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Im Irrgarten der Indikatoren

Ist Wachstum wichtig? Wann sind die Schulden zu hoch? Und was hat das alles mit Inflation zu tun? Kennwerte haben Konjunktur. Aber nicht alle sind von Bedeutung. Ein Lexikon.




Alphabetisierung - Auftragseingänge der Industrie - Alphabetisierung. Ein Wohlstandsindikator, der Rückschlüsse auf das Bildungssystem, den Entwicklungsstand und damit auf die wirtschaftlichen Potenziale eines Landes zulässt. Im Jahresbericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) steht Kuba mit 99 Prozent Alphabetisierung weit oben. Deutschland liegt knapp dahinter. Schlusslichter sind Afghanistan (28 Prozent), Südsudan (27 Prozent) und Mali (26,2 Prozent). Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenrate liegt in Deutschland gegenwärtig bei 7,3 Prozent. Im April 2005 waren es noch zwölf Prozent. Seither ist sie fast kontinuierlich gefallen. In den USA geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Im Januar 2012 waren 8,3 Prozent der Erwerbsfähigen arbeitslos gemeldet. 2005 waren es nur rund fünf Prozent.

Doch so einfach lassen sich diese Zahlen aus verschiedenen Ländern nicht miteinander vergleichen. Zum Beispiel gibt es in jedem Land unterschiedliche Sozialsysteme. In Spanien etwa liegt die Arbeitslosenquote bei 22 Prozent. Doch Spanien hat, ebenso wie Deutschland, relativ hohe Sozialleistungen, wenn man die Länder mit den europäischen Nachbarn vergleicht. Es ist also sinnvoll, sich arbeitslos zu melden. Anders verhält es sich in den USA. Wer dort über längere Zeit keinen Job findet, der hört irgendwann auf zu suchen und fällt aus der Statistik. Daher taugt der Indikator Arbeitslosigkeit eher dazu, die Entwicklung eines Landes zu beschreiben, als Vergleiche zwischen zwei oder mehreren Ländern zu ziehen.

Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Die Aussagekraft ist beschränkt, wenn man nicht noch andere Kategorien hinzuzieht. Beispiel Mitt Romney, einer der republikanischen Präsidentschaftsbewerber in den USA. Er verweist gern darauf, dass er in seiner Zeit als Gouverneur von Massachusetts (2003-2007) ein Jobwunder geschaffen habe. Als er 2003 ins Amt kam, lag die Arbeitslosigkeit in dem US-Bundesstaat bei 5,6 Prozent. Als er abtrat, war sie auf 4,7 Prozent gefallen. 50 000 neue Arbeitsplätze seien entstanden. An der Zahl als solcher ist nicht zu rütteln. Doch Andrew Sum, Wirtschaftsprofessor an der Northeastern University und dort Direktor des Arbeitsmarktzentrums, kommt in einer Untersuchung zu dem Schluss: Die Arbeitslosigkeit ist nur gesunken, weil die Menschen in Scharen in Rente gegangen waren oder nicht mehr nach Beschäftigung gesucht haben.

Auch habe sich die Qualität der Arbeitsplätze in Massachusetts verschlechtert. Im Jahr 2002, kurz bevor Romney Gouverneur wurde, gab es in dem Staat 338 000 Jobs in der industriellen Fertigung. Als er abtrat, waren davon noch 298 000 übrig. "Während seiner Amtszeit hat Massachusetts viele Arbeitsplätze für nicht sehr hoch qualifizierte Arbeiter verloren, die typischerweise eine Aufstiegschance für die Mittelklasse bilden", sagt Sum.

Auftragseingänge der Industrie. Wird ein Produkt bestellt, wird es gebraucht und produziert. "Die Auftragseingänge der Industrie sind ein Frühindikator. Sie zeigen mir, was tatsächlich vor sich geht", sagt Jan Priewe, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. "Auf diesem Indikator lässt sich eine Prognose aufbauen: Ist der Auftragseingang schwach, werden keine Güter produziert und möglicherweise Arbeitskräfte entlassen, das Wachstum ist schwach, oder es sinkt."

Die Bundesbank veröffentlicht regelmäßig die Auftragseingänge der Industrie. Und wer sich die Tabelle Ende 2010 genauer angesehen hat, der konnte den kommenden Aufschwung schon erkennen: Im Dezember 2010 verzeichnete die deutsche Industrie 24,4 Prozent mehr Bestellungen als im Vorjahr. Das war ein Plus von 17,8 Prozent aus dem Inland und 29,4 Prozent aus dem Ausland. Für 2012 stehen die Zeichen dagegen auf Stagnation. Während die Aufträge im November vergangenen Jahres im Vergleich zum Vorjahr um 2,9 Prozent zurückgingen, stiegen sie im Dezember um nur 1,7 Prozent. Vor allem das Ausland hat weniger in Deutschland bestellt.

Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es wird aus der Summe der produzierten Geldeinkommen gebildet. Im Jahr 2010 betrug es in Deutschland 2,2 Billionen Euro. Allerdings geriet der Begriff in den vergangenen Jahren in die Kritik. Im Bundestag berät eine Enquete-Kommission darüber, wie man Wirtschaftskraft anders messen und auch den Verbrauch von Ressourcen in die volkswirtschaftliche Bilanz mit einrechnen kann. Die OECD hatte ebenfalls eine Arbeitsgruppe zu dem Thema eingesetzt und misst inzwischen die Lebenszufriedenheit.

Das BIP ist da handfester. Es ist ein Indikator der volkswirtschaftlichen Leistung. "Doch Leistung ist in der Volkswirtschaft nicht definiert", sagt Jan Priewe. "Es ist ein Notbehelf." Aber: Einen besseren gebe es nicht. "Das Gute am BIP ist, dass es mit vielen anderen Größen korreliert", sagt Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. "Es lässt sich viel davon ableiten." Priewe ergänzt: "Ab 1,5 Prozent mehr BIP gibt es mehr Arbeitsplätze. Darunter weniger." Auch bei der Haushaltspolitik oder der Steuerprognose hilft das BIP. "Mehr Wachstum bedeutet mehr Beschäftigung, was zu mehr Steuereinnahmen führt und mehr Gestaltungsspielraum für den Staat bietet", so Boysen-Hogrefe.

Ohne das BIP "könnten wir statistisch nicht arbeiten", sagt Joachim Jahnke. Er war Ministerialdirigent im Bundeswirtschaftsministerium und Vizepräsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), heute gibt er einen Wirtschafts-Newsletter heraus. "Aber was man nicht tun darf, ist zu sagen: Das Glück des Menschen hängt vom BIP ab."

Bruttoinlandsprodukt, pro Kopf. Es zeigt, wie viel jeder Bürger zur Wirtschaftsleistung eines Landes beiträgt. Der Indikator gibt einen Hinweis darauf, wo ein Land im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften steht. 2009 betrug es in Deutschland 29 316 Euro. Das von Griechenland 21 056 Euro.

"Das Pro-Kopf-BIP ist der erste Indikator, den ich mir ansehe", sagt Boysen-Hogrefe. "Das ist eine zentrale Größe. So erfahre ich: Wie stark ist ein Land entwickelt? Wie weit ist die Arbeitsteilung vorangeschritten? Wie hoch ist der technische Standard? Wie reich ist es? Zwar ist dieser Indikator, wie fast alle anderen auch, nicht perfekt, aber er gibt einen guten Überblick. Natürlich ziehe ich dann immer den Vergleich zu Deutschland. So entwickelt man einen Begriff von Ländern."

Bruttoinlandsprodukt, Wachstum des. Zwar sagt das BIP noch nichts darüber aus, wie die Einkommen verteilt werden und was die Menschen davon kaufen. Aber zwischen Wachstum und Beschäftigung gibt es einen Zusammenhang. "Wir müssen wachsen, sonst haben wir ein großes Beschäftigungsproblem", sagt Priewe. "Bei einem Nullwachstum stagnieren auch die Gewinne, sodass die Produktion krisenhaft schrumpfen wird. Dass ein Nullwachstum der Umwelt nicht schadet, ist ein Märchen." Deutscher Aktienindex (Dax). brand eins: Herr Priewe, schalten Sie als Ökonom schon einige Minuten vor der "Tagesschau" ein, um den Börsenbericht aus Frankfurt nicht zu verpassen?

Priewe: "Ich? Nein, ich lache, wenn das läuft."

Sie lachen?

"Ich lache, weil mir da vorgespielt wird, das sei relevant. Was da besprochen wird, ist die Stimmung auf dem Parkett. Es gibt höchstens einen groben Zusammenhang zwischen BI P und Aktien. Ich entnehme dem Stand des Dax keine Informationen. Das ist ein kurzfristiger Effekt, mehr nicht: der Unterschied zwischen gestern und heute. Und dann kommen Analysten zu Wort, die behaupten zu wissen, warum die einen gekauft und die anderen verkauft haben, weil sie dem Parkettgeflüster gelauscht haben. Mich interessiert das nicht."

Gini-Koeffizient. Diese Kennziffer hat der italienische Statistiker Corrado Gini erfunden. Sie misst, wie gerecht die Einkommen in einem Land verteilt sind. Dafür hat Gini zwei Ausgangswerte. 0 bedeutet: Alle Menschen haben das gleiche Einkommen. 1 bedeutet: Ein Mensch verdient alles. Der Wert für Deutschland, gemessen an den Nettoeinkommen, beträgt 0,295, der Wert für die USA 0,378, was bedeutet: Die Einkommen in Deutschland sind gerechter verteilt. Doch es gibt "viele Möglichkeiten, die Verteilungsgerechtigkeit zu messen", sagt Joachim Jahnke. So bedienen sich viele Statistiker eines Modells, bei dem die Bevölkerung in Fünftel und Zehntel eingeteilt wird. In Deutschland hat die untere Hälfte der Haushalte ein Durchschnittsvermögen von 12 000 Euro, die obere Hälfte 178 000 Euro. Das Sozioökonomische Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung kommt so zu dem Ergebnis, dass das unterste Zehntel der Einkommensleiter durchschnittlich Schulden in Höhe von 4000 Euro hat, während das oberste Zehntel im Schnitt über ein Vermögen von 544 000 Euro verfügt. Inflation. Ein sehr deutsches Thema. Doch selbstverständlich ist eine gewisse Preisstabilität für die Volkswirtschaft von Vorteil.

Nur: Was ist stabil? Maximal zwei Prozent ist das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank für die Eurozone. Sechs bis sieben Prozent bereiten hingegen in den Schwellenländern noch keinem Notenbanker graue Haare. In Brasilien betrug die Inflationsrate im vergangenen Jahr 6,5 Prozent. Bei Weitem kein Drama, eher ein Nebeneffekt des Wachstums.

Dahinter steckt der Balassa-Samuelson-Effekt. Der wurde von den Ökonomen Bela Belassa und Paul Samuelson 1964 definiert. Sie stellten fest, dass der Produktivitätszuwachs bei handelbaren Gütern (zum Beispiel Autos) auch für den Sektor der nicht handelbaren Güter (zum Beispiel Autowaschen) Folgen hat.

Konkret: Schwellenländer (etwa Brasilien) verzeichneten in den vergangenen Jahren rasante Produktivitätszuwächse, was zu Lohnsteigerungen im Sektor der handelbaren Güter führt. Dies hat zur Folge, dass auch im Sektor nicht handelbarer Güter die Löhne zulegen, da sonst die Arbeitskräfte in andere Branchen abwandern würden und beispielsweise alle Friseure plötzlich bei Volkswagen Fahrzeuge montieren wollten. Da in diesem Sektor (ein Friseur ist ein Friseur) jedoch keine Produktivitätssteigerungen möglich sind, führen die höheren Löhne automatisch zu höheren Preisen für die Verbraucher, was wiederum die Inflation treibt. Die Inflation ist also in Schwellenländern (Brasilien, China, Indien) eine automatische Begleiterscheinung stark wachsender Volkswirtschaften. In hoch entwickelten Ländern wie Deutschland tritt der Effekt nicht ein. Folglich hängt die Höhe der Inflationsrate auch vom Entwicklungsstadium einer Ökonomie ab.

Wer das im Hinterkopf behält, kann durchaus noch etwas anderes aus der Inflationsrate ableiten, nämlich: "Gibt es eine Zentralbank, die stabilitätsbewusste Geldpolitik macht?", sagt Boysen-Hogrefe. So liefen die Inflationsraten in Simbabwe (500 Milliarden Prozent im Jahr 2008) und Weißrussland (108,7 Prozent im Jahr 2011) vollkommen aus dem Ruder. In beiden Ländern wurde offenbar versucht, das Problem des Staatshaushaltes durch Geldentwertung zu lösen.

Rocksaum-Index. Eigentlich ist es paradox: Sind die Frauen zuversichtlich, dass sie auch künftig genügend Geld im Portemonnaie haben werden, kaufen sie weniger Stoff - die Röcke werden kürzer. Der amerikanische Ökonom George Taylor will diesen Zusammenhang 1926 entdeckt haben - und erfand so den Rocksaum-Index: Verlangsamt sich das Wachstum, ist das schnell an den länger werdenden Röcken zu erkennen. In der Krise wagt man weniger, die Kleidung wird seriöser. Ist die Stimmung hingegen gut, werden die Röcke gewagter.

Alles nur die Fantasie eines Mannes, der nicht aus dem Büro kommt? Das Allensbacher Institut will diesen Trend sogar statistisch nachgewiesen haben: "Wir beobachten seit vielen Jahren einen verblüffenden Zusammenhang zwischen den Entwicklungen in der Wirtschaft und den schwer zu entschlüsselnden Signalen, die uns die Mode gibt", heißt es in einer Studie.

Unterhosen-Index. Was den Frauen der Rock, ist den Männern die Unterhose, so scheint es. Werden die Zeiten hart, kaufen Männer keine Unterhosen. Sie sparen auch bei allen anderen Konsumgütern. Diese Ansicht vertrat Alan Greenspan, legendärer ehemaliger Chef der amerikanischen Federal Reserve. Das behauptet zumindest der amerikanische Reporter Robert Krulwich. Wundern würde es nicht, wenn diese Anekdote stimmte. Greenspan versuchte im Alltagsverhalten der Menschen Konjunktursignale zu erkennen. Und da ist der Unterhosenkauf möglicherweise wirklich aufschlussreich: Da - zumindest in der Öffentlichkeit - niemand sieht, was Männer drunter tragen, kann an diesem Artikel gut gespart werden, wenn das Geld knapp wird. Legt die Wirtschaft wieder an Fahrt zu, so Greenspan angeblich, sollen die Unterhosenabteilungen der Kaufhäuser guten Umsatz machen, weil die Männer dringend neue Boxer-Shorts brauchen. Verschuldung. Es ist beinahe unmöglich, genau den Moment zu bestimmen, ab dem die Verschuldung gefährlich wird. Kritisch sei aber die Tendenz, sagt Joachim Jahnke, "weil die in den vergangenen Jahren extrem stark nach oben gelaufen ist und weil von einer bestimmten Höhe an die gesamte Wirtschaftsentwicklung gebremst wird".

Hinzu kommt, dass beim Thema Schulden die Gläubiger das Sagen haben. Gelangen sie zu dem Schluss, dass ein Staat nicht mehr genug Geld in der Kasse hat, um für Zins und Tilgung aufzukommen, wird es eng. Die Zinsen steigen, die Refinanzierung wird immer teurer, die Sparpolitik würgt das Wachstum ab - und irgendwann sind die Schulden in der Tat nicht mehr abzutragen.

In der Regel geht eine solche Entwicklung mit einer Währungskrise einher. So geschehen in Argentinien im Jahr 2001. Typischerweise war Argentinien auch noch in Fremdwährung (vor allem Dollar) verschuldet, was die Krise besonders kompliziert machte.

Griechenland ist zwar in Euro verschuldet, doch die Gläubiger kommen vor allem aus dem Ausland. Und genau das ist das Problem. Auch Japan ist hoch verschuldet, der Nettoschuldenstand ist sogar höher als der von Griechenland. Aber Japan steht bei seinen eigenen Bürgern in der Kreide. Das heißt: Das Geld ist im Land. So sind viele Machtmittel denkbar, die der Staat einsetzen könnte, diese Vermögen wieder einzusammeln (Steuern, Enteignung). Was aber nicht nötig ist, weil die Japaner weiterhin Staatsanleihen kaufen. Kritisch wird es erst, wenn der Staat nicht mehr leistungsfähig genug ist. Dann überlegt er, wen er noch zwingen kann, ihm Geld zu geben.

Da sieht es bei Griechenland schlecht aus. "Das Land kann sich nur bei einer sehr langfristigen Perspektive entschulden. Das Problem ist vor allem die Auslandsverschuldung", sagt Boysen-Hogrefe.

Verschuldung in Abhängigkeit zum Bruttoinlandsprodukt. Verschuldet sich ein Unternehmen, dann sind Kredite in Höhe von 300 Prozent des Einkommens nichts Außergewöhnliches. Für einen Staat sind bereits 200 Prozent Schulden im Verhältnis zum BIP undenkbar. Allerdings kommt es auch auf die Stabilität des Landes, seine Leistungsfähigkeit und die politische Kultur an.

In Deutschland fürchtet man sich vor der 90-Prozent-Marke: Steigen die Schulden weiter, gehen im Land die Lichter aus, so die Befürchtung. "Ich glaube nicht, dass es die eine Marke gibt, ab der alles furchtbar wird. Warum genau 90 und nicht 70 oder 140 Prozent für Deutschland zum Problem werden sollen, ist nicht klar", sagt der Kieler Boysen-Hogrefe. "Belgien hatte Anfang der neunziger Jahre 130 Prozent und dann eine gute wirtschaftliche Entwicklung hingelegt, sich danach sogar entschuldet." Der Harvard-Professor Kenneth Rogoff hingegen sieht die kritische Marke bei 70 Prozent.

Doch abgesehen vom Koeffizienten haben Schulden noch eine andere Wirkung: "Wer viel schuldet, entmachtet sich selbst, weil man immer die Finanzmärkte braucht, die einen refinanzieren", sagt Boysen-Hogrefe. Oder in den Worten des Sozialanthropologen David Graeber: "Schulden geben den Gläubigern Macht über ein Land."

Wechselkurs. Planen Sie, in Australien einkaufen zu gehen? Wollen Sie in die Schweiz zum Skifahren? Dann sehen Sie sich vor. Am 26. Februar 2007 kostete der australische Dollar 0,60 Euro. Am 10. Februar 2012 waren es 0,81 Euro. Ein Anstieg von 35 Prozent. Am 19. Februar 2007 kostete der Schweizer Franken 0,61 Euro. Heute sind es 0,83 Euro. Ein Anstieg von 36 Prozent.

Wie? Sie wollen überhaupt nicht in Sydney einkaufen gehen? Ohnehin lieber im Euroland Österreich den Hang hinuntergleiten? Dann kann Ihnen der Wert des Euro vorerst egal sein. Wie gefährlich der Wechselkurs einem werden kann, hängt ganz davon ab, ob man in Fremdwährungen Geld ausgeben muss oder einnimmt. Einen Selbstversorger muss es nicht kümmern, was die Devisenmärkte treiben.

Allerdings gibt es in der Eurozone kaum noch Selbstversorger. Und wenn der Euro zum Dollar fällt, hat das Auswirkungen auf das gesamte Preisgefüge. So wird Erdöl in Dollar abgerechnet. Und wenn der Wert des Euro zum Dollar sinkt, sind höhere Energiepreise die logische Folge, was wiederum zu einer Inflation führen kann.

Umgekehrt fördert eine schwache Währung die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt. Durch einen schwachen Euro werden deutsche Autos etwa in Japan oder den USA billiger. Doch die dafür einzuführenden Rohstoffe (Kupfer, Aluminium, Blei) werden teurer, da sie wiederum in Dollar gehandelt werden.

Sicher ist: Eine stabile Währung schafft Planungssicherheit. Aber ob der Euro jetzt bei 1,20 oder 1,25 Dollar liegt, sollte niemandem den Schlaf rauben. Um auf Nummer sicher zu gehen, haben große Konzerne eigene Abteilungen, die sich mit Wechselkursprognosen beschäftigen.

Wohlstand. Wenn es nicht gelingt, die Verschuldung in Europa zu senken, sei der "Wohlstand in Gefahr", warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ludwig Erhard postulierte einst: "Wohlstand für alle." Und Helmut Kohl versprach, dass mit dem Euro der Wohlstand gemehrt werden würde.

Das Problem ist nur: Wie soll man ihn messen? Und daher hat jeder seine eigene Vorstellung davon, was das sein kann. "Für mich als Nichtraucher war die größte Tat für meinen persönlichen Wohlstand, als die Kneipen rauchfrei wurden", sagt Priewe. "Das ist angenehm und wichtig für die Gesundheit und die Lebensqualität."

Wozu das alles? "Was ist die relevante Größe?" Boysen-Hogrefe zuckt mit den Schultern. "Das ist sehr variabel. Es gibt immer wieder neue Größen, die gerade als relevant gelten. Die Moden wechseln. Das gilt auch für Wohlfahrtsindikatoren. Da bleibe ich bei kritischer Beobachtung des BIP. Aber klar ist, es gibt nicht den einen Indikator, der alles erklärt."-