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Der Mann, der sein Leben vermarktet

Hermann Scherer gehört zu den gefragtesten Vortragsrednern in Deutschland. Er verdient gut daran, seinen Zuhörern zu erzählen, sie sollten ihr Leben nicht vergeuden. Dabei weiß er selbst nicht, ob ihm das gelingt.




- Hermann Scherer hat seine Zuschauer in der Osnabrücker Stadthalle im Griff. Er hat Studien zitiert, Witze erzählt, Videos vorgeführt, mit persönlichen Anekdoten kokettiert - und das Publikum gut unterhalten. Gleich ist der Vortrag zu Ende, da senkt Scherer die Stimme:

"Ich hatte gestern das schreckliche Erlebnis, dass mein Vater gestorben ist."

Die 500 Menschen im Saal scharren mit den Füßen. Darüber macht man doch nun wirklich keine Scherze. "Ich habe zwei Dinge gelernt", sagt der Mann von der Bühne herunter. Dass Sterben so friedlich sein könne. Und dass er das Gefühl nicht loswerde, dass sein Vater sehr, sehr viele Träume mitgenommen habe. Kunstpause. Das Publikum schaut betroffen drein. "Denken Sie bitte daran, Ihre Träume voranzutreiben." Kunstpause. "Wenn Sie Fragen über Ihre Träume haben, rufen Sie mich an. Meine Handynummer erhalten Sie draußen."

Und dann reißt Scherer endlich wieder einen Witz, darüber, dass ihn solche Anrufe davor bewahrten, auf seinen langen Autofahrten quer durch Deutschland am Steuer einzuschlafen. "Sie retten also mein Leben." Die Zuhörer lachen erleichtert. Gleich werden sie sich am Ausgang um den Signiertisch drängen, an dem junge Frauen Scherer-Bücher und die von ihm entworfene "Jenseits vom Mittelmaß-Box" verkaufen.

Seine Kunden stammen aus der Mittelschicht: kleine und mittlere Unternehmer, Freiberufler, Angestellte. Die hat er gleich zu Beginn seines Vortrags mit einem offenbar verbreiteten Gefühl konfrontiert: Laut einer Befragung seien nur ein Prozent der 63-Jährigen mit ihrem Leben rundum zufrieden. Auf diese Zahl kommen die Leute an den Stehtischen im kleinstädtischen Siebziger-Jahre-Ambiente des Stadthallenfoyers immer wieder zurück. Offenbar ist ihr Leben auch kein erfülltes. Um sich dessen bewusst zu werden, haben sie 69,90 Euro Eintritt bezahlt.

Hermann Scherer, Bestseller-Autor, gefragter Vortragsredner und "Business Expert", denkt hauptberuflich darüber nach, worum es denn eigentlich gehen sollte im Leben. Er spricht und schreibt immer auch über sich selbst. Seine privaten Erfahrungen sind die Grundlage seines geschäftlichen Erfolgs. Und so muss es auch nicht immer logisch sein, was er sagt: Ist sein Vater nun friedlich und zufrieden gestorben, oder hat er damit gehadert, sich nicht alle Träume erfüllt zu haben? Scherer beantwortet diese Frage nicht, und den Zuhörern fällt es nicht auf. Das Leben ist und bleibt widersprüchlich, auch wenn man sich vornimmt, nun an jedem Tag an der Erfüllung seiner Träume zu arbeiten. Ab morgen. So wie es der 47-jährige Scherer predigt, in Stadthallen, in Konferenz- und Seminarräumen zahlungsbereiter Unternehmen. Fast an jedem Tag seines Lebens.

Lehrsatz 1: Es gibt Chancen im Leben und Sonderangebote. Letztere sollte man ausschlagen

Der Mann vermarktet sich selbst. Er besitze fast nichts, konzentriere sich auf das Wesentliche, das erzählt er gern. Er schreibt von Chancen, die es zu ergreifen, und von "Sonderangeboten des Lebens", die es zu meiden gilt, weil sie einen vom Weg abbringen. Er beschwört den Abschied vom Mittelmaß, also aus jener Ecke der Gesellschaft, in der sich fast alle drängeln.

Dass er die Lösungen oft nicht kennt, den genauen Unterschied zwischen Chance und Sonderangebot zum Beispiel, scheint ihn für sein Publikum nur noch charmanter zu machen. "Es gab wohl noch nie eine Gesellschaft, die so viele Optionen hatte", sagt er. "Wir bekommen praktisch zur Geburt die Garantie, dass wir unter unseren Möglichkeiten bleiben müssen."

Er baut keinen Druck auf, plaudert einfach aus dem Nähkästchen und liefert Denkanstöße. Vieles lässt sich auf Sinnsprüche reduzieren à la: "Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens." Manchmal wird er auch konkret und berichtet etwa, dass es sich lohne, Meilen zu sammeln, weil man dann günstig Business Class fliegen könne. Das rechnet er sogar am Flipchart vor.

Die Themen, über die Scherer spricht, bewegen ihn selbst. Er will auch nicht mittelmäßig sein. Sein aktuelles Buch heißt "Glückskinder: Warum manche lebenslang Chancen nutzen - und andere sie täglich nutzen". Bei Amazon belegte es zu Redaktionsschluss in der Kategorie "Job & Karriere/ Erfolg" Platz eins. Der Titel seines Vortrags in Osnabrück lautet "Chancenintelligenz".

Lehrsatz 2: Besitz belastet. Deshalb regelmäßig hundert Sachen wegwerfen

Scherers Chancen sind meist ökonomischer Natur, es geht um Geld und Status. Das liegt daran, dass er Marketingfachmann ist, aber auch an seiner Lebensgeschichte. Die ist, wie er vielleicht selbst in bayrischer Mundart mit einem seiner Lieblingsausdrücke sagen würde, "very crazy". Erster Teil, in Bullet-Point-Fassung: Kind eines erfolgreichen Unternehmer-Ehepaars aus Moosburg an der Isar. Ab zwölf auf sich gestellt, die Eltern kümmern sich neben ihren beiden Feinkostgeschäften noch um die schwer kranke, 18 Jahre ältere Schwester. Nach deren Tod, Hermann Scherer ist damals 15, übernachtet er eines Abends bei seinem verwitweten Schwager. Und bleibt für die nächsten drei Jahre.

Seither besitze er kaum noch etwas, sagt er. Damals sei er ja immer nur für noch eine Nacht länger beim Schwager geblieben, warum also sollte er sich etwas anschaffen? Mal abgesehen vom "Ausrutscher" einer vierjährigen Beziehung mit Anfang 20 - da legte er sich sogar einen Videorekorder zu -, bleibt es bei dieser Haltung. Er hat ein paar Stühle, einen Tisch, ein Bett. Eine Uhr. Einen schönen Füller, keine anderen Schreibgeräte.

Ein Mönch sei er aber nicht: "Wenn ich was Schönes haben will, kaufe ich mir das." Eben erst habe er sich ein "Bombensofa" besorgt. Es sei Luxus, dass bei ihm fast alles leer sei. Pflanzen, die er mal hatte, habe er dem Nachbarn geschenkt, die Pflege koste ihn zu viel Zeit. Wenn es ihm zu voll wird, nimmt er einen Müllsack, wandert durch seine Wohnung und ruht nicht, bevor er 100 Dinge weggeworfen hat. Souvenirs, an denen sein Herz hängt, fotografiert er zuvor. Er empfiehlt das auch seinem Publikum.

Lebensgeschichte zweiter Teil: Ausbildung im und Einstieg in den elterlichen Lebensmittelhandel. Als er 30 ist, hat sich sein Vater mit einem Immobilien-Deal hoffnungslos überschuldet. Es geht um fünf Millionen Mark. "Naivität, Liebe und Selbstüberschätzung" führen dazu, dass Hermann Scherer die elterliche Firma mit allen Lasten übernimmt. Das berichtet der Lebensgeschichten-Erzähler Scherer heute in seinen Vorträgen und in seinem neuesten Buch. Die Mutter hat sich nicht darüber gefreut, dass nun alle von ihren finanziellen Problemen erfahren haben.

Dabei geht es vor allem darum, wie Scherer mit diesem Druck umgegangen ist. Und wie es ihm tatsächlich gelungen ist, die Schulden abzuzahlen. Nicht mit dem wenig einträglichen Lebensmittelhandel, was, wie man ihm in seiner Bank prophezeite, 137 Jahre gedauert hätte. Sondern mit Seminaren. In diese Branche war er eingestiegen, weil er selbst etwas über Menschenführung lernen wollte. Dann stieg er vom Schüler über den Assistenten zum Kursleiter auf.

Als er merkte, dass der Redner im Vergleich zum Berater und Coach "unverhältnismäßig viel Geld für eine äußerst geringe Leistung" verdiente, blieb er dabei. Zur Selbstvermarktung schrieb er Bücher, zum Beispiel "Wie man Bill Clinton nach Deutschland holt - Networking für Fortgeschrittene". Den ehemaligen US-Präsidenten hatte er tatsächlich nach Augsburg gelotst, für ein hohes Honorar. Andere Buchtitel lauten "Jetzt komm ich", "Jeder Tag ist Schlussverkauf" oder "Sie bekommen nicht, was Sie verdienen, sondern was Sie verhandeln". Nebenher machte er noch einen Master of Business Administration (MBA). Und baute eine Firma auf, die Vortragsredner vermittelt. Sie heißt "Unternehmen Erfolg".

Lehrsatz 3: Es ist nie zu spät, neu anzufangen. Auch nicht für Hermann Scherer

Am Nachmittag vor dem Vortrag sitzt Hermann Scherer in der eleganten Lobby des Hotels, in dem er für diese Nacht Quartier bezogen hat. 260 von 365 Nächten ist er in den vergangenen Jahren durch Deutschland getingelt, gewohnt hat er in Hallbergmoos, nur zehn Minuten vom Münchner Flughafen. Das Leben sei ein Tauschhandel, sagt er, wir tauschten Zeit gegen Geld, gegen Umsatz, gegen Erfolg.

Er ist größer und schwerer, als die Porträtfotos in seinen Newslettern vermuten lassen. Er geht leicht gebeugt wie viele hochgewachsene Menschen. Aber auch wie einer, der gestern am Totenbett seines Vaters saß und heute sechseinhalb Autostunden entfernt davon seiner Arbeit nachgeht.

Vermutlich besteht auch Scherers Leben nicht allein aus genutzten Chancen, sondern aus dem einen oder anderen Sonderangebot. Gleicht dieser Mann nicht den meisten 30- bis 50-Jährigen mit überdurchschnittlicher, aber unsystematischer Bildung, die in Jobs arbeiten, die die Welt nicht wirklich braucht? Und die es irgendwohin treibt, auf der Suche nach irgendetwas?

So überrascht es nicht, dass Scherer so oft den Tod ins Spiel bringt; der Mut, ihn nicht zu verdrängen, ehrt ihn. Das Bewusstsein seiner unaufhörlich vergehenden Lebenszeit treibt ihn an, und die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit soll auch sein Publikum aus der Lethargie reißen. Wohin auch immer.

Wenn Hermann Scherer nicht so recht weiterweiß, wohin ihn seine Argumentation gerade getragen hat, dann zeigt er seinen Zuschauern ein Youtube-Video und erzählt irgendeine Geschichte. Bediente man sich seiner Methode, könnte hier vielleicht Douglas Adams weiterhelfen, der in "Per Anhalter durch die Galaxis" vom nutzlosesten Bevölkerungsdrittel des Planeten Golgafrincham berichtet. Einen drohenden Weltuntergang vor Augen, bestieg jeder dritte Golgafrinchamer die Arche B, im Vertrauen darauf, dass die anderen ihnen alsbald folgen würden auf der Suche nach einer neuen Heimat im Universum. Bloß drohte gar kein Weltuntergang - die anderen blieben zu Hause.

Golgafrincham war nun frei von Fernsehproduzenten, Versicherungsvertretern und Unternehmensberatern, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und die Arche B legte eine Bruchlandung hin - auf der Erde. Der Rest ist Geschichte. Ob Business-Experten und Vortragsredner auch zwangsemigriert wurden, ist nicht überliefert.

Für die Welt, die die Nachkommen der Notgelandeten prägten, hat Scherer ein Wort gefunden, auf das er ziemlich stolz ist: "Zuvielisation. Das ist doch die Hauptaufgabe des Marketings, die Kunden dazu zu bringen, Konsumentscheidungen vorzuziehen", sagt der Fachmann, der sein Geld jahrelang genau damit verdient hat. "In Wirklichkeit brauchen die Menschen diese Waren gar nicht." Und so funktioniere dann das Hamsterrad: Stress, Belohnung durch Konsum, das Geld dafür muss wieder verdient werden, daraus folge Stress - die Köder seien zahlreich.

Warum aber mutet Scherer sich selbst ein so stressiges, unstetes Leben zu? Die Schulden sind doch längst abbezahlt! Er verdiene gern, sagt er. Aber er entziehe sich dem Hamsterrad, er konsumiere kaum. Was also macht er mit all dem Geld? "Nix."

Inzwischen lebt er mit Kind und Frau zusammen - "immer noch sehr puristisch, bis auf das Spielzeug". Bei seinem "Unternehmen Erfolg" ist er nur noch Gesellschafter, das operative Geschäft überlässt er anderen. Bis Oktober nehme er keine weiteren Aufträge mehr an, sagt er, er wolle sich neu orientieren: "Persönlichkeitsentwicklung, seriöse Motivation, kein Tschaka", sagt er. "Ich will die Menschen zum Weinen bringen."

Er wolle Einstellungen verändern, die Leute irritieren. Menschen dächten linear: Wer die Zukunft plane, schaue in die Vergangenheit, er rechne sie hoch und flansche das hochgerechnete Stück vorne erneut an. "Es geht vorne genauso weiter, wie es hinten aufgehört hat." Darüber wolle er sprechen, das habe er immer schon gewollt, aber der Weg sei ihm zu unsicher gewesen. Und so habe er lieber den sicheren Job des Marketing- und Sales-Redners ergriffen.

Wenn man sein Bild benutzen will, flanscht Scherer also jetzt ein Stück ganz frische Zukunft vorne an, er hat es zumindest ernsthaft vor. Auch in Osnabrück hat er Bröckchen seines neuen Ansatzes in seinen Vortrag eingestreut, die Zuschauer wurden dann immer ganz still.

Außerdem schreibt er ein neues Buch. Der Titel: "Es gibt ein Leben vor dem Tod". -