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Weg mit dem Zeug!

Juliet Landau-Pope trennt den Ballast vom Nützlichen. Und hat daraus ein Geschäft entwickelt. Begegnung mit einer Frau, die für Ordnung sorgt.




- "Der schönste Moment bei meiner Arbeit ist der Augenblick, wenn ich das Haus eines Kunden mit zwei prall gefüllten Müllsäcken verlasse und das Zeug in den Kofferraum meines Autos werfe. Dann denke ich: Job erledigt, Auftrag erfüllt!" Juliet Landau-Pope, 48, hat einen Beruf, für dessen Bezeichnung es keine adäquate deutsche Übersetzung gibt: Sie ist Professional Declutterer. Vereinfacht könnte man sie vielleicht Aufräumerin oder Ausmisterin nennen, aber das hört sie gar nicht gern. "Ich spreche meinen Kunden gegenüber nie von wegwerfen oder ausmisten, sondern davon, sich von etwas zu trennen", sagt sie. "Bei den Sachen, die wir gemeinsam aussortieren, handelt es sich um Gegenstände, die einen Wert für die jeweilige Person haben - oft auch um Dinge, die ein verstorbener oder verflossener Partner zurückgelassen hat -, also nicht um Mist."

Vergangene Woche zum Beispiel. Da stand sie in einem vollgestopften Londoner Spielzimmer. Kritisch beäugt von vier Kinderaugen. Die Mutter hatte sie zu Hilfe gerufen. Das Problem: viel zu viel Zeug. Und zu jedem Geburtstag, jedem Weihnachtsfest und jedes Mal, wenn Besuch kommt, gibt es noch mehr. "Ich nehme dann nicht die Position der Eltern ein und sage: ,Kids, ihr habt viel zu viele Sachen! Mindestens die Hälfte muss weg.' - Ich versuch's eher mit: ,Findet ihr denn so die Spielsachen, die euch wirklich wichtig sind, überhaupt noch?' Es hat funktioniert."

Seit vier Jahren schon führt sie ihren Kampf gegen die Auswüchse der Konsumgesellschaft. Sie hat Politik, Philosophie und Wirtschaft in Oxford studiert, hat die Welt bereist. Doch irgendwann fing sie an, im Hab und Gut anderer Leute herumzuwühlen.

Zuerst nur bei Freunden, nach und nach wurde ein Job daraus, dem sie neben ihrer Professur an der britischen Fernuniversität (vergleichbar der deutschen Volkshochschule) nachgeht.

Inzwischen mistet sie Zimmer in ganz London aus. Und niemand kann behaupten, dass Aufräumen keine Arbeit sei. "Wenn ich von einer Declutter-Session nach Hause komme, bin ich oft total fertig. Dann lass' ich mir erst mal ein Bad ein." Doch gerade diesen körperlichen Aspekt ihrer Arbeit, diesen Kontrast zur kopflastigen akademischen Tätigkeit, den schätze sie sehr. Und das Gefühl, einen Kunden von Ballast befreit zu haben.

Trotzdem soll man sich ihre eigene Wohnung nicht leer vorstellen. Sie hat eine Schwäche für Kochbücher und für Souvenirs aus allen Ecken der Welt. "Solange einen die Sachen nicht stören, ist das kein Problem", sagt sie. Erst wenn sie zur Belastung würden, unnötig viel Platz einnähmen oder zu viele Erinnerungen hervorriefen, müsse man handeln.

Oft stünden ihre Klienten an einem entscheidenden Punkt im Leben: Sie haben den Verlust eines Partners zu verkraften oder meinen, dringend etwas verändern zu müssen. Doch wie löst man die Wirren? Wie kappt man die Bande? "Indem ich Fragen stelle und Übungen mache. Wenn sie zum Beispiel ein voller Kleiderschrank bedrückt, dann stelle ich mich mit ihnen vor den Spiegel und lasse sie die Kleidungsstücke eines nach dem anderen anprobieren. Die Frage ist dann: Worin fühle ich mich gut? Was inspiriert mich? Was würde ich nicht mehr anziehen?"

Was überflüssig ist, kommt in einen Sack. Damit der Prozess der Entrümpelung unumkehrbar ist, nimmt Landau-Pope den Krempel gleich mit. Einmal habe einer im Nachhinein angerufen: "Dieser Pulli, den Sie mitgenommen haben ..." - "Ja, der ist weg." - "Okay, na gut, danke."

Die erste Beratung ist gratis, die Ortstermine kosten umgerechnet 60 Euro pro Stunde. Sie habe einige Stammkunden, die sich immer wieder mal mit einem Problem meldeten. Erst das private Schuhschränkchen, dann das Büro und später vielleicht noch das Wochenendhaus. Das sei ein gutes Zeichen.

Manchmal geht es auch nicht um bis an die Decke gestapelte Schuhkartons mit teuren Pumps, sondern nur um einen einzigen Gegenstand. Bei einer Familie habe zum Beispiel das Schlagzeug des Sohnes ganz prominent mitten im Wohnzimmer gestanden. Das Bizarre an der Situation: Der Sohn war längst ausgezogen, und die Eltern hatten es gar nicht mehr richtig wahrgenommen.

Auf solchen Problemen basiert das Geschäft von Landau-Pope. Inzwischen gibt sie auch Seminare und ist Mitglied der Association of Professional Declutterers and Organisers (APDO). Das Einzige, was noch fehlt, ist ihr eigenes Buch zum Thema. Aber da steht sie sich selbst im Weg. "Einer der Gründe, weshalb ich noch nicht über das Aufräumen geschrieben habe, ist, dass ich bereits so viele Bücher zum Thema aus Wohnungen tragen und entsorgen musste." Dann doch lieber gleich vorbeikommen und mit anpacken. -