wenn das Wirtschaftswachstum auch nur halb so viel hergibt wie in den vergangenen Jahren, dann werden die Alten im Jahr 2020 oder 2030 noch reicher sein, als es die Alten heute sind.

Trotz der demografischen Entwicklung?

Ja. Zwar sinkt das Rentenniveau bezogen auf das, was der durchschnittliche Erwerbstätige verdient, deutlich. Aber die meisten Menschen haben schon Vorsorge getroffen. Wenn man sieht, in welcher Höhe betriebliche und private Altersvorsorgeansprüche existieren und wie viele Immobilien als Altersvorsorge genutzt werden können, dann bleibt nur noch für kleinere Bevölkerungsschichten ein Risiko. Und für die ewig Gestrigen, die sich darauf verlassen, dass sie gar nichts machen müssen und das Kollektiv alles bereitstellt.

Viele jüngere Menschen wollen in die staatliche Rentenversicherung nicht einzahlen, weil sie befürchten, kaum etwas herauszubekommen.

Das kann ich so nicht nachvollziehen. Durch die Reformen der vergangenen Jahre ist die Rentenfinanzierung nachhaltig gesichert. Die Menschen werden wahrscheinlich ein bisschen länger arbeiten müssen. Aber sie werden auch länger leben und damit länger Rente beziehen.

Viele Politiker fordern, mehr Menschen sollten sich selbstständig machen - eine gute Idee im Hinblick auf die Altersvorsorge?

Eine gute Idee, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Nur wenn mehr Menschen Unternehmen gründen, haben wir Chancen auf Wachstum.

Aber viele Selbstständige zahlen nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Im Alter liegen sie der Allgemeinheit auf der Tasche.

Es gibt Selbstständige, die eigentlich keine sind, sondern nur die Sozialabgaben umgehen. Die meisten Unternehmer sorgen aber sehr wohl vor, wenn auch nicht durch die gesetzliche Rentenversicherung. Die Gefahr, dass jemand auf Kosten der Solidargemeinschaft darauf verzichtet, könnte man im Übrigen leicht umgehen, indem man sagte: Jeder muss vorsorgen. Aber er darf selbst entscheiden, in welcher Form er das tut.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen will hingegen mehr Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung lotsen. Was halten Sie davon?

In den Siebzigerjahren sind viele Selbstständige freiwillig eingetreten. Für sie war es ein gutes Geschäft, für die Rentenversicherung ein schlechtes. Sie musste für vergleichsweise geringe Einzahlungen hohe Auszahlungen leisten. Das wurde damals politisch entschieden und war ökonomisch eher falsch. Heute ist das anders. Es gibt aber immer noch Selbstständige, die einige Jahre angestellt gearbeitet haben, und für die es sich lohnt, so lange in der Rentenversicherung zu bleiben, bis sie Anspruch auf eine Grundversorgung haben. Ob das gesetzlich vorgeschrieben oder den Menschen freigestellt sein soll, darüber ist sich die Koalition doch sehr uneins.

Welchem Selbstständigen raten Sie denn, freiwillig in die Rentenversicherung einzuzahlen?

Wenn ich zum Beispiel spät selbstständig geworden bin, also schon viel eingezahlt habe, dann ist das vernünftig. Wenn man Menschen zwingt, weiß ich nicht, ob man ihnen etwas Gutes tut. Vielleicht kauft sich jemand lieber ein Haus oder sichert sich anderweitig ab. Die Politik weiß nicht, welcher Mensch mit welcher Altersvorsorge glücklich wird.

Angenommen, Sie dürften die deutsche Altersvorsorge komplett neu erfinden – wie sähe sie aus?

Oh, nicht viel anders als heute: die gesetzliche Rentenversicherung als Basisversorgung, betriebliche Altersvorsorge obendrauf und dann noch als Schokoladenhäubchen private Anlageformen. Man kann einigermaßen getrost darauf vertrauen, dass dieses Trio es künftig schon schaukeln wird.

Die stille Hoffnung der Mehrheit der Bevölkerung, mit der gesetzlichen Rente ein gutes Polster zu haben, trügt also nicht?

Die Rentenversicherung ist für 90 Prozent der Menschen in Deutschland eine Basisversorgung für die Zukunft. Die Renditen sind nicht besonders doll, das ist ganz klar. Schlicht, weil die entsprechenden Beitragszahlungen in Zukunft nicht da sein werden.

Mit zusätzlichem Vorsorgebedarf argumentieren auch Anlageberater und verkaufen lauter angeblich sichere Investments. Dann kommt eine Finanzkrise, und plötzlich sind die Rücklagen weg.

Alles ist in der Regel nicht weg. Selbst griechische Staatsanleihen nicht. Börsen-Crashs wird es immer wieder geben. Es gibt keine sichere Geldanlage.

Aber kann ich meinem Anlageberater vertrauen?

Seinem Anlageberater kann man genauso viel oder wenig vertrauen wie seinem Bäcker oder Metzger. Die Menschen sind selig in ihrer Unwissenheit und wollen sich nicht zu viel mit dem Thema Vorsorge beschäftigen. Der Mensch muss sich informieren, dann tut er in der Regel schon das Richtige.

Aber als Kunde hat man oft das Gefühl: Der Berater will mir etwas nur verkaufen, um eine Provision zu kassieren.

Also, ich werde auch beim Bäcker das Gefühl nicht los, dass der mir etwas verkaufen möchte. Das ist ein ganz normaler Zustand. Sagen wir mal so: Eine Nacht drüber schlafen würde ich bei Finanzanlagen immer.

Wie sorgt denn ein Rentenexperte selbst vor?

Nun ist der Rentenexperte, den Sie hier vor sich haben, ein Beamter. Mit meiner Pension ist mein Lebensstandard im Alter abgesichert. Allerdings sorge ich auch nebenbei vor. Nennen Sie irgendein Produkt. Es gibt keines, das ich nicht habe: Aktien, Rentenversicherung ...

Sie haben keinen Geheimtipp?

Nein. Was in 30 Jahren ist, weiß niemand. Deshalb kaufe ich Aktien immer nach Alphabet.

Also zufällig?

Völlig zufällig.

Hat das bisher funktioniert?

Sehr gut sogar. Wenn man die Papiere nicht einfach beiseite legt, sondern sie regelmäßig ruhig durchgeht. Und wenn man es darüber hinaus ertragen kann, dass man mal Geld verliert. Dann ist das gar kein Problem.

Altern ist für Sie also kein Risiko?

Das Risiko, alt zu werden, ist ja eines, dessen Eintritt man sich im Gegensatz zu allen anderen Risiken eigentlich wünscht. Wer nicht alt wird, hat Pech gehabt. Insofern ist es gar kein richtiges Risiko, sondern vielmehr ein Glück. ---

Bernd Raffelhüschen

ist Professor für Finanzwissenschaft und Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und lehrt zudem an der Universität Bergen, Norwegen. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Sozial- und Steuerpolitik, insbesondere die Alterssicherung, Gesundheitsökonomie und Pflegevorsorge. Er wirkt an internationalen Forschungsprojekten mit und berät die Politik – zum Beispiel als Mitglied der Rürup-Kommission, der Kommission Steuergesetzbuch oder als Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft.