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Leere Kalorien

Mit Moveon.org hat Eli Pariser gezeigt, wie das Internet die Demokratie unterstützen kann. Nun fürchtet er, dass es die Verdummung fördert.




brand eins: Herr Pariser, wir alle werden mit Informationen überflutet, deshalb sind wir dankbar für Dienste und Websites, die sich auf unsere persönlichen Vorlieben einstellen und uns genau das zeigen, was uns wichtig ist. Was haben Sie dagegen, wenn man uns das Leben leichter macht?

Eli Pariser: Weil wir eine ganze Menge Macht und Einfluss an irgendeinen Algorithmus delegieren, der für uns entscheidet, was wir zu sehen bekommen und was nicht. Diese Art der Auswahl kennen wir auch von Zeitungen und Zeitschriften. Aber die Redakteure dort folgen bestimmten ethischen oder professionellen Richtlinien, die ich kenne und auf die ich mich gedanklich einstellen kann, wenn ich den Fernseher einschalte oder eine Zeitung aufschlage. Ich weiß, was ich von Sender X und Autor Y erwarten kann. Das ist etwas grundsätzlich anderes, als wenn Software diese Entscheidungen im Verborgenen trifft und mir etwas als angeblich beste Auswahl präsentiert.

Vielleicht erspart uns die Software nur den Blick auf Irrelevantes, das ablenkt und unsere Zeit verschwendet?

Es ist ein faustischer Pakt. Auf kurze Sicht ist es sicher bequem, wenn mir etwa Google nur die Suchergebnisse vorsetzt, die meinen Vorlieben und früheren Abfragen entsprechen, oder Facebook die Vorlieben meiner Freunde besonders gewichtet. Was dabei verloren geht, ist ein umfassendes Bild der Welt und der Wirklichkeit. Beispiel Politik: Wenn ich Barack Obama google, dann erwarte ich eine umfassende Liste der wichtigsten Websites über den Präsidenten, also Gutes und Schlechtes, was die Online-Welt über ihn zu sagen hat, eine Art politischer Weltkarte. Doch tatsächlich passiert zunehmend das genaue Gegenteil. Wenn ich nach Obama suche, bekomme ich nur noch das vorgesetzt, was meine bestehenden Ansichten und Einsichten bestätigt. Die Folgen sind gravierend. Wer keine anderen Meinungen mehr zu Gesicht bekommt, kann keine wirklich fundierten Entscheidungen treffen, sei es als Bürger oder als Geschäftsmann.

Suchmaschinen zeigen immerhin an, wie viele zig Hunderttausend Seiten sie in ein paar Millisekunden durchforstet haben. Ist das für Sie kein nützlicher Hinweis?

Das Problem ist, dass die Auswahl im Verborgenen erfolgt. Wer einen Software-Filter in Aktion sehen will, muss eigentlich zwei Computern gleichzeitig dieselbe Frage stellen oder einem Partner über die Schulter schauen. Dann sieht er, dass jeder andere Resultate präsentiert bekommt, aber das wissen die wenigsten. Und sie machen sich deshalb auch keine Gedanken darüber, was ihnen entgeht. Bei den sogenannten alten Medien habe ich eine mehr oder weniger genaue Vorstellung, welche Fakten oder Meinungen fehlen oder besonders betont werden. Bei Facebook, Google oder Yahoo habe ich keine Ahnung, welches Profil deren Software von mir aufgebaut hat, das dann darüber entscheidet, was ich zu sehen bekomme.

Mit Facebook sind Sie auch nicht einverstanden? Immerhin ist die Auswahl dort doch das Ergebnis einer Art permanenter Volksabstimmung unter meinen Kontaktpersonen aus der wirklichen Welt.

Das mag für einige Fragen oder Themen von Vorteil sein, aber mich hat da eine persönliche Erfahrung sehr nachdenklich gemacht. Ich gebe mir normalerweise viel Mühe, mit Menschen zu sprechen, die andere politische Ansichten haben - gerade auf Facebook. Aber ich merkte, dass alle Leute, die nicht dieselbe politische Meinung haben wie ich, systematisch aus meinem Newsfeed entfernt wurden. Warum? Weil die Software ständig beobachtet, mit wem ich mich am meisten austausche - und das sind in der Regel meine Freunde, die meine Ansichten teilen. Während ich mich also bemühte, meinen Horizont zu erweitern und ein möglichst breites Spektrum an Meinungen abzudecken, setzte mir die Software nur die Gleichgesinnten vor. Dagegen zeigt Twitter, dass nicht jeder Filter automatisch entmündigt. Dort ist es einfacher, Andersdenkenden zu folgen und den Überblick zu behalten. Aber noch einmal: Wirklich gefährlich an Facebooks Methode ist, dass der normale Nutzer davon nichts weiß und sich darüber deshalb keine Gedanken macht.

Wenn ich das nicht will, muss ich also diese Websites meiden und andere Adressen ansteuern?

Das wird nicht viel helfen, denn diese Filter laufen hinter den Kulissen auf fast allen Internetseiten. Die treibende Kraft hinter diesem Phänomen ist die Werbebranche und ihr Interesse an Verhaltensdaten. Software kann mein Verhalten auf Website A erfassen und auswerten. Was ich lese, was ich anklicke oder auch wo ich nur mit der Maus kurz verharre. Diese Erkenntnisse können innerhalb weniger Sekundenbruchteile an Website B und C weiterverkauft werden. Wenn ich mich also von A nach B und dann nach C durchklicke, werden dort live Werbung und andere Informationen eingeblendet, die auf meinem Verhalten von vor einer Sekunde beruhen. Das geht weit über die Informationen hinaus, die Google oder Facebook von mir haben, wenn ich mich einlogge. Für diese Art der geheimen Verfolgung muss ich mich nirgendwo anmelden, sie passiert einfach.

Wir geben ständig Persönliches preis, auch wenn wir auf keinen Gefällt-mir-Knopf klicken.

Genau. Google etwa kann für jeden vermeintlich anonymen Nutzer 67 verschiedene Signale analysieren, um sich automatisch und in Windeseile ein Bild von ihm zu machen - von der Internet-Adresse des Computers über die Art des Browsers - ohne dass sich der Benutzer irgendwo einloggt und Daten über sich eingibt. Und diese Signale steuern die Algorithmen, die entscheiden, was angeblich relevant für ihn ist und was nicht. Selbst Google weiß nicht, wie sich die Ergebnisse für jeden einzelnen Nutzer voneinander unterscheiden.

Und hinter diesem Bestreben, jeden Menschen online zu identifizieren und zu verfolgen, steckt vor allem die Werbewirtschaft?

Die Rechnung ist einfach: Je relevanter die Informationen für mich sind, die mir angezeigt werden, umso mehr Seiten rufe ich auf. Je öfter ich zu einer Seite zurückkehre, umso höher sind deren Werbeeinnahmen. Die große Gefahr aber ist die sehr oberflächliche Definition des Begriffs Relevanz, mit der die meisten Websites operieren. Wer von Relevanz spricht, muss eigentlich darüber nachdenken, was die Menschen wollen, und das ist eine sehr komplexe Frage. Wir sind ständig hin- und hergerissen. Wir wollen gut aussehen und schlank sein, aber gleichzeitig Junk Food in uns hineinstopfen. Zwei widersprüchliche Bedürfnisse. Das Gleiche gilt für Informationen. Wir wollen Unterhaltung und Spaß, aber gleichzeitig wissen, was in der Welt um uns herum passiert, um informierte Entscheidungen als Bürger zu treffen. Diese Offenheit ist übrigens eine der tragenden Säulen des Internets. Aber Websites wägen zwischen diesen beiden Extremen selten ab. Sie servieren uns nur leichte Kost. Was am häufigsten angeklickt wird, gewinnt - und das sind leere Kalorien für die Wissensgesellschaft.

Wie kann der Einzelne für ausgewogenere Nahrung sorgen?

Da gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Ich halte mich zum Beispiel viel bei Twitter auf, weil dort die Filter deutlich transparenter sind und mir nicht so viele Informationen vorenthalten. Nehmen wir den Präsidentschaftswahlkampf. Ich bin kein Fan des Republikaners Mitt Romney, will aber wissen, was sein Wahlkampfteam so treibt. Wenn ich bei Twitter nach diesem Thema suche, gewinne ich ein ziemlich umfassendes Bild. Zudem benutze ich immer öfter das Incognito-Fenster bei meinem Browser - das erschwert die Datensammlung. Und schließlich lernen auch die Anbieter dazu. Google bietet seit Kurzem die Option an, die Personalisierung bei der Suche auszuschalten. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ich denke nicht, dass diese Filter verschwinden werden, und das sollten sie auch nicht. Sie haben ihre Daseinsberechtigung. Es geht vielmehr darum, den Menschen offenzulegen, was sie zu sehen bekommen und was nicht und ihnen dadurch die Kontrolle zu ermöglichen.

Könnte nicht auch helfen, sich bei sozialen Netzwerken Profile unter verschiedenen Namen anzulegen? Facebook und Google mögen das zwar nicht, aber in Ländern wie Deutschland ist das durchaus legal.

Online-Pseudonyme sind im Kommen, und ich bin sehr dafür. So bietet Twitter zum Beispiel die Option, über eine sogenannte Wiedergabeliste die Welt mit den Augen eines anderen Nutzers zu sehen. Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sagt immer, dass jeder nur eine Identität habe und deshalb auch online nur eine haben sollte - alles andere deute auf einen Mangel an Integrität hin. Aber das spricht für ein eher simples Verständnis von Menschen und der Art, wie sie leben und denken. Schließlich spielen wir alle unterschiedliche Rollen, am Arbeitsplatz oder zu Hause, mit Freunden oder unserem Partner. Deshalb brauchen wir auch online mehrere Identitäten, um zwischen den Rollen in der Wirklichkeit hin und her springen zu können.

Verständlich, dass Facebook Pseudonyme in den Nutzungsbedingungen bisher verboten hat - sie machen den Verkauf der Nutzerdaten an die Werbewirtschaft schwieriger. Aber wer soll uns dann schützen?

Schwer zu sagen. Werbefirmen bevorzugen natürlich den einfachsten Weg, um Daten über jeden Einzelnen zusammenzutragen und auszuwerten. Also befürworten sie Systeme, die alle Daten über mich aggregieren und in einer leicht durchsuchbaren Datenbank ablegen. Aber Widerstand ist vom Gesetzgeber und von den Kunden zu erwarten. Denn es gibt ganz praktische Gründe für eine Trennung meiner Identitäten: Wer will schon seine Freunde und seine Geschäftspartner oder flüchtigen Bekannten in einen Topf werfen?

Die Europäische Union will den Bürgern mehr Rechte und mehr Kontrolle über ihre Daten geben - sogar das Recht auf Vergessen steht zur Diskussion.

Da habe ich meine Zweifel. Zwar spielt Europa eine wichtige Rolle, um den außer Kontrolle geratenen Daten-Ausverkauf zu bremsen. Aber bislang sehe ich nur wenige praktische Folgen für die betroffenen Firmen - Facebook kommt immer noch ungeschoren davon, wenn es gewaltige Datenmengen über uns sammelt. Die Einstellung der Gesetzgeber mag in Europa anders sein, aber sie haben die großen Unternehmen noch nicht dazu zwingen können, ihre Geschäftspraktiken zu ändern.

Sie erwähnen immer wieder Google und Facebook. Sind sie der Standard für das Filtern und Sortieren im Netz, das unseren Horizont heimlich, still und leise einengt? Gibt es keine Alternativen?

Jeder Große im Netz verhält sich mehr oder weniger gleich. Er will so viele persönliche Daten wie möglich einsammeln. Amazon etwa weiß genau, wer gerade welche Bücher liest - und vieles mehr. Aber viel bedenklicher sind die Firmen, von denen wir noch nie gehört haben, die hinter den Kulissen Daten sammeln und verknüpfen, sodass die Filter überhaupt erst funktionieren können. Wer kennt schon Acxiom? Diese Firma besitzt im Schnitt 1500 Datensätze über jeden Menschen in den USA. Sie verkauft unsere Daten an andere Unternehmen weiter, ohne dass die Betroffenen es je mitbekommen. Das geht so weit, dass Acxiom am 11. September mehr Informationen über die Terroristen besaß als die amerikanische Regierung. Ich wüsste zu gerne, was in meiner Acxiom-Akte steht.

Wie kann sich der Einzelne gegen diese Daten-Industrie wehren? Bleibt mehr, als soziale Netze zu meiden oder anonym zu surfen?

Wir erleben gerade, dass sich die Vorstellungen von Privatsphäre und Datenschutz dramatisch ändern. Und dieser Wandel wird nicht von den Bedürfnissen der Menschen angetrieben, bessere und relevantere Informationen zu finden, sondern von ökonomischen Zwängen und den Wünschen der Unternehmen. Die Kräfte in diesem Spiel sind ungleich verteilt, keine Frage - sonst hätten wir alle Zugang zu denselben Daten. Stattdessen organisieren ein paar große Firmen die Informationen über uns alle und können dank der gewaltigen Datenströme noch größer und einflussreicher werden.

Aus dem Munde des Vaters von Moveon.org, einer der erfolgreichsten basisdemokratischen Bewegungen im Netz, klingt das ziemlich resigniert.

Die Dinge werden sich erst dann ändern, wenn die einzelnen Verbraucher aufwachen und sich gegen die Filter-Bevormundung wehren. Wir sind gefordert, eine Art Algorithmus-Alphabetisierung zu entwickeln, also eine neue Medienkompetenz. Jeder muss begreifen, wie diese Filter funktionieren und wie sie uns kontrollieren. Es ist gut möglich, dass die nächste Generation ein besseres Verständnis für die Vorzüge und Tücken der Filter entwickelt.

Wird das den Zugang zu Wissen nicht erschweren?

Wir fallen immer noch auf den Mythos des offenen Netzes herein, in dem wir alle Zugang zu allen möglichen Informationen und zu allem Wissen haben, das uns andere Menschen - etwa Redakteure - früher vorenthielten. Schön wär's. In Wirklichkeit sind die Türsteher mächtiger denn je, nur bestehen sie jetzt aus Code-Zeilen in irgendeiner Programmiersprache. Und wer diese Software schreibt, sollte genauso zur Verantwortung gezogen werden wie Redaktionen oder Verlage. Aber bevor wir das tun können, müssen wir verstehen, wie die neuen Kontrollmechanismen funktionieren. -

Eli Pariser, 31, wurde zu einem der prominentesten Internet-Aktivisten, als er im Herbst 2001 eine Online-Petition gegen eine übereilte militärische Antwort auf die Terroranschläge vom 11. September initiierte. Aus der Unterschriftenaktion wurde Moveon.org, die Aktivisten und deren Kleinspenden bündelte, etwa um Kandidaten gegen den damaligen Präsidenten George W. Bush zu unterstützen und politische Themen in Windeseile im Netz zu verbreiten. In seinem 2010 veröffentlichten Buch "The Filter Bubble", das gerade auf Deutsch erschienen ist, warnt Pariser vor den Gefahren neuer Formen der Zensur im Netz. Wenn Software entscheidet, was jeder Einzelne zu sehen bekommt, so sein Fazit, verlieren gesellschaftliches Leben und die Demokratie insgesamt an Perspektive. Filter Bubble - Wie wir im Internet entmündigt werden. Carl Hanser Verlag 2012; 288 Seiten; 19,90 Euro