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Die Herrschaft der Trolle

Das Internet ist zu unserer zweiten Heimat geworden. Millionen Menschen tauschen sich dort aus. Allerdings lauert bei jeder Diskussion im Netz die Gefahr, bepöbelt, beleidigt und gemobbt zu werden. Warum nur?




Prolog Die folgende Kommentarschlacht ist aufgebaut wie eine griechische Komödie von Aristophanes: Möglichst viele Redner beleuchten ein Thema von verschiedenen Seiten. Und jeder Auftritt birgt das Risiko einer neuen, unvorhersehbaren Wendung. Es geht um das Risiko der Netzkommunikation. Auf der Bühne stehen Blogger, Facebook-Nutzer und Twitterer. Es treten auf:

Mike Godwin – Jurist und Entdecker des ersten Internet-Naturgesetzes
Jakob Vicari – Journalist
Marcel Proust – französischer Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts
Batman – Superheld des späten 20. Jahrhunderts
Anke Gröner, Johnny Häusler, Enno Park, DonAlphonso – Blogger
Jürgen Habermas, Judith Donath – Denker 
Udo Vetter – 
Rechtsanwalt und Blogger
Christoph Stark – Bürgermeister von Gleisdorf und Blogger
Sigmar Gabriel – Vorsitzender der SPD, nun auch aktiv bei Facebook
Ariane Friedrich – Hochspringerin, Kommissarin, ehemals aktiv bei Facebook
Sascha Lobo – Internet-Erklärer, Kolumnist und Twitterer
Piratenpartei – Politiker, die an die Intelligenz des Schwarmes glauben
Ostfriese – 18-Jähriger, der auf Facebook zur Lynchjustiz aufrief
Legosteinchen, Troll117 – zwei prototypische Trolle

1. Unter Feinden Eine besondere Spezies: der allgegenwärtige und stets pöbelbereite Störer
MikeGodwin
Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit Hitler oder den Nazis dem Wert eins an.

Das von Mike Godwin vor 22 Jahren formulierte Gesetz bezog sich auf das Usenet. Die frühen Netze waren eine unwirtliche Textwüste. Möglicherweise stärkte der raue Umgangston damals den Zusammenhalt der noch kleinen Netzpopulation. Die 901 Millionen Facebook-Nutzer von heute müssen dagegen nicht mehr um ihr Biotop fürchten. Trotzdem hat Godwins Gesetz Bestand. Wahrscheinlich ist inzwischen jeder, der etwas im Netz schreibt, schon einmal mit Hitler verglichen worden.

Troll117
Es gibt wirklich Wichtigeres. Legosteinchen
Ich frage mich wieder einmal, was solch ein Artikel in der brandeins soll. Es geht doch wieder mal nur darum, das Netz schlechtzumachen. JakobVicari@Legosteinchen
Unsere Texte verändern sich mit dem Wissen, dass der Troll immer mitliest. Bloß keine Risiko-Kommunikation über das Netz, bloß kein Trollfutter produzieren. JudithDonath
Trollen ist ein Spiel um das Verschleiern der Identität, das aber ohne das Einverständnis der meisten Mitspieler gespielt wird.
2. "Kommentare grönern" Über Versuche, Mobber abzustellen

Eigentlich war das Netz schon immer sozial. Doch etwas muss bei der Sozialisation seiner Bewohner schiefgelaufen sein. Viele ließen ihre Umgangsformen im analogen Leben zurück. Vielleicht weil man Menschen im Netz - anders als in der Kneipe - ohne jedes Risiko beleidigen kann.

UsenetNetiquette
"Vergiss niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt!"

Dieses Gebot der Netiquette missverstanden viele als Aufforderung, den Menschen auf der anderen Seite derb anzugehen. Ebenso erfolglos blieb der Deutsche Knigge-Rat mit seinem Anfang des Jahres veröffentlichten Höflichkeitsleitfaden für soziale Netzwerke.

KniggeRat
Lassen Sie sich nicht von unangenehmen Zeitgenossen zu unüberlegten Reaktionen verleiten.

Eine geschriebene Beleidigung sitzt tiefer als eine gebrüllte. Denn sie bleibt. Im Jahr 2006 stellte die Bloggerin Anke Gröner die Kommentarfunktion ganz ab. Diese Maßnahme hieß fortan "Kommentare grönern".

AnkeGröner2006
Manchmal mochte ich meine eigenen Einträge nicht mehr, weil irgendein Quatsch drunterstand, mit dem ich mich nicht anfreunden konnte (und den ich natürlich auch nicht löschen konnte, denn wie wir ja alle wissen, ist Kommentare löschen so schlimm wie Kinderpornos drehen).
JohnnyHäusler2008
Ich tue das hier schließlich nicht, um verbale Kriege zu führen und mein Leben mit Hass zu füllen, dazu ist mir meine Zeit zu kostbar.

Heute ist schwer vorstellbar, wie Diskussionen in den Vor-Netz-Salons und -Cafés ohne den rhetorischen Nazi-Hammer wohl ausgesehen haben mögen. Man müsste das eigentlich einmal bei Proust nachlesen.

MarcelProust1912
Die Wahrheit, die man in Worte kleidet, bahnt sich nicht unmittelbar ihren Weg und ist kein unbestreitbares, augenfälliges Phänomen. Es braucht eine ganze Weile Zeit, bis eine Wahrheit gleicher Ordnung sich in den anderen formen kann.
JakobVicari@MarcelProust1912
Zeit geben? Immer wenn man etwas ins Netz hineinschreibt, und sei es nur eine E-Mail, riskiert man, unmittelbar von einer Horde Ureinwohner angegangen zu werden.
DonAlphonso
So geht man mit mir und meinen Freunden nicht um.
JürgenHabermas
Tatsächlich hat ja das Internet nicht nur neugierige Surfer hervorgebracht, sondern auch die historisch versunkene Gestalt eines egalitären Publikums von schreibenden und lesenden Konversationsteilnehmern und Briefpartnern wiederbelebt.
JakobVicari@JürgenHabermas
Die Theoretiker des freien Diskurses haben sich offenbar nicht vorstellen können, dass Trolle den öffentlichen Raum besetzen. Viele Kommentarstränge hören nach spätestens dem fünften Beitrag auf, anschlussfähig zu bleiben, selbst für den ursprünglichen Verfasser. Wie kann man nur so unzufrieden damit sein, was andere über Fernsehköche, Staubsaugerroboter und feministische Bücher schreiben?
3. Anonymität nervt Einige Argumente gegen Versteckspiele

Google wollte nur noch Klarnamen in seinem neuen sozialen Netzwerk zulassen. Der Blogger Enno Park wurde zweimal von Google+ ausgesperrt, weil er sein Pseudonym "Ennomane" benutzen wollte. "Zeit Online" fragte ihn, ob er nicht einfach woanders netzwerken könne.

EnnoPark
Ich persönlich will gar nicht unbedingt als Ennomane unterwegs sein. Mir geht es aber ums Prinzip, und das Prinzip finde ich wichtig: Pseudonymität halte ich für ein digitales Menschenrecht, das übrigens auch in Paragraf 13 Telemediengesetz (TMG) festgeschrieben ist.
Troll117
Ich hab mir den Artikel nicht richtig durchgelesen, aber das geht, finde ich, wirklich zu weit.

Googles Vorgehen erscheint konsequent und die Zeit der Zweitidentität vorbei. Trotz Nicknames treten wir in sozialen Netzwerken als wir selbst auf. Damit steigt allerdings auch das Risiko, sich um Kopf und Kragen zu posten.

SigmarGabriel
Ich war gerade in Hebron. Das ist für Palästinenser ein rechtsfreier Raum. Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.
ArianeFriedrich
NEIN HERR [Name entfernt, Red.], ich möchte weder Ihr Geschlechtsteil noch die Geschlechtsteile anderer Fans sehen. Anzeige folgt.

Gabriel gab seinen Fehler schnell zu und versuchte, sich mit den starken Eindrücken in Hebron herauszureden. Friedrich fiel das schon schwerer: Die Hochspringerin ist von Beruf Kommissarin. Sie veröffentlichte nicht nur den Namen, sondern auch den Wohnort des vermeintlichen Stalkers. Wie im Wettkampf scheint die Sportlerin mit dem Ehrgeiz zum Triumph über ihren Gegner anzutreten.

JakobVicari@Rechtsanwalt
Darf sie das?
UdoVetter
Selbst wenn es tatsächlich den Richtigen träfe, wäre das An-den-Pranger-Stellen unrechtmäßig. Ich finde es krass für jemanden wie Frau Friedrich, die auf der Verwaltungsfachhochschule Hessen Polizeiarbeit studiert hat, dass sie das nicht unterscheiden kann.
ArianeFriedrich
Es ist Zeit zu handeln, es ist Zeit, mich zu wehren. Und das tue ich. Nicht mehr und nicht weniger.
UdoVetter
Die Verletzung von Persönlichkeitsrechten kann schnell 15000 bis 20000 Euro kosten. Praktisch gibt es allerdings kaum Fälle, in denen sich Angeprangerte wehren.
4. Die Facebook-Batmans Rächer erobern den digitalen Raum
Batman
Du willst der Gerechtigkeit Genüge tun? Du willst Vergeltung? Du willst deine Ehre wiederherstellen? Dann tu es selbst.

Das Internet, einst als Reich der Freiheit idealisiert, eignet sich auch als Instrument der Sozialkontrolle. Jeder kann dort echte oder vermeintliche Übeltäter anprangern - mit ungeahnten Folgen. Einer, der es dazu nutzte, ist der Bürgermeister des österreichischen Ortes Gleisendorf, Christoph Stark, 45 Jahre alt, 1445 Freunde auf Facebook. Stark ist Blogger aus eigenem Antrieb, keiner dieser von Medienberatern ins Netz hineinkomplimentierten Politiker. Seit 2004 bloggt Stark, da war er noch Oppositionsführer. Irgendwann begann er, seine Einträge nicht mehr nur in seinem Blog, sondern auch auf Facebook zu veröffentlichen.

JakobVicari@ChristophStark
Was war Ihre Erfahrung?
ChristophStark
Da bekam das gleich viel mehr Aufmerksamkeit.

Ein typischer Stark-Beitrag heißt "City-Lauf, Seniorenbeirat und schöne neue Unterwäsche". Oder er zeigt das Foto eines weißen Katzenbabys. Am 6. März 2012 überschreitet Stark eine Grenze.

JakobVicari@ChristophStark
Was haben Sie geschrieben?
ChristophStark
Kennt wer diese Burschen? Ein aufmerksamer Mitbürger hat mir heute dieses Foto von zwei Burschen geschickt, die sich - deutlich außerhalb der Badesaison - auf der Wellenbadrutsche herumgetrieben haben.
JakobVicari@ChristophStark
War es Wut, war es Frust?
ChristophStark
Ich wollte klarmachen, dass es so nicht geht. Die Geschwindigkeit hat mich total überrascht.

Schon wenige Minuten später hat der Bürgermeister die Namen von zwei 15-jährigen Jugendlichen aus seiner Gemeinde herausgefunden und bestellt sie zum Gespräch ein. Ein Bürgermeister setzt auf Facebook, statt auf die Polizei. Er stellt die Jugendlichen mit seinem Eintrag an den Internet-Pranger. Dort wird nach eigenen Gesetzen gefahndet, beschuldigt, gerichtet.

Troll117
Kleinliche Kritik. Das ist ja wieder typisch deutsch!

Nach dem Mord an einem Kind in Emden verabredeten sich Mitglieder einer Facebook-Gruppe zum Lynchen.

Ostfriese
Lasst uns die Polizei stürmen und den Kerl rausholen.
JakobVicari@UdoVetter
Was macht den Emder Lynchjustiz-Versuch einzigartig?
UdoVetter
Der Emder Fall zeigt, wie eng reale und virtuelle Welt inzwischen verknüpft sind. Was der Arabische Frühling im Positiven gezeigt hat, die Vernetzungskraft, die Mobilisierung des Netzes, zeigt sich hier negativ.
5. Flausch ist auch keine Lösung Ein ganz neuer politischer Kampfbegriff

Um eines klarzustellen: Vermutlich ist die Mobbing-Gefahr auf einem ganz normalen Schulhof größer als bei Facebook. Für einen kleinen dicken Jungen, wie ich es war, wäre eine Facebook-Rempelei jedenfalls weit angenehmer gewesen als echte Prügeleien.

JakobVicari@alle
Welche Kultur wollen wir? SaschaLobo
In der digitalen Öffentlichkeit muss eine vernünftige Beleidigungskultur entwickelt werden. Schmähungen und Abfälligkeiten müssen straffrei möglich sein, der Gesetzgeber sollte im Netz einen entspannteren Umgang mit Beleidigungen aller Art fordern und fördern. JakobVicari@Piratenpartei
Was ist die Definition von "flauschig"? Piratenpartei
Harmonie und yeah. JakobVicari@Leser
Haben wir die Verpflichtung, unsere soziale Heimat flauschig zu gestalten - so wie die AG Flausch in der Piratenpartei es sich auf die Fahnen geschrieben hat? Wollen wir das Netz als virtuelles Daunenbett? Weil brandeins keine Kommentarfunktion hat, lasse ich Ihnen, verehrter Leser, hier Platz, um sich an der Diskussion zu beteiligen.

Leser
Troll117@Leser
Von Totholz-Fans wie Ihnen hätte ich nichts anderes erwartet.